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Fritz Poustka, Gera van Goor-Lambo: Fallbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie

Cover Fritz Poustka, Gera van Goor-Lambo: Fallbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie. Erfassung und Bewertung belastender Lebensumstände von Kindern nach Kapitel V (F) der ICD-10. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 2., überarbeitete Auflage. 269 Seiten. ISBN 978-3-456-84481-7. 26,95 EUR, CH: 44,90 sFr.
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Autoren

Fritz Poustka ist Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der J.W.Goethe Universität Frankfurt/M., Gera van Goor-Lambor lehrte Kinder- und Jugendpsychiatrie an der freien Universität Amsterdam, beide waren Mitglieder des WHO-Ausschusses zur Klassifikation des ICD-10, der die letzte Revision der psychosozialen Achse des Multiaxialen Klassifikationsschemas in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (MAS) entwickelte.

Thema und Entstehungshintergrund

Vor allem psychische Erkrankungen werden immer wieder stigmatisierend vor dem ausschließlichen Hintergrund einer Achse 1 Diagnose nach der ICD-10 bewertet und behandelt. Das die Probleme von Menschen, insbesondere Kindern und Jugendlichen jedoch im Kontext ihres sozialen Umfeldes entstehen, verstanden und behandelt werden müssen, führte zur Entwicklung der psychosozialen Achse 5 des Multiaxialen Klassifikationsschemas in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (MAS). Das Fallbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie hat sich zum Ziel gesetzt, "… die Leser mit dieser Klassifikation vertraut [zu] machen und ihnen helfen, wie man aus Gesprächen mit Kindern und ihren Bezugspersonen die dazu wesentlichen Informationen gewinnen kann" (S. 7).

Aufbau und Inhalt

Neben einer Einleitung und dem Hauptteil, der 30 Fallbeschreibungen enthält, wird im Anhang 1 in tabellarischer Form eine Übersicht über die Kategorien der psychosozialen Achse in den vorgestellten Fällen gegeben. Der Anhang 2 enthält ein Kurzglossar zu assoziierten aktuellen abnormen psychosozialen Umständen.

Der Hauptteil umfasst 30 Fallbeschreibungen, die sich in ihrem Aufbau ähnlich einem umfassenderen Entlassungsbrief nach stationärem Aufenthalt lesen lassen. Sie beginnen mit dem

  • jeweiligen Vorstellungsgrund. Hier werden Information über die Zuweisung zur Behandlung, die aktuelle Problematik, Aller und Geschlecht und besonders erwähnenswerte Vorfälle geschildert.
  • Anschließend folgen die anamnestischen Daten. Bei diesen gehe es "…um eine kurze Übersicht über die Entwicklung und die Lebensumstände des Kindes in Bezug auf Familie, Schule und Freunde sowie die Entstehung der Probleme" (S. 10).
  • Nach den Ergebnissen der Untersuchung des Patienten (körperlich, psychopathologisch und testpsychologisch plus ggf. Observation im klinischen Setting) werden
  • die Diagnosen, eventuelle Differentialdiagnosen und Überlegungen zum Schweregrad entsprechend der Achsen I & V der ICD-10 dargestellt.
  • In der Zusammenhangsanalyse soll "wenn möglich, ein plausibles Zusammenhangsgefüge deutlich werden" (S. 11).
  • Zum Abschluss werden die therapeutischen Überlegungen und der Verlauf des jeweiligen Falles beschrieben.

In den Fallbeschreibungen werden die in der Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie am häufigsten auftretenden Störungsbilder vorgestellt.

Diskussion

Ein Kritikpunkt, der immer wieder an (vor allem deutschen) Lehrbüchern geäußert werden muss (vgl. Rezension zu Steinhausen) wird mit diesem Buch behoben: Die mangelnde Praxisnähe. Hier wird die Didaktik umgedreht: Der theoretische Teil des Buches beschränkt sich auf wenige übersichtliche Seiten, dem praktischen Teil des Buches wird ein großer Teil eingeräumt. Diese Vorgehensweise verdeutlicht das diagnostische und therapeutische Vorgehen hervorragend.

Die Kapitel sind übersichtlich gestaltet und lesen sich trotz des wissenschaftlichen Anspruches zum Teil spannend wie ein Krimi. Auch wenn es natürlich nicht Ziel eines solchen Lernbuches sein kann, wünscht man sich als Leser teilweise ausführlichere Schilderungen der dargestellten Fälle. Dies ist nicht als Kritikpunkt, sondern vielmehr als Lob zu verstehen: Das Buch macht Appetit auf mehr.

Das Fallbuch ergänzt sich folglich hervorragend mit klassischen Lehrbüchern der Kinder- und Jugendpsychiatrie (z.B. vgl. Rezension zu Steinhausen und vgl. Rezension zu Borg-Laufs, Band 1 und vgl. Rezension zu Borg-Laufs, Band 2). Die dort vermittelten Wissensinhalte werden hier anhand praktischer Beispiele anschaulich dargestellt.

Zielgruppe und Fazit

Das Fallbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie richtet sich laut Klappentext an "Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderärzte, Klinische Psychologen und Psychotherapeuten, Erzieher, Lehrer, Sozialarbeiter, alle in der Jugend- und Familienarbeit Tätigen, Jugend- und Familienpolitiker, Soziologen". All diesen sei es ans Herz gelegt. Und Anderen auch.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 18.07.2008 zu: Fritz Poustka, Gera van Goor-Lambo: Fallbuch Kinder- und Jugendpsychiatrie. Erfassung und Bewertung belastender Lebensumstände von Kindern nach Kapitel V (F) der ICD-10. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2008. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-456-84481-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5793.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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