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Johannes Münder, B. Mutke u.a.: Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz

Johannes Münder, B. Mutke, R. Schone: Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz. Professionelles Handeln in Kindeswohlverfahren. Votum Verlag (Münster) 2000. 382 Seiten. ISBN 978-3-933158-49-9. 24,60 EUR.
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Das Thema

Der Kinderschutz ist eine gemeinsame Aufgabe verschiedener Professionen in der Jugendhilfe und Justiz, wenn das Wohl von Kindern und Jugendlichen im familiären Kontext gefährdet ist. Basierend auf den Ergebnissen eines Forschungsprojekts an der Technischen Universität Berlin beschreiben die AutorInnen, mit welchen individuellen und institutionellen Grundhaltungen und Handlungsstrategien MitarbeiterInnnen beim Jugendamt und Gericht diese Aufgabe wahrnehmen, welche Formen der gesetzlich geforderten Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Justiz sich in der Praxis entwickelt haben und wie betroffene Eltern und Jugendliche solche Kindeswohlverfahren erleben.

Die Autoren und Hintergründe für die Entstehung des Buches

Prof. Dr. jur. Johannes Münder arbeitet nach verschiedenen Tätigkeiten am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (Universität Bielefeld), beim Bundesministerium für Arbeit, an der FH Wiesbaden und der PH Berlin seit 1980 an der Technischen Universität Berlin, Institut für Sozialpädagogik, Jugendrecht, Sozialrecht und Sozialadministration. Barbara Mutke ist Diplom-Pädagogin und war nach verschiedenen Tätigkeiten im Jugendwohnbereich seit April 1996 als Mitarbeiterin im Forschungsprojekt "Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz" an der Technischen Universität Berlin beschäftigt. Reinold Schone, Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge, war von 1979-1986 in verschiedenen Praxisfeldern der Jugendhilfe tätig. Von 1986-1997 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter und von 1991-1996 stellv. Geschäftsführer im Institut für Soziale Arbeit e.V., Münster. Von 1997-1998 hat er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt "Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz" mitgearbeitet und ist seit 1998 als Professor an der Fachhochschule Dortmund tätig.

Die drei AutorInnen stellen in ihrem Buch die Ergebnisse des Forschungsprojekts "Formelle und informelle Verfahren zur Sicherung des Kindeswohls zwischen Jugendhilfe und Justiz", welches vom 01.04.1996-30.09.1999 am Institut für Sozialpädagogik der Technischen Universität Berlin durchgeführt wurde, vor. Von der Darstellung und Analyse der unterschiedlichen Handlungssysteme und -disziplinen in diesem Aufgabenfeld erhoffen sich die AutorInnen einen Beitrag zum Verständnis und zur Qualifizierung der Praxis von Jugendämtern und Gerichten im Bereich des Kinderschutzes zu leisten.

Der Inhalt und Aufbau

Die Inhalte und der Aufbau des Buches ergeben sich aus der Systematik des Forschungsprojekts. Neben einer Auswertung von statistischen Materialien im Bereich von Jugendhilfe und Justiz bildeten Interviews mit Fachkräften des ASD (Allgemeiner Sozialer Dienst) und der Amtsvormundschaft sowie leitfadenstrukturierte Interviews mit RichterInnen das Kernstück der Untersuchung. Diesen eher institutionellen Sichtweisen wurden leitfadenstrukturierte Betroffeneninterviews mit Eltern und Jugendlichen gegenübergestellt.

Dementsprechend werden in dem Buch sechs Themenkomplexe schwerpunktmäßig behandelt:

  1. Sozialpädagogische und justizielle Verfahren zur Sicherung des Kindeswohls - Die rechtliche Ausgangslage
  2. Was ist Kindeswohlgefährdung?
  3. Quantitative Aspekte des Kindeswohls zwischen Jugendhilfe und Justiz
  4. Kindeswohlgefährdung im Verfahrensablauf – zur Sicht der professionellen Akteure in Jugendämtern und Gerichten
  5. Kindeswohlverfahren im Erleben betroffener Eltern und Kinder
  6. Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse

Im ersten Abschnitt werden den LeserInnen in kurzer und übersichtlicher Form die wichtigsten rechtlichen Grundlagen für die Kinderschutzarbeit beim Jugendamt und Gericht vorgestellt. Im zweiten Schritt wird der Begriff "Kindeswohlgefährdung" näher beleuchtet und der Versuch unternommen, über die Bildung von Kategorien und die Charakterisierung von Gefährdungslagen die Vielzahl unterschiedlicher kindeswohlgefährdender Aspekte zu bündeln. Auf der Basis der amtlichen Jugendhilfestatistik und den Ergebnissen einer Fallerhebung in Jugendämtern befaßt sich der dritte Abschnitt mit der quantitativen Dimension des Kindeswohls zwischen Jugendhilfe und Justiz. Den LeserInnen wird umfangreiches Zahlenmaterial zu Struktur der Klientel, Gefährdungslagen von Kindern und Jugendlichen und psychosozialen Belastungsfaktoren von Familien, Handlungsmustern der Jugendämter, Handlungsstrategien der Gerichte und zeitlichen Abläufen der Verfahren bei Kindeswohlgefährdung präsentiert. Im vierten Abschnitt schließlich wird auf der Grundlage der Fachkräfteinterviews ein differenziertes Bild der Kinderschutzarbeit beim Jugendamt und Gericht skizziert und der Frage nachgespürt, welche formellen und/oder informellen Standards sich zur Bewältigung dieser Aufgabe in der Praxis entwickelt haben. Im fünften Abschnitt schildern von Kindeswohlverfahren betroffene Eltern und Jugendliche, wie sie die Verfahren beim Jugendamt und Gericht erlebt haben, ob es ihnen möglich war, die Verfahrensabläufe und die Handlungen der Fachkräfte zu verstehen, sich aktiv zu beteiligen und Einfluß zu nehmen. Im letzten Abschnitt werden schließlich die zentralen Forschungsergebnisse unter den verschiedenen Aspekten noch einmal zusammengefaßt und kritisch bewertet.

Wertung und Tauglichkeit für potentielle LeserInnen

Dieses Buch ist nicht nur eine interessante und spannende Lektüre für alle Fachkräfte beim Jugendamt und Gericht, die im Rahmen von Kinderschutzarbeit tätig sind, sondern kann durchaus auch seinen Platz im Bereich Studium und Lehre finden. Als Sozialarbeiterin, die viele Jahre im ASD mit Multiproblemfamilien gearbeitet hat, habe ich das Buch mit großem Interesse aus Sicht einer professionellen Akteurin gelesen.

Ein Werk von 382 Seiten durchzuarbeiten, kostet viel Zeit, aber die Mühe lohnt sich. Es ist den AutorInnen gelungen, die Forschungsergebnisse und die Fülle der Informationen den LeserInnen gut verständlich und leicht lesbar zu präsentieren. Gut gefallen hat mir in diesem Zusammenhang, den LeserInnen das Praxisfeld durch viele Fallbeispiele und Zitate aus den Interviews lebendig werden zu lassen und in den beiden ersten Kapiteln in kurzer und übersichtlicher Form den rechtlichen Kontext und das Problemfeld der Kindeswohlgefährdung deutlich zu machen.

Die Ergebnisse der Fachkräfteinterviews und vor allem auch der Betroffeneninterviews beleuchten das professionelle Handeln im Kindeswohlverfahren aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Es entsteht ein differenziertes Bild über das alltägliche Tun der SozialarbeiterInnen und RichterInnen im Umgang mit Kindeswohlverfahren. Die Vielzahl der unterschiedlichen Handlungsstrategien werden die in der Kinderschutzarbeit Tätigen nicht verwundern, werfen aber die Frage auf, was professionelles Handeln auszeichnet. Antworten lassen sich in den Rückmeldungen von betroffenen Eltern und Jugendlichen finden, die alle Fachkräfte nachdenklich stimmen und Anstoß sein sollte, ihre bisherige Praxis kritisch zu überprüfen und ggf. zu qualifizieren. Eine derartige Untersuchung war mir bisher nicht bekannt und schon allein aus diesem Grund lohnt die Mühe, sich mit diesem Buch näher zu beschäftigen. Aus Sicht der AutorInnen erfolgt dann im Rahmen der Zusammenfassung der Ergebnisse und dem Fazit eine kritische Würdigung der Forschungsergebnisse, die noch einmal, wie ich finde, sehr prägnant professionelles Handeln skizziert, auf Schwachstellen in der Praxis hinweist und damit wichtige Anstöße zur Qualifizierung liefert.

Bereichernd fand ich als professionelle Akteurin aus dem Bereich der Jugendhilfe auch den Blick über den Zaun. Mit welchem Selbstverständnis und Handlungsorientierungen andere Professionen ihre Aufgabe wahrnehmen, wird in der Regel im Alltag nicht kommuniziert und dennoch entstehen jede Menge Bilder und Phantasien über die anderen Akteure, die eine Kooperation oft nicht leichter machen. Vor diesem Hintergrund leistet das Buch einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis der praktischen Arbeit der unterschiedlichen Professionen in der Jugendhilfe und Justiz.

Fazit

Das vorliegende Buch ist kein Fachbuch im klassischen Sinne, in dem Qualitätsmerkmale professionellen Handelns in Kindeswohlverfahren einfach nachzulesen sind. Und dennoch gibt das Buch über die Beschreibung der derzeitigen Praxis der Kinderschutzarbeit in deutschen Jugendämtern und Gerichten wichtige Hinweise, was professionelle Akteure im Umgang mit Kindeswohlgefährdungen beachten müssen. Es stößt nicht nur die Diskussion um professionelles Handeln in Kindswohlverfahren neu an, sondern regt zum Nachdenken und kritischen Überprüfen des eigenen Tuns an und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Qualifizierung der Kinderschutzarbeit in der Jugendhilfe und Justiz.


Rezensentin
Susanne Poller
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Zitiervorschlag
Susanne Poller. Rezension vom 01.06.2001 zu: Johannes Münder, B. Mutke, R. Schone: Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz. Professionelles Handeln in Kindeswohlverfahren. Votum Verlag (Münster) 2000. ISBN 978-3-933158-49-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/58.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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