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Anette Schönborn: Fachlichkeit in der Altenpflege

Cover Anette Schönborn: Fachlichkeit in der Altenpflege. Eine Tätigkeitsanalyse unter dem Aspekt der Professionalisierungsdebatte aus berufssoziologischer Sicht. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. 249 Seiten. ISBN 978-3-8300-3209-0. 78,00 EUR.

Schriftenreihe Socialia - Band 87.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das vorliegende Buch ist eine Dissertation und wurde dem Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen vorgelegt. Inhaltlich geht es um Fragen der Fachlichkeit in der (stationären) Altenpflege. Dabei interessiert die Autorin, "ob sich in der stationären Altenpflege Tätigkeitsprofile in Abhängigkeit von der Qualifikation herausgebildet haben" (S. 2). Diese Frage wird im Kontext der Verberuflichung und Professionalisierung im Allgemeinen sowie der (Alten)-Pflegeberufe  im Besonderen gestellt und beantwortet.

Aufbau und Inhalt

Werden die Annahmen der Berufssoziologie zugrunde gelegt, so die Autorin, dann müsste sich ein Zusammenhang von Aufgabenverteilung und Qualifikation nachweisen lassen. Beruflich qualifizierte Fachpersonen, so die entsprechende These, haben ein Interesse an klar abgegrenzten Tätigkeitsprofilen, weil die Spezialisierung und die Wahrnehmung beruflicher Kompetenzen einen eigenständig verantwortete Aufgaben- und Tätigkeitsbereich voraussetzen. Und genau dieser These geht Frau Schönborn in folgender Systematik nach. 

  • Die ersten drei Kapitel stellen die Unterscheidung zwischen den Begriffen "Arbeit", "Beruf", Profession" vor und beschreiben im Ergebnis den Prozess der Verberuflichung in der Altenpflege. Die Zahl der fachlich ausgebildeten Personen nahm zu, das Tätigkeitsspektrum hat sich erweitert, die formale Ausbildung garantiert aber noch keine Professionalität in der Arbeitspraxis.
  • Nach dieser Grundlegung wird die Entwicklung der Pflegeberufe (vor allem der Altenpflege) nachvollziehen, und zwar unter dem Aspekt der zunehmenden (fachlichen) Herausforderungen wie auch unter qualifikatorischen Gesichtspunkten (Heterogenität und Unübersichtlichkeit der länderspezifischen Ausbildungsverordnungen bis zum Jahre 2003, dem Datum der bundeseinheitlichen Regelung der dreijährigen Altenpflegeausbildung).
  • Ein dritter Teil der Arbeit bringt die Ergebnisse einer eigenen empirischen Erhebung zur oben genannten Ausgangsproblematik. Im Ergebnis wird die oben formulierte These der Berufssoziologie relativiert. Es lässt sich kein eindeutiger Zusammenhang von Qualifikation und Aufgabenteilung nachweisen. Im Gegenteil: "Es gibt nur einzelne Aufgaben wie die Pflegeplanung, die Evaluation der Pflege und die Praxisanleitung, die fast ausschließlich von Pflegefachkräften wahrgenommen werden. Direkte Pflegeleistungen, von der Grundpflege bis zur Behandlungspflege, werden von den meisten Pflegekräften, unabhängig von ihrer beruflichen Qualifikation, regelmäßig oder zumindest hin und wieder ausgeführt (S. 197). Interessant (wertend formuliert: paradox und widersprüchlich)  sind die Aussagen der befragten Pflegenden zu drei folgenden Items: (1) "Berufserfahrung kann eine Ausbildung ersetzen" (ein Drittel Zustimmung), (2) "Für die Pflege alter Menschen ist Menschenkenntnis wichtiger als eine pflegerische Ausbildung" (28% Zustimmung), (3) "Für die Grundpflege benötigt man kein Fachwissen" (fast ein Drittel Zustimmung).

Diskussion

Zur kritischen Einschätzung: Aus meiner Sicht ist die vorliegende Arbeit insgesamt eher als schwach zu beurteilen. Zunächst einmal werden bei dem theoretischen Teil weitgehend bekannte Entwicklungen dargestellt (Arbeitsmarkt, Arbeitsfeld, Ausbildung etc.), die in der gerontologischen bzw. pflegewissenschaftlichen Fachdiskussion Basiswissen darstellen. Die Expertise von Görres & Landenberger aus dem Jahre 2003 für das Kuratorium Deutsche Altershilfe zur Berufssituation in der Altenpflege und ihrer Stellungnahme zur Altenpflege als Heilberuf wird nicht einbezogen. Auch neuere empirische Daten zur Bildungssituation, die vom Deutschen Institut f. angewandte Pflegeforschung bereits publiziert wurden, sind ebenfalls nicht mit eingearbeitet worden. Interessanter sind die Ausführungen von Brater und anderen Sozialwissenschaftlern zur Professionalisierung und der Hinweis, dass mit einer formalen Qualifikation noch nicht wirklich grundlegende Aspekte der Professionalisierung (im Sinne eines hermeneutischen Fallverstehens) bedacht sind. Die Debatte um Oevermann wird aber ebenfalls nicht hinreichend thematisiert. Der dann folgende empirische Teil (ca. 50 Seiten inklusive Zusammenfassung) ist methodisch – mindestens für eine Dissertation – eher dürftig.  Ich bin mir wohl bewusst, dass diese Einschätzung hart ist, aber die angewandten (statistischen) Verfahren verbleiben ausschließlich auf einer rein deskriptiven Ebene. Statistische Kennziffern, von Signifikanzen zu schweigen, werden nicht dargelegt. Die Stichprobenziehung und die Bildung der Indizes sind transparent nachvollziehbar, auch der systematische Gang der Datenanalyse nach a) Aufgabenverteilung, b) Gründen für die Aufgabenverteilung, d) Bedeutung von Fachwissen und d) Bedeutung zeitlicher Aspekte. Die Ergebnisse (oben nur kurz angedeutet) werden beschrieben, aber einer wirklichen Analyse nicht unterzogen. Beispielsweise hätte untersuchen können, wie die (paradoxe, z.T. widersprüchliche) Einschätzung der unterschiedliche qualifizierten Pflegenden zu erklären ist, konkret: Welches Wissen haben Pflegende zum Thema Altern und Alter? (Hierzu hätte man auf amerikanische, aber auch auf deutsche Befunde verweisen können, u.a. von Palmore, Baltes und vielen anderen). Welche (Wert)-Haltungen bzw. welche Pflegestile sind eigentlich prägend? Hierzu gibt es ebenfalls eine breite internationale Literatur, aber auch im deutschen Schrifttum hätte man fündig werden können. Ich denke hier an die Arbeiten des Münsteraner Psychologen Norbert Erlemeier. Der Hinweis auf die Studie von Wingenfeld (2002) und Schnabel ist wichtig, hätte aber auch weiter verfolgt werden müssen. Die genannten Autoren haben bereits auf den interessanten Widerspruch hingewiesen, dass  allenthalben über Pflegenotstand, Mehrarbeit etc. geklagt wird, die Zuordnung der einzelnen Pflegestile und Pflegeleistungen jedoch zu dem Schluss von "overprotective nursing" provoziert. Differenziert man die Bewohner nach funktionalen Einschränkungsgraden, dann lässt sich empirisch zeigen, dass auch jene, die noch weitgehend kompetent sind, mit z.T. zuviel Pflegeunterstützung (im Sinne teil- oder vollkompensatorischer Pflege) "überversorgt" sind, während Beratung, Anleitung ("Pflege mit der Hand in der Tasche") zuwenig praktiziert wird. Die Gründe dafür liegen auf der subjektiven Ebene, bei der Pflegeorganisation und in institutionellen Vorgaben und Regularien. Und im Übrigen hätte man der Frage detaillierter nachgehen können, wie eigentlich die nicht (nur) an Qualifikationen ausgerichtete Aufgabenteilung von den Betroffenen subjektiv erlebt werden. Hierzu gibt die Autorin einige wichtige Hinweise, etwa bei als positiv und negativ empfundenen Gründen für die Aufgabenteilung. Diese Aspekte hätten aber weiter verfolgt werden müssen; hierzu kommt die Fragebogenmethode sicher an Grenzen.

Fazit

Insgesamt ist also der Erkenntnisgewinn durch diese Arbeit begrenzt. Auch deswegen, weil empirische Befunde zur oben angesprochenen These weder unmittelbar aus der Altenpflege noch aus verwandten Berufszweigen vorgestellt und diskutiert werden. Hinzu kommt, dass die fachlich fortgeschrittene Debatte in den USA, England und den skandinavischen Ländern, die gerne in Deutschland ignoriert werden, ebenfalls nicht aufgegriffen wird. Wissenschaftlich hat das Buch sicher Grenzen, aber für allgemein an der Fragen der Altenpflege Interessierte kann das Werk trotzdem empfohlen werden, da es einen guten Ein- und Überblick über wichtige Teilbereiche der Diskussion liefert.


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 26.06.2008 zu: Anette Schönborn: Fachlichkeit in der Altenpflege. Eine Tätigkeitsanalyse unter dem Aspekt der Professionalisierungsdebatte aus berufssoziologischer Sicht. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2007. ISBN 978-3-8300-3209-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5800.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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