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Peter Cloos, Stefan Köngeter u.a.: Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit

Cover Peter Cloos, Stefan Köngeter, Burkhard Müller, Werner Thole: Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 319 Seiten. ISBN 978-3-531-15461-9. 29,90 EUR.
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Thema

Obwohl Kinder- und Jugendarbeit als pädagogisches Handlungsfeld seit langem etabliert ist, spiegelt sich ihre Bedeutung nur unzureichend in der Forschung wieder. Neben den "Klassikern" und einem begrenzt aufflackerndem Interesse im Rahmen der Debatte um selbst verwaltete Jugendzentren überwogen zunächst vor allem deskriptive Darstellungen des Jugendhausalltags. In den letzten Jahren traten an ihre Stelle im Zuge der sozialräumlichen Orientierung und der Bildungsdiskussion vor allem normativ geprägte konzeptionelle Entwürfe.

Der vorliegende Band nimmt demgegenüber eine andere Perspektive ein. Sein "Ziel  ist, die Eigenart der einrichtungsbezogenen Kinder- und Jugendarbeit in Jugendhäusern, Jugendzentren und Häusern der offenen Tür als pädagogisches, institutionelles Handlungsfeld der non-formalen Bildung empirisch dicht zu beschreiben. Dabei richtet sich der Blick weniger auf das, was PädagogInnen in  diesem pädagogischen Feld tun sollen oder meinen tun zu müssen. Er richtet sich auf die empirisch zu beobachtenden Praktiken und damit auf die Frage, wie Professionelle und AdressatInnen dieses Feld gemeinsam konstituieren." (9) Neben einer dichten Beschreibung (Geertz) des Gegenstandsbereiches möchten die Autoren auch dazu beitragen, "die Forschungsrichtung einer Ethnographie der Pädagogik in Deutschland weiter zu etablieren…" (10)

Entstehungshintergrund

Die Ausführungen in diesem Band gehen zurück auf ein von der DFG gefördertes Projekt "Konstitutionsbedingungen und Dynamik (Performanz) sozialpädagogischen Handelns in der Kinder- und Jugendarbeit". Schon in einer früheren Veröffentlichung (Müller u.a. 2005) unter dem Titel "Wahrnehmen können…" waren Beobachtungen und Ergebnisse dieser Studie vorgetragen worden. Allerdings blieb die Resonanz in der Praxis – wohl auch wegen des irreführenden Titels – begrenzt. Um so mehr ist es zu begrüßen, dass nun der Versuch unternommen wird, die konstituierenden Elemente einer spezifischen Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit zu beschreiben und damit die konzeptionelle Diskussion und die pädagogische Praxis  gleichermaßen anzuregen.

Aufbau

Nach einem zusammenfassenden Überblick über Anlage, Forschungsmethoden und Ergebnisse der Studie werden die konstituierenden Bedingungen des pädagogischen Handelns in der Kinder- und Jugendarbeit in drei Abschnitten differenziert und prägnant beschrieben:

  1. die Herstellung von Zugehörigkeit
  2. das Handeln in der sozialpädagogischen Arena
  3. die Arbeitsbeziehungen in der Kinder- und Jugendarbeit.

Diese Abschnitte skizzieren zugleich jeweils verschiedene ethnografische Zugänge.

Die Autoren verstehen die (offene) Kinder- und Jugendarbeit als sozialpädagogische Arena. "Die Arena-Metapher verweist zunächst auf die verschiedenen Formen des alltäglichen und situationsbezogenen Sich-in-Szene-Setzens, des Zuschauens und Beobachtens, der Raumaneignung, des Erzählens und Zuhörens, Die Inszenierungen entziehen sich einer pädagogischen Planbarkeit, da sie unter der Bedingung von Diskontinuität stattfinden." (15) Durch die Gleichzeitigkeit und Mehrschichtigkeit dieser (Selbst-)Inszenierungen entstehen komplexe Orte pädagogischen Handelns, an denen sich Jugendliche untereinander und diese im Wechselspiel mit PädagogInnen auf vielfältige Weise in Beziehung setzen,

1. Herstellung von Zugehörigkeit

Derartige Prozesse sind zwar nur begrenzt planbar, erfordern aber einen gemeinsam geteilten Interaktionsrahmen, der über die Herstellung von Zugehörigkeit geschaffen wird. Durch den niedrigschwelligen räumlichen Zugang ("Offenheit") und ein sparsames institutionelles Regelwerk existiert für die Zugehörigkeit keine institutionelle Rahmung, wer dazugehört muss jeweils immer wieder neu sozial ausgehandelt werden. "Von den PädagogInnen erfordert dies eine Sensibilität für die differenten Formen des Sich-Einfindens. Die BesucherInnen sind herausgefordert, sich in der Arena ihren Platz zu suchen, z.B. mittels Begrüßungspraktiken, sich Zugehörigkeit zu erarbeiten und anderen zu ermöglichen, aber auch Differenzen zu markieren." (17) Und weiter: "Die in konkreten Situationen zu registrierenden, oft flüchtigen Ergebnisse situativer Aushandlungsprozesse …entscheiden darüber, welcher Rahmen vorliegt und was nun geschehen soll." (23)

Die Aushandlung von Zugehörigkeit wird unterstützt durch die materiell-räumliche Gestaltung, die Zugänge i.w.S. sowie ritualisierte  Begrüßungsformen der Beteiligten untereinander. Sie definieren Nähe und Distanz, Gleichheit und Differenz und ermöglichen Positionierung und Anerkennung.

"Dabei stehen alle zu jeder Zeit unter Beobachtung. Das Beobachten und Beobachtet werden ist konstitutives Merkmal des Handelns in der Kinder- und Jugendarbeit." (82) Zugleich ist mit dem Zugang der soziale Raum einer sozialpäsagogischen Arena geschaffen. Diese Arenen "sind performativ hergestellte und sensorisch erfahrbare Orte für verschiedene Formen des Sich-in-Szene-setzens und des Zuschauens." (89) Sie sind auch "…Austragungsorte für wettkämpfe und Spiele, die immer vor dem Hintergrund eines realen Kampfes um Anerkennung unter Jugendlichen und zwischen Jugendlichen und Erwachsenen."(90)

2. Das Handeln in der sozialpädagogischen Arena

In diesem Abschnitt des Bandes beschreiben die Autoren zentrale, wiederkehrende Handlungsmuster und Praktiken in der Interaktion zwischen Jugendarbeitern und Jugendlichen. Ein wichtiges identifizierbares Moment sind dabei die "Platzierungspraktiken", das heißt die Frage "wie die Fachkräfte…sich in der sozialpädagogischen Arena bewegen und verorten und welche Möglichkeiten dabei entstehen, mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten." (125) Sie schaffen damit spezifische Optionen für die Alltagskommunikation in der Einrichtung, die im Text detailliert beschrieben werden. Die Autoren erläutern diese kommunikativen Strategien mit dem von Goffman entwickelten Begriff der "Modulation".  "Modulationen erfüllen im Rahmen pädagogischer Praktiken in der Kinder- und Jugendarbeit die Funktion, zwar die Alltäglichkeit der stattfindenden sozialen Veranstaltung aufrechtzuerhalten, aber dennoch als PädagogIn agieren zu können." (21). Sie sind auch Grundlage für die Gestaltung von Übergängen in der Alltagspraxis etwa von der Alltagskommunikation im offenen Bereich in ein individuelles Beratungssetting.

3. Die Arbeitsbeziehungen in der Kinder- und Jugendarbeit.

In den bislang vorliegenden Konzepten offener Kinder- und Jugendarbeit wird die professionelle Rolle entweder "…als pädagogische beziehungsweise integrale Beziehungsarbeit oder als infrastrukturelle Arbeit des Raumgebens für kinder- und jugendkulturelle Freizeitinteressen" (23) verstanden. Vor dem Hintergrund ihrer Feldbeobachtungen verwerfen die Autoren diese Dichotomie und arbeiten stattdessen differenziert heraus, in welcher Weise sich die Arbeitsbeziehungen konstituieren. Dabei wird deutlich, dass sich die professionelle Rolle in der Praxis als eine permanente Modulation zwischen beiden Polen darstellt. Ergebnis solcher Prozesse sind aus der Sicht der Autoren drei (Ideal-)Typen von Arbeitsbeziehungen für professionelle Fachkräfte

  1. Andere unter Gleichen
  2. Erste unter Gleichen
  3. Erste unter Anderen.

Die sich jeweils in ihrer unterschiedlichen Gewichtung von diffusen und spezifischen Anteilen unterscheiden.

Fazit

Den Verfassern ist es im Rahmen ihrer Studie in hervorragender Weise gelungen, das komplexe Geschehen in der offenen Kinder- und Jugendarbeit anschaulich und differenziert zu beschreiben, konstitutive Handlungsmuster und – regeln der Jugendlichen und PädagogInnen gleichermaßen überzeugend herauszuarbeiten und pädagogische Paradoxien dieses Handlungsfeldes auszuweisen.

Darüber hinaus verweisen die Autoren vor dem Hintergrund ihrer empirischen Ergebnisse plausibel auf das spezifische Professionsprofil von JugendarbeiterInnen, das sich durch die Vielfalt und dem ständigen Wechsel der Arbeitsbeziehungen und den daraus erwachsenden jeweiligen Rollen ergibt.

Abseits der facettenreichen Aussagen zum Gegenstandsbereich der Kinder- und Jugendarbeit ist die hier vorgelegte Studie auch methodisch außerordentlich anregend und innovativ, weil sie konsequent einen ethnogafischen Zugang zum Feld gewählt hat. "Diese Forschungsperspektive erweist sich insbesondere für die Kinder- und Jugendarbeit als fruchtbar, weil hier stärker als in anderen pädagogischen Settings das Vorsprachliche Bedeutung erlangt, also das inkorporierte Wissen der TeilnehmerInnen in Form von habitualisierten  Handlungs- und Kommunikations mustern oder das Stumme, das sich nicht mitteilen kann, z.B. der Raum, die Kleidung, die Sitzordnung." (35f)

Die anspruchvollen Ausführungen des vorliegenden Bandes liefern eine profunde Antwort auf eine Frage, die Götz Aly bereits 1977 mit Blick auf die JugendarbeiterInnen gestellt hat: "Wofür  wirst Du eigentlich bezahlt?"


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 04.12.2008 zu: Peter Cloos, Stefan Köngeter, Burkhard Müller, Werner Thole: Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15461-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5802.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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