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Winfried Palmowski: Systemische Pädagogik bei "Verhaltensauffälligkeiten"

Cover Winfried Palmowski: Nichts ist ohne Kontext. Systemische Pädagogik bei "Verhaltensauffälligkeiten". verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2008. 220 Seiten. ISBN 978-3-8080-0602-3. 19,50 EUR.
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Thema

Das Buch wurde mit dem Anspruch geschrieben, Praktiker/innen eine leicht lesbare Einführung in systemische Sichtweisen in pädagogischen Kontexten zu bieten.

Autor

Dr. habil Winfried Palmowski ist Universitätsprofessor für Allgemeine Sonderpädagogik, Pädagogik bei Erziehungsschwierigkeiten an der Universität Erfurth und 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für systemische Pädagogik e.V.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zwei große Teile.

  1. Der erste Teil beschäftigt sich als theoretische Einführung mit zwei grundlegenden Sichtweisen und den dahinter stehenden Menschenbildern: einer personen-bezogenen und einer systemischen Sichtweise. Palmowski operiert hier mit der Unterscheidung von explizitem und impliziten Wissens, um auszuführen, dass Menschen es bevorzugen, mit Erklärungsmodellen zu arbeiten, die sie selbst schützen, auch wenn sie dafür andere Nachteile in Kauf nehmen müssen (S. 27). Er fasst zusammen, dass die meisten Lehrkräfte implizit um die Bedeutung des Kontextes wissen, ihr traditionelles explizites Wissen aber häufig nicht zulässt, danach auch zu handeln. Diese Lehrkräfte verharren daher bei der Zuschreibung von Eigenschaften, die den jungen Menschen häufig nicht gerecht werden. Eine lohnenswerte Alternative sieht der Autor darin, davon auszugehen, dass nichts ohne Kontext ist. Was wir jedoch davon wahrnehmen und anerkennen, hängt stark von unserer Haltung und dem korrespondierenden Menschenbild ab. Palmowski sieht hier das Problem in seiner Disziplin und Profession, dass zu viele Lehrkräfte mit Erklärungsmodellen bei Verhaltensauffälligkeiten arbeiten, die er als "personen-bezogene Konstrukte" kennzeichnet (S. 45) und weiter ausführt.
    Dem stellt er im nächsten Schritt eine systemische Sichtweise gegenüber. Als Vorteil einer solchen Sichtweise sieht er die Chance, dass der Handlungsspielraum des Einzelnen größer wird, aktiver Gestalter des eigenen Lebens zu sein(S. 67). Palmowski  geht dabei davon aus, dass das Verhalten einzelner Menschen im Wesentlichen erklärt werden kann durch den jeweiligen Kontext, in welchem sie sich gerade aufhalten bzw. durch die impliziten Spielregeln, die das Verhalten der einzelnen in diesem Kontext steuern. Er argumentiert hier strikt aus einer systemisch-konstruktivistischen Perspektive, die – bezogen auf die sog. verhaltensauffälligen Kinder – sehr wertschätzend und entwicklungsunterstützend ist. Bezogen auf die Praxis ist sie andererseits auch einschränkend zu nennen, weil sie komplexe menschliche Verhältnisse unnötig verkürzt. Palmowski glaubt, dass jeder Mensch für alle Kontexte, in denen er sich aufhält, über eigene Verhaltensskripte verfügt. Zu wenig Raum erhält dabei die Erfahrung, dass Menschen in Ermangelung eines kontexttauglichen Skripts ersatzweise zu anderen (vertrauten) Verhaltensweisen greifen, die dann von Beobachter/innen als dsyfunktional wahrgenommen und etikettiert werden können. Auch wenn zuzustimmen ist, dass alles einen Kontext besitzt, heißt dies aus systemischer Sicht nicht unbedingt, dass der dem Verhalten zugrunde liegende Sinn auch in diesem Kontext erschlossen werden kann.
  2. Im zweiten Teil des Buches gibt der Autor einen Einblick in systemische Handlungsansätze bei Verhaltensauffälligkeit. Sehr praxisbezogen stellt er Handlungsmöglichkeiten vor, sog. verhaltensauffälligen Kindern mit einer anderen – systemischen – Haltung gegenüber zu treten. Dabei setzt er konsequent auf eine dialogische Begegnung, um eine einseitige Zuschreibungspraxis zu verhindern. Diese Haltung verdeutlicht er aus einer praxisbezogenen Perspektive an drei Beispielen. Faulheit, Schulverweigerung und Hyperaktivität können kontextbezogenen auch anders eingeschätzt und angegangen werden. Palmowski beschließt sein Buch mit einer klaren Aussage zu der Notwendigkeit einer systemischen Haltung. Er wendet sich gegen gewisse Modetendenzen, eigenes Tun nur mit Techniken oder Ansichten als systemisch zu deklarieren. Es bedarf einer systemischern Grundhaltung, damit systemische Techniken wirken können. Er plädiert entschieden für ein Expertentum in der Sache, aber nicht auf der Beziehungsebene (S. 177). Hier spricht er sich gemäß seiner systemischen Vorstellung für die Gleichwertigkeit aller Beteiligten aus.

Zielgruppen

Dieses für alle systemisch Interessierte lesenswerte Buch spricht m.E. drei Zielgruppen konkret an: Erstens Lehrkräfte, die einen Überblick über systemische Vorstellungen für den Schulalltag gewinnen möchten. Zweitens Studierende der Pädagogik, die ihren Horizont erweitern möchten. Drittens Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die beruflich mit schulischen Kontexten zu tun haben.

Fazit

Es ist ein lesenswertes Buch, das ich mit großem Interesse gelesen habe. Das Buch ist in einer verständlichen Sprache geschrieben, weil hier ein Wissenschaftler mit fundierter Praxiserfahrung geschrieben hat. Daher ist das Buch für alle Menschen interessant, die sich nicht nur für systemische Ideen, sondern auch für einen gelungenen Theorie-Praxis-Bezug im Rahmen von Schule interessieren.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 24.03.2009 zu: Winfried Palmowski: Nichts ist ohne Kontext. Systemische Pädagogik bei "Verhaltensauffälligkeiten". verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2008. ISBN 978-3-8080-0602-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5820.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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