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Franz Petermann, Wolfgang Schneider (Hrsg.): Angewandte Entwicklungspsychologie

Cover Franz Petermann, Wolfgang Schneider (Hrsg.): Angewandte Entwicklungspsychologie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2007. 1012 Seiten. ISBN 978-3-8017-0589-3. 179,00 EUR, CH: 304,00 sFr.

Enzyklopädie der Psychologie / Serie 5.
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Thema

Die Entwicklungspsychologie stellt seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ein zentrales Anwendungs- und Forschungsgebiet der Psychologie dar. Die angewandte Entwicklungspsychologie nutzt als eigenständiges Gebiet innerhalb der Entwicklungspsychologie die konzeptionellen und methodischen Grundlagen der Entwicklungspsychologie, beschränkt sich aber nicht auf die Beschreibung und Erklärung von Verhalten, sondern hat auch die Förderung entwicklungsbezogener Prozesse und die Prävention von entwicklungsbedingten Beeinträchtigungen als Zielsetzung. Sie betrachtet die Entwicklung unter dem Konzept der Lebensspanne, beschränkt sich also nicht auf Kindheit und Jugend, sondern bezieht Erwachsenenalter und höheres Lebensalter mit ein. Sie beschränkt sich auch nicht auf klinische und pädagogische Themen, sondern umfasst alle Lebensbereiche.

Aufbau

Der Band ist nach Lebensabschnitten unterteilt. Nach dem einführenden Kapitel der Herausgeber Franz Petermann und Wolfgang Schneider sind die weiteren Beiträge den Bereichen

  • frühe Kindheit
  • mittlere und späte Kindheit
  • Jugendalter und
  • Erwachsenenalter

zugeordnet.

Teil I: Frühe Kindheit

  • Im ersten Kapitel dieses Teils führen Franz Petermann und Thorsten Macha in die Entwicklungsdiagnostik ein. Sie unterscheiden Entwicklungsscreenings, Breitbandentwicklungstests und spezifische Verfahren. Unter Anwendungsgesichtspunkten sind vor allem Aussagen zum Förder- und Therapiebedarf des einzelnen Kindes sowie die Einschätzung von Entwicklungspotentialen von Bedeutung. Die Relevanz dieses Beitrags geht über den Altersbereich der frühen Kindheit hinaus; die angesprochenen Testverfahren sind jedoch diesem Bereich zugeordnet.
  • Frühdiagnostik und Frühintervention bei behinderten und von Behinderung bedrohten Kindern im Alter bis zu drei Jahren ist das Thema von Klaus Sarimski. Wichtig sind ihm dabei die Bedürfnisse und Bedingungen der Familien, denn Untersuchungen belegen, dass die Unterstützung responsiver Eltern-Kind-Beziehungen in diesem Alter wichtiger für Entwicklungsfortschritte ist als das Einüben einzelner kognitiver, sprachlicher und sozialer Fertigkeiten. Er geht kurz auf spezifische Zielgruppen (Kinder mit biologischem oder sozialem Risiko, mit Syndromen oder Störungen aus dem autistischen Spektrum) ein.
  • Die nächsten beiden Beiträge thematisieren die Förderung in spezifischen Entwicklungsbereichen, der Sprache und der sozial-emotionalen Kompetenz. Der Spracherwerb gehört zu den zentralen Entwicklungsaufgaben der Kindheit. Kein anderer Bereich ist so häufig von Störungen betroffen wie der sprachliche. Sabine Weinert und Kathrin Lockl geben einen Überblick über die vielfältigen Ansätze der Sprachförderung sowohl bei ungestörter wie bei gestörter Entwicklung und bei Kindern mit Migrationshintergrund. Silvia Wiedebusch beschäftigt sich mit Störungen der sozial-emotionalen Kompetenz und stellt ausgewählte Förderprogramme für Kindergarten und Schulkinder vor, bei denen u. a. Emotionswissen und Emotionsregulation von Bedeutung sind.
  • Die beiden nächsten Kapitel passen ebenfalls thematisch zusammen. Erziehungs- und Entwicklungsberatung für die frühe Kindheit ist das Thema von Ute Ziegenhain. Sie beschreibt die frühe Kindheit als eine Phase großer Anforderungen an die Eltern und betont den präventiven Charakter der Stärkung der elterlichen Erziehungs- und Beziehungskompetenzen. Die Angebote sind zum Teil institutionalisiert an Erziehungsberatung- oder Frühförderstellen und reichen von Elternbriefen bis zu strukturierten Programmen. Die Förderung in der zweiten Säule der (früh-)kindlichen Lebenswelt, der Kindertageseinrichtung, ist Thema des Beitrags von Petra Strehmel. Diese Einrichtungen befinden sich in einer fundamentalen Umbruchsituation. Bildung, Erziehung und Betreuung sind zentrale Aufgaben; Kernaufgabe ist die Förderung der Entwicklungsprozesse der Kinder. Das Kapitel vermittelt eine Bestandsaufnahme bezüglich Konzepte und Qualität.
  • Früherkennung und Prävention von Schwierigkeiten bei schulisch relevanten Fertigkeiten bilden das Thema der abschließenden beiden Kapitel in diesem Teil: Lesen und Rechtschreiben (Wolfgang Schneider und Peter Marx) sowie mathematische Kompetenzen (Kristin Krajewski). Seit Beginn der 80er Jahre werden die Prozesse des Lesen- und Schreibenlernens systematisch untersucht. Eine wichtige Rolle wird der phonologischen Bewusstheit zugesprochen; Screeningverfahren und Längsschnittstudien zur Wirksamkeit von Förderprogrammen werden besprochen. Die Befunde sind ermutigend, obwohl die Forschung zu langfristigen Erfolgen noch weitgehend fehlt. Auch werden Lesemotivation und Leseinteresse angesprochen. Krajewski beschreibt die Entwicklungsstufen des Verständnisses für Mengen und Zahlen sowie einige Förderprogramme. Förderprogramme sollten inhaltsspezifisch auf diese Stufen zugeschnitten sein und systematisch mathematische Grundkenntnisse aufbauen. Dazu bedarf es abstrakt-symbolischer Darstellungsmittel sowie der Verknüpfung mit Sprache.

Teil II: Mittlere und späte Kindheit

  • Dieser Teil beginnt mit einem relativ kurzen Kapitel über Motivationsförderung. Regina Vollmeyer betont, dass Motivation kein homogenes Konstrukt darstellt, sondern vielmehr ganz unterschiedliche Komponenten enthält. Innerhalb eines Erwartungs-Wert-Modells thematisiert sie Förderaspekte hinsichtlich motivationaler Orientierung, Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmtheit und Leistungsmotivation. Der häufige Gebrauch von "Wäre, sollte, müsste" verdeutlicht den großen Forschungsbedarf dieser Richtung. Es ist aber auch schwierig, Motivationsförderung unabhängig von Inhalten zu fördern, bei den schulisch relevanten Förderbereichen sind immer motivationspsychologische Aspekte berücksichtigt (siehe unten).
  • Ein interessantes und wichtiges Thema sprechen Gerhild Nieding und Ute Ritterfeld an: Mediennutzung, Medienwirkung und Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen. Sie geben einen fundierten Überblick über die neuesten Forschungen zu diesen Themen. Sie betonen die  Bedeutung einer Erziehung zur Mediennutzung, müssen aber leider auch feststellen, dass die entwicklungspsychologische Medienforschung weit hinter der sich rasant verändernden Alltagsrealität hinterher hinkt.
  • Die nächsten beiden Beiträge beschäftigen sich mit schulisch relevanten Aspekten. Eine allgemeine Förderung intellektueller Kompetenz, des Gedächtnisses, der Aufmerksamkeit oder der Intelligenz erscheint unrealistisch, kontextspezifische Programme zur Förderung eines selbstregulierten Lernens werden vorgestellt; kognitions-, motivations- und instruktionspsychologisch fundierte Konzepte stellen eine breite Basis zur Gestaltung von Förderprogrammen zur Verfügung (Elmar Souvignier). Das Phänomen Schulversagen behandeln Claudia Mähler, Marcus Hasselhorn und Dietmar Grube. Dieses komplexe Thema ist von hoher politischer Brisanz. Lernbehinderung, Teilleistungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen und psychosoziale Belastungen werden als mögliche Ursachen sowie Präventions- und Interventionsmöglichkeiten besprochen.
  • Die beiden nächsten Beiträge beschäftigen sich mit Spitzenleistungen. Franzis Preckel diskutiert das Erkennen und Fördern intellektuell hochbegabter Schülerinnen und Schüler. Wie und woran Hochbegabung erkannt werden kann, gehört nach wie vor zu den am meisten diskutierten Fragen im Kontext der Hochbegabtenförderung; es liegt eine Vielzahl von erfolgreichen Förderansätzen vor. Die Entwicklung von Expertise und Hochleistung in Musik und Sport ist das Thema von Hans Gruber und Andrea Lehmann.
  • Mobbing unter Schülern stellt Mechthild Schäfer dar. Mobbing, also der Missbrauch von sozialer Macht auf der Basis systematischer und wiederholter Attacken gegen Schwächere wird als dynamischer Prozess beschrieben und Präventions- und Interventionsmaßnahmen diskutiert.
  • Den Teil schließen zwei familienpsychologische Beiträge ab. Bärbel Kracke und Peter Noack beschäftigen sich in dem Kapitel "Konflikte in Familien: Möglichkeiten der Prävention und Bewältigung" vor allem mit Beziehungskonflikten sowie schul- und leistungsbezogenen Konflikten. Sabine Walper und Sonja Bröning fragen in ihrem Beitrag zu Bewältigungshilfen bei Trennung und Scheidung danach, was bewältigt werden muss und wer wann welche Hilfe benötigt. Sie geben einen Überblick über die Folgen der Trennung und besprechen Hilfsangebote wie Mediation oder Gruppenangebote für Eltern und Kinder bis hin zum begleitenden Umgang bei hochstrittigen Familien.

Teil III: Jugendalter

  • Gesundheit und Krankheit sind das Thema der ersten beiden Beiträge. Prävention und Gesundheitsförderung spielt gerade im Jugendalter eine besondere Rolle. Arnold Lohaus und Holger Domsch stellen den individuumzentrierten, den strukturellen und den Setting-Ansatz vor und diskutieren Möglichkeiten und Grenzen. Eigenartig finde ich, dass als Beispiele von Gesundheitsfördermaßnahmen im Jugendalter ein Stresspräventionsprogramm der Klassen 5 bis 7 sowie ein Programm zur Gewaltprävention der Klassen 4 bis 7 vorgestellt werden. Die Adaptation an eine chronisch-somatische Erkrankung im Jugendalter aus der Perspektive der Angewandten Entwicklungspsychologie ist Thema von Meinolf Noeker und Franz Petermann. Chronische Erkrankungen stellen in jedem Alter besondere Anforderungen, aber die regulären Entwicklungsaufgaben des Jugendalters beinhalten besondere Risiken, die mit einer erfolgreichen Krankheitsbewältigung interferieren. Die beiden Autoren beziehen sich auf ein biopsychosoziales und entwicklungsorientiertes Störungsmodell, betonen den hohen Stellenwert der Verlaufsbedingungen im Vergleich zu den primären Entstehungsbedingungen für das resultierende Ergebnis und veranschaulichen dies besonders an den Beispielen Neurodermitis und Diabetes.
  • Die Bandbreite von Programmen zur Prävention von Delinquenz und Devianz beginnt bei Maßnahmen der Frühintervention und kind- oder elternorientierten Ansätzen im Kindergarten- und Schulalter. Die Vielzahl bekannter und weniger bekannter entwicklungsorientierter Programme wird von Thomas Bliesener angesprochen, ebenso auch opferorientierte Programme und situative Ansätze. Als Interventionsansätze werden allgemeine Programme zur Verhaltensänderung von Straf- und Gewalttätern, zur Hemmung antisozialen Verhaltens und zum Aufbau prosozialen Verhaltens vorgestellt.
  • Einer nicht unbedeutenden Zielgruppe wenden sich Martin Pinquart und Rainer Silbereisen zu: Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Sie betrachten diese Gruppe differenziert und beschreiben die Probleme unterschiedlicher Untergruppen. Sie beleuchten kritisch die mit einer Ausnahme nicht-deutschen Interventionsstudien zur Förderung der Integration, der sprachlichen und kognitiven Kompetenz und der Prävention von Problemverhalten.

Teil IV: Erwachsenenalter

  • Drei Beiträge dieses Teils haben Entwicklungsaufgaben des (frühen) Erwachsenenalters zum Thema. Guy Bodenmann geht in seinem Beitrag zur Prävention von Partnerschaftsstörungen und Paarberatung vor allem auf empirisch fundierte Präventionsprogramme ein, wobei er die beiden Programme näher beschreibt, die sich im deutschsprachigen Raum durchgesetzt haben: "Ein Partnerschaftliches Lernprogramm" (ELP) von Hahlweg u.a. sowie das "Freiburger Stresspräventionstraining" (FSPT) von Bodenmann. Nina Heinrichs und Kurt Hahlweg beschreiben im Kapitel "Vorbereitung auf die Elternschaft" Einflussfaktoren für die individuelle Entwicklung (Mann, Frau) sowie die Entwicklung des Paares; eine wichtige Einflussgröße stellt der Bindungsstil dar. Nach der Diskussion von Unterstützungsprogrammen endet der Beitrag mit einem umfangreichen Anhang, in dem 33 empirische Untersuchungen zum Übergang in die Elternschaft tabellarisch aufgelistet werden. Hans-Uwe Hohner und Ernst-H. Hoff geben eine Übersicht über Modelle der beruflichen Entwicklung und Laufbahnberatung. Der Beratungskontext reicht dabei vom Einstieg in Ausbildung und Beruf bis zur Beratung bei biographischen Abbrüchen und umfasst somit das gesamte mittlere Lebensalter.
  • Die letzten drei Beiträge des Buches haben das (höhere) Alter zum Thema. Hans-Werner Wahl und Vera Heyl schlagen eine Systematisierung der Verluste im höheren Lebensalter vor, diskutieren das Zusammenspiel von Verlusten, Entwicklungsrisiken und Entwicklungsgewinnen und stellen dies exemplarisch für den Bereich der sozialen Beziehungen dar. Ursula Staudinger setzt sich mit dem produktiven Leben im Alter auseinander. Sie erweitert die vorwiegend ökonomische Bedeutung des Begriffs der Produktivität zur psychologischen Produktivität. Sie erläutert dies an Beispielen zur handlungsbezogenen/manuellen, geistigen und emotionalen Produktivität und streicht die Bedeutung des alten Menschen als Entwicklungskontext für die nachfolgenden Generationen heraus. Der abschließende Beitrag stellt den gegenwärtigen Forschungsstand zur Veränderbarkeit der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter dar und diskutiert die Befunde der Interventionsforschung (Yvonne Brehmer und Ulman Lindenberger).

Zielgruppen

Studierende und Lehrende der Psychologie, insbesondere der Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie, Pädagogen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten

Fazit

Der vorliegende Band der Enzyklopädie zeigt die beeindruckende Vielfalt der Anwendungsgebiete der modernen Entwicklungspsychologie, die Vielzahl der Bereiche, in denen entwicklungspsychologisches Wissen notwendig und hilfreich ist. Die Aufteilung und die jeweilige Anzahl der Beiträge zeigen, dass der Schwerpunkt nach wie vor im Bereich des Säuglings-, Kindes- und Jugendalters liegt; die Bedeutung des (höheren) Alters nimmt kontinuierlich zu. Die Beiträge geben einen zeitnahen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung. Wo immer möglich stehen die Gegebenheiten im deutschsprachigen Raum im Mittelpunkt der Darstellung. Der weitere Bedarf an Forschung wird jeweils aufgezeigt, insbesondere der Bedarf der Evaluationsforschung. Der Bedarf an evidenzbasierten Angeboten und Programmen wird dabei in vielen Beiträgen herausgestellt.

Die Enzyklopädie richtet sich vor allem an Lehrende und Studierende; es lohnt sich aber auch für den Praktiker, zur Auffrischung seines Wissensstandes das ein oder andere Kapitel zu lesen.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 20.05.2008 zu: Franz Petermann, Wolfgang Schneider (Hrsg.): Angewandte Entwicklungspsychologie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2007. ISBN 978-3-8017-0589-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5833.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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