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Rogers Brubaker: Ethnizität ohne Gruppen

Cover Rogers Brubaker: Ethnizität ohne Gruppen. Hamburger Edition (Hamburg) 2007. 343 Seiten. ISBN 978-3-936096-84-2. 35,00 EUR.

Originaltitel: Ethnicity without groups.
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Bei ethnischen Konflikten geht es nicht um Konflikte zwischen ethnischen Gruppen,

sondern? Bei dieser erst einmal als gewagt und unverständlich formulierten These, im Sinne der hergebrachten soziologischen Vorstellungen und Kategorien von Ethnizität, Rasse, Nationalismus und kultureller Identität, stutzt der Leser. Der Soziologe an der Universität von Kalifornien, Brubaker, stellt damit in Frage, dass es bei ethnischen, rassischen und nationalen Konflikten so etwas wie einen ethnischen Commonsense gäbe. Zwar zeigten sich in der ethnopolitischen Praxis Kategorien von sozialem, gesellschaftlichem und politischem Verhalten, die auf Zugehörigkeiten von Gruppen schließen ließen und bestimmte Vorstellungen, Wünsche und Ziele verdinglichten, also in gesellschaftliche und politische Forderungen umsetzen ließen. Weil diese Kategorien darauf angelegt seien, "aufzurütteln, zu beschwören, zu rechtfertigen, zu mobilisieren, anzustacheln und anzuspornen", wirkten sie bei der Berücksichtigung für analytische Arbeiten performatorisch: "Indem sie sich auf Gruppen berufen, versuchen sie, sie entstehen zu lassen, sie zu beschwören, sie ins Leben zu rufen".

Autor und Entstehungshintergrund

Mit den im Band abgedruckten Essays, die Rogers Brubaker alleine und mit Ko-Autorinnen und –Autoren geschrieben hat, will er neue Erkenntnisse darstellen, die er u. a. im Sommer 1995 bei Feldforschungen in der ethnisch gemischten Stadt Cluj-Napoca, dem ehemaligen Klausenburg, der flächenmäßig zweitgrößten Stadt Rumäniens in Siebenbürgen, gewonnen hat.

Inhalt

Dabei wendet sich der Autor gegen den in den Sozialwissenschaften seit Jahrzehnten üblichen "Gruppismus", der Auffassung nämlich, dass "abgegrenzte Gruppen als fundamentale Analyseeinheiten (und grundlegende Konstituenten der gesellschaftlichen Welt)" aufzufassen wären. Es soll dabei aufgezeigt werden, "wie Ethnizität analysiert werden kann, ohne abgegrenzte Gruppen ins Feld zu führen". Dabei berufen sich die Autoren auf die bekannte Erkenntnis des englischen Sozialhistorikers und Sozialwissenschaftlers, Eric John Blair Hobsbawm, dass Nationalität und Nationalismus zwar meist von oben konstruiert, jedoch nicht richtig verstanden werden könnten, wenn sie nicht auch von unten analysiert würden, also die Hoffnungen, Bedürfnisse, Sehnsüchte und Interessen der "kleinen Leute", die sich nicht grundsätzlich national oder gar nationalistisch verhielten, zu berücksichtigen.

  1. Im ersten Text, der dem Band den Titel gegeben hat, geht es also um eine erste Beantwortung der Frage, wie ethnische Konflikte zu verstehen und zu analysieren seien. Dazu formuliert Brubaker acht grundlegende Überlegungen und analysiert danach ein Fallbeispiel. Dabei wackelt er an dem traditionellen Gerüst der etablierten sozialwissenschaftlichen Forschungen, indem er dazu auffordert, Begriffe wie "Ethnizität, Rasse oder Nation nicht auf wesenhafte Gruppen oder Gebilde bezogen (zu) denken, sondern auf praktische Kategorien situativen Handelns, kulturelle Redensarten, kognitive Schemata, diskursive Deutungsmuster, organisatorische Routine, institutionelle Formen, politische Projekte und zufällige Ereignisse" zu befragen. Damit kommt er zwangsläufig zu der aufrüttelnden Frage: Könnte es sein, dass, "indem wir die zu analysierende Einheit – die ethnische Gruppe – in Frage stellen, … wir am Ende den Geltungsbereich der Analyse in Frage stellen"?
  2. Im zweiten Text, den Brubaker zusammen mit Frederick Cooper geschrieben hat, geht es um "Jenseits der Identität". Dabei werden nicht semantische Spitzfindigkeiten thematisiert; auch nicht darum, einen weiteren Beitrag zur aktuellen Diskussion um die Identitätspolitik zu liefern (obwohl die Benutzung des Begriffs mittlerweile "alles und nichts" in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung bedeutet!); vielmehr kommt es den Autoren darauf an, die Benutzung des Begriffs der "Identität" in der gesellschaftswissenschaftlichen Analysebildung und Forschung zu hinterfragen. Das Problem wird dadurch identifiziert, "dass der Begriff `Identität` benutzt wird, um sowohl ein solches ausgeprägt gruppistisches, ausgrenzendes, affektiv geladenes Selbstverständnis zu bezeichnen, als auch um ein viel lockereres, offeneres Selbstverständnis zu benennen, das ein gewisses Gefühl der Affinität oder Zugehörigkeit, Gemeinsamkeit oder Verbundenheit gegenüber ganz bestimmten anderen Menschen umfasst, jedoch ohne das Gefühl eines überragenden Einsseins mit einem konstitutiven `Anderen`" zu verdeutlichen. Es geht also darum, bei den analytischen Arbeiten eine differenziertere Begrifflichkeit zu benutzen. Um zu verdeutlichen, wie das aussehen könnte, diskutieren die Autoren in drei Fallbeispielen – den Nuer in Nordostafrika, dem osteuropäischen Nationalismus und den Rassendiskussionen in den USA – die Benutzung des Begriffs "im Namen der begrifflichen Klarheit, die für die Gesellschaftsanalyse und das politische Verständnis gleichermaßen erforderlich ist".
  3. "Kategorien strukturieren und ordnen für uns die Welt": In Zusammenarbeit mit Mara Loveman und Peter Stamotov fordert Rogers Brubaker im dritten Text "Ethnizität als Kognition" dazu auf, in der Forschung die Kategorisierung sowohl als politische Projekt, als auch in der Alltagspraxis anzuwenden. In der Kognitionsforschung gilt mittlerweile, dass Stereotypenbildung, soziale Kategorisierung und die Betrachtung von Schemata Analysemuster darstellen, die im doppelten Sinne als sozial zu betrachten sind; "Es handelt sich um ein allgemein geteiltes gesellschaftliches Wissen über gesellschaftliche Dinge".
  4. Zusammen mit David Laitin wendet sich Brubaker im vierten Text dem zu, was in der Berichterstattung über ethnonationale Konflikte als "ethnische und nationalistische Gewalt" bezeichnet wird und die er als "Ethnisierung politischer Gewalt" benennt. Auch hier ist es nach der Meinung der Autoren wenig hilfreich und führt auch bei der Analyse von ethnischer Gewalt zu Fehlinterpretationen und unzulänglichen Handlungsanweisungen, wenn in der Theoriebildung und im Forschungsdesign homogene Annahmen zugrunde gelegt werden. Vielmehr käme es darauf an, disaggregate Forschungsstrategien zu entwickeln.
  5. So, als ob Brubaker in die aktuelle Diskussion zu Migrations-, Integrationsfragen und Anpassungsforderungen in Deutschland eintauchen wollte (siehe dazu das Auftreten des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Köln, wie auch die Forderung von konservativen Politikern nach Anpassung von MigrantInnen an die Mehrheitskultur), versieht er den fünften Text "Die Rückkehr der Assimilation" mit einem Fragezeichen? Er bezeichnet die Infragestellung der bisher gängigen Bewertung vom "Melting-Pot" der USA als die "differentialistische Wende". Er will damit "den Wechsel von der absoluten Konzentration auf bleibende Unterschiede – und auf die Mechanismen, die ein solches Festhalten an der Kultur bewirken – zu einer umfassenderen Sicht, die auch neu entstehende Gemeinschaften umfasst" deutlich machen und darauf verweisen, dass in der Assimilationsforschung eine Verschiebung von kulturellen hin zu sozioökonomischen Faktoren angezeigt ist.
  6. Bei der begrifflich unscharfen Unterscheidung zwischen staatsbürgerlichem und ethnischem Nationalismus in der Nationalitäts- und Nationalismusforschung kommt es zu Mehrdeutigkeiten, die eine wissenschaftliche Analyse erschweren und eine Bewertung fragwürdig machen. Vielmehr, so im sechsten Text, würde sich eine "Unterscheidung zwischen staatlich geprägter und gegenstaatlicher Nationalität" anbieten.
  7. Im siebten Text "Ethnizität, Migration und Staatlichkeit in Europa nach dem Kalten Krieg" diskutiert Brubaker die politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Kontinent. Obwohl er eine vereinfachte Ost-West-Gegenüberstellung zu vermeiden versucht, identifiziert er doch bei der heterogenen Darstellung der Ethnizität in Europa zwei verschiedene Typen. Während er für Westeuropa "Immigrationsethnizität" festmacht, bei der ethnische Gruppen als Folge von Migration auftreten, erkennt er in Zentralost- und Osteuropa "territoriale Nationalität", bei der durch Grenzverschiebungen und Staatenbildung Gemeinschaften Grenzen überschreiten oder sich, obwohl sie Staatsbürger des Landes sind, benachbarten und "verwandten" Ethnien kulturell und politisch zugehörig fühlen. Nicht zuletzt für die Europäische Einigung sind solche Befunde und Erklärungsmuster bedeutsam.
  8. Im achten Text schließlich vergleicht Brubaker zwei geschichtliche Daten – 1848 und 1998 – miteinander, indem er danach fragt, wie eine "Politik des Gedenkens in Ungarn, Rumänien und der Slowakei" sich in der konkreten, politischen Wirklichkeit darstellt. In welcher Weise und mit welchen Argumenten versuchen die politischen Akteure, die beiden "Revolutionen" national, politisch und mythisch zu behandeln? Und: Welche ethnischen und nationalen Konflikte entstehen dabei? So wird dieser Schlussteil des Buches nicht nur zu einer spannenden historischen Analyse, sondern eben auch zu einem Exempel für die anfangs formulierte These, dass Ethnien und andere gesellschaftliche Gruppen "gemacht" werden.

Die 42 Seiten umfassende Literaturliste dürfte eine Fundgrube für die sozialwissenschaftliche Forschung und Analyse sein.

Fazit

Das Buch eignet sich für alle, die nicht nur an der Frage interessiert sind, was eine Ethnie ist, sondern vor allem danach fragen, wie, wann und warum ethnisierend geforscht, analysiert und gedeutet wird.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.04.2008 zu: Rogers Brubaker: Ethnizität ohne Gruppen. Hamburger Edition (Hamburg) 2007. ISBN 978-3-936096-84-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5834.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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