socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Cloos: Die Inszenierung von Gemeinsamkeit

Cover Peter Cloos: Die Inszenierung von Gemeinsamkeit. Eine vergleichende Studie zu Biografie, Organisationskultur und beruflichem Habitus von Teams in der Kinder- und Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 336 Seiten. ISBN 978-3-7799-1116-6. 28,00 EUR, CH: 50,70 sFr.

Reihe: Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Nachdem sich in den Organisationswissenschaften zunehmend die Erkenntnis durchsetzt, dass das Organisationshandeln nicht ausschließlich durch die formalen Organisationsstrukturen determiniert ist, sondern diese durch soziale Konstruktionsprozesse überformt und interpretiert werden, geraten die Aspekte der Organisationskultur auch in der empirischen Analyse von Organisationen verstärkt in den Blick. Die vorliegende qualitative Studie von Peter Cloos ist ein gelungenes Beispiel für einen ethnografischen Zugang zu einer Beschreibung und Analyse von spezifischen Organisationskulturen in der Kinder- und Jugendhilfe.

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Studie will die Frage beantworten „Wie handeln MitarbeiterInnen in der Kinder- und Jugendhilfe, wie organisieren sie ihren beruflichen Alltag und welche Bedeutung erlangen dabei qualifikationsbezogene Unterschiede?“ (7) Zur Beantwortung dieser Frage nimmt der Autor zunächst eine professionstheoretische Rahmung vor. Ausführlich und differenziert referiert er den derzeitigen Stand der Professionsforschung in der Sozialen Arbeit, stellt Bezüge zur aktuellen Professionsdebatte her und arbeitet zentrale Aspekte einer Profession heraus: Macht, Mandat, Nimbus, Wissen, Habitus und Organisation. Die unterschiedliche Ausprägung dieser Faktoren expliziert er an den Berufsgruppen der ErzieherInnen und der SozialpädagogInnen als wichtigsten professionellen Akteuren in der Kinder- und Jugendhilfe.

Für seine empirische Arbeit wählt der Autor einen ethnografischen Zugang mit einem Methodenmix aus biografisch orientierten narrativen Interviews und teilnehmender Beobachtung des beruflichen Alltags in zwei pädagogischen Einrichtungen. „Im Gegensatz zu dem gewöhnlich starkem Interesse qualitativer Forschung an besonders interessanten und ausgefallenen Fällen, an der Exotik des Fremden und Außergewöhnlichen haben hier der „gewöhnliche“ Alltag, das Unspektakuläre und das so genannte „Normale“ besonders interessiert“.(8)Den daraus erkennbaren beruflichen Habitus fasst der Autor in „Dichten Beschreibungen“ (Geertz) zusammen und konturiert auf diese Weise anschaulich und pointiert das je spezifische professionelle Selbstverständnis von Angehörigen beider Berufsgruppen.

Der gewählte ethnografische Zugang eröffnet einen erweiterten Blick auf die alltägliche (Organisations-)Praxis. „Die Möglichkeit, dabei gewesen zu sein und am Geschehen teilgenommen zu haben, eröffnet zunächst die Chance, Interpretationen einer beruflichen Praxis durch die TeilnehmerInnen des Feldes nah am Geschehen zu erfassen.“ (58)

Seine Beobachtungen in beiden Einrichtungen stellt der Verfasser in identischer Gliederung dar: er beschreibt zunächst seinen Zugang zum Feld, schildert anschaulich beobachtete Bewegungen der Akteure durch Zeit und Raum als Indikatoren ihrer Alltagsorganisation und – bewältigung, skizziert sodann exemplarisch ausführlich jeweils zwei gegensätzliche Berufsbiografien und ihr beruflich-habituelles Profil und präsentiert schließlich einige Kurzporträts anderer MitarbeiterInnen.

Für jede Einrichtung werden jeweils abschließend die Wirklichkeitskonstruktionn der einzelnen Teams unter der Fragestellung herausgearbeitet, wie Gemeinsamkeit hergestellt und Differenz inszeniert und bearbeitet werden.

Ergebnisse der Studie

Die Ergebnisse dieser ethnografischen Feldstudie sind sowohl hinsichtlich eines differenzierten Verständnisses der unterschiedlichen Funktionen einer Organisationskultur interessant, wie auch für eine Präzisierung des Zusammenhangs von Biografie, Habitus und Profession.

Durch die Beobachtungen des Autors in den genannten pädagogischen Einrichtungen wird zunächst bestätigt, dass formal fixierte Organisationsstrukturen wenig darüber aussagen, wie tatsächlich bewertet, entschieden und gehandelt wird. „Vielmehr variiert das Verhältnis von beruflichem Handeln und Organisationsstruktur in zwei Richtungen: Zum einen werden Organisationsstrukturen innerhalb der Organisation permanent neu verhandelt, festgelegt und modifiziert. Sie sind somit Anlass für ständige Aushandlungen um die richtigen Definitionen und Anlass für destinktive Kämpfe um Ortsbestimmungen im sozialen Raumgefüge der Organisationskultur…. Zum anderen reproduzieren sich Organisationsstrukturen durch habituell und organisationskulturell vermittelte Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsschemata und folgen – dem praktischen Sinn entsprechend – organisationskulturellen Habitualisierungen von Gewohnheiten und Stilen.“ (296f)

In diesem Zusammenspiel erhält die je spezifische Organisationskultur einer Einrichtung verschiedene Funktionen, die den Erhalt der Organisation sichern und zugleich sinnhaftes professionelles Handeln ermöglichen. Organisationskulturen dienen

  • Der Herstellung von Ordnung und Gewissheit. „Ein großer Teil der Handlungen besteht in Organisationen dementsprechend aus Versuchen, organisationskulturell wieder Ordnung zu schaffen, eine Ordnung, die z.B. in Jugendhilfeeinrichtungen insbesondere durch die lebensweltlichen Gewohnheiten der AdressatInnen in Frage gestellt wird.“ (297)
  • Der Habitualisierung von Gewohnheiten. „ MitarbeiterInnen handeln, ohne dass die Handlungen rational verfügbar oder zum Anlass für Nachfragen und Reflexionen genommen werden.Als soziale Praktiken sind sie organisationskulturell eingespielte Habitualisierungen von Handlungen… und geben dem Handeln Struktur und Sicherheit.“ (298)
  • Als berufliche Sozialisationsinstanzen, indem sie berufliche Orientierungen verfestigen und habitualisieren.
  • Als Aushandlungsarenen. „Die in den Organisationskulturen hergestellte Ordnung ist stets riskant und steht ständig in der Gefahr, durch widerstreitende Interessen und Positionierungen von Ordnung in Unordnung überzugehen. Dies wird insbesondere auch durch Konflikte verursacht, die sich einerseits aus den Versuchen der Organisationen ergeben, Biografien in institutionelle Ablaufmuster zu zwängen und andererseits durch die autonomen Gestaltungsinteressen der in Organisationen handelnden AkteurInnen. Folglich bildet sich in Organisationen auch niemals ein von allen Organisationsmitgliedern getragenes habituelles Muster heraus.“ (299)
  • Der Herstellung von Differenz und Gemeinsamkeit. „Im Rahmen der Inszenierung von Gemeinsamkeit negieren die MitarbeiterInnen die tatsächliche Differenz der einzelnen habituellen Positionen der Teammitglieder….Gleichzeitig ist aber in den Einrichtungen zu beobachten, dass im Alltag des Organisierens ständig Differenzen zwischen MitarbeiterInnen reproduziert werden.“(300)

„Zusammengefasst wird Organisationskultur als habituell vermittelte und getragene Struktur und Praxis innerhalb eines sozial, kulturell und zeitlich geprägten Raumgefüges gefasst. Berufliches Handeln ist eingelagert in Organisationskulturen, die einerseits Ungewissheit und Komplexität reduzieren sowie Sicherheit bieten. Andererseits evozieren sie ständig die Gefahr, die Eigenständigkeit des Handelns zu reduzieren und autonome Entscheidungsspielräume einzuschränken.“ (300f)

Fazit

Die vorliegende Studie belegt eindrücklich, anschaulich und differenziert die Bedeutung organisationskultureller Aspekte im Hinblick auf organisationelles Alltagshandeln, darin eingebundene Deutungsmuster und Handlungsroutinen und ihre Konsequenzen für den beruflichen Habitus von sozialpädagogischen Fachkräften. Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung eines differenzierten Verständnisses organisationskultureller Prozesse im Rahmen struktureller Organisationsvorgaben. Zugleich sind die Ausführungen zu Biografie und Habitus geeignet, die aktuelle Professionalisierungsdebatte um einen habituellen Fokus zu erweitern.

Der gewählte ethnografische Forschungsansatz zeigt einmal mehr, dass qualitative Verfahren und ethnografische Beobachtung und Teilnahme ein nicht zu unterschätzendes Potenzial zum besseren Verständnis sozialer Prozesse bieten, das künftig noch breitere Anwendung finden muss.

Diese Studie ist nicht nur den „üblichen Verdächtigen“ in Forschung und Lehre als wichtiger Beitrag zu empfehlen, sondern ist wegen ihrer verständlichen, anschaulichen und plausiblen Präsentation und Argumentation auch für PraktikerInnen, Teams sowie künftige BerufskollegInnen in der Ausbildung eine geeignete und hilfreiche Lektüre, um den eigenen Deutungen, biografischen und habituellen Grundmustern und den damit verbundenen organisationskulturellen Orientierungen auf die Schliche zu kommen.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
E-Mail Mailformular


Alle 50 Rezensionen von Willy Klawe anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 20.05.2009 zu: Peter Cloos: Die Inszenierung von Gemeinsamkeit. Eine vergleichende Studie zu Biografie, Organisationskultur und beruflichem Habitus von Teams in der Kinder- und Jugendhilfe. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1116-6. Reihe: Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5838.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!