socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Regina Ertl, Ursula Kratzer: Hauskrankenpflege

Cover Regina Ertl, Ursula Kratzer: Hauskrankenpflege. Wissen - planen - umsetzen. Facultas Verlag (Wien) 2007. 2., überarbeitete Auflage. 166 Seiten. ISBN 978-3-85076-802-3. D: 19,30 EUR, A: 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Zur Einführung in die Thematik

Die Diskussion um die aktuellen Entwicklungen, Rahmenbedingungen und Anforderungen in der häuslichen Pflege steht im Mittelpunkt dieses Buches. Der Titel "Hauskrankenpflege" macht aufmerksam auf die landesspezifische Akzentuierung des Bandes für die Situation in Österreich.

In diesem Band stehen zentrale Aspekte der häuslichen Pflegesituation im Mittelpunkt, die mit einem historischen Rückblick beginnen, die Rahmenbedingungen und Organisation der Hauskrankenpflege auffächern und Grundlagen pflegebezogener Handlungskompetenz thematisieren. Der Band schließt mit einer zukunftsorientierten Betrachtung und mit praxisnahen Fallsituationen aus dem Alltag der Pflege.

Zu den Autorinnen

Beide Autorinnen sind langjährig als Expertinnen in der Pflege tätig und verfügen über Erfahrungen in Aus-, Fort- und Weiterbildungen im Gesundheits- und Sozialbereich.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einführung betonen die Autorinnen die sich abzeichnenden Entwicklungen in der Hauskrankenpflege, die eine Hinwendung zum verstärkten Dienstleistungsdenken erfordern. Sie begründen dies mit der gewachsenen Anspruchshaltung der KundInnen und mit deren zunehmenden Wahlmöglichkeiten. Darauf differenziert reagieren zu können ist eine der neuen Herausforderungen an die Hauskrankenpflege.

  1. Das erste Kapitel Hauskrankenpflege gestern und heute erläutert zunächst Grundannahmen dieses Begriffs und ermöglicht einen historischen Rückblick in die Pflegesituation in Österreich. Die Autorinnen stellen verschiedene Definitionen von Hauskrankenpflege vor, leiten dann über zu einer Betrachtung nationaler und internationaler Aspekte. Es folgt ein Überblick über Hauskrankenpflege in der EU, leider ohne aktuelle statistische Daten oder Internetquellen. Die Hinweise auf das in den EU-Ländern z.T. breit differierende Qualifikationsniveau der Pflegenden ist wichtig, eine tabellarische Übersicht über die Unterschiede bei der Länge der Ausbildungen sowie der Stunden des theoretischen Unterrichts hätte hierzu den Überblick erleichtert. Die These, nach der in den EU-Staaten zu wenig hoch qualifiziertes Personal verfügbar ist, um den wachsenden Bedarf zu decken (S. 25) wird nicht näher belegt. Es folgt ein ausführlicher landesspezifischer Exkurs über die Zugänge zur Hauskrankenpflege mit einem Glossar der gebräuchlichsten Begriffe. Der Exkurs über Politik und Hauskrankenpflege macht aufmerksam auf österreichische Parteiprogramme und ihre Haltungen zu pflegebezogenen Fragen. Im Schlussteil des ersten Kapitels stehen Aspekte der Finanzierung, der Versorgungssituation und der Qualifikationsstruktur des Personals. Der Hinweis auf notwendige Kenntnisse des Sozialraumes der Betroffenen ist richtig, er sollte jedoch als wertfreie Voraussetzung professionellen Handelns gesehen werden und weniger als konkurrierendes Element zum Wissen der Pflegeperson in einer Institution. Die Form der Abbildung der "Pflegekette" (S. 46) in Form einer Pyramide wirkt irritierend, zumal in der Erläuterung der Anspruch auf "Durchlässigkeit" der verschiedenen Instanzen erhoben wird.
  2. Im zweiten Kapitel Rahmenbedingungen der Hauskrankenpflege heben die Autorinnen auf die Bedeutung des Dienstleistungs- und Kundenverständnisses für alle Beteiligten ab. Sie erläutern die Merkmale von Dienstleistungen und deren Erfolgsfaktoren nach Blonski (1998), gehen kurz ein auf zentrale Aspekte des Qualitätsmanagements. Im weiteren Verlauf werden Grundlagen der Berufsgesetze und der Finanzierung von Hauskrankenpflege angesprochen.
  3. Die Organisation der Hauskrankenpflege steht im Mittelpunkte des dritten Kapitels. Ziel des Kapitels ist es, ein umfassendes Versorgungskonzept darzustellen nach dem Motto "Alles aus einer Hand" (S. 66ff.). Die Autorinnen räumen ein, dass eine organisatorische Verknüpfung und Vernetzung nach dem Modell der Integrierten Gesundheits- und Sozialsprengel (IGSS) zwar in keinem der österreichischen Bundesländer wie vorgesehen umgesetzt werden konnte, sie weisen jedoch auf verschiedene Initiativen hin, die sich um integrierte Versorgung und Case Management bemühen. In einem Exkurs zu Case Management erläutern die Autorinnen Facetten dieses Handlungsmodells, lassen eine definitorische Grundlegung für österreichische Verhältnisse jedoch vermissen, vor allem was die Rolle und Positionierung des/der Case Managerin betrifft. Im weiteren Verlauf des Kapitels werden Grundlagen der Pflegeplanung, Aspekte von Produktorientierung, von Qualitäts- und Versorgungsmanagement vorgestellt. Sie erheben explizit nicht den Anspruch auf eine vollständige, umfassende Darstellung, wünschenswert wäre aber ein deutlicher konturiertes Konzept, das sich einer stringenten Logik entweder des Case Managements auf der organisatorischen Ebene oder der Kundenorientierung auf der Beziehungsebene widmet. So bleibt dieses Kapitel an vielen Stellen einer appellativen Ebene verhaftet, die für einen gelingenden Veränderungsprozess zu wenig Zugkraft bietet.
  4. Das vierte Kapitel über Pflege und Betreuung zu Hause – Grundlagen der Handlungskompetenz ist mit 60 Seiten besonders umfangreich. Hier geht es um Pflegeverständnis und Dienstleistungsverständnis, um Problembereiche in der häuslichen Pflege (z.B. chron. Schmerz) und um das Selbstverständnis der Pflegeperson. Die verschiedenen Aspekte werden kurz angesprochen und mit Fallsituationen unterlegt. Angesichts der Breite der genannten Anforderungen erliegt dieses Kapitel der Gefahr, die (durchaus richtigen Aspekte) nur auf einer oberflächlichen Ebene anzusprechen, was auf Kosten der fachlichen Tiefe geht und viele Fragen offen lässt. Die pflegepraktischen Aspekte und pflegetheoretischen Hinweise ( S. 136ff.) sind zu kurz erläutert, um Handlungswissen entstehen zu lassen, Elemente wie "Vorsorge für den Erfolg" (S. 112) oder "Rollen in der Öffentlichkeit" (S. 121) bleiben in Ermangelung von theoriegestützten Grundlagen des Rollenverständnisses eher unklar. Die Erläuterung zum "Pflegeprozess in der Hauskrankenpflege" (S. 139) ist in der Strukturlogik unklar, denn vor der Pflegesituation sind die Elemente des in den ersten Kapiteln erläuterten Dienstleistungsverständnisses wie Auswahl des Angebots und professionelles Handlungsrepertoire zu sehen. Der Exkurs über "Besonderheiten und Belastungen in der Pflegesituation" (S. 123) ist gut gelungen.
  5. Die Zukunftsperspektiven der Hauskrankenpflege sind mit 2,5 Seiten ein sehr kurzes Schlusskapitel. Die Autorinnen nehmen kurz Stellung zu Begriffen wie Utopie, Boom, Grenzen, Möglichkeiten und Fragen.
  6. Das sechste Kapitel befasst sich abschließend mit praktischen Beispielen. Exemplarisch stellen die Autorinnen fünf Fallsituationen aus der Hauskrankenpflege vor. Auch wenn es kleine Ungereimtheiten gibt (Jahresangaben vs. Lebensalter) bieten diese Fälle interessante Einblicke in die Praxis.

Zielgruppe

Das Anliegen dieses Buches ist es, österreichischen Pflegenden in der Hauskrankenpflege Einblicke in einige Facetten des Handlungsfeldes zu geben, dafür ist es geeignet.

Diskussion und kritische Würdigung

Das Buch ist insgesamt anschaulich und überwiegend gut lesbar geschrieben, allerdings mit Einschränkungen. Die Einblicke in die österreichische Pflegelandschaft sind nachvollziehbar. Der Band enthält kleine formale Ungenauigkeiten und Schwächen im Ausdruck (z.B. "Muffigkeit" als Reaktion der KundInnen), gelegentlich werden "wissenschaftliche Studien" erwähnt, jedoch nicht als Quelle angegeben, was zu Irritationen führt (S. 40) oder es werden Modelle genannt, deren Autoren nicht im Literaturverzeichnis enthalten sind (S. 97, 98). Der Anspruch an Pflegende, sich mit ihrer Arbeit der KundInnen- und Dienstleistungsorientierung zu stellen wird an mehreren Stellen vertreten, es fehlt jedoch an einem verbindlichen professionellen Orientierungsrahmen für die Pflegenden. Weder die Anliegen des Unternehmens allein (S. 54) noch eine ausschließliche Orientierung an den Bedürfnissen der KundInnen (siehe Exkurs Beschwerdemanagement S. 56 ff.) bietet professionelle Handlungssicherheit, sondern das fachkompetente Ausloten divergierender Ansprüche mit anwaltschaftlichem Eintreten für besondere Anliegen. Hier verbleiben die Ausführungen des Bandes auf einer eher appellativen Ebene. Als Lehrbuch für die häusliche Krankenpflege greift es an vielen Stellen zu kurz und lässt eine theoretische Fundierung vermissen, für ein Praxisbuch fehlt es an präziseren Ausführungen zu den Praxissituationen, was konkrete Verhaltens- und Handlungsmuster betrifft.


Rezension von
Prof. Dr. Margret Flieder
Evangelische Hochschule Darmstadt
Fachbereich Pflege- und Gesundheitswissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 37 Rezensionen von Margret Flieder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Margret Flieder. Rezension vom 26.05.2008 zu: Regina Ertl, Ursula Kratzer: Hauskrankenpflege. Wissen - planen - umsetzen. Facultas Verlag (Wien) 2007. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-85076-802-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5839.php, Datum des Zugriffs 02.06.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung