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Heinz J. Kersting: Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung

Heinz J. Kersting: Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung. IBS-Verlag (Aachen) 2002. 315 Seiten. ISBN 978-3-928047-27-2. 19,00 EUR.
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Einführung in das Thema

Die Supervisionslandschaft ist nach wie vor von der Konkurrenz unterschiedlicher Schulen geprägt: transaktionsanalytisch orientierte Institute auf der einen, psychoanalytisch orientierte auf der anderen Seite, systemische auf der dritten, gestaltorientierte auf der vierten Seite – und dann natürlich noch die "integrativen". Wenige Institute stellen ihren theoretischen und methodischen Ansatz allerdings so dezidiert dar, wie es Kersting für das IBS tut. Kersting vertritt einen systemischen Supervisionsansatz und legt das Hauptaugenmerk auf die Konstruktionsprinzipien von Systemen – sowohl von personalen als auch von sozialen.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Der Band enthält keine systematische Entfaltung des Themas "Supervision als konstruktivistische Beratung", wie der Titel vielleicht nahe legt. Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung unterschiedlicher Veröffentlichungen und Vorträge des IBS-Leiters Heinz J. Kersting. Diese Aufsätze sind unter vier Überschriften geordnet.

Eine erste lautet "Grundlegungen". Aus diesem Kapitel will ich einen Text zitieren, weil er das Projekt Kerstings bzw. das Geschäft der Supervision überhaupt sehr gut beschreibt, nämlich: "Warum der Schäl gerne vier Vögel wäre": Sagt der Tünnes zum Schäl: "Schäl, ich wünschte, ich wäre ein Vogel." Der Schäl darauf zu Tünnes: "Warum denn das?" Der Tünnes: "Dann könnte ich fliegen und von oben beobachten, was wir hier unten tun." Der Schäl darauf zu Tünnes: "Dann wünschte ich mir, ich wäre zwei Vögel." Der Tünnes: "Warum zwei Vögel?" Der Schäl zum Tünnes: "Dann könnte ich beobachten, wie ich fliege." Der Tünnes daraufhin wieder zum Schäl: "Dann wünschte ich mir, ich wäre drei Vögel." Der Schäl zum Tünnes: "Warum drei Vögel?" Der Tünnes antwortete dem Schäl: "Dann könnte ich hinter mir her fliegen und beobachten, wie ich beobachte, wie ich fliege." Daraufhin der Schäl: "Dann wünschte ich mir, ich wäre vier Vögel." "Warum denn vier Vögel, du Doof?" fragt der Tünnes. Der Schäl antwortet: "Dann könnte ich mir entgegen fliegen und beobachten, wie ich hinter mir herfliege und beobachten, wie ich beobachte, wie ich fliege." Kerstings formuliert programmatisch: "Ich möchte in meinem Beitrag die Supervision als ein System der Reflexion, als Selbstreflexion, als Beobachtung der Beobachtung betrachten." (S. 18) Die unterschiedlichen Ebenen supervisorischer Reflexion stellt Kersting in seinem ersten Grundsatzartikel dar.

"Supervision im Wertewandel" verfolgt den Wandel, der sich in den 120 Jahren supervisorischer Arbeit vollzogen hat, vor allem die Interaktion zwischen Supervision und ökonomischen Bedingungen. Ein Desiderat in der Diskussion um das Fach Supervision ist nach wie vor ein stringenter ethischer Entwurf. Den liefert so der Artikel von Kersting unter der Überschrift "Die Nacktheit des Antlitzes – Ethik der Verantwortung" gewiss auch nicht. Aber der studierte Theologe und ehemalige Priester Kersting liefert wichtige Beiträge zu dieser Debatte und stützt sich dabei auf Arbeiten des jüdischen Philosophen Lévinas.

Die zweite Kapitelüberschrift lautet schlicht "Vorträge" und enthält die Beiträge "Till Eugenspiegels verwirrende Spiele – Konstruktivismus und Supervision", "Die systemische Idee – ihre Wirkung auf die Zukunft der Gesellschaft" und "Mit Ungereimtheiten umgehen – Supervision in der Kirche". Störung, Respektlosigkeit und Anarchie sind wichtige Qualitäten supervisorischer Praxis (und der Praxis Eulenspiegels, weshalb ihn auch Kersting als Patron adoptiert). Die Überschrift des zweite Beitrag legt die Latte zu hoch, als dass der Vortragende drüberspringen könnte – es handelt sich ja auch mehr um einen Beitrag bei einer "Familienfeier": beim Geburtstag des Berliner Instituts für Familientherapie. Auch beim letzten Beitrag dieses Kapitels verspricht der Titel "Supervision in der Kirche" mehr als eingelöst wird: da werden viele allgemeine Dinge über Supervision gesagt, die wichtig sind, aber nicht eine Besonderheit des Feldes Kirche darstellen. Aber auch das ist "Konstruktivismus": der Leser konstruiert sich seine Erwartung, wenn er die Überschrift liest – die Enttäuschung macht er sich letztlich selbst...

Spannend für Supervisionspraktiker ist das Kapitel "Interventionen", denn da wird sehr konkret gearbeitet. In einem ersten Beitrag, den Kersting zusammen mit den KollegInnen Hans-Christoph Vogel, Georg Nebel und Brigitte Bürger verfasst hat, wird an konkreten beispielen gezeigt, wie die Interventionsstrategien, die aus der systemischen Familientherapie bekannt sind, für Supervision und Organisationsberatung nutzbar gemacht werden – eine kleine Methodeneinheit in diesem Band, die hilfreich ist. Die zweite Anleihe macht Kersting bei der klassischen Balintgruppenarbeit, von der man vermuten könnte, sie sei als psychoanalytisch orientierte Beratungsmethode mit einer systemischen Arbeitsweise nicht kompatibel. Kerstind reformuliert die Balint-Grundannahmen systemisch-konstruktivistisch und macht so diese gut erprobte Arbeit auch für die supervisorische Arbeit nutzbar. Die dritte Theorieanleihe macht Kersting beim NLP, das er für ein systemisches Coaching nutzt. Der vierte Abschnitt ist der Traumarbeit in der Supervision gewidmet – eine weitere methodische Anreicherung des Supervisionskonzeptes aus der Tradition des "Dreamodramas". Ingesamt bietet dieses Kapitel die m.E. spannendsten Beiträge, weil das eigene Supervisionskonzept, ganz gleich, in welcher Schule es sich gebildet hat, hier interessante Erweiterungen erfahren kann.

Im letzten Kapitel schließlich kommen die Vögel des Schäl definitiv zu ihrem Recht, denn jetzt werden die Beobachter beobachtet. Kersting selbst stellt einen seiner wichtigsten Lehrer vor, nämlich Louis Lowy, den großen "Sozialarbeitswissenschaftler", der wichtige Impulse der amerikanischen Entwicklung des Fachs in den deutschen Betrieb eingespeist hat. Der zweite beobachtete Beobachter ist Heinz Förster, der ganz wesentliche Arbeiten zu Wahrnehmung, Gedächtnis und Lernen vorgelegt hat und auf seine Weise die konstruktivistische Sicht kognitiver Prozesse sehr bereichert hat. Und der dritte schließlich ist Heinz J. Kersting selbst – beobachtet von Heiko Kleve, ein Beitrag aus der Festschrift zum 60. Geburtstag des IBS-Leiters.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Wie beurteilt man die Tauglichkeit von Aufsatzsammlungen? Die Beiträge sind eben von unterschiedlicher Qualität, manche sagt einem etwas, anderes nicht, manches ist ausgearbeitet, anderes trägt deutlicher die Spuren des Kasus, zu dem sie verfasst wurden. Für mich war es bereichernd, so viele interessante Schlaglichter auf das Geschäft der Supervision zu lesen. Was mich nicht interessiert hat, konnte ich ja getrost überfliegen. Und auch wer sich grundsätzlich darüber informieren möchte, was systemisch-konstruktivistische Supervision bedeutet, kann sich in dem Band einen guten Überblick verschaffen. Für Praktiker dürfte der Teil "Interventionen" besonders hilfreich sein, weil er viele methodische Vorschläge und Anleitungen enthält.

Fazit

Allgemein bleibt zu sagen, dass Kersting vor allem deshalb ein sehr anregender Autor ist, weil er über eine ausgeprägt enzyklopädische Bildung verfügt und deshalb viele Verbindungen zu Themen knüpfen kann, die bei der Supervisionsarbeit zunächst vielleicht nicht im Blick sind. Wer Lust hat, in einen solchen Diskurs einzutreten, wird viel Freude an dem Band haben. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, dass Studierende der Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Supervision, Pädagogik das Buch mit viel Gewinn und vielen Theorieimpulsen lesen werden.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 23.12.2002 zu: Heinz J. Kersting: Zirkelzeichen. Supervision als konstruktivistische Beratung. IBS-Verlag (Aachen) 2002. ISBN 978-3-928047-27-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/584.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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