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Sebastian Roth: Krisen-Bildung. [...] KriseninterventionshelferInnen

Cover Sebastian Roth: Krisen-Bildung. Aus- und Weiterbildung von KriseninterventionshelferInnen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. 448 Seiten. ISBN 978-3-8300-3537-4. 98,00 EUR.

Reihe: Studien zur Erwachsenenbildung - 28.
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Thema und Überblick

Der Titel des umfangreichen Buchs von Sebastian Roth lässt auf den ersten Blick hoffen, dass eine Lücke in der Fachliteratur geschlossen wird. Denn es fehlen wissenschaftliche Untersuchungen über die Inhal­te, Lehrpläne und Didaktik in der Aus­bildung von Krisenarbeitern. Tat­sächlich geht die Dissertation von der Frage aus (S. 2), welche Kompetenzen die Krisen­helfer "in gemeinde­nahen Kriseninterven­tions­­teams" benötigen. Zudem möchte der Verfasser wis­sen, "weshalb" die Entscheidung für eine entsprechende Ausbil­dung und Praxis "eine Ent­schei­dung für alltags­begleitendes und Lebenslanges Lernen" darstelle. Mit diesen For­schungsfragen solle ein "neues", interdisziplinäres Konzept der ein­satz- und lebenslaufbezo­genen "Krisen-Bildung" entstehen. Als Sozialarbeiter/Sozialpäda­goge sowie Sucht- und So­zio­therapeut besitzt Roth eigene Einsatz­er­fah­rungen in einem Kriseninterventionsteam der Bundes­wehr.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in drei Teile mit insgesamt neun Kapiteln gegliedert.

Im ersten Teil beschäftigt Roth sich auf 100 Seiten mit der "Theorie der Krisen-Bildung". Nach einer einleitenden Re­vue verschiedener Krisenbegriffe definiert er Krisen als "Span­nungszustände, in dessen Verlauf sich die Vergangenheit im 'Hier und Jetzt' zukunftsgewandt entäußert" (S. 20). Diese sperrige Bestimmung führt zu einer vom Ansatz her interessanten, aber lediglich skizzenhaften "existenz­philosophischen Betrachtung von Krisen". Griffiger ist der folgende Bezug auf Bijan Adl-Aminis "Krisen­päda­gogik" und auf die "Lernmöglichkeiten, in denen sich Indivi­duen mit gesell­schaft­li­chen, institutionellen, subjektiven als auch persönlichen Krisen und deren kollektiven und individuellen Bedeutung präventiv, begleitend und reaktiv, befassen" (S. 45). Den be­kannten Gedanken, Krisen seien Lernchancen, differenziert Roth als "Lernen in, an und von Krisen". Denn "Krisenlernen" in "Grenzsituationen" sei ein "lebenslanges Lernen", das in der Weiterbildung sowohl für das berufliche als auch persönliche Wachstum genutzt werden könne. Allerdings fehlt eine gründliche und systematische Auseinander­setzung mit der kognitiven Bewälti­gungstheorie und dem life-event-Ansatz, ja überhaupt mit der einschlägigen Stressforschung.

Im zweiten Teil beschreibt der Verfasser auf weiteren 100 Seiten die Arbeit von notfallpsycho­logischen Teams im Rettungs­dienst. Er resümiert deren kurze Geschichte im deutschsprachigen Raum seit 1994, ihre wich­tigsten Aufgaben und Prinzipien, und konzentriert sich auf die Situation der ehrenamtlichen Mitarbeiter. Deren Motive und Anforderungen werden anhand der Fachliteratur und eines Ausbildungsplans des Roten Kreuzes verdeutlicht. Dann trägt Roth erste Schlussfolgerungen vor: Er benennt neun Lernfelder (etwa "Umgang mit Belastungen", "Annäherung an das Unfassbare" oder "Handeln in Unübersichtlichkeit auf lockerem Terrain") und erläutert fünf zen­trale Kompetenzanfor­derungen ("Wissensaneignung", "Erweiterung von Fertigkeiten", "Ausbil­dung einer therapeu­tischen Haltung", "Hoffnungskompetenz", und "aufgaben­bezogene Resilienz"). Diese Ein­gren­­zungen sind plausibel, sie spiegeln gängige und praxisrelevante Arbeitsprinzipien.

Der dritte Teil umfasst eine 2007 durchge­führte, webbasierte Onlinebefragung von 185 ehrenamtlichen Mitarbeitern in Kriseninterventionsteams aus fast dem gesamten deutschsprachigen Raum auf 170 Seiten. Die als "Pilotumfrage" bezeichnete Erhebung sollte die im zweiten Teil gebildeten Hypothesen mit 70 Frage­clustern "verifizieren" (S. 221) und weitere Daten über die Ausbildung, die Kompetenzen und die Zufriedenheit der ehrenamtlichen Helfer liefern. Neben soziodemographischen Angaben und vorstrukturierten Antwortmöglichkeiten waren auch offene Antworten vorgesehen, die inhaltsanalytisch erschlossen werden sollten. So ergeben sich aufschlussreiche Einblicke, unter anderen in die individuellen Gründe für die notfallpsychologische Arbeit (etwa persönliches Wachstum, Gemein­schafts­erleben, ethische Verpflichtung) ebenso wie Annahmen über die "sinnvollsten Lernsitua­tionen" ("Gespräche mit Betroffenen", "Zusammenarbeit mit KollegInnen", "Überbringen einer Todesnachricht") oder über effektive Entlastungs­möglichkeiten (etwa kollegiale Nachbesprechun­gen, Gespräche mit Lebenspartnern, Supervision). Der Fragebogen wird im Anhang des Bu­ches abgedruckt.
Der Verfassser bescheinigt den Teilnehmern seiner Studie "eine stabile Ausprägung des Kohärenzgefühls" (S. 373) samt "hoher Lernbereitschaft" als Schutz vor Burnout. Die Helfer gewännen durch die "Herausforderung" der Krisenarbeit eine "tiefere Einsicht in die existenzielle Bedeutung von Notlagen anderer Menschen" und ein "klares Selbstverständnis". Die Ausbildung werde insgesamt positiv gesehen, abgesehen von Forde­rungen nach besserem Versicherungsschutz und einer gesetzlichen Regelung zur Freistellung vom Arbeitsplatz und der Fortzahlung nach Verdienstausfällen. Dabei kommt Roth, wie auch an anderen Stellen des Buches (z.B. S. 242 f.), auf die spannende, aber schwierige Frage nach dem systematischen Nutzen von eige­nen Krisenerfahrungen der Mitarbeiter für ihre Arbeit zu sprechen: Die ehrenamtliche Mitar­beit sei durchaus eine "Bewälti­gungs­möglichkeit für Menschen mit eigenen Verletzungen", schreibt er, denn letztere könnten zunächst "kompen­siert" und schließlich "reduziert" werden (S. 375). Der Gedanke ist nachvollziehbar, hätte jedoch analytisch genauer durchdrungen werden können (Wer stellt fest, ob Eigenerfahrungen ausreichend verarbeitet und integriert sind, um sie als Quali­fikationen nutzen zu können? Welche Hinweise gibt die Fachdiskussion über sekundäre Traumatisierung, Einsatznachsorge und Debriefing?).

Fazit

Sebastian Roth versucht, einige grundsätzliche Voraussetzungen für die Konzepte der Aus- und Weiterbildung in Krisen­inter­vention zu klären. Der wesentliche Ertrag ergibt sich aus der Überlegung, was ehrenamtliche Krisenarbeiter inhaltlich lernen sollen und können ("Lernfelder", Komptenzanforderungen) sowie aus der empirisch gestützten Beschreibung, mit welchen Gründen, Inhalten und Zielen sie es de facto tun. Insofern arbeitet Roth impliztes Praxiswissen heraus. Leider werden die gewonnenen Befunde nicht in methodische Anregungen für die Weiterbildungs­arbeit umgemünzt. Die Arbeit ist ansonsten klar und differenziert gegliedert, zahlreiche Tabellen und Abbildun­gen erleichtern das Verständnis. Jedoch hätten Kürzungen bzw. ein gründliches Lek­torat dem Text gut getan, zumal der Ladenpreis zu hoch ist. Unter dem Strich stärkt der Entwurf von Sebastian Roth die Fachdiskussion über das Lernen und Lehren von Krisen­inter­ven­tion und resümiert treffend typische Einstellungen und Ausbildungsbedingungen der ehren­amtlichen Mitarbeiter.


Rezension von
Prof. Dr. Burkhart Brückner
Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Burkhart Brückner. Rezension vom 31.05.2008 zu: Sebastian Roth: Krisen-Bildung. Aus- und Weiterbildung von KriseninterventionshelferInnen. Verlag Dr. Kovač GmbH (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-8300-3537-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5847.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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