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Jan A. Fuhse: Ethnizität, Akkulturation und persönliche Netzwerke [...]

Cover Jan A. Fuhse: Ethnizität, Akkulturation und persönliche Netzwerke von italienischen Migranten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 205 Seiten. ISBN 978-3-938094-87-7. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Das Buch beinhaltet im Wesentlichen eine im März 2007 vom Promotionsausschuss der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart angenommene Dissertation. Grundlage ist eine Studie über einen Zeitraum von ungefähr sechs Jahren, die am Lehrstuhl für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Universität Stuttgart durchgeführt wurde.

Gegenstand war die Befragung italienischer Migranten in Stuttgart-Feuerbach. Der empirische Teil der Studie, ein umfangreicherer Literaturbericht, ein ausführlicher Bericht zur Befragung, die deutschen und italienischen Fragebögen und Listensätze, die Anschreiben und eine detaillierte Darstellung der Indexkonstruktion und zur empirischen Auswertung (S.7) sind unter www.janfuhse.de/dissertation.html im Internet abrufbar.

Die Untersuchung wurde im Rahmen eines Projektseminars im akademischen Jahr 2003/04 vorbereitet und durchgeführt. Dies betraf sowohl die Gestaltung des Fragebogens, die Erstellung von Indizes, als auch die Interviews der italienischen Migranten.

Zielsetzung und Ausgangspunkt

Die Studie hat das Ziel, „die Zusammenhänge von Ethnizität, Lebensstilen und ethnischer Kontakte in einer italienischen Migrantenkultur“ (S.9) zu untersuchen. Dabei geht der Verfasser von einem „phänomenologischen“ und „relationalen“ Verständnis sozialer Strukturen aus. Dies bedeutet, es geht zum einen um „die sozialen Beziehungen und Vernetzungen“ und zweitens um die „phänomenologische Ebene von Symboldeutungen, von Denkweisen und von Praktiken“ (ebd.: S. 9 ).

Ausgangspunkt ist die interaktionistische Grundannahme, wie bereits von Park u.a. schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angedacht, die von Elias, Bourdieu bis hin zu den Netzwerkforschern (White u.a.) weiter ausformuliert wurde, dass „die persönlichen Beziehungen in einer Migrantenkultur und die zur Mehrheitsgesellschaft“ ausschlaggebend sind für die Integration bzw. Desintegration der Migranten. „Die entscheidende Dimension für die Integration von Migranten ist deshalb deren Einbindung in Netzwerke der Aufnahmegesellschaft“ (ebd.: 9).

Die Untersuchung grenzt sich deshalb methodisch von theoretischen Annahmen und Studien ab, die soziale Strukturen im Kontext sozio-ökonomischer Statusgefüge erfassen. Entscheidend für die Ausbildung von Denkweisen und Praktiken sind nicht die individuelle Ausstattung mit Ressourcen wie Bildung, Geld und Macht, sondern „vielmehr die Verankerung in persönlichen Beziehungsnetzen“ (S.11).

Aufbau und Inhalt

Der Frage, ob die grundlegenden Verortung von Migranten, ihre mehr oder weniger gelingende Integration, in erster Linie einem sozio-ökonomischen Statusgefüge zuzuordnen ist, oder ob sie vielmehr von persönlichen Beziehungsnetzen des Aufnahmekontextes inklusive dessen symbolischen Formen und Praktiken abhängt, dies soll also in dieser Studie genauer erfasst werden.

Dazu wurde eine standardisierte, mündliche Befragung von 147 Italienern durchgeführt. Die Untersuchung fand in dem Stuttgarter Stadtteil Feuerbach statt, dort beträgt der italienische Bevölkerungsanteil etwa 5 Prozent. Auch wenn dies eine Vollerhebung der dort lebenden Italiener war, so betont der Autor, dass die Studie mehr eine theoretisch geleitete Exploration, denn eine verallgemeinerbare Studie wäre (S.11). Die Studie hat drei Teile:

  1. Im ersten Teil erfolgt eine Darstellung der interaktionistischen Perspektive. Hierbei spielt die neuere Netzwerktheorie ein besondere Rolle (White, Tilly, Gould, Emirbayer, Mische u.a.). Dies wird auf die gegenwärtigen Sozialstrukturanalysen bezogen. Dies bedeutet insbesondere, das Subkultur-Konzept im Kontext der vorangegangenen Überlegungen zu rekonzipieren und dies dann wiederum auf den kultursoziologischen Ansatz von Bourdieu und die Lebensstilsoziologie von G.Schulze u.a. zu beziehen.
  2. „Im zweiten Teil wird dieser Theorierahmen auf die Migrationskulturen angewandt“ (S.12). Dies erfolgt durch eine generelle Einordung in die Ethnizitätsforschung und eine Diskussion und Zuordnung zur Assimilationstheorie von H. Esser. Daraus werden Hypothesen zur Untersuchung der italienischen Migrantenkultur in Deutschland entwickelt und konkurrierende Hypothesen in „interaktionistischerr und ökonomischer Tradition“ präsentiert.
  3. Im dritten Teil werden diese Hypothesen anhand von quantitativen Daten aus der Befragung getestet. Dazu werden Befunde bisheriger empirischer Forschung referiert, ein Bericht zu Befragung gegeben und die befragten Italiener anhand von sozio-demographischen Daten vorgestellt. Daran schließt die Operationalisierung der theoretischen Konstrukte an, dem folgt das Testen der Hypothesen mit multivariaten Analysen. In einem Resümee werden die empirischen Ergebnisse zusammengefasst und bewertet und auf die Konsequenzen für die Migrationssoziologie bezogen. Hier geht es insbesondere um die Gewichtung einer interaktionistischen und einer ökonomischen Perspektive auf den Aspekt der sozialen Ungleichheit.

Aus der differenzierten Darstellung unterschiedliche Erklärungsansätze zur Assimilation von Migranten werden sechs Hypothesen entwickelt, die insgesamt dazu dienen, in der Analyse der Binnenperspektive einer Migrantengruppe einen „ersten Plausibilitätstest“ vorzunehmen, welche der beiden angesprochenen Perspektiven eher zutrifft.

Dazu gibt der Autor einen Überblick zum Stand der Forschung zu den italienischen Migranten. Hier stellt er insgesamt eine Konzentration auf enge Fragestellungen fest, ein systematisches Gesamtbild läge nicht vor (vgl.: 123). Dabei verweist er auf eine Besonderheit italienischer Migranten, „transnationale Migration“ zu praktizieren, offensichtlich entstehen fluide geographische Strukturen, in denen Staatengrenzen an Bedeutung verlieren (147f.).

Sein Fazit: Italienische Migranten gelten als relativ gut integriert. Verweist allerdings auch auf die erschreckend niedrigen Bildungsabschlüsse der Kinder (S.125f).

Für die empirische Studie wurden zwei Stadtteile des Stuttgarter Vorortes Feuerbach ausgewählt. 400 dort ansässige Italiener über 18 Jahre bildeten die Grundgesamtheit der Stichprobe. Stuttgart weist insgesamt die viertgrößte Population von Italiener einer deutschen Großstadt auf. Ingesamt konnten nur 147 Interviews durchgeführt werden. Auffallend ist der hohe Anteil der Verweigerung zu einem Gespräch: 137. Das Interview umfasste 48 Fragen mit standardisierten Antwortkategorien zu vier Themenbereichen:

  • Lebenssituation und Orientierung zwischen Herkunfts- und Aufnahmekontext,
  • allgemeine Wertorientierung mit Schwerpunkt auf Familie/Geschlechtsrollen und Religion,
  • Persönliche Beziehungen/Netzwerke,
  • Soziodemographische Daten (Erwerbstatus, Einkommen, Bildungs- und Familienstand).

27 der 147 Interviews wurden auf Italienisch durchgeführt. Entsprechend der Gesamtbevölkerung der Italiener in Deutschland wurden überwiegend Männer befragt: 57%.

Die Operationalisierung der theoretischen Konstrukte erfolgte entlang verschiedener Indikatoren:

  • die sozio-ökonomische,
  • die soziale,
  • die identifikative
  • die linguistische Assimilation und die Akkulturaton (S.117).

Der sozioökonomische Status wird in den Dimensionen Bildungsabschluss in Deutschland und (Haushalts-)Einkommen erfasst.

Dabei tritt der relativ geringe Bildungsgrad auch der Zweiten und Dritten Generation hervor. Allerdings schränkt der Autor aufgrund der geringen Fallzahl (50) die Aussagereichweite ein.

Die soziale Assimilation, also der Bezug der Migranten zur eigenen Gruppe und zu Mitgliedern des Aufnahmekontexts, wurde anhand eines Netzwerkgenerators erfasst.

Hier lässt sich im Signifikanztest ein „Anstieg der sozialen Assimilation von der Ersten zur Zweiten Generation postulieren“, was den bisherigen Befunden in der Literatur entspräche (S.144).

Als Ergebnis der identifikatorischen Assimilation, der Verbundenheit zu Italien und/oder Deutschland zeigt sich eine hohe Verbundenheit sowohl mit der Herkunftsregion als auch der Region um Stuttgart. Möglicherweise lösen sich in Prozessen transnationaler Migration die kulturellen/ethnischen Zuordnungen auf, vermutet der Verfasser und das Theorem der „Identität durch Differenz“ gelte nur noch bedingt. Auffallend ist, dass immerhin 55% der Befragten angaben, auf jeden Fall nach Italien zurückkehren zu wollen (S.149).

Die Untersuchung der sprachliche Assimilation, hier gemessen an der Sprache in der Familie, den Zeitungen und Zeitschriften und dem Fernsehen, zeigt zwar einerseits ein Anwachsen der alltagssprachlichen Orientierung am Deutschen, macht aber auch deutlich, dass in 44% der Familien ausschließlich Italienisch gesprochen wird und in weiteren 20% überwiegend.

Die Akkulturation, verstanden als Übernahme kultureller Formen, wurde in der Studie mittels der Faktoren Toleranz und Religiosität erfasst. Toleranz bezieht sich auf die Dimensionen, Scheidung, Abtreibung und Homosexualtät. Die Abnahme der Bedeutung der Religion wurde dabei als weiterer Indikator für die Akkulturation gesehen. Verglichen wurde ein gemeinsamer Datensatz der European Values Study 1999/00 von Italienern und Deutschen in süddeutschen Großstädten und Süditalien mit den Befragten in Stuttgart. Als Fazit hält der Autor fest: „Bei der Toleranz [ist] eine sehr viel weitere Akkulturation der Migranten als bei der Religiösität zu beobachten“ (S.158).

Im anschließenden Testteil der Hypothesen mit multivariaten Analyseverfahren geht es im Wesentlichen darum, die Beziehungen zwischen den genannten Indikatoren zu untersuchen und die interaktionistische Perspektive mit der ökonomischen Perspektive zu vergleichen.

Dabei verweist der Autor auf die begrenzte Aussagereichweite aufgrund der geringen Teststärke und Streubreite der Effektkoeffizienten. Die Tests bilanziert der Verfasser: „Als zentrale Assimilationsdimension für die Eingliederung von italienischen Migranten in Deutschland fungiert demnach weniger der sozio-ökonomische Status. Stattdessen sind Sprachfertigkeit und Gebrauch „der deutschen Sprache und die ethnische Zusammensetzung der persönlichen Netzwerke die zentralen Dimensionen der italienischen Migrantenkultur“ (S.182).

Daraus folgert der Autor insgesamt die Notwendigkeit einer erhebliche Umformulierung des Konzepts sozio-ökonomischer Assimilation hin zu einer interaktionistischen Perspektive, die vom Ressourcengedanken weggeht und Netzwerke stärker berücksichtigt (183).Spracherwerb und Aufbau von interethnischen Freundschaften werden als Schlüssel zur Integration gesehen, ethnisch homogene Migrantenkulturen stehen einer Integration eher entgegen.

Diskussion

Der Studie kommt der Verdienst zu, eine lokalisierbare Gruppe von Migranten genauer zu untersuchen. Das Grundkonzept, Einflussfaktoren der Integration exakter im Kontext einer empirischen Studie zu erfassen und gängige theoretische Interpretationsmuster zu überpüfen, ist weiterführend.

Der Autor stellt wichtige theoretische Modelle zur Beschreibung der Lebenslage von Migranten und deren Assimilation dar. Insofern ein gute Informationsquelle zu verschiedenen soziologischen Migrationstheorien.

Die empirische Studie wird exakt und nachvollziehbar beschrieben. Ihre empirische Reichweite wird vom Autor selbst relativiert. Dennoch öffnet sie einen Blick auf die Bezüge innerhalb dieser Gruppe. das Verhältnis zur Mehrheitsethnie und des Bezugs zur Herkunftsregion in Italien.

Integration und Assimilation beziehen sich jedoch generell auf die soziale Lagerung in einem gesellschaftlichen Statussystem, auf die Teilhabe an hochbewerteten Gütern und Ressourcen, andererseits aber auch auf die Partizipation am politischen und kulturellen System. Habermas unterscheidet zwischen System- und Sozialintegration. Dies kann nicht primär an intra- und interethnischen Freundschaften, Toleranz oder Religiösität gemessen werden.

Wenn man die von Esser ausgearbeiteten Assimilationsmechanismen überprüft, dann ist auch zu fragen, ob sich nicht die berufliche - strukturelle Integration und kognitiv-kulturelle von der sozialen und identifikatorischen Assimilation abgekoppelt haben (Hamburger 2009).Deshalb wäre der Blick auch auf möglicherweise dadurch entstehende Brüche und Verwerfungen, auf Mechanismen subkultureller Segregation und Anomien insbesondere auch unter jüngeren Migranten zu lenken. Wie der Autor selbst erkennt, ist z.B. die sprachliche Integration offensichtlich nur zum Teil verwirklicht. Dennoch konstatiert der Verfasser zunehmend fluide und hybride ethnische Identitäten (S.148).

Es wäre genauer zu überprüfen, ob dies dem Leben in der Postmoderne entspricht, oder ob sich in den unterschiedlichen Migrantengruppen (und auch zwischen ihnen) nicht doch auch Lebenslagen herausbilden oder herausgebildet haben, die auf unterschiedliche Problemlagen aufmerksam machen. Die Studien des deutschen Jugendinstituts verweisen darauf, dass bei der Betrachtung der Lebenssituation von Kindern- und Jugendlichen und Familien, nicht primär der sog. Migrationshintergrund entscheidend ist, sondern vielmehr die sozio - ökonomischen Ungleichheiten in unterschiedlichen Milieus zu sehen sind.

So ist zwar das zentrale Ergebnis, die Bezüge innerhalb einer Migrationgruppe und das Verhältnis zur Mehrheitsethnie (aber vielleicht auch zu anderen Migrantengruppen) stärker in der Migrationssoziologie zu berücksichtigen, sicherlich richtig, doch sollte dies nicht den Blick auf strukturelle Ungleichheitslagen versperren.

Fazit

Insgesamt handelt es sich um ein systematisch aufgebautes, informatives Buch für diejenigen, die einen Überblick über den Diskussionstand der theoretischen Positionen im Bereich der Migrationsforschung erhalten wollen und zur quantitativen Untersuchungsmethodik als hypothesentestendes Verfahren einer Migrantengruppe, hier der italienischen.


Rezensent
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 20.05.2009 zu: Jan A. Fuhse: Ethnizität, Akkulturation und persönliche Netzwerke von italienischen Migranten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-938094-87-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5862.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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