socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Nadja Lehmann: Migrantinnen im Frauenhaus

Cover Nadja Lehmann: Migrantinnen im Frauenhaus. Biografische Perspektiven auf Gewalterfahrungen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-159-5. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 61,00 sFr.

Reihe: Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit - 6.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In den meisten Frauenhäusern suchen auch Frauen mit Migrationshintergrund Schutz vor häuslicher Gewalt. Gleichwohl in der feministischen Forschung und Praxis der Zusammenhang von gender, race and class vielfach postuliert wurde und wird, fehlt es an empirischen wie auch methodologisch begründeten Ergebnissen , um die nach wie vor im Arbeitsfeld der interkulturellen Arbeit vorzufindenden Vereinseitigungen in den Arbeitskonzepten und professionellen Hilfen stärker zu differenzieren.

Das vorliegende Buch füllt damit eine wichtige Lücke der Praxisforschung und leistet zugleich einen Beitrag zur Herleitung und Anwendung des intersectionality–Ansatzes für das Arbeitsfeld der Frauenhausarbeit mit Migrantinnen.

Autorin

Die AutorinNadja Lehmann – derzeitig tätig als freiberufliche Sozialwissenschaftlerin und Supervisorin – ist Gründerin und Vorstand des Interkulturellen Frauenhauses in Berlin. Bis Ende der 1990er Jahre ist sie selbst als Sozialarbeiterin in der Praxis tätig, die sie dann in ihrer Dissertation wissenschaftlich reflektiert. In ihrem Buch veröffentlicht sie die Ergebnisse ihrer Dissertation, in der sie auf der Grundlage von biographischen Interviews die vielschichtige und komplexe Problematik von Frauen mit Gewalterfahrungen und Migrationshintergrund im Spannungsfeld von Herkunft, Migration und Aufnahmeland, von subjektiven und gesellschaftlichen Perspektiven beleuchtet. Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch um den mittlerweile sechsten Band der Reihe „Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit“. Die Autorin selbst gehörte zum Promotionscolloquium der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin – und dokumentiert mit ihrer Arbeit einen wichtigen Trend der Professionalisierung in der Sozialen Arbeit: Die Fachhochschulen leisten mittlerweile einen sehr bedeutenden Beitrag zur Forschung und zur Ausbildung ihres wissenschaftlichen Nachwuchses. Für besonders bedeutsam halte ich die Etablierung von Forschungswerkstätten (mit der Ausrichtung von qualitativer Sozialforschung) und der gezielten Förderung wissenschaftlichen Nachwuchses durch Vergabe von Stipendien und die Einrichtung spezifischer Kollegs.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch gliedert sich in neun Kapitel, die nun folgend vorgestellt werden sollen.

Einleitend skizziert Nadja Lehmann die Bedeutung der Frauenhausarbeit im gesellschaftlichen Kontext und kommt mit Bezug auf Reinhild Schäfer zu einem sehr ernüchternden Urteil: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Entstehung der Frauenhäuser ein Beispiel dafür ist, wie auch der Verknüpfung von politischem und sozialem Engagement ein Konzept für ein Projekt entstanden ist, für das es bis heute nach über 30 Jahren trotz aller gesellschaftlichen Umbrüche und Veränderungen einen Bedarf gibt. … Das macht deutlich. Welche besondere Rolle Frauenhäuser haben. Frauenhäuser sind Projekte, die von der öffentlichen Hand finanziert werden und entgegen ihrem Selbstverständnis als feministische Alternativprojekte zu ‚defacto‘-Institutionen der psychosozialen Versorgung geworden sind“ (S. 16). Im Hinblick auf die Problematik der Migrantinnen im Frauenhaus gab es Entwicklungen vom eher tradierten Feminismusbegriff, der implizit rassistisch war und die Differenzen zwischen deutschen und nicht-deutschen Frauen negierte, hin zu einem eher differenzierteren Begriff. Dennoch bleibt das Defizit in Forschung und Praxis, dass Ethnizität als Differenz- und Machtkategorie in der Theoriebildung wie auch in der Praxis ausgeblendet, bestenfalls additiv hinzugefügt wird. Diesem Defizit wendet sich die Autorin in ihrer Arbeit zu und entfaltet in den folgenden Kapiteln ihr Forschungsprogramm. Ganz bewusst stellt sie dabei die Biographie als individuelle Erfahrungsverarbeitung, als Teil der individuellen Identität – und zugleich auch als Brennspiegel gesellschaftlicher Rahmungen des Migrationsprozesses – in den Mittelpunkt ihrer Analysen und keine abstrakten Thematisierungsweisen von Gewalt. Ihr geht es um die subjektiven, biographischen Verarbeitungs- und Deutungsmuster von Migrantinnen, um der Komplexität und Verwobenheit der sozialen Kategorien von Geschlecht und Ethnie in den Gewalterfahrungen näher zu kommen.

Im zweiten Kapitel gibt Nadja Lehmann einen Überblick über die Forschungslage im Kontext „Migrantinnen, häusliche Gewalt und Frauenhaus“ in Deutschland. Sie kommt zum Schluss, dass alle dominanten Diskurse über Migrantinnen an die Diskurse über Migration gekoppelt sind. Die Migrationsforschung entwickelte sich in Deutschland mit dem Zuzug von „GastarbeiterInnen“ in den 1960er Jahren und kann mit dem Diskurs über das „Andere“ umschrieben werden, der auch für die Situation von Frauen galt. Diese Sichtweisen auf ethnische und kulturelle Differenzen bestehen bis heute fort und haben sich lediglich in den Prononcierungen verändert: Aus der Kulturdefizithypothese der 1970er bzw. 1980er Jahre wurde später die Annahme der positiven Kulturdifferenz entwickelt – erst mit den modernen Dekonstruktivismusperspektiven scheinen sich Möglichkeiten anzudeuten, die dreifache Unterdrückung qua Geschlecht, Klasse und Ethnie in ihren Entstehungskontexten zu rekonstruieren. Die bis dato vorherrschenden, einseitigen theoretischen Deutungsmuster zeigen sich auch in den empirischen Studien über die Situation von Migrantinnen in ihren Familien. Mit der ersten Prävalenzstudie des BMFSFJ „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in der Bundesrepublik Deutschland“ liegen sowohl für deutsche als auch für Frauen mit Migrationshintergrund verlässliche Daten vor. Allerdings kann die Studie nicht beanspruchen, ein vollkommen repräsentatives Bild über Flüchtlings- und anderen Frauen zu liefern. Einen völlig anderen Zugang zur Gewaltthematik bieten Flüchtlingsfrauen, die Zuflucht im Frauenhaus gesucht haben. Die Erkenntnisse über die Lebenssituation und die Gewalterfahrungen dieser Frauen müssen durch die BMFSFJ-Studie rudimentär bleiben. Daher kann die Autorin mit Recht behaupten, mit ihrem Forschungsansatz eine wichtige Lücke zu füllen.

Bezug nehmend auf internationale Studien, die Nadja Lehmann im dritten Kapitel referiert, kann herausgearbeitet werden, dass es sich bei der Gewalt gegen Frauen um eine grundlegende, globale Menschenrechtsverletzung handelt, die eine immense politische Relevanz hat, aber grundsätzlich differenziert und kontextualisiert werden muss. Entsprechende Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen müssen immer den kulturellen und politischen Gegebenheiten angepasst bzw. aus ihnen heraus entwickelt werden. Forscherinnen aus den USA haben aus der Analyse von Gewalt-, Geschlechter- und ethnischen Verhältnissen in Gewaltkontexten den Intersektionalitätsansatz als methodologisches Instrument fruchtbar gemacht. „Der theoretische Fokus auf die (…) ‚intersections‘ soll (…) darauf aufmerksam machen, dass unterschiedliche Ebenen berücksichtigt werden müssen, wenn es darum geht zu erklären, wie das soziale Umfeld von Frauen strukturiert ist, die sowohl von häuslicher Gewalt betroffen als auch gleichzeitig Angehörige von Minoritätengruppen sind“ (S. 67f.). Zugleich ermögliche dieser Ansatz strukturelle Analysen, insbesondere im Hinblick auf sozioökonomische Faktoren, wie Arbeitslosigkeit, Armut und Obdachlosigkeit.

In einem vierten Kapitel entwickelt die Autorin einen unter Bezugnahme auf bisherige Studien und Erkenntnisse den theoretischen Fokus auf ihre Analysen. Ausgehend von der Situation in Deutschland und den USA stellt sie nochmals heraus, dass dominante Diskurse über häusliche Gewalt und Migrantinnen stark von gesellschaftspolitisch relevanten Diskursen über Einwanderung und Einwanderungspolitik bestimmt und damit tendenziell normativ sind: „Wenn wir uns also mit dem Thema ‚Migrantinnen im Frauenhaus‘ beschäftigen, bewegen wir uns zwangsläufig zwischen den unterschiedlichen dominanten Diskursen. Diese erweisen sich zudem konstitutiv für Selbst- und Fremdbilder von Migrantinnen“ (S. 77f.). Für ihre Analysen bezieht sich Nadja Lehmann auf den bereits erwähnten Intersektionalitätsansatz und rezipiert die aus der feministischen Kritik des Machbegriffs bzw. Machtkonzepts von Foucault gewonnene Einsicht, dass Frauen keine kollektive Identität als unterdrücktes Geschlecht zugeordnet werden könne, dass ein Opfer-Täter-Dualismus analytisch kontraproduktiv sei und dass gesellschaftliche Verhältnisse immer in mehreren (miteinander verflochtenen) Dimensionen zu denken seien. Geschlecht, so die grundlegende Annahme der Intersektionalitätsthese, konstituiert sich mit und in anderen Differenzkategorien – und so entwickelt die Autorin sehr eindrücklich – in und durch Gewaltbiographien. Dieser Sichtweise nähert sich die Autorin in mehreren Schritten. Zunächst führt sie mit Bezugnahme auf die amerikanische Politikwissenschaftlerin Jyl Josephson aus, dass es Intersektionalität auf mehreren Ebenen gebe: Auf der Ebenen der Erfahrungen, der gesellschaftlichen Strukturen und der Politik. In allen Ebenen ist Gewalt eingeschrieben bzw. wird auf spezifische Weise thematisiert, gerahmt oder kontextualisiert. Die amerikanische Gewaltforscherin und Psychologin Mary Ann Dutton hat ein theoretisches Modell entwickelt, das die Kontextualisierung von Gewalterfahrungen sehr differenziert beschreibt und zudem Anschlüsse zur Intersektionsanalyse bietet. „Dutton formuliert hier ein Modell, das einen allgemeinen Rahmen für die Perspektiven gewaltbetroffener Frauen auf die erlebte Gewalt bietet und unterschiedliche Ebenen und Kontexte abbildet, die sich miteinander verbinden. Es wird nicht davon ausgegangen, dass ein bestimmtes Erlebnis oder der biographische Hintergrund die Bedeutung der Gewalterfahrung deterministisch festlegt. Vielmehr geht es um das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren und die Relevanz, die dies für die einzelne Frau hat. Zentral bei allen aufgeführten Systemen und Kontexten ist jedoch die Frage nach dem Bedeutungsgehalt, den die gewaltbetroffenen Frauen selbst diesem System oder Kontext beimessen und zuschreiben. (…) Dies ermöglicht eine Analyse des allgemeinen Einflusses sozialer und gesellschaftlicher Faktoren und seine einzigartige Wirkung, die es auf Individuen hat“ (S. 89).

Im Kapitel 5 entfaltet Nadja Lehmann ihre biographietheoretische Forschungsperspektive, indem sie zunächst Biographie als Konzept bzw. gesellschaftliches wie individuelles Konstrukt eingeht, dann auf narrative Konstruktionen im Kontext von Gewalt und Migration sowie auf Traumatisierung im biographischen Kontext fokussiert. In diesem Zusammenhang problematisiert sie den biographietheoretischen Begriff von Erfahrung bzw. des „sich Erinnerns“. Bei besonders belastenden Lebensereignissen bedarf es bei Frauen besonderer Reflexions- und Erinnerungsleistungen, die gerade bei Traumata mitunter (aus guten Gründen) blockiert werden. Das heißt, nicht alles Erlebte kann auch tatsächlich erzählt werden. Gerade dieses Kapitel hätte noch an Differenzierung und Tiefe durch die Rezeption der modernen Traumaforschung gewonnen. Die erneute Analyse des umfangreichen Datenmaterials unter methodologischen Aspekten könnte hierbei einen enormen Erkenntniszuwachs für die Biographieforschung bieten.

Im Kapitel 6 entwickelt Nadja Lehmann ihr differenziertes Forschungsprogramm, indem sie alle bisher dargestellten Aspekte systematisch auf ihre Fragestellungen bezieht und den Forschungsprozess vorstellt. Sie orientiert sich dabei auf den mittlerweile üblichen fachlichen Standards der qualitativen Forschung.

Im Kapitel 7 stellt die Autorin schließlich ihre drei als Eckfälle herausgearbeiteten Biographien sehr detailreich und systematisch vor. Sie folgt dabei i.d.R. der Logik

  • Interviewkontext und Datengrundlage
  • Präsentation der Lebensgeschichte
  • Herkunftskontext bzw. familienbiographische Rekonstruktionen
  • Exkurs: Spezifische Situation im Herkunftsland (über den biographischen Kontext hinaus reichende Informationen)
  • Leben in Deutschland, Gewalterfahrungen, Frauenhaus
  • Zusammenfassung (wesentlichen Themen und Strukturhypothesen, biographische Gesamtformung)

Auch wenn die Geschichten der Frauen analysiert werden, kann man sich als Leserin nicht der Dramatik und Authentizität entziehen. Die drei vorgestellten Frauen sind aus drei unterschiedlichen sozio-kulturellen Kontexten und haben ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es gelingt Nadja Lehmann, jedes einzelne Schicksal zur Geltung kommen zu lassen, zugleich aber die wissenschaftliche Analyse dabei anzustellen.

Im Kapitel 8 erarbeitet die Autorin eine Typologie der Erfahrungen, die es ermöglicht, den einzelnen „Fall“, die einzelne Frauenbiographie und –erfahrung in gemeinsamen Referenzpunkten wahrzunehmen. Die allgemeinen Referenzpunkte der Frauen sind ihre Migrations- und Gewalterfahrungen sowie ihre Erfahrungen im Frauenhaus. Die aus den Analysen gewonnen Typologien sind:

  1. Thematisierung der Gewalterfahrung auf der Ebene gesellschaftlicher Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen (Typ „Gesellschaft“) mit den Untertypen:
    • Politisierung von Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen in Gesellschaft und Herkunftsfamilie
    • Intergenerationelle gesellschaftliche Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen in der Herkunftsfamilie als Interpretationsrahmen
  2. Thematisierung der Gewalterfahrung auf der Ebene von Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen in der Herkunftsfamilie (Typ „Herkunftsfamilie“) mit den Untertypen
    • Ausblendung von gesellschaftlichen Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen
    • Thematisierung von Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen in der Herkunftsfamilie als Teil gesellschaftlicher Strukturen
  3. Thematisierung der Gewalterfahrung als singuläre Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrung im biographischen Kontext (Typ „Singuläre Erfahrung von Gewalt“)

Aus den Analysen entwickelt die Autorin vier Thesen (S. 288ff.):

  1. dass es sich bei der Thematisierung von Gewalterfahrungen um Strategien der Bewältigung von Ausgrenzung und Unterdrückung handelt;
  2. dass diese Erfahrungen im Kontext von Familie und Gesellschaft und damit verknüpfte Diskurse das Thematisieren und Erleben von Gewalt strukturieren;
  3. dass die Thematisierung und das Erleben von Gewalterfahrung „intersektionell“ strukturiert wird und
  4. dass Gewalterfahrungen als Unterdrückung und als „Zugehörigkeitskrise“ erlebt werden.

Daraus kann folgendes Fazit gezogen werden: „Wenn es nun um die übergeordnete Frage nach dem Zusammenhang zwischen Migration, Gewalterfahrung, Geschlecht, und Biographie geht, lässt sich feststellen, dass die jeweilige biographische Konstruktion diese Aspekte als relevante Themen sichtbar werden lässt und miteinander verbindet. Die Gewalterfahrung ist der Punkt, von dem aus die vorgestellten biographischen Selbstrepräsentationen konstruiert werden. Die Gewalt wird als eine gravierende Unterdrückungserfahrung und ‚Zugehörigkeitskrise‘ erlebt und die Auseinandersetzung mit ihr findet im Kontext anderer Zugehörigkeitskrisen auf unterschiedlichen Ebenen, d.h. in der Herkunftsfamilie und in der Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft statt“ (S. 297).

Somit werden Gewalt, Geschlecht und Migration zu zentralen biographischen Markern.

Welche Bedeutung haben diese Erkenntnisse für die praktische Frauenhausarbeit? Dieser Frage geht Nadja Lehmann in ihrem abschließenden 9. Kapitel nach. Hier nimmt die Autorin wieder Bezug auf die Ebenen der Intersektionalitätsanalyse: Die Ebenen der Erfahrungen, der Strukturen und der Politik. Die erste, die Ebene der Erfahrungen, hat unmittelbare Konsequenz für die Beraterinnen im Frauenhaus. Sie bedürfen einer selbstreflexiven Auseinandersetzung mit den herrschenden gesellschaftlichen Diskursen der Herkunfts- und Aufnahmegesellschaft. Auch ist Sensibilität und Sensitivität gegenüber den Frauen gefordert, die Zuflucht, Schutz und Perspektiven im/nach dem Frauenhaus für sich suchen. Besondere Aufmerksamkeit sollten dabei soziale Unterstützungsnetze der Hilfe suchenden Frauen haben, wo nach Ressourcen und Loyalitäten zu suchen ist. Jegliche Vereinseitigungen und Reduzierungen sollten vermieden werden – alles Faktoren, die eine sozialpädagogische Professionalität ausmachen sollten. Im Hinblick auf strukturelle Intersektionalitäten, die den Beratungsprozess von Migrantinnen mitstrukturieren, sind besonders der Aufenthaltsstatus und andere soziale Ungleichheiten zu berücksichtigen. Hierbei sind insbesondere ergänzende Hilfenetze zu aktivieren, ggf. zu sensibilisieren. Dazu zählen auch solche Maßnahmen wie Sprachkurse zur Förderung der Integration und Selbständigkeit, die berufliche (Weiter-)Bildung wie auch Hilfen zur Selbsthilfe, um Frauen ökonomisch unabhängiger zu machen. Die Ebene der politischen Intersektionalität schließlich geht an die Adresse der Politik, indem Frauenhausmitarbeiterinnen in gewisser Weise Sprachrohr für die spezifische Situation von Migrantinnen sind und ihre Belange in sozialpolitische Diskussionen einspeisen. Außerdem ist es auf der Ebene der Politik nötig, entsprechend effektive Strategien zu entwickeln, um die Situation von Migrantinnen nachhaltig zu verbessern.

Fazit

Dieses sehr sorgfältig recherchierte, differenzierte und detailreiche Buch bietet sowohl für Migrationsforscher/innen viele Einblicke und Erkenntnisse, als auch für Praktikerinnen. Ganz sicher bietet dieses Buch durch diese Einblicke in die Lebensgeschichten von Migrantinnen mit Gewalterfahrungen und die anschließenden Analysen genügend Reflexionsrahmen für das eigene professionelle Handeln. Es sollte Eingang finden in entsprechende Weiterbildungsveranstaltungen oder auch in die Lehre und das Studium der Sozialen Arbeit. Für künftige ForscherInnen der Sozialen Arbeit bietet dieses Buch einen sehr guten Überblick über den Forschungsprozess und seine Systematik von der Theorie zur Empirie und zurück. Für das tiefere Verständnis der Reichweite der Erkenntnisse und ihrer Entstehung in der empirischen Analyse benötigt die Leserin bzw. der Leser jedoch einiges Grundwissen in qualitativer Sozialforschung.


Rezensentin
Univ.-Prof. Dr. Birgit Bütow
Tätigkeitsfelder: Soziale Arbeit mit Frauen und Mädchen; Kinder- und Jugendhilfe; Theorien und Geschichte der Sozialen Arbeit


Alle 7 Rezensionen von Birgit Bütow anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Birgit Bütow. Rezension vom 08.05.2009 zu: Nadja Lehmann: Migrantinnen im Frauenhaus. Biografische Perspektiven auf Gewalterfahrungen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-159-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5863.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung