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Hans G. Homfeldt, Wolfgang Schröer u.a. (Hrsg.): Vom Adressaten zum Akteur

Cover Hans G. Homfeldt, Wolfgang Schröer, Cornelia Schweppe (Hrsg.): Vom Adressaten zum Akteur. Soziale Arbeit und Agency. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 270 Seiten. ISBN 978-3-86649-160-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 44,00 sFr.
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Thema und Zielsetzung

In der aufgeklärten Praxis Sozialer Arbeit wird seit einigen Jahren von den Klientinnen und Klienten weniger als "Zielgruppen" oder "Betroffenen" gesprochen sondern als Adressaten oder Hilfeteilnehmer/-innen. Für dieses Nachdenken oder Sprechen über die Menschen, für die Soziale Arbeit als Hilfe oder Dienstleistung konzipiert wird, schlagen die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes nun mit dem Begriff des "Akteurs" eine neue Vokabel vor, die über die Logik der beteiligten Institutionen hinausweist.

Der Begriff des Akteurs (engl. "agent") schließt an die internationalen Diskurse über Handlungsmächtigkeit (agency) an, die sich arbeitsfeldübergreifend um systematisch-theoretische Analysen der strukturellen, organisationalen und rechtlichen Rahmungen von Handlungsspielräumen und -beschränkungen bemühen.

Insofern geht es um neue Zugänge zur internationalen Unterstützungsforschung, die möglicherweise unser Nachdenken und Forschen über Sozialpädagogik und Soziale Arbeit inspirieren kann.

Entstehungshintergrund

Im Jahr 2006 haben die HerausgeberInnen einen ersten gemeinsamen Aufsatz zum Thema agency verfasst. Aufbauend auf diesen Gedanken haben nun WissenschaftlerInnen aus der Sozialpädagogik, der Soziologie und benachbarten Forschungsgebieten eigene, vertiefende theoretische Analysen vorgenommen.

Aufbau

Die HerausgeberInnen stellen in Ihrer Einführung die drei zentralen agency-Konzepte kurz vor. Neben dem wohl bekanntesten strukturorientierten Konzept von Anthony Giddens skizzieren sie das interaktionistische Konzept von Emirbayer und Mische sowie sozialpolitische Konzepte von Amartya Sen u.a. In diesen Theorien geht es ihrer Einschätzung nach um die Betrachtung sozialer Prozesse zur Stärkung der Handlungsmächtigkeit der Akteure und ihrer Verortung in gesellschaftlichen und politischen Kontexten.

Das Buch umfasst vier Teile.

1. Theoretische Grundlagen und Wurzeln des agency-Begriffs

Im ersten Teil des Buches werden die theoretischen Grundlagen und Wurzeln des agency-Begriffs aus drei unterschiedlichen Perspektiven erläutert. 

Eberhard Raithelhuber nimmt eine allgemeine sozialtheoretische Einordnung der agency-Konzepte vor. Er erläutert ihre Genese insbesondere mit Bezug auf Giddens Strukturationstheorie, die maßgeblich dazu beigetragen habe, die vorherrschenden und weiterführendes Denken in den Sozialwissenschaften blockierenden Dualismen (Subjektivismus vs. Objektivismus; Mikro- vs. Makrotheorien) zu überwinden. Neben Giddens bezieht sich Raithelhuber besonders auf die Sozialtheorie Barry Barnes, der die agency-Konzeption von Giddens als zu individualistisch kritisiert und zwischen Gesellschaft und Individuum besonders die Bedeutung der Beziehungen zu anderen Menschen herausarbeitet.

Lothar Bönisch und Wolfgang Schröer vergleichen die agency-Theorien mit ihrem eigenen Ansatz der Lebensbewältigung am Beispiel des Strukturwandels der Jugendphase. Sie zeichnen die wesentlichen Aspekte ihrer Gesellschaftstheorie nach, die besonders auf die Entgrenzungsphänomene der zweiten Moderne abhebt. Am Beispiel des hinfällig gewordenen Jugendbegriffs der alten industriekapitalistischen Moderne zeigen sie auf, dass die Idee des Entwicklungsmoratoriums für benachteiligte Jugendliche komplett hinfällig geworden sei. Stattdessen müssten diese Jugendlichen mittlerweile selbst sehen, wie sie angesichts fehlender Perspektiven irgendwie handlungsfähig bleiben können. Bönisch und Schöer betonen, dass ihr Begriff der Lebensbewältigung für die Auseinandersetzung mit dem Fokus auf Fragen der Handlungsfähigkeit anschlussfähig sei und eine realistische Thematisierung von Jugendthemen jenseits des überholten, bürgerlichen Jugendkonzeptes ermöglichen könne.

2. Wohlfahrtsstaatliche Diskussionen

Im zweiten Teil des Buches über den Zusammenhang von wohlfahrtstaatlichen Diskussionen und agency gibt Holger Ziegler in seinem Aufsatz über "Soziales Kapital und agency" zu bedenken, dass auch soziales Kapital gesellschaftliche Ungleichheiten eher verschärft als abfedert. Insofern sei es gefährlich, einseitig nach sozialem Kapital als kollektiver Ressource in benachteiligten Quartieren Ausschau zu halten. Zudem sei der agency-Begriff in angelsächsischen Ländern in aller Regel im Zusammenhang mit Wohlfahrtsreformen der "Neuen Rechten" benutzt worden. Agency und Empowerment seien instrumentalisiert worden, um Sozialleistungen mit der Begründung zu kürzen, dass staatliche Alimentierungen die Selbständigkeit der Armen beschneiden und zu einer Kultur der Abhängigkeit beitragen.

3. agency-Konzepte in der Kindheits- und Jugendforschung

Im dritten Teil des Buches untersuchen Florian Eßer und Andreas Lange in ihren beiden Aufsätzen die agency-Konzepte auf ihren Wert für die Kindheits- und Jugendforschung. Aus der Perspektive der neueren soziologischen Kindheitsforschung, die Kinder dezidiert als eigenständige soziale Akteure versteht und Kindheit nicht auf eine Entwicklungsetappe reduziert, sind die agency-Konzepte besonders anschlussfähig. Moderne Kindheitsforschung, die versucht, Kinder als wirkmächtige Akteure wahrzunehmen entfaltet dabei gegenüber der Sozialpädagogik als Anwendungswissenschaft wie auch der Erziehungswissenschaft als Ganzes ein kritisches Potential. Dies betrifft besonders die moderne Jugendhilfe mit ihren beschränkten, funktionalistischen Erziehungsvorstellungen, aber auch die aktuelle Bildungsdebatte mit ihrem Fokus auf internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Dass Sozialpädagogik und auch die Jugendhilfe aber durchaus auch in der Lage ist, an kritischen agency-Konzeoten anzuknüpfen zeigt Florian Eßer am Beispiel einer ethnografischen Studie auf einem Bauspielplatz. Hier wird das Bemühen um eine Praxis deutlich, die sowohl die Kinder in ihrer Gegenwart (und nicht nur als Wesen in Entwicklung) ernst nimmt und doch die zusätzlichen Chancen intergenerationaler Zusammenarbeit nutzen will.

4. Bedeutung von agency für Fragen der sozialen Entwicklung und Armutsforschung

Im vierten Teil des Buches beschäftigen sich drei Beiträge mit der Bedeutung von agency für Fragen der sozialen Entwicklung und Armutsforschung.

In Armutskontexten ist die Suche nach Kontexten und Konzepten Sozialer Arbeit, die ernsthaft an der "Rückerlangung von Eigenverantwortung" arbeiten besonders notwendig und zugleich schwierig. Marie Schneider und Hans Günther Homfeldt orientieren sich aus diesem Grunde an Ansätzen des "social development" in Entwicklungs- und Schwellenländern, bei denen die Partizipation der Armen in gemeinschaftlichen Entwicklungsprojekten eine besondere Rolle spielt. Hier werden Interventionsstrategien auf Makro-, Meso- und Mikroebenen abgestimmt und individuelle Empowerment-Strategien mit gemeinwesenorientierten Strategien gekoppelt.

Christian Reutlinger beschäftigt sich in seinem Beitrag mit dem Zusammenhang von agency und kritischen Sozialraumstrategien und sucht nach Auswegen aus der "Falle doppelter Territorialisierung". Dahinter steckt die Wahrnehmung, dass sozialräumliche Konzepte Sozialer Arbeit einerseits schon immer auf die Wirkmächtigkeit der lokalen Akteure setzen. Andererseits geht das Konzept der Bildung neuen sozialen Kapitals durch die Ausgegrenzten selbst in der Regel nicht auf. Entgegen ihren vollmundigen Ansprüchen führen sozialräumliche Strategien nach Einschätzung Reutlingers häufig direkt in die Falle, da soziale Probleme nicht gelöst werden, sondern in die Quartiere zurückverlagert werden, wo sie nicht mehr als gesellschaftliche Probleme bearbeitet werden können.

Rafael Aliena und Sandra Hirschler stellen im letzten Beitrag des Bandes einen Zusammenhang zwischen agency und Armutsforschung her. Sie vertreten die These, dass die Soziale Arbeit bisher über keine angemessenen eigenen Armutsbegriffe und –theorien verfügt und daher das Armutsproblem nicht angemessen fassen kann. Der Einbezug von agency-Konzepten könne dazu beitragen, diese Leerstelle zu schließen und soziale Notlagen anders zu verstehen.

Zielgruppen

Der Sammelband richtet sich an Forschende, Lehrende und Studierende der Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Er eignet sich als Einführung in die Thematik für wissenschaftlich interessierte LeserInnen. Für Fachkräfte aus der Praxis Sozialer Arbeit, die sich mit Fragen der Partizipation und dem Verhältnis zwischen Professionellen und Adressaten bzw. Akteuren beschäftigen, ist das Buch aufgrund seines durchgehend theoretischen Zuschnitts nur sehr bedingt geeignet.

Fazit

Leserinnen und Leser erhalten aus unterschiedlichen Forschungsfeldern und theoretischen Blickwinkeln Einblicke in die zentralen Konzepte von agency. Es wird deutlich, dass die Soziale Arbeit in ihren Diskursen über Empowerment und Partizipation in der Regel die internationalen sozialwissenschaftlichen Diskurse über agency der letzten 15 Jahre nicht zur Kenntnis genommen hat. Allerdings betonen die AutorInnen die Anschlussfähigkeit der einheimischen Konzepte von der Lebensbewältigung, der aktuellen Gouvernementalitätstheorien bis hin zu der modernen Kindheits- und Jugendforschung.

Für die moderne Sozialforschung und für die Theorien der Sozialen Arbeit bieten agency-Theorien insofern sicher manch herausforderndes Potential. Für Praktikerinnen und Praktiker der Sozialen Arbeit bleiben nach der anstrengenden Lektüre dieses Bandes mehr Fragen offen als dass neue Pfade des Nachdenkens betreten werden können.


Rezension von
Dr. Remi Stork
Referent für Jugendhilfe und Familienpolitik in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Geschäftsführer der evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie NRW
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Zitiervorschlag
Remi Stork. Rezension vom 01.08.2008 zu: Hans G. Homfeldt, Wolfgang Schröer, Cornelia Schweppe (Hrsg.): Vom Adressaten zum Akteur. Soziale Arbeit und Agency. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-160-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5865.php, Datum des Zugriffs 19.06.2021.


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