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Reiner Becker: [...] „Rechte“ Jugendliche und ihre Eltern

Cover Reiner Becker: Ein normales Familienleben. Interaktion und Kommunikation zwischen „rechten“ Jugendlichen und ihren Eltern. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2008. 387 Seiten. ISBN 978-3-89974-380-7. 34,80 EUR.
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Rechtsextremismus als Ausdruck einer Krise der Familie?

Die Patentrezepte zur Auseinandersetzung bei der Bewältigung von rechtsextremistischen Tendenzen von Jugendlichen in Deutschland, und letztlich die Schuldzuweisungen bei diesem gesellschaftlichen Problem sind schnell parat: Es ist der Werteverfall innerhalb der Familien; es sind die mangelnden und irgendwie auch fehlenden Kontrollen der Eltern über ihre Kinder; und es ist die zunehmende Gleichgültigkeit von Vätern und Müttern, ihren Erziehungsaufgaben gerecht zu werden. Stimmt das? Und wenn doch, welche Entstehungs- und Einflussfaktoren für rechtsextremes Denken und Handeln von Jugendlichen sind es, die "braunes Gedankengut"bei jungen Menschen bewirken? Schließlich auch: Wie gehen Familien mit bereits vorhandenen "rechten"Orientierungen ihrer Kinder um und wie sieht der Familienalltag aus?

Diesen und einer Reihe weiterer Fragen geht Reiner Becker in seiner Dissertation nach. Bemerkenswert nicht nur für die konkrete Forschungsarbeit, sondern auch beispielgebend für innovative Forschungen im universitären Bereich ist, dass die Arbeit im Rahmen des interdisziplinären Graduiertenkollegs "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" unter der Leitung von Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie der Universität Marburg und Wilhelm Heitmeyer, Professor für Sozialisation an der Universität Bielefeld entstanden ist - und somit ein Beleg dafür sein kann, dass insbesondere sozialwissenschaftliche Forschungen nicht im "stillen Kämmerchen" zustande kommen müssen (und sollten), sondern im wissenschaftlichen Diskurs auch über die universitären Grenzen hinaus. Für die qualitative Forschungsstudie sind Fragen nach Formen und Bedingungen der Interaktion und Kommunikation zwischen "rechten" Jugendlichen, ihren Eltern, Geschwistern, Großeltern und anderen Familienmitgliedern sowie deren Umfeld bedeutsam.

Aufbau und Inhalt

  1. Der Autor diskutiert im ersten Teil des Buches grundsätzliche Fragen zur "Familie als Sozialisationsort". Dabei bezieht er die verschiedenen, im wissenschaftlichen Diskurs bekannten theoretischen Konzepte zur politischen Sozialisation, zur Identitätsbildung und Moralentwicklung ein. Dabei wird deutlich, dass die traditionellen Vorstellungen und Wirkungskräfte, die Familien auf Kinder und Jugendliche vor allem auf ihre politische Sozialisation ausüben, in der sozialwissenschaftlichen Forschung unterschiedlich bewertet werden; insbesondere, wenn es um die Bewertung des Grads der Einflussnahme auf die Jugendlichen geht: "Das Individuum von heute bewegt sich in seiner ständigen Passungsarbeit zwischen subjektiven Herausforderungen und den Aufforderungen von außen und befindet sich dabei in einem ständigen Such- und Entwicklungsprozess"- einem "Patchwork"von Teilidentitäten. Dadurch ist der junge Mensch in der Postmoderne stärker als früher auf sich selbst gestellt und gefordert, "im Sinne der Ambivalenz neuer Freiheitsversprechen … eigene Weltdeutungen, Geschmackskulturen und Lebensstile kreieren zu müssen".
  2. Im zweiten Teil setzt sich Reiner Becker mit dem Phänomen Rechtsradikalismus auseinander. Dabei weist er darauf hin, dass in der wissenschaftlichen Diskussion um rechtsextremistische Ideen und Taten meist das gesellschaftliche Problem von Teilaspekten aus betrachtet wird und damit eine "gewisse Unübersichtlichkeit"zu erkennen ist. Um die zu beobachtende, beunruhigende zunehmende Akzeptanz (oder Gleichgültigkeit?) von rechtsextremem, rassistischem, fremdenfeindlichem, nationalistischem, autoritärem, faschistischem und antisemitischem Gedankengut in der Gesellschaft zu erklären, ist es sinnvoll, den Satz von Adorno (1995) zu erinnern: "Was die Menschen sagen und in etwa auch, was sie wirklich denken, hängt weitgehend vom geistigen Klima, in dem sie leben ab… Sollte antidemokratische Propaganda merklich zunehmen, werden einige Menschen sie akzeptieren und sofort weitergeben…".
  3. Im dritten Teil werden die Forschungsmethoden und das Forschungsdesign benannt. Die Untersuchung wurde im Zeitraum von 2004 bis 2005 im hessischen Lahn-Dill-Kreis durchgeführt. Elf, davon neun männliche und zwei weibliche Jugendliche und sechs Eltern bzw. Elternteile erklärten sich zu Leitfaden- und narrativen Interviews, sowie Netzwerkanalysen bereit. Die Ergebnisse wurden vom Autor in ein Kategorienschema gebracht, aus dem sich wiederum Subkategorien bilden ließen, die schließlich eine Darstellung von "Typen", mit typischen Gemeinsamkeiten und Unterschieden, ermöglichte. Deutlich wird, dass die politischen Orientierungsmuster der Jugendlichen in einer Spannweite von diffus rechtsorientierten bis zu stark ausgeprägten rechtsextremistischen Einstellungen reichen. Dabei zeigen sich sowohl Aufbegehrens-, Widerstands- und die Umgebung provozierende Einstellungen, etwa im Skinheadoutfit, wie auch Anpassungstendenzen dort, wo, etwa in der Schule, dem "Verfolgungsdruck" ausgewichen wird. Ein bemerkenswertes Ergebnis der Studie: "Aus Sicht der Jugendlichen besitzt der Sozialisationsort Familie für die Herausbildung ihrer politischen Einstellung im Vergleich zu anderen Sozialisationsagenten keine herausragende Stellung". Das lässt natürlich danach fragen, wie die politischen Orientierungsmuster der befragten Eltern aussehen. Bemerkenswert ist dabei, dass die Eltern die rechtsorientierte Hinwendung ihrer Kinder nur fließend und eher unauffällig wahrnehmen, nicht etwa im Sinne eines "Schlüsselereignisses". Die politische Einstellung der Jugendlichen vollzieht sich also eher in einem längerfristigen und komplexen Entwicklungsprozess. Die meist konfliktträchtigen Auseinandersetzungen der Eltern mit den rechtsextremen Einstellungen ihrer Kinder erfolgen entweder ohne spürbare Konsequenzen, oder "unter einer großen Handlungsunsicherheit und beziehen sich zumeist auf aktuelle und akute Situationen", und sie enden meist in Ohnmachtsgefühlen und in der Frage: "Was kann ich noch tun?". Bei dieser Situation fehlen dann auch adäquate Hilfen.
  4. Im vierten Teil unternimmt der Autor schließlich den Versuch, "Typen der familialen Interaktion und Kommunikation" heraus zu arbeiten, indem er "typische" Handlungsweisen von Jugendlichen und Eltern im Zusammenhang mit der rechtsextremen Orientierung der Jugendlichen und deren Auswirkungen auf das familiale Binnenleben formuliert. Deutlich dabei die völlig unterschiedlichen Wahrnehmungen der Jugendlichen und der Eltern. Während die Jugendlichen sich in den Interviews nicht erinnern können, dass sie mit den Eltern über politische Fragen gesprochen hätten, geben die Eltern an, dass sie mit ihren Kindern auch über Politik sprechen würden.

Fazit

Die vier von Reiner Becker dargestellten Typen von Jugendlichen mit rechtsextremen Einstellungen machen deutlich, dass es den Lösungsweg aus den fehlgeleiteten politischen Orientierungen nicht gibt; aber auch, "dass der Dissens oder die Übereinstimmung zwischen Eltern und Jugendlichen in ihren politischen Einstellungen ein wichtiger Faktor dafür ist, ob und wie Eltern gegenüber ihren Kindern intervenieren". Die Ergebnisse der Studie zeigen eine Reihe von praktischen Konsequenzen für die pädagogische Arbeit mit Familien von rechtsextremistischen Jugendlichen auf. Deshalb kann die Untersuchung auch für Lehrerinnen, Lehrer, Sozialarbeiter, Institutionen und Initiativen Anhaltspunkte dafür liefern, wie aus dem Zuschauen oder gar Wegschauen ein aktives und professionelles Wahrnehmen, Beraten und Helfen werden kann.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.02.2008 zu: Reiner Becker: Ein normales Familienleben. Interaktion und Kommunikation zwischen „rechten“ Jugendlichen und ihren Eltern. Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2008. ISBN 978-3-89974-380-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5881.php, Datum des Zugriffs 25.06.2017.


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