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Katharina Meng, Jochen Rehbein (Hrsg.): Kindliche Kommunikation (Mehrsprachigkeit)

Cover Katharina Meng, Jochen Rehbein (Hrsg.): Kindliche Kommunikation. Einsprachig und mehrsprachig. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2007. 466 Seiten. ISBN 978-3-8309-1188-3. 29,90 EUR.

Reihe: Mehrsprachigkeit - Band 1.
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Thema und Entstehungshintergrund

Der Spracherwerb ist ein faszinierender und immer aktueller Wissenschaftszweig, der auch eine praktische Relevanz für die pädagogische Praxis hat. Der Band "Kindliche Kommunikation" ist eine Sammlung von Texten zur Sprachentwicklung bei ein- und mehrsprachig aufwachsenden Kindern. Sprachentwicklung bzw. Spracherwerb wird dabei als ein aktiver Prozess der Aneignung sprachlichen Handelns in Kommunikationssituationen verstanden. So stehen dabei weniger formale Aspekte (Grammatik) im Mittelpunkt, sondern die in Handlungszusammenhänge eingebettete Sprache als Kommunikationsmittel. Die menschliche Sprachfähigkeit wird in diesem Buch als grundsätzlich mehrsprachig dargestellt: ein Kind kann demnach eine Kompetenz in mehreren Sprachen ausbauen, wenn es in einer mehrsprachigen Konstellation aufwächst. Die Aufsätze in diesem Sammelband setzen sich mit der Entwicklung der sprachlichen Funktionen vor allem im Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit auseinander. Die Themen, die in den Aufsätzen behandelt werden, umfassen u.a. das Vorlesen und das Erzählen als Grundlage für die schulische Texthabitualisierung.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in drei Teile untergliedert. Vorangestellt ist zudem ein in die Thematik der Forschung zur kindlichen Kommunikation einführender Beitrag der Herausgeber Jochen Rehbein und Katharina Meng.

  1. Lev Vygotskij
  2. Handeln mit Sprache in Phantasie und Wirklichkeit
  3. Kindliche Kommunikation, zweisprachig

Im Zentrum des ersten Teils steht der Text "Zur Frage nach der Mehrsprachigkeit im kindlichen Alter" von Lev Vygotskij aus dem Jahr 1928-29 im russischen Original sowie in einer Übersetzung ins Deutsche von Eva Goldfuß-Siedl und Katharina Meng. Daran schließt sich ein Kommentar von Katharina Meng, Ekaterina Protassova & Eva Goldfuß-Siedl mit dem Titel "Handeln mit Sprache in Phantasie und Wirklichkeit" an, in dem die Entstehungshintergründe skizziert und Prinzipien, die bei der Übersetzung berücksichtigt wurden, dargelegt werden.
Der Text von Vygotskij bietet zum einen eine Übersicht über die frühe Mehrsprachigkeitsforschung bis zu den späten 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts.
Darüber hinaus formuliert Vygotskij aber auch Forschungsdesiderate, die bis heute noch aktuell sind: So warnt er vor vorschnellen Verallgemeinerungen bei der Diskussion um frühe Mehrsprachigkeit und fordert unter anderem die Berücksichtigung aller sozialen Faktoren statt sich auf ausschließlich psychologische Effekte zu beschränken. Zudem lenkt er die Aufmerksamkeit auf die Abhängigkeit der kognitiven Entwicklung von der sprachlichen.

Die Beiträge im zweiten Teil des Buches beschäftigen sich mit unterschiedlichen Aspekten kindlicher Kommunikation bei einsprachigen Kindern.

  • So geht es im Beitrag von Kerstin Hommel & Katharina Meng "Thematisieren – bildabhängig oder bildunabhängig?" um Interaktionsstrategien von Müttern beim Vorlesen mit und ohne Bildvorlage. Die Autorinnen stellen fest, dass sich diese Situationen nur geringfügig unterscheiden. In beiden Fällen stellen die Mütter Diskursgegenstände, d.h. Handlungen und Ereignisse sprachlich und visuell wahrnehmbar dar. 
  • Barbara Braun untersucht in ihrem Beitrag "Gemeinsam ein Bilderbuch lesen – Vermitteln und Aneignen in der Kommunikation von Mutter und Kind" die Mutter-Kind-Interaktion bei der gemeinsamen Bilderbuchbetrachtung. Dabei geht sie der Frage nach, welche spezifischen Interaktionsformen und welche Vermittlungsstrategien besonders geeignet sind, die Aufmerksamkeit des Kindes zu steigern, das Kind aktiv in den Prozess einzubeziehen und so insgesamt die Grundlage für eine spätere Motivation zum Lesen zu legen.
  • Dagmar Wolf, Dietrich Boueke & Frieder Schülein behandeln in ihrem Aufsatz "Erzählen nach Bildergeschichten und "freies Erzählen" – Ein Vergleich von Kindertexten aus der Vor- und Grundschulzeit" die Entwicklung der Erzählfähigkeit bei Kindern im Alter von 5, 7 und 9 Jahren. Dabei können sie aufgrund des von den Autoren entwickelten Geschichtenschemas zeigen, wie sich die Erzählfähigkeit in verschiedenen Etappen entwickelt. Bei den Strategien, mit denen Kinder die Erzählungen strukturieren, finden sie viele Gemeinsamkeiten zwischen bildgeleiteten und bildunabhängigen Erzählsituationen.
  • Josef Schu untersucht in seinem Beitrag "Diskursthemawechsel – Eine Fallstudie zu Kind-Erwachsenen-Dialogen", wie ein Kind den Wechsel von Gesprächsthemen markiert. Dabei gelangt er zum Schluss, dass Kinder bereits mit 8-10 Jahren im Prinzip die gleichen Übergangssignale beim Themenwechsel nutzen wie Erwachsene.
  • Anhand von ausgewählten Erzählpassagen zeigen Ines Bose & Norbert Gutenberg im Aufsatz ""Es war einmal ein Drach" – Zum Sprechstil des Erzählens von Erwachsenen und Kindern", dass Vorlesen und Erzählen als eine Mischung aus an kindertümelndem Sprechen Erwachsener zu Kindern (baby talk) und einem speziellen Märchenton aufgefasst werden kann. Es werden ferner die Vorzüge des verwendeten Transkriptionsverfahrens HAN (Hermeneutisch-analytische Notation) aufgezeigt.
  • Im Beitrag "Und wo sind die Hände? Beobachtungen zur Funktion von Rückfragen bei der Erziehung und Wissensvermittlung im Kindergarten" stellt Barbara Kraft fest, dass Rückfragen von Erzieherinnen im Dialog mit Kindern hauptsächlich zwei Funktionen übernehmen: Zum einen erfüllen sie den Zweck der Ermahnung, zum anderen kann die Erzieherin damit den Lernprozess beim Kind unterstützen. Diese beiden Fragearten unterscheiden sich damit von der Informationsfrage, mit dem der Fragende ein Wissensdefizit ausgleichen will.
  • Birgit Hodske, Ulrike Pahl & Hans Strohner gehen in ihrem Aufsatz "Weil"s genau das Gegenteil ist – Über das Ironieverstehen von Kindern" der Frage nach, in welchem Alter Kinder ein erstes Ironieverständnis erwerben und in welchen Schritten dies erfolgt. Anhand von fünf Kindern im Alter zwischen 6 und 12 Jahren stellen sie fest, dass das Ironieverständnis bei 6- und 7-jährigen nur rudimentär vorhanden ist, während die 10- und 12-Jährigen alle ironischen Äußerungen in der Untersuchung verstehen konnten. Das Ironieverständnis entwickelt sich dabei insgesamt früher als die Fähigkeit, selbst ironische Äußerungen anzuwenden.
  • Im Aufsatz "Interjektionen im Unterrichtsdiskurs" untersucht Janie No‘lle Rasoloson, wie Schüler und Lehrer Interjektionen im schulischen Unterricht der Klassen 6 und 7 gebrauchen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Interjektion Oh, die für die Schüler je nach Intonation andere Funktionen übernimmt, darunter den Ausdruck der erfolgreichen Lösung einer Aufgabe oder den Protest gegen eine Aufgabenstellung.

Der dritte Teil des Buchs ist der mehrsprachigen kindlichen Kommunikation gewidmet.

    Ekaterina Protassova zeigt in ihrem Beitrag "Sprachkorrosion: Veränderungen des Russischen bei russischsprachigen Erwachsenen und Kindern in Deutschland", welche auf den Einfluss der deutschen Sprache zurückzuführenden Veränderungen das Russisch der Russlanddeutschen aufweist. Dabei beobachtet die Autorin sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern Entlehnungen und Übernahmen aus dem Deutschen wie auch die Gestaltung russischer Äußerungen nach Modellen des Deutschen.
  • Beim Aufsatz ""Du sollst baqal-e baba kommen, nicht er …!" Zum Sprachwechsel in einer persisch-deutschen Familie" beschreibt Karin Afshar die Funktionen, die Sprachwechsel innerhalb einer bilingualen Familie übernehmen, in der sich Persisch als schwächere Sprache der Kinder nicht als Kommunikationssprache etablieren kann. Ein Schwerpunkt der Analyse liegt auf der Betrachtung der Funktionen, die Sprachwechsel für den persischstämmigen Vater übernehmen.
  • Wilhelm Grießhaber untersucht in seinem Beitrag ""und wir faren in die andere seite" – Der Gebrauch lokaler Präpositionen durch türkische Grundschulkinder" die Gründe dafür, dass türkischsprachige Schüler Schwierigkeiten im Gebrauch von Präpositionen haben. Dabei zeigt er die Unterschiede zwischen Ortsangaben im Türkischen und Deutschen auf, die seines Erachtens Ursache für die beobachteten Fehler sind.
  • Im letzten Beitrag des Bandes, "Erzählen in zwei Sprachen – auf Anforderung" schildert Jochen Rehbein ein Verfahren zur Sprachstandseinschätzung von Mehrsprachigkeit. Dieses basiert auf der Messung der Erzählkompetenz eines Kindes in zwei Sprachen (Deutsch und Türkisch), wobei die Kompetenzen in beiden Sprachen zueinander in Bezug gesetzt werden.

Diskussion

Die fachlich fundierten und empirisch untermauerten Beiträge in diesem Sammelband illustrieren eine Vielfalt von Aspekten der Sprachentwicklung vor dem Hintergrund der Einbettung in institutionelle Zusammenhänge. Berücksichtigt werden bei diesen Institutionen vor allem die Familie, der Kindergarten und die Schule. Ein- und Mehrsprachigkeit finden gleichermaßen Berücksichtigung: Während der Schwerpunkt im zweiten Teil auf Kindern und Erwachsenen mit Deutsch als dominanter Sprache liegt, werden im dritten Teil Kinder betrachtet, die Deutsch gleichzeitig mit oder nach einer anderen Sprache erlernen.

Die meisten Beiträge in diesem Band basieren ihre Untersuchung der Entwicklung der Sprachfunktionen auf empirischen Erhebungen. Die den Beiträgen zugrunde liegenden Erhebungsmethoden sind unterschiedlicher Natur: Sie reichen von der Aufzeichnung von alltäglicher kindlicher Kommunikation über thematisch gesteuerte Gespräche bis zur Untersuchung des Ironieverständnisses durch die Beantwortung standardisierter Fragen. So wird ein breites Spektrum an unterschiedlichen Untersuchungsmethoden geboten. Zuweilen beschränken sich jedoch einige Autoren auf Einzelfallanalysen, die eine Verallgemeinerung der gewonnenen Erkenntnisse erschweren.

Zielgruppe des Buches ist vor allem das sprachwissenschaftlich interessierte Fachpublikum: Bei allen Texten steht stets die Wissenschaftlichkeit im Vordergrund, den Autoren geht es in erster Linie darum, die Prozesse bei der Aneignung sprachlichen Wissens zu beschreiben und zu erklären. Didaktische oder methodische Schlussfolgerungen, von denen die pädagogische Arbeit in Kindertagesstätten und Schulen profitieren könnte, sind nicht beabsichtigt und fehlen daher. Berücksichtigt wird jedoch die Rolle des institutionellen Rahmens, in dem sich der Sprachaneignungsprozess vollzieht.

Fazit

Die Stärke des Sammelbandes ist die breite Fächerung in den inhaltlichen Schwerpunkten, die theoretische Fundierung der Beiträge sowie die Orientierung an praxisrelevanten Fragestellungen. Insgesamt bietet der Band einen guten Einblick in kommunikative Aspekte des Spracherwerbs.


Rezensent
Vytautas Lemke


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Zitiervorschlag
Vytautas Lemke. Rezension vom 02.06.2008 zu: Katharina Meng, Jochen Rehbein (Hrsg.): Kindliche Kommunikation. Einsprachig und mehrsprachig. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2007. ISBN 978-3-8309-1188-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5891.php, Datum des Zugriffs 17.11.2019.


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