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Valentin Rauer: Die öffentliche Dimension der Integration

Cover Valentin Rauer: Die öffentliche Dimension der Integration. Migrationspolitische Diskurse türkischer Dachverbände in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2007. 295 Seiten. ISBN 978-3-89942-801-8. 28,80 EUR, CH: 47,00 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Thema und Zielsetzung

Bis auf die ersten Jahre ihrer Anwerbung seit 1961 kann man die Selbstorganisation türkeistämmiger Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland zurückverfolgen. In den 1960er-Jahren entstanden die ersten türkischen Arbeitervereine; im nächsten Jahrzehnt differenzierte sich die Organisationslandschaft aufgrund der unterschiedlicher werdenden Sozialstruktur der eingewanderten Türken/innen aus; es entstanden mehr Einrichtungen mit religiöser Ausrichtung und türkische Dachverbände. Die Entwicklungen der 1980er-Jahre waren im Zeichen der Interessenvertretungen auf regionaler und überregionaler Ebene, es entstanden türkische Sportvereine, türkische Vereine in den Bereichen Kultur, Sozialdienste und Freizeit, Frauen- und Jugendvereine, Elternvereine und -initiativen. Bei den Organisationen erfolgten eine funktionale Binnendifferenzierung und eine verstärkte inhaltliche Hinwendung von politischen zu Dienstleistungs- und Interessenorganisationen. In den 1990er-Jahren dauerte die funktionale Differenzierung fort; politische und soziale Themen in Deutschland rückten immer mehr in den Mittelpunkt der Arbeit türkischer Dachverbände. Somit wurden sie medial immer mehr präsent und versuchten auf die verschiedenen Felder der Migrationspolitik in Deutschland Einfluss zu nehmen.

Wie der Untertitel der vorliegenden Studie andeutet, wendet sie sich den medialen Repräsentationen türkischer Dachverbände in Deutschland zu und analysiert "die öffentlichen Forderungen und Kommentare zweier Dachverbände in bundesdeutschen Printmedien für den Zeitraum von 1995 bis 2004", um aufzuzeigen, "wie sich die Bundesrepublik Deutschland zunehmend als Einwanderungsland konstituiert" (S. 8). Die Studie "versucht zudem, durch eine theoretische Reflexion eine der wesentlichen formativen Unterscheidungen im Feld der Migrationspolitik als auch in der sozialwissenschaftlichen Beobachtung aufzuweisen, nämlich die zwischen einer additiven vs. einer exklusiven Konstruktion von Alter-Ego-Verhältnissen." (rückwärtiges Deckblatt)

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Dissertation an der Universität Konstanz aus dem Jahr 2006.

Autor

Dr. Valentin Rauer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB "Norm und Symbol" an der Universität Konstanz. Seit 2007 leitet er dort ein Projekt im Exzellenzcluster "Kulturelle Grundlagen von Integration" zum Thema Bindestrich-Identitäten. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kultursoziologie, Migration und Öffentlichkeit (S. 2).

Aufbau

Abgesehen von der Einleitung, in der Rauer die wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Hintergründe des Migrationsdiskurses und die Struktur seiner Arbeit skizziert, besteht die Arbeit aus zwei Teilen, die je vier Kapitel enthalten. An das letzte Kapitel knüpft eine Zusammenfassung.

Teil 1: Theoretische Voraussetzungen und Forschungsstand

  • Im ersten Kapitel werden neuere analytische Ansätze des Mehr- und Minderheitsdiskurses als Beobachtungsperspektiven unter der besonderen Berücksichtigung kollektiver Akteure in der medialen Öffentlichkeit ausführlich behandelt. Eingegangen wird ebenso auf den Forschungsstand, genauer auf die Studien zur medialen Repräsentation von Einwanderern in den Medien sowie zu ethnischen Vereinen und zivilgesellschaftlichem Engagement. Unter Methodologie werden ferner Diskursanalysen (Rahmenanalyse und "political claims analysis") thematisiert.
  • Im Kapitel 2 mit dem Titel Individualisierung werden zwei Konzepte vorgestellt, die Migrationsprozesse individualtheoretisch in den Blick nehmen. Dies ist einerseits "Der Fremde" bzw. die Fremdheit als Modernisierung (Robert Park) und als Anomalie in Folge stets drohender Marginalisierung (Alfred Schütz) und andererseits "der Ausländer" im Desintegrationsmodell, verbunden mit dem Namen Wilhelm Heitmeyer, oder im Assimilationsmodell (Milton Gordon und Hartmut Esser). Rauer diskutiert auch die drei Kritiken am Assimilationskonzept, die unter den Stichworten "Multikulturalismus", "Binnenintegration" sowie "New Assimilation" bekannt sind.
  • Unter der Überschrift Nationalisierung werden im Kapitel 3 ebenso zwei Konzepte vorgestellt, in deren Mittelpunkt die intersubjektiven kollektiven Vorstellungen stehen. Es geht einmal um die kollektive Identität als kulturelle Kodierung (Emile Durkheim). Sie tritt idealtypisch in drei unterschiedlichen Codes auf: primordial (Identität über den Code einer biologischen Verwandtschaft, als Abstammungsgemeinschaft), traditionalistisch (Vertrautheit mit den implizierten Regeln und Routinen ist das entscheidende Zugehörigkeitskriterium) und universalistisch (getragen von missionarischen Utopien und monotheistischen Religionen). Das zweite Konzept betrifft die Ethnizität als kulturelle Kategorie (Clifford Geertz), als soziale Grenzziehung (Fredrik Barth) und als nationalisierte Minderheit (Richard Jenkins). Mit Ethnizität ist die Relation von zwei Kollektiven zueinander beschrieben. Dieses Konzept "befasst sich mit einem Ego in Relation zu seinem Außen als Alter. Alter wird als Umwelt oder in Gestalt eines fremden Individuums wahrgenommen. … Bei Ethnizität wird . grundsätzlich nach der sozialen Grenzziehung von mindestens zwei Kollektiven Identitätsformen gefragt. Wer von diesen beiden Gruppen als Ego oder Alter gilt, ist von den jeweiligen Beobachtungsperspektiven abhängig." (S. 89)
  • Das vierte Kapitel behandelt unter Universalisierung die objektivierten sozialen Formen. Das erste Konzept betrifft das "System: funktionale In- und Exklusion statt Multikultur". Der Verfasser stellt fest, dass die Systemtheorie in der Migrationssoziologie kaum Beachtung findet und führt zunächst kurz in deren Grundannahmen unter Bezugnahme auf Luhmann ein, bevor er auf "Inklusion statt Integration" und "Migranten in der Systemtheorie" eingeht. Das zweite Konzept thematisiert den "Raum: Transnationalität statt Her- und Ankunftsgesellschaft".

Teil II: Die Verbände in den Medien

  • Rauer beschreibt im fünften Kapitel die Methodik. Er geht zunächst auf die von ihm gewählten Verbände und Medien ein. Er hat als Dachverbände folgende drei türkische Interessenverbände gewählt: "Türkischer Bund Berlin-Brandenburg", "Türkische Gemeinde in Berlin" und "Türkische Gemeinde in Deutschland". Nach der kurzen Vorstellung dieser Verbände geht er auf die Daten und Kodierung ein. Als wesentliche methodische biases erläutert er die Artikelwahl für die Analyse der medialen Nennungen dieser Verbände, dann die Zeitungswahl (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, DIE WELT und die tageszeitung) und zuletzt die computergestützte Kodierung mit Unterstützung von MAX.QDA.
  • Unter dem Titel Mediale Präsenz der Verbände werden im sechsten Kapitel die Ergebnisse der Analysen vorgestellt. Analysiert wurden insgesamt 811 Artikel, in denen im Zeitraum 01.01.1995 bis 31.12.2004 einer der drei Verbände in den genannten Zeitungen genannt wurde. Auffällig ist einerseits die Stetigkeit der medialen Aufmerksamkeit und zum anderen die außerordentliche Häufigkeit im Jahr 1999, bedingt durch aktuelle Ereignisse (Erdbeben in der Türkei sowie die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts in Deutschland). Vergleichende Dimensionen zeigen, dass es einerseits keine politischen Vorlieben für einen oder anderen Verband gibt und andererseits die tageszeitung im Gegensatz zu den anderen Zeitungen wesentlich häufiger berichtet.
  • Im siebten Kapitel werden Migrationspolitische Forderungen oder "Kriterien und Kommentare" im Hinblick auf die wesentlichen Diskursfelder Staatsbürgerschaft, Islam und Integration analysiert. Am Ende des Kapitels werden folgende vier wesentlichen inhaltlichen Ergebnisse zusammenfassend formuliert (S. 184f.): 1. "Die untersuchten türkischen Dachverbände nehmen während des Untersuchungszeitraums im medialen Diskurs zu Einwanderungsfragen eine legitime und kontinuierliche Sprecherposition ein." 2. "Im Zuge des Wandels der Einwanderungspolitik um das Jahr 1998 haben die Verbände einen maßgeblichen Anteil an der Etablierung eines für Deutschland neuen Diskursfeldes: der "Integrationspolitik"", vor allem bezogen auf die sozialstrukturelle Dimension von Integration. 3. Den Verbänden gelingt es, "eine eigensinnige Rahmungsweise in den Medien zu platzieren. Dabei etablieren sie eine symbolische Bedeutung von "Integration", in der nicht die sozialstrukturellen Ressourcen, sondern eine neue Form von kollektiver Grenzüberschreitung im Zentrum steht. Implizit unterscheiden die Verbände also zwei Bedeutungen von "Integration": einerseits individuelle Inklusion und andererseits kollektive Transgression." 4. Die Verbände setzen sich auch mit den Islam betreffenden Fragen auseinander.
  • Im achten Kapitel geht es um Diskurstheoretische Deutung: Ego-Alter-Relationen. Hier diskutiert der Verfasser die Interpretationen anhand der theoretischen Perspektiven Individualisierung, Nationalisierung und Universalisierung jeweils bezogen auf die drei Diskurse Integration, Staatbürgerschaft und Islam. Im Hinblick auf die individualisierenden Konzepte gilt "additiv statt exklusiv" (S. 195). Denn allen drei Diskursen liegt eine gemeinsame Unterscheidungslogik von Ego-Alter zugrunde. "Nicht "entweder Deutsche" als Ego "oder Einwanderer" als Alter bestimmen die Logik der Verbandspräsentationen in den deutschen Medien, sondern "sowohl Deutsche" "als auch Einwanderer" als Ego." (S. 203). Für die Ansätze zur Konstruktion kollektiver Identitäten und Ethnizitäten gilt: "additiv und exklusiv" (S. 204), also wechselseitige Exklusivität von Ego-Alter-Relationen. Die beiden universalistischen Konzepte sind dahingegen durch exklusive und additive Relationen zwischen Ego und Alter gekennzeichnet. (S. 220)
  • Wie der Titel Zusammenfassung bereits verdeutlicht, fasst der Autor auf knapp zwei Seiten die Inhalte der vorhergehenden Kapitel zusammen.

Es folgen dann ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Tabellenverzeichnis, eine Seite mit Abkürzungen sowie ein Anhang mit acht Tabellen und eine Danksagung.

Zielgruppen

Zielgruppen des folgenden Buches sind in erster Linie Personen, die an den Hochschulen tätig und an dem Thema theoretisch und wissenschaftlich interessiert sind. Das Buch kann zwar Politiker/innen empfohlen werden, weil es auch recht übersichtliche migrationspolitische Forderungen enthält. Aufgrund der größtenteils sehr wissenschaftlichen Fachsprache ist das Buch für andere Gruppen als wissenschaftlich interessierte doch teilweise schwer zugänglich.

Fazit

Das Buch enthält einen sehr guten Überblick zu den Migrationsdiskursen der türkischen Dachverbände in Deutschland seit 1994. Dass in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt durch die Bemühungen der Eliten mit Migrationshintergrund und der Sprecher von Migrantenverbänden, die immer mehr als Teil der deutschen Gesellschaft ihre Vorstellungen auf Podien und in den Medien artikulierten und dadurch versuchten, Einfluss auf die Integrationspolitik zu nehmen, ein Paradigmenwechsel von der Ausländer- zur Integrationspolitik stattgefunden hat, ist kaum zu streiten. Doch eine solche Art der Untersuchung in der Migrationsforschung wie die vorliegende, ist neu und füllt deshalb hier sicherlich eine Lücke. Zudem sind die Diskussion der theoretischen Ansätze, die gewählte Systematisierung, die zusätzlich zu üblichen Unterscheidungen in Mikro-, Meso- und Makroansätze die jeweiligen epistemologischen Grundlagen ("Beobachtungsperspektiven") herausarbeitet, und die theoretische Reflexion und Analysen hervorragend gelungen. Personen, die an dem Thema theoretisch und wissenschaftlich interessiert sind, kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 09.04.2008 zu: Valentin Rauer: Die öffentliche Dimension der Integration. Migrationspolitische Diskurse türkischer Dachverbände in Deutschland. transcript (Bielefeld) 2007. ISBN 978-3-89942-801-8. Reihe: Kultur und soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5899.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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