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Arnd Zschiesche: Ein positives Vorurteil Deutschland gegenüber

Cover Arnd Zschiesche: Ein positives Vorurteil Deutschland gegenüber. Mercedes-Benz als Gestaltsystem. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. 413 Seiten. ISBN 978-3-8258-0904-1. 44,90 EUR, CH: 69,90 sFr.

Reihe: Spuren der Wirklichkeit - Band 23.
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Thema

Gebrauchswert pur? Oder: Was macht ein Buch über Autos bei socialnet? Der Untertitel machte den Referenten neugierig: Mercedes-Benz als Gestaltsystem. Gestaltpsychologie: die Gesetze der Nähe, der guten Gestalt, Figur-Hintergrund-Verhältnis, Ganzheit als ordnender Faktor, der den Teilen das Verhältnis und die Form zum Ganzen vorschreibt -Geschlossenheit, Stabilität, um nur einige zu nennen. Und das nun auch beim Automobil ? Und wenn ja: wie? Und dazu: Deutschland. Und: Positives Vorurteil.

Inhalt

Die Lektüre war spannend. Spannend, weil hier einmal ein langlebiges, bekanntes, umstrittenes und gleichzeitig bewundertes Industrieprodukt über den Verlauf von mehreren Jahrzehnten in Beziehung gesetzt und gesehen wird zur Geschichte der Industrialisierung Deutschland seit Beginn des 19. Jahrhunderts und auch zur Geschichte der Images, die durch die in Deutschland hergestellten (und in gewisser Weise tatsächlich „deutschen“ ) Industrieprodukte in die Welt hinausgetragen wurden und sich verfestigt haben.

An den Beispielen der Siemens-Messmer-Birne, der Kruppschen „Dicken Berta“, der Medikamente von Bayer und Hoechst, der deutschen Elektroindustrie macht der Autor deutlich, wie der Ruf der Qualität Made in Germany entstand und sich, trotz englischem Protektionismus und Weltkrieg I erhielt und verbreitete. Und welche Rolle dabei der Automobilbau spielte, eben um die drei süddeutschen Tüftler und Erfinder Benz, Maybach und Daimler. Sowohl der individuelle Entwicklungsgang der drei als auch die Geschichte ihrer wachsenden Verbindungen und Verbindlichkeiten wird ausführlich dargestellt, bevor der Autor im Hauptteil dann sich „dem Mercedes“ zuwendet.

Sowohl aus der Geschichte der Rennautos, der Kutsche als auch dem des pferdelosen Wagens holt der Autor die Stränge, die sich dann im Personenkraftwagen zur Marke und Gestalt verdichteten. Dabei geht Zschiesche auf die Einflüsse, die Soziologie, Morphologie und Bioästhetik auf die Entstehung der Marke Mercedes haben, ebenso ein wie auf die qualifizierte Käuferschaft in den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Mercedes bot sich eben nicht nur als Fortbewegung, sondern als gediegen aber nicht langweilige Marke, die ihre Sportlichkeit durch erfolgreiche Teilnahme an Autorennen unter Beweis stellte, aber auch als staatstragende Instanz, die für Sicherheit und Eleganz stand, den gehobenen Käuferschichten an.

Im Mittelteil des Buches führt der Autor uns durch die Jahre der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus einerseits, andererseits erfährt der geneigte Leser die Fortschritte , die die Marke vorantreibt: Großserienmodelle (170 V als erster), erster Diesel-Pkw, Mercedes 260 D als das meistgefahrene Taxi in Deutschland.

Am Beispiel Taxi zeigt sich, dies sei vorweggenommen, auch ein gewisser Verfall der Marke: Galt am Anfang das Prinzip: Jedes Taxi mit Stern ist ein Werbeträger, jeder Fahrer ein Imagemultiplikator, jeder Fahrgast macht eine Probefahrt – so hat sich Mercedes in diesem Jahr durch überteuerte Preise für die Taxen das Geschäft selber verdorben und Stuttgarts Taxifahrer verhalten sich deutlich reservierter als bisher (Stuttgarter Nachrichten,10. Januar 2009,S.13)

Gleichzeitig verweist der Autor auch auf die Faszination der Marke, die durch die Faszination der nationalsozialistischen Masseninszenierungen weit über Deutschland und weit über die Zeit des Dritten Reiches hinaus Bestand hatte – Beispiel Führermercedes. Eher peinlich in heutiger Zeit dagegen das Papamobil – auch dies ein Mercedes, aber das gehört wohl schon in die Zeit, als die Marke durch zu viel Diversifizierung in Gefahr stand, ihre Ganzheitliche Gestalt durch eine zu breite Modellpalette zu verlieren: A-Klasse, Smart, G-Klasse (SUV für Amerika) – Zschiesche nennt diese neuen Modelle seinem Grundgedanken folgend denn auch Gestaltbrüche, weil sie so weit aus dem Rahmen der Möglichkeiten der Kohärenz der Gestalt fallen, dass der Zusammenhang zu den Mainstream-Gestalten fast verloren geht – Verlust der Selbstähnlichkeit nennt er es. Aufgewogen werden diese Gestaltbrüche teilweise durch die immer auch vorhandene Tradition der Marke, technische Innovationen initiativ herbeizuführen und,wo möglich, als erste in Serie einzubauen, wobei immer die Premiumklasse vorangeht, die „kleinen Brüder“ beim nächsten Modellwechsel auch ihren Teil davon abbekommen und so auch der „normalere“ Kunde profitiert.

Das Engagement der weltweiten Firma in anderen Sparten (Flugzeuge) und mit anderen Marken (Chrysler) wird vom Autor unter dem Gesichtspunkt der Markentreue mit sich selbst, der Selbstidentität sozusagen, kritisch gesehen, bevor er im 6. Kapitel das Verhältnis von Positivem Vorurteil einem Produkt gegenüber zum Positiven Vorurteil Deutschlands gegenüber erläutert und ausführt. Zschiesche geht von den Stereotypen, die Völker gegenüber anderen hegen, aus, und hebt jetzt einmal nicht die gängigen negativ besetzten Vor-Urteile hervor, sondern die positiv konnotierten, die beim Begriff Deutschland fallen. Er arbeitet den Zusammenhang zwischen den Eigenschaften deutscher Produkte und den Vorurteilen, auf die der deutsche Charakter trifft, heraus, wie ihn sich dann auch gleich die Werbung zu Nutze machte: Opel-Reklame: „In Wimbledon hat Steffi Graf …bewiesen: Zuverlässigkeit, ausgefeilte Technik und Präzision führen zu den größten Erfolgen. Wir von Opel denken nicht anders.“ (Opel-Reklame von 1988, Zschiesche Seite 319). Schaffensdrang, Gründlichkeit, Ordnungsliebe, Fleiß, Ordnung, Solidität, Langlebigkeit – sind die Eigenschaften, die (unter anderem) auch in die Entwürfe und die Produktion von Autos eingehen. Nicht zufällig die Koinzidenz von schwäbischem Fleiß, schwäbischer Mentalität und den Konnotationen, die Schwaben und Mercedes-Autos beschreiben, wie der Autor gerne und weiträumig ausführt.

Anhand weiterer Resonanzfelder belegt der Autor, wie sich Eigenheiten des deutschen Selbstverständnisses im kulturellen Bereich auch in den Produkten der Firma Daimler-Benz wiederfinden lassen, so beispielsweise am deutschen Verständnis des Hauses als Rückzugspunkt, der dazugehörigen Haustür und analog dazu die Sorgfalt, mit der bei einem Daimler Wert auf den satten Klang der zuschlagenden Tür gelegt wird – ein immer aktuelles Thema, bei jedem neuen Modell erneut Gegenstand ausführlichen Tüftelns. Technische Kompetenz und Sicherheitsdenken, als weitere Beispiele, sind nicht nur gerne gehörte positive Vorurteile Deutschen gegenüber, sondern sollen auch im Assoziationsfeld Mercedes eine herausragende Rolle spielen. An weiteren Beispielen veranschaulicht der Autor diese sich gegenseitig bestätigenden Vorgaben und/oder Ziele.

Fazit

Ergebnis: Wer einen Blick bekommen möchte für die Determinanten von Industrieprodukten, deren Design und deren Aufstieg, Verbleib oder Verfall auf dem Markt im Verhältnis zur Produktionsatmosphäre und dem kulturellen Hintergrund sowie der Wechselwirkung dieser Elemente ist hier gut beraten. Zugleich ist es eine kurze Geschichte der Industrialisierung Deutschlands in Kernkompetenzen und eine ausführliche Darstellung der Firma Daimler-Benz von den Anfängen bis zur Gegenwart mit detailreichen Ausführungen, die auch für Technik-Muffel anregend zu lesen und zu verstehen sind. Bei der Lektüre wird verständlich, warum ein Citröen keine deutsche Staatskarosse werden konnte, der Phaeton VW nicht aus den roten Zahlen führt, eine Alessi-Kanne nichts beim Hochzeitsschmaus zu suchen hat. Der Preis ist zwar stolz, insofern zum Thema passend, aber, ebenso wie beim Daimler, über den Tag hinaus gut angelegt.


Rezensent
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 20.03.2009 zu: Arnd Zschiesche: Ein positives Vorurteil Deutschland gegenüber. Mercedes-Benz als Gestaltsystem. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2007. ISBN 978-3-8258-0904-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5904.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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