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Katja Grimm, Rainer Vock: Sozialpädagogik (berufliche Integrationsförderung) 1

Cover Katja Grimm, Rainer Vock: Sozialpädagogik in der beruflichen Integrationsförderung. Band 1. Anforderungen, Zielgruppenwahrnehmung, Rollendefinitionen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2007. 302 Seiten. ISBN 978-3-8309-1812-7. 29,90 EUR.
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Thema

Die berufliche Integration von Jugendlichen und jungen Heranwachsenden mit besonderem Förderbedarf ist seit Jahren gerade an der ersten Schwelle trotz unterschiedlicher staatlicher Interventionsstrategien und –formen problematisch. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Strukturbedingte Engpässe auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt, individuelle Defizite im Sozialverhalten der Jugendlichen sowie Lernbeeinträchtigungen spielen ebenso eine Rolle wie das Ausmaß, in dem sich die Betriebe an der Berufsausbildung Benachteiligter beteiligen. Mit erheblichen Finanzmitteln des Bundes, der Länder und der Arbeitslosenversicherung wird seit Jahren im Rahmen der öffentlichen Benachteiligtenförderung und Berufsvorbereitung anvisiert, den Übergang von Jugendlichen in Ausbildung zu stimulieren und Ausbildungslosigkeit zurückzudrängen. Der hierfür zugrunde liegende pädagogische Ansatz wird übergreifend als eine sozialpädagogisch orientierte Berufsausbildung bezeichnet. Dieses Konzept sieht vor, die Entwicklungs- und beruflichen Einmündungsprobleme der Gefördeten durch eine Kombination und Kooperation von Ausbildern, schulischen Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften zu bearbeiten.

Entstehungshintergrund

Mit dem Ziel, die berufliche Benachteiligtenförderung strukturell und qualitativ-inhaltlich weiter zu entwickeln und die Effizienz der vorhandenen Fördermaßnahmen zu steigern, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) von November 2001 bis Dezember 2006 das Programm "Kompetenzen fördern - Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf (BQF-Programm)" durchgeführt. Im Rahmen dieses Projekts wurde in den Jahren 2004 und 2005 eine Studie durch ein Forschungsteam der Universität Erfurt durchgeführt, die das Handlungsfeld der Sozialpädagogik in der Benachteiligtenförderung analysiert. Dabei steht die konkrete Arbeit der sozialpädagogischen Fachkräfte in den berufsvorbereitenden Maßnahmen, der außerbetrieblichen Berufsausbildung (BaE) und den ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH) im Zentrum. Die Ergebnisse dieser Studie werden im Hinblick auf die Anforderungen, Zielgruppenwahrnehmung und Rollendefinition der sozialpädagogischen Fachkräfte im vorliegenden Band 1 dargestellt. Ein weiterer Ergebnisbericht (Band 2) betrachtet die Handlungsansätze und aktuellen Entwicklungen (Manfred Eckert, Dietmar Heisler und Karin Nitschke: Das Handlungsfeld der Sozialpädagogik in der beruflichen Integrationsförderung. Handlungsansatze und aktuelle Entwicklungen. Waxmann Verlag, Münster/ New York/ Berlin/ München 2007 – Rezension in Vorbereitung).

Autoren

Katja Grimm ist Diplom-Pädagogin und war von 2004-2006 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt "Praxisfeld Sozialpädagogik in Berufsvorbereitung und Benachteiligtenförderung" an der Universität Erfurt tätig. Derzeit arbeitet sie bei einem Organisationsberatungs- und Bildungsunternehmen in der Entwicklung und Umsetzung von Projekten im Rahmen der beruflichen Bildung und zielgruppenspezifischen berufsbiografischen Beratung.

Dr. Rainer Vock ist Diplom-Politologe und verfügt über Forschungserfahrung in verschiedenen Politikfeldern. Seit 1986 arbeitet er in Forschung, Beratung und Evaluierung im Bereich der beruflichen Bildung und des Arbeitsmarktes.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in insgesamt 8 Kapitel.

  • Zunächst erhält der Leser einen ersten Einblick in die Ausgangslage und in den besonderen Beitrag der Sozialen Arbeit in der Benachteiligtenförderung. Die Autoren schreiten dann zügig zu ihrer eigenen Forschungsarbeit und referieren das methodische Design sowie den Aufbau der Studie. Die Datenbasis umfasst qualitativ angelegte Interviews mit mehreren Akteuren der beruflichen Integrationsförderung aus insgesamt zwölf Erhebungsregionen: Sozialpädagogen, Vertretern von Bildungsträgern, Arbeitsagenturen und Praxisbetrieben. Infolge der Einführung der Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen (BvB) ab dem Ausbildungsjahr 2004/2005 und der Ablösung der bis dahin geltenden Maßnahmestruktur (tip, G-Lehrgang, BBE, Förderlehrgang) wurden zusätzliche Interviews mit Bildungsbegleitern "nach-erhoben". Zu diesen Interviewdaten werden zur Beantwortung der Fragestellung ergänzende Veröffentlichungen, insbesondere Verwaltungsvorschriften und Handlungsanweisungen der Bundesagentur für Arbeit aus den vergangenen Jahren, herangezogen.
  • Um dem Leser das Verständnis des Handlungsfeldes von "Sozialer Arbeit" in der beruflichen Integrationsförderung nahe zu bringen, werden in Kapitel 2 einige Grundlinien der Sozialen Arbeit als Profession nachgezeichnet. Hier kommen neben Anmerkungen zur Ausbildung und dem Arbeitsmarkt für sozialpädagogische Fachkräfte einige im Fachdiskurs wiederholt auftauchende Ambivalenzen wie z.B. das "doppelte Mandat" und das Rollen- bzw. Machtverhältnis der Sozialpädagogen zu ihren Klienten zu Wort. Schließlich werden auch einige wichtige disziplinäre und professionelle Handlungsbedingungen der Sozialen Arbeit dargelegt, die im konkreten Arbeitsfeld der beruflichen Integrationsförderung an der ersten Schwelle Relevanz besitzen.

Von Kapitel 3 bis Kapitel 7 referieren die Autoren mit großer Sorgfalt die Befunde ihrer empirischen Arbeit.

  • Mit einer Erörterung der strukturellen Handlungsbedingungen der Sozialen Arbeit in der beruflichen Integrationsförderung, die außerhalb des Einflusses der Akteure liegen, aber gleichsam für ihre Arbeit das Anforderungsfeld abstecken, wird begonnen. Hierbei werden folgende Faktoren besonders beachtet:
    • das Übergangsproblem von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung, insbesondere die konkrete regionale Arbeitsmarktsituation,
    • die regionalen Unterschiede der Integrationsbedingungen,
    • die "Landschaft" der an der Förderung beteiligten Bildungsträger,
    • Art und Zusammensetzung des Ausbildungs- und Betreuungspersonals in den Fördermaßnahmen,
    • die organisatorischen Einsatzbedingungen der sozialpäsagogischen Fachkräfte.
  • Anhand des empirischen Materials zeigen die Autoren, dass bereits diese strukturellen Rahmenbedingungen einen erheblichen Einfluss auch auf die inhaltliche Seite der sozialpädagogischen Förderung ausüben.
  • Über diese allgemeinen Strukturbedingungen hinaus diskutieren die Autoren in Kapitel 4 anhand des zugrunde gelegten Datenmaterials weitere externe Anforderungen an sozialpädagogisches Handeln in Berufsvorbereitung und Benachteiligtenförderung, die sich aus dem Geflecht der dort vertretenen professionellen Akteure ergeben. Gemeint sind hier inhaltliche Maßgaben, Zwecksetzungen und Handlungsanweisungen, die sich z.B. in Form der einschlägigen Rechtsvorschriften des Sozialgesetzbuches und den Verwaltungsvorschriften der Bundesagentur für Arbeit zeigen. Aber auch der Einfluss auf sozialpädagogisches Handeln, der sich durch Praktikumsbetriebe bzw. potentielle Ausbildungsbetriebe, die Berufsschule oder die Eltern der Geförderten entfaltet, wird hier berücksichtigt.
  • In Kapitel 5 wird der Blick auf die Zielgruppe der Personen mit besonderem Förderbedarf gerichtet. Die Autoren haben ihre Studie so angelegt, dass die Zielgruppen aus der Perspektive der Berufsbildungs-, Jugend- und Sozialarbeitswissenschaft, der Arbeitsverwaltung und der sozialpädagogischen Praxis diskutiert werden können. Ein übersichtlicher Quervergleich der Zielgruppenwahrnehmung durch die Akteursgruppen rundet diesen Abschnitt ab.
  • Kapitel 6 widmet sich der Analyse des professionellen Selbstverständnisses der Sozialen Arbeit im beruflichen Handeln in Berufsvorbereitung und Benachteiligtenförderung unter dem Einfluss der zuvor diskutierten Rahmenbedingungen und Anforderungslagen, die während der konkreten sozialpädagogischen Arbeit von den Fachkräften zwangsläufig integriert werden müssen.
  • Ehe abschließende Schlussfolgerungen aus der Studie gezogen werden, diskutieren die Autoren in Kapitel 7 aufgrund der erhobenen Aussagen der unterschiedlichen Befragtengruppen schließlich zukünftige Praxisanforderungen und Bedingungen einer erfolgreichen Sozialen Arbeit auf der operativen Ebene.

Zielgruppen

Durch die empirische Herangehensweise und die ausführliche Darstellung der Untersuchungsbefunde richtet sich das Buch einerseits an Fachexperten aus dem Bereich der beruflichen Integrationsförderung. Andererseits ist es den Autoren gelungen, die Studienergebnisse konsequent in einen breiteren Diskussionszusammenhang zu verankern, so dass die Arbeit auch für all diejenigen empfehlenswert ist, die in der sozialpädagogisch orientierten Berufsvorbereitung und –ausbildung tätig oder an diesem Handlungsfeld interessiert sind.

Fazit

Über die Rolle der Sozialen Arbeit im Handlungsfeld von Berufsvorbereitung und Benachteiligtenförderung liegen bisher kaum empirisch gesicherte Informationen vor. Die vorliegende Untersuchung ist daher ein gelungener Beginn in der Absicht, diese Forschungslücke zu schließen und das Feld der sozialpädagogisch orientierten Berufsausbildung (und –vorbereitung) zu vermessen. Die Autoren entfalten einen breiten, fundierten und kompetenten Einblick in den Stellenwert und in die Notwendigkeit sozialpädagogischer Professionalität im Bereich der beruflichen Integrationsförderung.

Allerdings wären trotz des explizit geäußerten Anspruchs, mit dieser Untersuchung eine explorative Studie vorzulegen, höhere Fallzahlen bei einzelnen Interviewgruppen von Vorteil gewesen. Dies betrifft vor allem die Gruppe der befragten Bildungsbegleiter. Mit der Einführung des neuen Fachkonzepts Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (BvB) sind die Autoren offensichtlich noch während ihrer Forschungsarbeit von dieser wichtigen Reform überrascht worden. Letztendlich zeigt sich auch in diesem Umstand ein von den Autoren an mehreren Stellen ausgeführtes Charakteristikum, mit dem die Soziale Arbeit in diesem Handlungsfeld umgehen muss, nämlich die Schnelllebigkeit von Ansätzen, Programmen und Rahmenbedingungen.


Rezension von
Prof. Dr. Matthias Brungs
Duale Hochschule Baden-Württemberg - Villingen-Schwenningen - Fakultät für Sozialwesen


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zu Band 2.


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Zitiervorschlag
Matthias Brungs. Rezension vom 02.05.2008 zu: Katja Grimm, Rainer Vock: Sozialpädagogik in der beruflichen Integrationsförderung. Band 1. Anforderungen, Zielgruppenwahrnehmung, Rollendefinitionen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2007. ISBN 978-3-8309-1812-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5905.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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