socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stefanie Sauer: Die Zusammenarbeit von Pflegefamilie und Herkunftsfamilie [...]

Cover Stefanie Sauer: Die Zusammenarbeit von Pflegefamilie und Herkunftsfamilie in dauerhaften Pflegeverhältnissen. Widersprüche und Bewältigungsstrategien doppelter Elternschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 363 Seiten. ISBN 978-3-86649-124-3. D: 36,00 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 64,00 sFr.

Reihe: Rekonstruktive Forschung in der sozialen Arbeit - Band 5.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autorin

Stefanie Sauer ist Lehrbeauftragte der Alice-Salomon-Fachhochschule und Sozialarbeiterin beim Pflegekinderdienst in Berlin. Die vorliegende Arbeit wurde vom Institut für Erziehungswissenschaften der Fakultät I (Geisteswissenschaften) der Technischen Universität Berlin als Dissertation angenommen.

Thema

Bei der Unterbringung eines Kindes in einer Pflegfamilie treffen Menschen aus unterschiedlichen Lebenslagen und Milieus aufeinander. In der Regel haben diese widerstrebende Interessen und Erwartungen. Der Umgang zwischen Pflegekind und seinen Eltern sowie die Zusammenarbeit zwischen Pflegefamilie und Herkunftsfamilie sind dabei zentrale Themen. Die Vielschichtigkeit und die Problemlagen der Zusammenarbeit von Herkunfts- und Pflegefamilie werden in der pädagogischen und psychologischen Pflegekindforschung und Theoriebildung kaum entsprechend gewürdigt und empirisch untersucht.

Aufbau und Inhalt

Stefanie Sauer geht zu Beginn kurz auf gesetzliche Grundlagen und institutionelle Rahmenbedingungen ein und arbeitet das Spannungsfeld der strukturellen Widersprüche und konkurrierenden Interessen hinsichtlich der Kooperation von Pflege- und Herkunftsfamilie heraus. Im Beziehungsdreieck von Herkunftseltern, Pflegeeltern und Kind stoßen unterschiedliche Lebenserfahrungen, Kompetenzen, Vorurteile und Erwartungen aufeinander; alle Beteiligten erleben Rollenkonflikte. Zwei Konzepte bestimmen die Sichtweisen, das Selbstverständnis der Pflegefamilie sowie die fachliche Diskussion und beeinflussen die Zusammenarbeit zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie:

  1. das Verständnis der Pflegefamilie als Ersatzfamilie und
  2. das Verständnis als Ergänzungsfamilie.

Beide Ansätze werden von der Autorin vorgestellt und diskutiert.

Im Zentrum des Buches steht die Analyse der Zusammenarbeit zwischen Herkunftsfamilie und Pflegefamilie und die Interaktionseffekte, die aus dem Zusammenspiel der beiden Bereiche entstehen. Die Autorin wählt die Methode der fallrekonstruktiven Familienforschung. Dabei wird der Einzelfall in theoriebildender Absicht erschlossen. Als theoretischer Rahmen wird die sozialökologische Perspektive nach Bronfenbrenner, erweitert um interaktionistische und phänomenologisch-wissenssoziologische Theorien, gewählt. Bei der Interpretation werden auch, neben anderen empirischen Befunden, häufig die Erkenntnisse der Bindungsforschung heran gezogen.

Lilly Asumang (Namen anonymisiert), sechs Jahre alt, ist die Tochter der psychisch kranken Klara Asumang und des Ghanaers John Asumang, der als Asylbewerber nach Deutschland kam. Lilly wurde erstmals nach der Geburt als Kurzzeitpflegekind für acht Monate in der Pflegefamilie Lampe aufgenommen. Im Alter von zweieinhalb Jahren kam Lilly wieder in die Pflegefamilie Lampe zurück, zuerst wieder als Kurzzeitpflegekind; die Kurzzeitpflege wurde erst in eine auf zwei Jahre befristete Dauerpflege und später in einen unbefristete Dauerpflege umgewandelt. Die Pflegeeltern Dieter und Jutta Lampe nehmen regelmäßig Kurzzeitpflegekinder auf. Zur Familie gehören noch die erwachsene leibliche Tochter sowie ein weiteres Dauerpflegekind. Als Datenbasis dienten Interviews mit der Herkunftsmutter (der Vater lehnte ein Interview ab), den Pflegeeltern und den Pflegekindern sowie die teilnehmende Beobachtung eines Besuches der Herkunftsmutter in der Pflegefamilie.

Einfühlsam bearbeitet Stefanie Sauer Aussagen und Beobachtungen und verdichtet die Vermutungen zu begründeten Fallstrukturhypothesen. In den Genogrammanalysen sowohl der Herkunftsfamilie wie der Pflegefamilie werden deren biographischen Hintergründe deutlich. Auf Seiten der Pflegeeltern werden deren Selbstkonzept sowie die Motivation zur Aufnahme von Pflegekindern deutlich. Die Erwartungen und Bedürfnisse werden von den biographischen Erfahrungen mitbestimmt und beeinflussen das Gelingen oder Misslingen der Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie. Die Entwicklung des jeweiligen Rollenverständnisses und der Interaktion nach der Entscheidung für eine dauerhafte Unterbringung wird nachvollzogen.

Bei diesem Pflegeverhältnis, das von den Beteiligten als gelungen bewertet wird, wird die Konstituierung der Triade Mutter - Vater - Kind in der Herkunftsfamilie verhindert; die Herkunftsmutter wird als Quasi-Tochter in das Pflegeverhältnis integriert, ihr Wunsch "keine böse Mutter zu sein" wird auf der Oberfläche erfüllt. Der Herkunftsvater wird ausgeschlossen oder schließt sich selber aus. Die Botschaft der Pflegeeltern ist doppelbödig. Durch das Öffnen der familialen Grenzen für die Pflegemutter kann die defizitorientierte Sichtweise der Pflegemutter sowie ein Ersatzelternkonzept implizit beibehalten werden; die unterschwellige Konkurrenz wird durch die Kooperation, die grundlegende Punkte nicht klärt, überdeckt. Loyalitätskonflikte auf Seiten des Pflegekindes werden nicht wahrgenommen.

Die Verfasserin beklagt die mangelnde professionelle Beratung beider Familien, durch die eventuell sich Chancen eröffnet hätten und eine sukzessive Verfestigung der Interaktionsmuster vorgebeugt hätte werden können. Über den dargestellten Fall hinaus lenkt sie die Aufmerksamkeit auf wichtige Aspekte, die häufig vernachlässigt werden; auf die Berücksichtigung der kindlichen Sichtweise, auf die Berücksichtigung der familiären Triade und dabei insbesonders die Rolle der Väter (sowohl Herkunfts- wie Pflegevater) und die Berücksichtigung der Interkulturalität.

Fazit

Stefanie Sauer verdeutlicht die Anwendung der Fallrekonstruktion. Sie konnte zeigen, welche Ressourcen in beiden Familien vorhanden waren. Diese wurden jedoch nicht genutzt, da das Pflegekind nicht im Focus stand. Herkunfts- und Pflegefamilie konnten zwar eine gemeinsame Strategie entwickeln, da professionelle Beratung fehlte, gab es jedoch keine gemeinsame Suche nach Lösungen der Rollenkonflikte.

Es werden viele Vermutungen entwickelt, die mehr oder weniger plausibel sind. Aber, eingebunden in die Vielfalt empirischer Erkenntnisse ergeben sich viele Hypothesen, die dann weiter verfolgt werden können. Insgesamt ist das Buch sehr anregend, sowohl für Praktiker wie für Forschende; es empfiehlt sich für alle Berufsgruppen, die mit Pflegefamilien arbeiten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Jugendämtern und Therapeuten. Besonders sollten sich auch die Verantwortlichen in Verwaltung und Politik angesprochen fühlen, die die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen müssen, damit sowohl Pflege- wie Herkunftsfamilien zum Wohle des Kindes ausreichend professionell betreut werden können.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
E-Mail Mailformular


Alle 169 Rezensionen von Lothar Unzner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 05.06.2008 zu: Stefanie Sauer: Die Zusammenarbeit von Pflegefamilie und Herkunftsfamilie in dauerhaften Pflegeverhältnissen. Widersprüche und Bewältigungsstrategien doppelter Elternschaft. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-86649-124-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5917.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht