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Kenneth J. Gergen: Konstruierte Wirklichkeiten [...]

Cover Kenneth J. Gergen: Konstruierte Wirklichkeiten - eine Hinführung zum sozialen Konstruktionismus. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2002. 308 Seiten. ISBN 978-3-17-017102-2. 27,80 EUR.
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Das Thema

Während in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften der Konstruktivismus mit Autoren wie von Foerster, von Glasersfeld, Maturana und Watzlawick bekannt geworden ist, kennen nur wenige SozialwissenschaftlerInnen den sozialen Konstruktionismus, dessen bekanntester Vertreter aus der Psychologie Kenneth J. Gergen ist. In seinem neuen Buch will Kenneth J. Gergen eine Einführung in Begründung, Wurzeln und Hauptrichtungen des sozialen Konstruktionismus geben.

Der Autor / der Hintergrund

Kenneth J. Gergen lehrt Sozialpsychologie am Swarthmore College in Pennsylvania. Er ist ca. 70 Jahre alt und hat neben Tätigkeiten in den USA (z.B. Harvard) zahlreiche Gastprofessuren auch im europäischen Ausland inne gehabt. Neben seiner Tätigkeit am Swarthmore College hat Kenneth J. Gergen inzwischen ein interdisziplinäres Institut ("TAOS-Institut") begründet, in dem anwendungsorientierte sozial konstruktionistische Forschungsvorhaben betreut und durchgeführt werden. Ausserdem gibt Kenneth J. Gergen eine auch im Internet verfügbare Zeitschrift: "Toward Positive Ageing" heraus, die für eine Befreiung von Alterns-Stereotypen eintritt.

Kenneth J. Gergen gilt spätestens seit seinem Beitrag "The social constructionist movement in modern psychology" im American Psychologist 1985 als Vorreiter und Begründer des psychologischen Zweigs des sozialen Konstruktionismus.

Der Inhalt

Konstruktivismus und radikaler Konstruktivismus, vertreten durch Autoren wie von Foerster, von Glasersfeld, Maturana und Watzlawick gehen davon aus, dass das Individuum sich seine eigene Wirklichkeit konstruiert. Wissen und Erfahrung sind subjekt-gebunden.

Der soziale Konstruktionismus stellt dagegen die soziale Eingebundenheit allen Wissens und aller Erfahrung in den Mittelpunkt. Der soziale Konstruktionismus legt seinen Schwerpunkt in den intersubjektiven Bereich, in den Diskurs. Er geht der Frage nach, wie Menschen gemeinsam mit anderen im Diskurs Wirklichkeit und Sinn erzeugen. Dabei ist der soziale Konstruktionismus deutlich beeinflußt von der amerikanischen postmodernen Kulturanthropologie, die in der Diskurs-Analyse untersuchte, wie unterschiedliche Diskurs-Gemeinschaften Wirklichkeit herstellen und Sinn gemeinsam aushandeln. Diese Sichtweise der Kulturanthropologie hat Gergen für die Psychologie übernommen. Auch er geht davon aus, dass Menschen in Diskurs-Gemeinschaften Plausibilität, Wahrheit und Sinn herstellen.

Ausgehend von der Legitimationskrise der Modernen stellt Kenneth J. Gergen fest, dass der Zusammenhang zwischen Wort und Welt brüchig geworden ist.

Es gibt nicht mehr eine Wahrheit, sondern verschiedene "Wahrheiten", je nachdem, an welchem "Sprachspiel" (Wittgenstein) sich Menschen beteiligen, je nach Kultur, Zeit und Umständen. Adjektive wie "falsch", "wahr", "exakt" beschreiben nur, wie "falsch", "wahr", "exakt" eine Äusserung im Rahmen eines ganz bestimmten Sprachspiels ist.

In Diskursen erzeugen wir unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Art, wie wir sprechen, sei sie nun "realistisch" oder "in Metaphern". bestimmt unsere Form der Wahrnehmung und unsere Wirklichkeit.

Folgen wir Gergens Argumentationen, gibt es keine wertfreie Forschung, sondern Forschung beeinflusst durch die Art und Weise ihres Sprechens über Dinge, durch ihren Diskurs, auch die Richtung, in die Dinge sich entwickeln. Gergen favorisiert hier Forschungsparadigmata wie das der Aktionsforschung, die offen zu ihrem Ziel steht, neue Handlungsmöglichkeiten und verbesserte Lebensbedingungen zu fördern.

In der Tradition von Bachtin (bzw. Bakhtin,d.Rezensentin) wendet sich Gergen gegen die vorherrschenden Monologe, die nach einer Wahrheit suchen und damit unterdrückenden Charakter haben. Er tritt ein für eine Polyphonie, eine Vielstimmigkeit vieler möglicher Sichtweisen, die alle berücksichtigt und/oder respektiert werden sollten. Viele unterschiedliche Geschichten zur ähnlichen Situation erweitern aus Gergens Sicht unsere Möglichkeiten.

Damit kein Streit um die "richtige" Sichtweise und "richtige" Entscheidung entbrennt, favorisiert Kenneth J. Gergen Formen der Kommunikation und des Dialogs, die per se von vielen möglichen Sichtweisen ausgehen. Anregungen dafür findet er in therapeutischen Diskursformen wie der Lösungsorientierten Gesprächsführung (de Shazer / Berg) , der narrativen Therapie (White / Epston) oder lösungsorientierten Formen der betrieblichen Kommunikation wie der "appreciative inquiery" (Cooperrider).

Wenn Sprache und Diskurse niemals "neutral" sind, sollten laut Kenneth J. Gergen auch in Schule, Pädagogik und Forschung solche Formen bevorzugt werden, die Menschen emanzipieren und ihnen Möglichkeiten eröffnen. Als Beispiel nennt Gergen u.a. die Pädagogik Freires, Aktionsforschung und Zukunftskonferenzen.

Gergen will die wissenschaftliche Sprache von ihrer trockenen und langweiligen Pseudoneutralität befreien und sehnt sich nach "aufwühlenden Stimmen".

Dies beschränkt sich nicht auf sprachliche Zeichen, sondern soll alle Formen des menschlichen Ausdrucks mit einbeziehen, besonders die künstlerischen. Kenneth J. Gergen gibt selbst seinen Studierenden seit einigen Jahren die Gelegenheit, eine Hausarbeit ihrer Wahl auch als Bild, Theaterstück, Performance, Film oder Ähnliches einzureichen. Solche künstlerischen Ausdrucksformen erweitern das Spektrum unserer Diskurse beträchtlich.

Kenneth J. Gergen hat sein Buch in 9 vorlesungsähnliche Abschnitte unterteilt. Jeder dieser Abschnitte bildet eine in sich geschlossene Einheit mit Anmerkungen. Literaturangaben und weiterführender Literatur (gut: vom Übersetzer Eric Kearney mit den entsprechenden deutschen Übersetzungen angegeben!). Diese in sich abgeschlossenen kurzen Essays ermöglichen es auch LeserInnen, die sich nicht mit dem ganzen Buch auseinander setzen wollen, einen in sich runden Eindruck zu bekommen. In der Hochschule bieten die einzelnen je 30-40 Seiten starken Ausarbeitungen gute Einsatzmöglichkeiten, um Studierende mit dem Werk des sozialen Konstruktionisten Gergen vertraut zu machen. Ein allgemeines Personen- und Sachregister am Ende erleichtert die Orientierung im Gesamtband.

Insgesamt ist das Buch wissenschaftlich anspruchsvoll und dennoch packend geschrieben.

Zielgruppen und Fazit

Eine anspruchsvolle Einführung für alle, die an Konstruktivismus und sozialem Konstruktionismus interessiert sind, auch als Textsammlung für Lehrende und für Studierende geeignet.


Rezension von
Prof. Dr. Lilo Schmitz
ILBB – Institut für lösungsorientierte Beratung Brühl Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
ehem. Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.gutberaten.cologne
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 14.01.2003 zu: Kenneth J. Gergen: Konstruierte Wirklichkeiten - eine Hinführung zum sozialen Konstruktionismus. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2002. ISBN 978-3-17-017102-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/592.php, Datum des Zugriffs 15.08.2020.


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