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Erika Steinert, Gisela Thiele (Hrsg.): Sozialarbeitsforschung für Studium und Praxis

Cover Erika Steinert, Gisela Thiele (Hrsg.): Sozialarbeitsforschung für Studium und Praxis. Einführung in die qualitativen und quantitativen Methoden. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2008. 347 Seiten. ISBN 978-3-631-56900-9. 21,50 EUR.

Reihe: Görlitzer Beiträge zu regionalen Transformationsprozessen - 2.
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Herausgeberinnen/Autorinnen und Entstehungshintergrund

Etwas irritierend ist zunächst, dass die Autorinnen als Herausgeberinnen firmieren, obwohl sämtliche Textteile aus ihrer Feder stammen, wobei ca. drei Viertel des präsentierten Materials auf das Konto von E. Steinert gehen. Dabei handelt es sich, wie im Untertitel bereits vermerkt, jenseits der viel beschworenen Theoriediskussionen dezidiert um eine methodische, ansatzweise auch methodologische Grundlegung. Auffällig ist weiterhin die gegenüber der Erstauflage (2000; Fortis Verlag, Köln) deutlich schlechtere Druck- und Layout-Qualität des Bandes inkl. fehlender Kopfzeilen. Die Lesbarkeit des als Lehrbuch konzipierten Textzusammenhangs leidet darunter. Positiv hervorzuheben sind die „Randnotizen“ (Schlagwörter), die den Text gut kennzeichnen und strukturieren. In inhaltlicher Hinsicht wurde nur wenig verändert. Lediglich in den ersten beiden Kapiteln zu Wissenschaft und Forschung im Feld der Sozialen Arbeit sowie zum Bezug von qualitativer und quantitativer Forschung finden sich einige unerhebliche Modifizierungen. Die Fachliteratur wurde nur in minimaler Weise aktualisiert; Erweiterungen oder durchgreifende Überarbeitungen finden sich nicht. Dass der Band der erste sei, der Sozialforschung auf die Belange Sozialer Arbeit beziehe (S. 12), stimmt für die Zweitauflage jedenfalls nicht mehr (vgl. Otto, H.-U. et. al., Hg., 2003: Empirische Forschung und Soziale Arbeit. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, München: Luchterhand). Doch genug der Kritik.

Thema

Insgesamt handelt es sich um eine klar strukturierte Einführung in den methodischen Kanon der Sozialarbeitsforschung, wobei dieser Forschungssektor lediglich einen besonderen Anwendungsfall im Feld allgemeiner Sozialforschung markiert. Diese spezielle Ausprägung wird auch von den Autorinnen reflektiert, wenn sie aufgrund der vorherrschenden Einzelfallorientierung und der wesentlich geringeren Bedeutung massenstatistischer Verfahren auf die Dominanz von qualitativen Methoden verweisen (S. 14). Warum es allerdings im Bereich der Sozialarbeitsforschung eines spezifischen Methodenbandes Bedarf, der über die vorliegenden Lehrbücher des Feldes empirischer Forschung, die im Übrigen Legion sind, hinausreicht bzw. hinausreichen müsse, erklären die Autorinnen nicht. Zweifelsohne ist aber richtig, und das bezieht sich vor allem auf die Situation im deutschsprachigen Raum, dass die empirische Forschung – gleich welcher Couleur – im Sektor der Sozialen Arbeit immer noch deutlich unterbelichtet ist. Insoweit lässt sich eine gewisse Berechtigung für die Vorlage eines speziellen Methodenbuchs wohl ableiten. Ohnehin muss die strategische wissenschaftliche Unterfütterung des (theoretischen) Programms der Sozialen Arbeit als eine Baustelle mit erheblichem Investitionsbedarf ausgewiesen werden. Zwar ist die empirische Forschung im vergangenen Jahrzehnt intensiviert worden, jedoch handelt es sich zum Großteil um Klein- und Kleinstprojekte lokaler Provenienz, mit denen man Zeitalter wissenschaftlich-technischer Revolutionen kaum noch reüssieren kann. Zu denken wäre in diesem Rahmen etwa auch an Sonderforschungsbereiche, die dazu beitragen könnten, die Soziale Arbeit endlich von ihrer notorischen Leichtgewichtigkeit zu befreien. Wer in empirischer Hinsicht nur wenig zu bieten hat, dem wird ein Aufsteigen in die höheren wissenschaftlichen Gewichtsklassen eher selten zugetraut. Verdächtig sind in diesem Kontext die bereits seit Jahren andauernden Diskussionen um die wissenschaftliche Grundlegung von Sozialer Arbeit, die bisweilen von einem geradezu naiven Theorie-Praxis-Verständnis der Marke „Soziale Arbeit definiert sich durch SozialarbeiterInnen“ flankiert werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus acht übergeordneten Kapiteln, wovon sich die ersten beiden Abschnitte mit Relevanzen im Bereich der Sozialen Arbeit und Verhältnisvermessungen hinsichtlich qualitativer und quantitativer Verfahren befassen. Interessant ist dabei, dass die „eigenständige Wissenschaft und Forschung Sozialer Arbeit“, die in der Erstauflage noch mit einem Fragezeichen ausgestattet wurde, jetzt mittels Ausrufungszeichen figuriert (S. 15). Proklamationen dieser Art waren der Sozialen Arbeit noch nie besonders fremd, leidet sie doch wie kaum eine andere wissenschaftliche Disziplin unter gesellschaftlicher Geringschätzung und interdisziplinären Anerkennungsdefiziten.

Im dritten Kapitel geht es dann genauer zur Sache. Unter Rückgriff auf eigene Forschungserfahrungen referiert E. Steinert inhaltliche Aspekte qualitativer Sozialforschung – wohlgemerkt nicht Sozialarbeitsforschung. Das Schrifttum, auf das sich bezogen wird, ist weitgehend aus den 1980er Jahren und insoweit längst nicht mehr auf dem neuesten Stand.

Das vierte Kapitel bildet den Schwerpunkt des gesamten Bandes. Es werden auf hundert Seiten ausgewählte Methoden qualitativer Sozialarbeitsforschung (!) vorgestellt, wobei die bekannten Befragungsmethoden den Hauptteil bilden. Die relativ knappe Darstellung von Gruppendiskussionen und Beobachtungsverfahren runden dieses Hauptkapitel ab.

Im fünften Kapitel wird, wieder in autobiographischer Manier, der komplette Forschungsprozess am Beispiel der Auftragsstudie „wohnungslose Frauen“ ausgerollt. Der knapp dreißigseitige Überblick wirkt authentisch und praxisnah: qualitative Sozialforschung im Anwendungsbereich Sozialer Arbeit in Perspektive.

Jedes der Kapitel wird mit einem kurzen Anriss des Inhalts eingeleitet und durch eine Zusammenfassung mit Fragen zum Selbststudium abgeschlossen. Der Lehrbuchcharakter soll mit Hilfe dieses Modus wohl deutlicher herausgestellt werden.

Die von G. Thiele besorgte Einführung in die quantitativen Methoden empirischer Sozialforschung fällt erheblich schmaler aus und umfasst lediglich knapp fünfzig Seiten der Kapitel sechs und sieben. Wer den Fundus an Literatur zum Thema auch nur ansatzweise kennt, muss zu dem Schluss kommen, dass hier lediglich ein „Schlaglicht“ eingeworfen wird, das auch den Bezug zur Sozialen Arbeit nur sehr schematisch erkennen lässt. Insoweit fällt dieser Abschnitt gegenüber dem „qualitativen Forschungsteil“ deutlich ab. So wirkt etwa die Darstellung der SPSS-Anwendung (S. 290 ff.), die durch jede aktuelle Online-Hilfe wie Internet-Recherche um Längen ausgestochen wird, seltsam antiquiert und deplatziert. Jeder Studierende kann heute kostenlose Test- wie Alternativ-Versionen (z.B. PSPP) downloaden und auf diese Weise mit einem Grundstock an Wissen, der freilich an der Hochschule über reguläre SPSS-Lizenzen vermittelt werden sollte, selbständig Verfahren der Dateneingabe, -aufbereitung und statistischen Auswertung durchführen, die im weiteren Verlauf des Studiums ihren praktischen Nutzwert (z.B. im Rahmen der Bachelor-Arbeit) erweisen könnten.

Zielgruppen

Als Zielgruppen kommen für diesen Band sowohl Studierende (BA und MA), als auch Lehrende und Forschende im Feld der Sozialen Arbeit in Betracht. Wer sich jedoch intensiver mit spezifischen Methoden und ihrer wissenschaftlichen Grundlegung befassen will, ist mit diesem Werk eher schlecht beraten, da eine Vielzahl detaillierterer methodischer Spezialliteratur im Bereich der empirischen Sozialforschung verfügbar ist. Als Überblickslektüre sei es jedoch durchaus empfohlen.

Diskussion

Die Autorinnen haben ein in weiten Teilen doch recht gut lesbares Lehr- bzw. Einführungsbuch vorgelegt. Es kann auch kein Zweifel an ihrer fachlichen Kompetenz gehegt werden. Das eigentliche Problem liegt nach wie vor im geflügelten Sektor „Sozialarbeitswissenschaft / Sozialarbeitsforschung“, der immer noch mittlere Schwierigkeiten in Sachen inhaltlicher Vermessung und struktureller Auslegung bereitet. Man kann natürlich versuchen, dagegen anzuschreiben, indem diese Begriffe immer häufiger auf Buchdeckeln, in Haupt- und Untertiteln entsprechende Verwendung finden. Ob dies jedoch reicht, um Soziale Arbeit in den Stand einer normalen wissenschaftlich Disziplin zu hieven, dürfte eher fraglich sein.

Fazit

Als Fazit bleibt festzuhalten: Das Lehrbuch ist als Einführungswerk im Hinblick auf die Darlegung von empirischen Methoden der Sozialarbeitsforschung gelungen; die Erstauflage war es allemal. Die LeserIn hätte sich allerdings eine klarere Überarbeitung und vor allem grundlegendere Aktualisierung im Rahmen der Zweitauflage gewünscht. Diese Aspekte werden hoffentlich in der zu erwartenden dritten Auflage einige Beachtung finden.


Rezensent
Prof. Dr. Hubert Beste
Lehrgebiet „Sozialarbeitswissenschaft und Sozialarbeitsforschung“, Fakultät Soziale Arbeit, Hochschule Landshut
Homepage www.fh-landshut.de/fb/sa/professoren/beste


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Zitiervorschlag
Hubert Beste. Rezension vom 19.04.2010 zu: Erika Steinert, Gisela Thiele (Hrsg.): Sozialarbeitsforschung für Studium und Praxis. Einführung in die qualitativen und quantitativen Methoden. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2008. ISBN 978-3-631-56900-9. Reihe: Görlitzer Beiträge zu regionalen Transformationsprozessen - 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5929.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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