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Hartmut von Hentig: Mein Leben (Band 2 Schule, Polis, Gartenhaus)

Cover Hartmut von Hentig: Mein Leben. Band 2 Schule, Polis, Gartenhaus. Hanser Verlag (München) 2007. 665 Seiten. ISBN 978-3-446-20839-1. 25,90 EUR.
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"Geprüft, zweifelnd, gekonnt - und bejaht",

so könnte der Untertitel Hartmut von Hentigs Fortsetzungsband seiner Lebenserzählung auch lauten. Während im ersten Band (siehe dazu die vgl. die Rezension) eher der Frage nachgegangen wird, wie und warum das Leben so geworden ist, wie es ist, ist das Thema des zweiten Bandes mehr daran orientiert – und das dürfte besonders Pädagoginnen und Pädagogen interessieren – wie aus gedachter und gelebter Ethik gelebte Pädagogik werden kann. Ob es Zufall ist, dass das erste Kapitel seines zweiten Bandes mit der 13 beginnt? Nicht etwa, weil die 13 als eine Unglückszahl gilt, die viele Menschen vermeiden, mit ihr anders in Berührung zu kommen als einer mathematischen Übung; sondern, weil Hartmut von Hentig nicht Angst vor der 13 hat; vielmehr davor, er könne vereinnahmt werden und es nicht merken. Das spricht für einen freien Geist und für ein Denken und Handeln, das er lieber als "Mentalität" denn als "Ideologie" bezeichnet wissen möchte.

Als er 1953, 28jährig nach einem mehrjährigen Aufenthalt in den USA, nach Deutschland zurückkehrt, in ein "aufgeräumtes" Land, in dem es den Menschen, wie es ihm schien, in erster Linie darum ging, "die Spuren der Schreckenszeit zum Verschwinden zu bringen", da empfand er die Menschen als "Bürger des Augenblicks", die den "Aufbruch" nur als Wohlstandsdenken im Sinn hätten. Als Lehrer sollte er, obwohl er kein Pädagogenexamen abgelegt hatte, im Internat Birklehof in Hinterzarten im Schwarzwald, das 1932 von dem Reformpädagogen Kurt Hahn gegründet und dem Zweiten Weltkrieg von Georg Picht wieder eröffnet und geleitet wurde, unterrichten. Seine "Lehrjahre" nennt er diese Zeit, in der er die Achtung und Kritik erlebte, die für sein pädagogisches Denken weiterhin ausschlaggebend wurde. Weniger durch Picht, sondern eher durch die Schülerinnen und Schülern, den "pubertierenden Saalbauern", wurde er herausgefordert, "die Eigenart des anderen aus(zu)halten, um sie ihm selbst aushaltbar, annehmbar oder wandelbar zu machen, ja mehr noch als die Eigenart, nämlich die Wechselhaftigkeit, die Unsicherheit, den Verlust der Eigenart im Mutwillen, in der Verstiegenheit" zu leben und in den Bildungs- und Erziehungsprozess zu überführen. Hier, so bekennt er, habe er gelernt, dass, wer ein guter Lehrer sein wolle, zuerst ein guter Erzieher werden müsse; dass es einen Zusammenhang von äußerer Ordnung und innerer Unordnung gäbe, dem nicht durch "An-Ordnung" begegnet werden solle, sondern durch die wesentlichen Grundpfeiler pädagogischen Denkens und Handelns: Vertrauen und Achtung. Er hadert mit der, wie er fand nicht konsequenten Verwirklichung der Pichtschen philosophischen Ideen, um sie dann doch in der Reflexion bestätigt zu sehen. Das Defilee der Namen und Persönlichkeiten, die ihm im Laufe seines Lebens begegnet sind, mit denen er zusammen gearbeitet, sich auseinander gesetzt und gestritten hat, die ihm Freunde und unversöhnliche Gegner geworden sind, liest sich wie ein Lexikon der Bedeutsamen. Die Täuschungen und Enttäuschungen haben ihn nicht zu einem Negativen gemacht; vielmehr sind es die von Montaigne entliehenen Erfahrungen der Nichtanpassung anstelle der Anpassung, die Widersprüche als die der (eifernden) Zustimmungen, die seine "Pädagogik der Humanisierung" reifen ließen. Er erinnert an die Weggefährten, die Wegelagerer und die Mauernbauer im Kapitel 14 "Lehrerjahre". Hier hat er erfahren, was er in seinem Aufsatz "Bildung als Wagnis und Bewährung" (1966) so ausdrückt: "Den Erzieherberuf kann man nur mit einem gewissen Wahn aushalten. Aber man kann ihn nur ohne Wahn wirklich richtig machen".

Von anderen Wegen, von Phasen der Entscheidungen, wohin die persönlichen und beruflichen Perspektiven sich orientieren würden, von Einflüssen, Verlockungen und prägenden Eindrücken erzählt Hentig im 15. Kapitel, das der Griechisch-Liebhaber "Allotria" nennt – bis er, der Hamburger Studienrat, der sich bereits mit einigen Aufsätzen und Analysen über die Bildungssituation im Land einen Namen gemacht hatte aber nicht habilitiert war, den Pädagogik-Lehrstuhl in Göttingen erhielt. Die Göttinger Jahre nennt er bescheiden eine Zeit der Selbstbildung. Sie war geprägt von zahlreichen, pädagogischen und bildungspolitischen Aktivitäten, die ihm nicht nur Anerkennung und Erfolg in der Bildungsreform einbrachten, sondern auch den Widerstand und den Hass von Konservativen auslieferte; etwa, wenn ein bayerischen Schulleiter eines Gymnasiums öffentlich verkündete: Hentig – "das ist doch der der die Terroristen züchtet". In der Zeit entstand auch der viele Lehrerinnen und Lehrer in den 60ern und 70ern prägende "Sokratische Eid". Dann die Bielefelder Jahre, die mit der Gründung der Laborschule vielleicht die bedeutsamste pädagogische Initiative Hartmut von Hentigs wurde. Sein Credo, das er in all seinen Aktivitäten an den Tag legte – "Will ich meine Pädagogik erklären, muss ich mich erklären" – wollte er in den Reformdiskurs nicht mit der Frage einbringen: Was soll im Lehrplan aufgenommen und was kann weggelassen werden? Vielmehr schrieb er in sieben Punkten auf, wie die neue Schule zu denken sei. Jeder der sieben Punkte beginnt mit dem lapidaren, aber gleichzeitig programmatischen Satz: "Unsere Schule sollte die Schüler erfahren lassen…". Spannend die Schilderungen, wie es schließlich zur Gründung der Laborschule Bielefeld kam; wie es gelang, die Widerstände zu überwinden, aber auch, was von den Ideen und Visionen auf der Strecke geblieben ist. Ohne anzugeben, vielmehr um deutlich zu machen, dass es "seine" Schule sein sollte, die Verwirklichung seiner Vorstellungen, schlug er auch das Angebot des damaligen hessischen Ministerpräsidenten Osswald aus, Kultusminister im Land zu werden und blieb in Bielefeld. Nun, zwischen "Schule gründen" und "Schule machen" besteht bekanntlich ein Unterschied, an dem nicht wenige Schulreformen gescheitert sind. Es geht darum, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, sie aber nicht zu verschmelzen. Im Kapitel 19 schildert Hartmut von Hentig die Zeit, die mit der Eröffnung der Laborschule am 9. September 1974 mit ihm als Wissenschaftlichen Leiter begann und in der die drei R als Türme wirkten: Regeln geben und gemeinsames Planen ermöglichen – Reviere bilden und damit Grenzen der Zuständigkeit definieren – Rituale einhalten, die sich bewährt haben und nicht immer wieder neue Ordnungen erfinden zu wollen.

Bei der Darstellung des pädagogischen, erzieherischen und reformerischen Wirkens macht Hartmut von Hentig sowohl "Wohlgelungenes", als auch "noch Unfertiges" und "dauerhaft Schwieriges" aus. Damit wird auch deutlich, dass Schulreform ein Prozess ist und immer wieder des vollen Engagements der Beteiligten erfordert; übrigens eine Lektion, die man auch heute getrost Lehrerinnen und Lehrern ins Stammbuch schreiben kann. Der Schulgründer entzieht sich auch nicht der Aufgabe, über die zahlreichen Konflikte in der Laborschule zu reflektieren; solche, die von außen in die Schule hineingetragen wurden, etwa die parteipolitischen Widerstände gegen die Gesamtschule; aber auch die innerschulischen Widerstände von Lehrerinnen und Lehrern gegen den "Über-Vater HvH". Das zeichnet Hartmut von Hentig aus, dass er den 20. Teil mit "Rechthaber und Realist" titelt und bekennt: Die Auseinandersetzungen waren nötig; nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil Bildung und Erziehung, wenn sie gelingen sollen, immer das Ringen um das Gutsein der Menschen ist. Damit schließlich weiß sich HvH eins mit seinen antiken Philosophen wie mit denen, die wie er ihre Aktivitäten für eine bessere Schule einsetzen: Schule neu denken!

Fazit

Der alte Mann und die Pädagogik? Das ist kein Abgesang von einem, der abtreten will. Es ist vielmehr weiterhin ein Stellung beziehen gegen das "rückständige Bewusstsein der Menschen" bei den Fragen, die gesellschaftlich gestellt werden müssen: "Es gibt Fragen, deren Sinn darin besteht, dass sie beantwortet werden. Es gibt Fragen, deren Sinn darin besteht, dass sie gestellt werden". Und es gibt Menschen, die es lohnt, zu suchen und sie kennen zu lernen. Für Hartmut von Hentig waren das: Flüchtlinge, Fremde und Freiwillige. Dabei sieht er die Spannweite dieser Menschengruppe weit gezogen, von George Tabori bis zu Suleyman aus Anatolien. All das subsumiert er unter dem Dach "Friedenspädagogik", weil "die Erziehung zum Frieden wohl das wichtigste Pensum des Menschen ist". Auch wenn die Rückkehr HvHs nach Berlin "Heimkehr" ist, erlebt er die Zeit in Berlin nicht als nostalgische Wende. Der Umzug freilich hat Entscheidungen gefordert: Akten und Papiere zu sortieren – "mehrere hundert Leitzordner gingen nach Marbach, die Korrespondenz von 1989 an nach Berlin und ein Vielfaches von beidem in den großen Schredder von Bethel". Die Liste der Aktivitäten für Ehrenämter, Expertenkommissionen, Vorträge, Besuche und natürlich bei der Schreibe, ist weiterhin lang. Sein Bekenntnis - "Das Alter ist eine unverhofft schöne Lebenszeit" – überrascht für diesen agilen, einfühlsamen und streitfähigen Mann nicht. Auch nicht, dass er sich weiter darüber aufregt, dass die Politik auf die vielen Fragen und Probleme in der Welt die falschen Antworten gibt: auffällige, schnelle, gewaltsame. Und dann kommt zum Schluss wieder so ein Hentigscher Satz, der ins Mark trifft: "Die Pädagogik müsste allem vorangehen und allem folgen, was die Politik meint tun zu müssen"!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 07.05.2008 zu: Hartmut von Hentig: Mein Leben. Band 2 Schule, Polis, Gartenhaus. Hanser Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-446-20839-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5933.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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