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Verband binationaler Familien und Partnerschaften (iaf e.V.) (Hrsg.): Die Balance finden (bikulturelle Paare und Familien)

Cover Verband binationaler Familien und Partnerschaften (iaf e.V.) (Hrsg.): Die Balance finden. Psychologische Beratung mit bikulturellen Paaren und Familien. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. 184 Seiten. ISBN 978-3-86099-744-4. 14,90 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

In Deutschland leben derzeit 15,3 Millionen Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund, was einem Bevölkerungsanteil von 19 % entspricht (iaf e.V., 2008, 187). Daraus resultiert u.a., dass auch binationale Paare und Familien einen wachsenden Teil dieser Gesellschaft darstellen. Insgesamt wurden in Deutschland 2006 672.724 Kinder geboren; 12,9 % dieser Kinder stammen aus binationalen Verbindungen; 23 % der Kinder haben mindestens einen ausländischen Elternteil (ebd., 190).

Diese wenigen Zahlen genügen, um die Relevanz des vorgestellten Buches anzuzeigen. Elf unterschiedlich ausführliche Fallgeschichten aus der Praxis sieben verschiedener BeraterInnen bilden den Kern des Buches. Eingerahmt werden diese durch eine kluge Einführung von Lima Curvello zu Beginn ( 9 – 18): In dieser macht sie deutlich, dass es in erster Linie auf den „sozialen Ort“ des Fremden und der Begegnung zwischen Fremden ankommt (auch wenn dieser Begriff von S. Bernfeld nicht genannt wird) und das Vergessen dieser Zusammenhänge leicht zu einer unstatthaften Kulturalisierung von Konflikten führen kann: so macht es für die Etablierung einer Beziehung und die Konfliktkultur eines Paares viele Unterschiede aus, ob ein türkischer Mann und eine Frau aus Kanada, beide aus wohlhabenden Familien, sich in einer französischen Universitätsstadt kennenlernen oder ein türkischer Arbeitsmigrant eine entfernte Verwandte aus Kanada zur Heirat nach Deutschland „holt“. Diese sozialen Hintergründe sind mindestens so wichtig für das Entstehen und Verstehen von Ehe- oder Familienkonflikten wie die jeweils kulturellen (siehe auch Sitorus, 35). Und doch bedürfen die kulturellen Dimensionen immer wieder der aufmerksamen Beachtung. Ein Fachgespräch unter einigen der Berater-KollegInnen zum Ende des Buches (157 – 186) möchte einige zentrale Aspekte des Themas zusammenführen. Den Schluss bilden „Zahlen und Fakten“ (187 – 191).

Aufbau und Inhalt

Exemplarisch möchte ich auf einige Artikel - zumindest ausschnittweise - näher eingehen, um das große Anregungspotential dieses Buches zumindest in Ansätzen deutlich zu machen:

Birgit Sitorus eröffnet den Reigen der Falldarstellungen mit einem Paarkonflikt zwischen einem deutschen Mann und einer philippinischen Frau. Beeindruckend ist die Sensibilität der Beraterin für das Thema der Sprache, in der in den Beratungssitzungen kommuniziert werden soll. Ist es deutsch oder schließt diese gemeinsame Sprache von Mann und Beraterin die Frau aus. Ist es englisch oder wertet die Wahl dieser Sprache die mittlerweile guten Deutschkenntnisse der Frau ab und führt zu einem Bündnis der Großzügigkeit der Deutschen gegenüber der Frau. Sitorus schreibt: „Sprache ist immer auch ein Machtmittel“ und zeigt auf wie der Umgang mit der Beratungs-Sprache ausgehandelt werden kann. Das zentrale Thema bei diesem Paarkonflikt scheint die unterschiedliche Orientierung der Beiden an den Werten einer Individual- (Deutschland) oder Kollektivgesellschaft (Philippinen) zu sein: bei der Kindererziehung bedeutet das z.B. stärkere Unterstützung der Individualität des Kindes mit der Gefahr der Förderung von Egoismen auf der einen und Forderungen nach Respekt vor der Elterngeneration mit der Gefahr von übertriebenen Anpassungsforderungen auf der anderen Seite. Diese beiden in jeder Kultur und jeder Person je anders gelebten und gewünschten Aspekte können sich in der Begegnung binationaler Eltern offensichtlich leicht entmischen und in die Dynamik von „Entweder-Oder“-Mustern geraten. In ihrem Beitrag zeigt Sitorus auf, wie man damit als BeraterIn gekonnt umgehen kann.

Aber nicht nur die Orientierungen der Klienten müssen auf ihre Affinitäten und Divergenzen hin untersucht werden, auch das eigene Wertesystem der BeraterInnen gerät dabei in den Blick: „Kann ich wertschätzend mit Menschen umgehen, die eine polygame Lebensform pflegen? Geld ins Heimatland schicken, währen die Familie hier nur das Allernötigste hat? Das eigene Schicksal mehr von den Glückslinien in der Hand als vom eigenen Tun bestimmt sehen (…) oder einen Vodoo-Zauber verantwortlich für Probleme und/oder deren Lösungen sehen?“ Damit macht Sitorus klar, dass Konstrukt-Neutralität im Umgang mit Angehörigen fremder Kulturen eine unverzichtbare Kompetenz darstellt, zugleich aber auch immer wieder zu überprüfen ist: ich muss nicht alles verstehen oder nachvollziehen können. Jede BeraterIn wird auch bei sich selbst immer wieder auf Grenzen der Offenheit stoßen und es ist besser, diese Grenzen selbst zu kennen oder aufmerksam zu beobachten, als sich abstrakten Normen zu unterwerfen. Insofern sind auch Interventionen wie „Das ist mir sehr fremd!“ oder „Ich spüre da andere Werte in mir als Sie vertreten“ mögliche und angemessene Interventionen.

Im Beitrag von Sibylle Dorsch werden unter anderem die unterschiedlichen, auch kulturell geprägten Erwartungen an eine Beratung thematisiert: „Wünsche wie die Erwartung fertiger Lösungen oder die einseitige Parteinahme für einen der Partner müssen freundlich als unerfüllbar zurückgewiesen werden. Auch die Ergebnisoffenheit der Beratung muss transparent gemacht werden. Das steht im Gegensatz zu den meisten traditionellen Konfliktlösungsmodellen. Für Karim (den Mann des Paares, M. S.) ist es schwierig dies zu akzeptieren, da er konkrete Anweisungen erwartet sowie eine Beurteilung der Schuldanteile“ ( 54).

Traditionelle Konfliktlösungsmodell wie sie viele Migranten aus ihrem Heimatländern kennen orientieren sich häufig am Modell eines „weisen Mannes“ (oder auch einer weisen Frau), die aufgrund ihres überlegenen Wissens, weiß was Recht und was Unrecht ist oder am Modell eines „Schiedsgerichtes“, dem man seine Probleme vorträgt und das dann eine Art Kompromisslösung ausarbeitet, die man annehmen muss. Unsere europäische und amerikanische Beratungspraxis stellt deswegen in mehrfacher Hinsicht eine Zumutung für Migranten dar: eventuell ein „falsches“ Geschlecht, kein überlegenes Wissen, kein Richtspruch, keine vorfertigte Lösung, die man nur noch umsetzen muss, keine Erklärung oder Entlastung von Schuld…all dies Fehlende muss zumindest auch irritieren oder enttäuschen; sicher erschwert es für den Fremden in unserer Gesellschaft die Beantwortung der Frage, ob er oder sie bei dieser BeraterIn richtig ist und ihr vertrauen kann.

Als BeraterIn muss man daher – ähnlich wie bei der Wahl der Sprache – aufpassen, dass man die kulturspezifischen Implikationen des eigenen Settings mit bedenkt und diesbezüglich nicht in eine unerkannte Koalition mit dem deutschen Partner gerät. Das Interessante bei Dorsch scheint mir, dass sie selbstbewusst bei „ihrem“ Beratungsmodell als dem einzig ihr möglichen festhält, sich aber dennoch dafür interessiert, wie und von dem Karim in seinem Heimatland beraten worden wäre. „Karim erklärt, dass das Problem auf jeden Fall im familiären Rahmen besprochen würde. Da sein Vater verstorben sei, hätte er sich an dessen älteren Bruder gewandt. Durch zirkuläres Frage kann die vermutete Sichtweise des Onkels als Quelle möglicher Lösungen genutzt werden“ (54 f). Im Rahmen des eigenen Beratungssettings wird es so möglich auch die Ressourcen anderer Konfliktlösungsstratgien mit einzubeziehen; alleine die Frage danach, würdigt ja schon die Herkunftskultur des nicht-deutschen Partners. Diese Betrachtungsweise scheint mir ein gutes Beispiel für „Kultursensibilität“ bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der eigenen Handlungsfähigkeit darzustellen.

Im Unterschied zu vielen anderen Beratungsbüchern, die so tun, als sei jedes Problem mit der richtigen Methode – der des Buches – auflösbar, beschreiben die AutorInnen des hier besprochenen Buches, auch die Unlösbarkeit mancher Konflikte. So etwa in einem zweiten Artikel von Dorsch mit dem Titel „Eine Karawane zieht durch meine Wohnung“ (63 – 73). Dieser Satz benennt den Stoßseufzer einer deutschen Frau, die sich nach mehr Kontakt und Intimität mit ihrem nigerianischen Partner sehnt, von den Dauer-Besuchen seiner Familie aber genervt und erschöpft fühlt. Am Ende der Beratung wird klar, dass das Paar auseinander geht: „John hatte bei der Heirat keine Vorstellungen von der Erwartung seiner Frau. Er war in einem Kulturkreis aufgewachsen, in dem es eine Männer- und eine Frauenwelt gibt. Emotionale Nähe, Kontakt und Gespräche konzentrieren sich dort oft nicht auf die Paarbeziehung, sondern finden vielfach im Kreis der Männer beziehungsweise Frauen statt. Die Unzufriedenheit seiner Frau war ihm deshalb nur bedingt nachvollziehbar“.

Aber auch hier kommentiert Dorsch eher anthropologisch als kulturalistisch: „Die Verschiedenheit der Lebenskonzepte (…) ist eine großer Herausforderung und verlangt ein hohes Maß an Offenheit und Kompromissbereitschaft. Gleichzeitig ist es nötig, die eigenen Grenzen anzuerkennen und die des anderen zu respektieren. Dieser Balanceakt muss in jeder Partnerschaft geleistet werden, die Kulturverschiedenheit ist dabei nur einer von vielen Faktoren“ (72).

Aus der komplexen Fallreflexion von Brigitte Wießmeier, die am konsequentesten einen „ganzen“ Beratungsprozess beschreibt, möchte ich zwei Aspekte hervorheben, die für mich besonders spannend waren. Der eine betrifft die „Faszination“ des Fremden oder durch das Fremde. Woher rührt diese? Der fremde Partner als personalisierter bzw. individualisierter Sehnsuchts- und zugleich Fluchtort wie wir es von den Malern um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert kennen (z.B. bei P. Gaugin oder E. Nolde). Oder bekommt die Faszination ihre Kraft aus der Wiederbegegnung mit eigenen kulturellen Mustern, die bei uns als „altmodisch“ oder „vor-modern“ gelten, aber eben auch zu schnell oder gründlich verabschiedet wurden (Rituale der Umwerbung, der gegenseitigen Inbesitznahme, der Artikulation von Eifersucht und Rache etc.). Sicher kommt hier in jedem Einzelfall Verschiedenes zusammen; umso interessanter ist es, wenn man den intergenerationalen Aspekten einer solchen Faszination auf die Spur kommen kann. Wießmeier schildert eine deutsche Frau, die sich in einen Mann aus dem Kosovo verliebt und mit diesem eine Firma gründet. Beide Projekte scheitern und eine Trennung scheint unausweichlich. Im Verlauf der Beratung erinnert die Frau, dass ihre geliebte Großmutter im Dorf die „Zigeunerin“ gerufen wurde und tatsächlich aus einer „Roma-Familie“ stammte, eventuell sogar aus dem Kosovo. Über das Zusammensein mit dieser faszinierenden Person legte sich aber auch der Schatten einer Missbrauchserfahrung in eben diesem Familienzweig, der dann auch zu einem Abbruch der Beziehung mit der Großmutter führte. So vermischten sich in der Erfahrung des Fremden sowohl anziehende als auch abstoßende Momente. Mit Blick auf den fremden Ehemann formuliert Wießmeier deshalb die retrospektive Erkenntnis der Frau: „Der vermeintlich Fremde erweist sich somit als Vertrauter, als belasteter Vertrauter“ (139), was sowohl die Anziehung als auch das Scheitern mit erklärt.

Der andere, neue Aspekt bei Wießmeier betrifft den „Clan“ als Gegenüber in einer Beziehung, aber auch in der Beratung: natürlich gibt es Clans, die immer wieder als geschlossene Familienverbände auftreten und versuchen die Lebensäußerungen jedes Einzelnen auf Clan-Linie zu bringen und bei Abweichungen mit Ausstoßung oder Schlimmeren reagieren. Und doch muss man in diesem Zusammenhang gerade als deutsche BeraterIn sorgfältig auf die eigenen Übertragungsaspekte bzw. die der Klienten achten. Der Clan ist eben nicht nur eine Realität, dessen Bedrohungspotential man nüchtern ins Auge fassen muss, sondern - in wechselnden Mischungsverhältnissen - auch ein Phantasma, das mehr über seinen Träger selbst als die Realität aussagt: „Jede auch nur entfernt aufkommende Idee von „wir zwei deutschen Frauen“ lassen uns nicht von einem „Kosovarenclan“ unterdrücken, musste reflektiert und auch thematisiert werden. Tief verwurzelte Ängste wurden auf diesem Weg deutlicher. Das immer wieder präsente Thema der Gewalt unterstützte diese latente Bedrohung zusätzlich“ (141). Das scheint mir ein beeindruckendes Modell für das Auseinandersortieren von Anteilen zu sein. Und auch was den Clan selbst betrifft, wird dessen Sozialstruktur entmythologisiert: „Dichotomien wie „Der Clan“ und „Ich“ verlangten immer wieder eine Auflösung, denn nie handelte der Clan, sondern immer wieder waren es Individuen, die mehr oder weniger in den Clan eingebunden waren“ (141).

Beeindruckend fand ich in dem Buch auch die wiederholte Thematisierung des Themas „Geld“, insbesondere da, wo es sich im Kontext binationaler Partnerschaften mit Beziehung und Liebe kreuzt, sei es, dass der Ehemann der Familie seiner philippinischen Frau Geld schicken soll, aber nicht fragen darf, was diese damit macht, sei es, dass der afrikanische Mann von seiner deutschen Freundin immer weiter Geld fordert und das von ihr ersehnte Kommen nach Deutschlang immer weiter herauszögert. Deutlich wird wie die eigene Liebesbedürftigkeit den Verstand (und das Herz) so vernebeln kann, dass die „nackten“ Interessen des Anderen gar nicht mehr gedacht werden können und wie es hier der BeraterIn zukommt, auf einfühlsame und unaufdringliche Weise die Realitäten von ein- oder zweiseitigen Ausbeutungsverhältnissen deutlich werden zu lassen. In ihren Argumentationen gelingt es Savita Dhawin dabei allerdings eine auch theoretisch anspruchsvolle Dialektik zwischen Geld als Zahlungsmittel und als Symbol zu entfalten (129): „Geld symbolisiert in einzigartiger Weise Transformation und Verwandlung. Nichts auf der Welt hat diese Reichweite an Verwandlungsmöglichkeiten. Geld kann nahezu in alles verwandelt werden…(…) Geld kann die Imagination und Phantasie anregen und ist zugleich das Medium, welches der Phantasie hilft im realen Leben Gestalt anzunehmen“ (129). Auch wenn der Kontext Armut/Reichtum, der im Hintergrund mancher binationaler Beziehungen steht, in vielen Fällen durch objektive Kriterien konstituiert wird und durch reale Unterschiede charakterisiert bleibt, gilt es doch immer auch die symbolische Dimension dieser scheinbar nüchternen, finanziellen Realitäten im Auge zu behalten. Nie geht es dabei nur um das „Bezahlen von Liebes-Leistungen“, sondern immer auch „um die seelischen Dimensionen, in denen Wert, Selbstwert und angemessene Anerkennung“ eine zentrale Rolle spielen (129). Auf beiden Seiten d.h. des Gebers und des Empfängers von Geld.

Diskussion

An den Text-Beispielen wird deutlich geworden sein, wie vielfältig das Anregungspotential dieses Buches sein kann. Insgesamt imponiert das Buch – zumindest Menschen wie mir, die sich nicht als Spezialisten für interkulturelle Beratung oder Sozialarbeit verstehen – durch eine hohe Dichte von interessanten Ideen und gut reflektierten praktischen Hinweisen.

Wie bei jeder Lektüre ergeben sich beim Lesen auch Fragestellungen, die von den AutorInnen des Buches nicht aufgegriffen werden. Diese liegen auf ganz verschiedenen Ebenen:

  • Zu fragen wäre, ob der Titel „psychologische Beratung“, für das, was im Einzelfall geleistet wird, passend gewählt ist. Zumindest im Artikel von Brigitte Wießmeier wird deutlich, dass eine dezidiert psychologisch angelegte Beratung unverzichtbar ist, aber keineswegs ausreicht: in dem von ihr beschriebenen Prozeß erhielt die Klientin vom „Verband binationaler Familien“ eine „ganzheitlich“ bzw. „multi-perspektivisch“ angelegte Unterstützung, die juristischen Beistand, aber auch „Coaching“ für verschiedene Aushandlungsprozesse mit Behörden, Banken bzw. Finanzämtern etc. mit einschloss. Bei diesen zusätzlichen Unterstützungsleistungen handelt es sich nicht um „sach-bezogene“ Beratungsaufgaben sondern – ähnlich z.B. wie bei Mediationsprozessen - um das Zusammenführen von miteinander verschlungenen Themen, in denen sich psychodynamische und sachliche Aspekte immer wieder vermischen und überlagern. Insofern verlangt die Beratung von binationalen Paaren einen weltkundigen Berater mit Überblick. Auch in anderen Fallgeschichten deutet sich an, dass es das mehrere Lebensfelder betreffende Angebot Sozialer Arbeit bzw. die dort verankerten Kooperationen mit anderen Berufsgruppen sind, die im Rahmen solcher Beratungsprozesse immer wieder gefragt sind. Der ausschließlich psychologische oder gar therapeutische Anspruch mancher AutorInnen wirkt deswegen ein wenig weltfremd bzw. greift zu kurz (vgl. Savita Dhawan).
  • Viele der Fallgeschichten sind zu knapp geraten: am Ende ist man über ein Detail informiert (wie z.B. über Auftragsklärung oder die Frage der angemessenen Begrüßung), aber nicht über den Beratungsprozess als ganzen und schon gar nicht darüber, welche Früchte er getragen oder welche neuen Probleme sich nach einer Weile für die AdressatInnen ergeben haben (Ausnahme: die Fallgeschichte von Brigitte Wießmeier). Damit fehlt nicht nur das Thema Evaluation im Allgemeinen, sondern eben auch, was im jeweiligen Einzelfall an interkultureller Öffnung oder Konfliktklärung möglich war und was nicht. Gerade an der Frage, was im Beratungsprozess vielleicht auch „schief“ gegangen ist oder was man als Berater das nächste Mal anders machen würde, kann man als interessierter Leser beinahe immer am meisten lernen. In der momentanen Begrenzung scheint das Buch als Einführung in das Thema gut geeignet ist, nicht aber als Begleiter für längere, komplexe Prozesse. Aber vielleicht folgt dem ersten Buch ja ein zweites und drittes
  • So anregend das Gespräch der BeraterInnen am Ende ist, so vergibt es doch auch eine Chance: dort sprechen BeraterInnen miteinander, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und solche, die zumindest dem Namen nach, andere kulturelle Bezüge mitbringen, Deutschland und die deutschen BeraterInnen somit auch ein Stück von außen betrachten könnten. Gibt es da – trotz gleichem Arbeitsauftrag - Unterschiede in der Wahrnehmung und Auffassung von (binationaler) Partnerschaft, Beziehungskonflikten und Beratung? Oder haben sowohl die deutschen als auch die anderen BeraterInnen so etwas wie eine kulturelle Hybrid-Identität ausgebildet, in der solche Differenzen keine Rolle mehr spielen? Und wie reagieren die Klienten auf den Berater mit Migrationshintergrund: gleich oder anders als auf den erwarteten, deutschen Berater? Als Leser wüsste man gerne wie es den BeraterInnen bei der Beratung unterschiedlicher binationalen Paarkonstellationen mit ihrer eigenen Herkunft geht? Wie ist es als Fachfrau mit brasilianischen oder indischen Wurzeln einem Paar gegenüber zu sitzen, von dem sie in Deutschland und er in der Türkei aufgewachsen ist? Richtig deutlich wird die eigene Herkunftsgeschichte eigentlich nur von einem deutschen Mann thematisiert (Martin Marbach).

Fazit

Die aufgeworfenen Punkte sind dem schmalen Band nicht vorzuwerfen. Hier wollten die BeraterInnen eines wichtigen Verbandes zunächst die großen Linien ihrer Arbeit aufzeigen. Hier wollten PraktikerInnen Ausschnitte aus Prozesse, die sie täglich gestalten, verschriftlichen. Das ist mehr als gut gelungen. Wahrscheinlich geht es dem Leser wie bei einem guten Essen: schon das Probieren macht Hunger auf mehr…


Rezensent
Prof. Dr. phil. Mathias Schwabe
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Zitiervorschlag
Mathias Schwabe. Rezension vom 15.02.2009 zu: Verband binationaler Familien und Partnerschaften (iaf e.V.) (Hrsg.): Die Balance finden. Psychologische Beratung mit bikulturellen Paaren und Familien. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-86099-744-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5936.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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