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Rose Ahlheim: Gitter vor den Augen (Psychotherapie Kinder/Jugendliche)

Cover Rose Ahlheim: Gitter vor den Augen. Innere und äußere Realität in der psychoanalytischen Therapie von Kindern und Jugendlichen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. 264 Seiten. ISBN 978-3-86099-748-2. 24,90 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Schriften zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen - 16.
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Thema

Das Buch der Frankfurter analytischen Kinder- und Jugendtherapeutin Rose Ahlheim verknüpft Aspekte einer Zusammenfassung psychoanalytischer Theoriebildung – insbesondere zum Verhältnis zwischen intersubjektiver Abbildung von Realität und deren äußerer "Entsprechung" – mit konkreten Fallschilderungen. Das "außen" sichtbare Verhalten wird als Ausdruck innerseelischen Geschehens, der inneren Welt des Kindes gesehen: "Was nach außen als Störung erscheint, kann "innen" die unbewusste Bedeutung eines Schutzes vor Angst und Schmerz haben und kann im intersubjektiven Verstehen entschlüsselt werden". Dieses im Klappentext formulierte Grundprinzip wird auf sehr lebendige und einfühlsame Weise insbesondere in den Fallschilderungen deutlich.

Aufbau und Inhalt

  • Im ersten Kapitel, der Einleitung, verdeutlicht die Autorin anhand eines ersten Fallbeispieles, wie ""innen" und "außen" in der Kindertherapie in hochkomplexer Weise ineinander verwoben sein können" (S. 12). Sie weist darauf hin, dass die Kindertherapeutin immer auch als "reale Person" gefragt ist und dass durch die Lebenssituation und Abhängigkeit der Kinder das "Außen", die Eltern, Lehrer, Erzieherinnen, immer eine direkte Bedeutung für die Therapie haben und auch unterschiedliche "Arbeitsaufträge" erteilen. "In der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie [wirkt] in die Arbeit an der inneren Welt immer wieder faktische Realität hinein."(S.13). Schon in diesem Einleitungskapitel wird ein weiteres Anliegen der Autorin deutlich, nämlich auch "Einzelfallgeschichten als Beitrag zur Theoriebildung", als Methode wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns generell darzulegen und zu begründen. Die Autorin betont dabei ausdrücklich die Bedeutung eines verstehenden, hermeneutischen Herangehens an die komplexe Lebenswirklichkeit als eine bedeutsame Alternative zu einem reduktionistischen, technizistischen Vorgehen – das auf einem naturwissenschaftlichen Paradigma beruht -  in der Wissenschaft aber auch insbesondere der Psychotherapie.
  • Im zweiten Hauptkapitel des Buches wird die Entwicklung der psychoanalytischen Theoriebildung unter der spezifischen Perspektive des "innen" und "außen" aufgearbeitet. Insbesondere geht es um die Rolle des "Faktischen" und dessen intrapsychischer Bearbeitung und Bedeutungszuschreibung, wie es sich in einem treffenden Zitat vom Altmeyer und Thomä ausdrückt: "Letztlich geht es darum, jenen eigentümlichen Vermittlungen von Subjektivität, Intersubjektivität und Objektivität auf die Spur zu kommen, die von der menschlichen Psyche geleistet werden müssen" (Altmeyer & Thomäe 2006, S.26; zit. S.49). Die Autorin ist mit ihren Ausführung auf der Höhe des aktuellen Diskurses. Auch wenn der Literaturbezug fast ausschließlich aus psychoanalytischen Quellen stammt, werden in adäquater Weise Ergebnisse der empirischen Säuglingsforschung, der Bindungsforschung, der Neurowissenschaften und auch aktueller analytischer Ansätze (insbesondere die Konzepte von Fonagy) integriert. Die "großen" Debatten – beispielsweise zur Existenz des primären Narzissmus oder über den Fortbestand des Triebkonzepts – referiert die Autorin in gut nachvollziehbarer Weise und bezieht hierzu auch eigene Positionen. Interessanterweise wird in diesem Kapitel selber das Ringen der Psychoanalyse um die Integration neuer empirischer Erkenntnisse (in diesem Sinne das "Außen") in die eigene Theoriebildung und Konzeptentwicklung (in diesem Sinne das "Innen") sehr anschaulich dargestellt.

Im dritten bis neunten Kapitel werden insgesamt zehn Fallbeispiele ausführlich vorgestellt. Diese Fallbeispiele folgen thematischen Gliederungen:

  • "Szenisches Verstehen in der psychoanalytischen Diagnostik" (3. Kapitel),
  • das "Verfolgungstrauma in der Enkelgeneration" (4. Kapitel),
  • die Bedeutung psychosomatischer Erkrankungen (am Beispiel der Neurodermitis) im Dienste der psychischen Abwehr (5. Kapitel),
  • die "Psychodynamik der Lese- Rechtschreibstörungen" (6. Kapitel) "Zeitgefühl und
  • Selbstkohärenz in der Behandlung eines mehrfach traumatisierten Jungen" (7. Kapitel)
  • "Agieren und Sinnverstehen" am Beispiel einer Jugendlichen mit einer Ess-Störung (8. Kapitel) und schließlich
  • das Beispiel einer "gescheiterten Individuation" (9. Kaptel).

In diesen Fallgeschichten wird der eingangs des Buchs beschrieben Anspruch eingelöst; sie zeigen "wie in der Dynamik der seelischen Konflikte und auch der psychotherapeutischen Prozesse die Wirkungsmacht der inneren Antriebskräfte und der verinnerlichten Objektbilder einerseits, die Forderungen der Realität und die Einflüsse der realen Objekte in der Außenwelt andererseits in komplexer Weise ineinander greifen" (S. 14).

  • Im (zusammenführenden) Schlusskapitel plädiert die Autorin nochmals für einen "interkonzeptionellen Wechsel" der Blickrichtungen in der therapeutischen Alltagspraxis. Sie plädiert weiterhin für die Bedeutung einer verstehenden Forschungsmethode zur Erkenntnisgewinnung über intrapsychische Prozesse.

Diskussion

Die Stärke des Buches liegt in den anschaulichen, aber auch theoriefundierten Darstellungen und verstehenden Interpretationen der Fallgeschichten. Mit diesen wird die Lebendigkeit der psychoanalytischen, oder allgemeiner, der psychotherapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen deutlich – zugleich zeigen sich die hohen Anforderungen und manchmal auch Schwierigkeiten: Zum einen geht es darum, die Symbolik kindlichen innerpsychischen Erlebens zu verstehen, wie sie sich szenisch und im Spiel darstellen. Zum zweiten wird immer wieder deutlich, dass Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen immer eine Interaktion, ein Beziehungsprozess auf zwei Ebenen ist, auf der Übertragungsebene, aber ebenso auf der Real- Ebene. Zum Dritten bedeutet Kinder- und Jugendlichentherapie immer auch die Arbeit mit dem Umfeld, insbesondere den Eltern.
Eine weitere Stärke des Buches liegt im Teil 2, dem Theorieteil, in dem verschiedene analytische Schulen in ihrem historischen Bezug dargestellt und aufgrund neuerer Erkenntnisse auch deren Grenzen aufgezeigt werden. An einzelnen Stellen scheint der Versuch der Autorin durch, theoretisch wie empirisch überholte Konzepte zu "retten". Hier besteht die Gefahr, dass unterschiedlichen Positionen oder auch analytisch-therapeutische Konzepte unverbunden nebeneinander stehen bleiben und damit einer gewissen Beliebigkeit der Raum gegeben.

Fazit

Insgesamt ist das Buch empfehlenswert, insbesondere für PsychotherapeutInnen und AusAusbildungskandidatInnen in psychoanalytischer und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie.

Literatur:

Altmeyer, M  & Thomä, H (Hrsg.) (2006). Die vernetzte Seele. Die intersubjektive Wende in der Psychoanalyse. Stuttgart.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EH Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Abgeschlossene Ausbildungen in Psychoanalyse (DGIP, DGPT), Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (GwG), Gesprächspsychotherapie (GwG). Tätigkeit als niedergelassener Psychotherapeut und als Geschäftsführer eines Jugendhilfeträgers (AKGG). Supervisor bzw. Dozent/Ausbilder bei verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsstätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Dörte Weltzien Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.
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Zitiervorschlag
Klaus Fröhlich-Gildhoff. Rezension vom 30.12.2008 zu: Rose Ahlheim: Gitter vor den Augen. Innere und äußere Realität in der psychoanalytischen Therapie von Kindern und Jugendlichen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-86099-748-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5938.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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