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Jochen Raue: Aggressionen verstehen

Cover Jochen Raue: Aggressionen verstehen. Psychoanalytische Fallstudie von Kindern und Jugendlichen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. 173 Seiten. ISBN 978-3-86099-746-8. 24,90 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Schriften zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen - 15.
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Aggressionen und Gewalt – und kein Ende?

Die Medien sind voll von Berichten über Aggressions- und Gewaltverhalten von Kindern und Jugendlichen – in der Familie, im Kindergarten, in der Schule und in der Freizeit. Die Reaktionen der Erwachsenen darauf sind unterschiedlich, wenn auch im Allgemeinen wenig differenziert. Den Forderungen von Politikern nach härteren Strafen, ja sogar nach "Erziehungscamps", stehen die mit pädagogischen und erzieherischen Ansprüchen gegenüber, etwa von Verhaltenstraining und Anpassungsübungen. Weil aber aggressive Auffälligkeiten und destruktives Verhalten, vor allem von Kindern und Jugendlichen, das Bild einer "heilen" Gesellschaft stören, werden – das ist auffallend und immer wieder zu beobachten – bei Fällen von Gewaltausübungen von den für die öffentliche Sicherheit und Ordnung Zuständigen meist "schnelle" Programme aufgelegt, in der Hoffnung, etwa mit einem auf ein paar Monate begrenztes Streetworkerprojekt das Problem "in den Griff zu bekommen". Selten wird dabei bedacht, dass "die Störungen in der Integration aggressiver Verhaltensweisen und Persönlichkeitsanteile oftmals Ausdruck einer sehr langen misslungenen Entwicklung sind, die einen langen therapeutischen Prozess auf dem Weg hin zu einer besseren Umgehungsweise mit und Integration der Aggression erfordern und keine schnellen Lösungen anbieten können".

Autor und Entstehungshintergrund

Der hessische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut Jochen Raue weiß, wovon er spricht, wenn er sich mit seinem Buch zu Wort meldet. Er war zehn Jahre Lehrer und Beratungslehrer an Hauptschulen; er ist Dozent und Kontrollanalytiker am Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie in Frankfurt/M., Gutachter im Familienrecht und führt eine eigene Praxis. Dabei geht es ihm in der Veröffentlichung nicht darum, eine Aggressionstheorie oder ein Gesamtkonzept zur Aggression vorzulegen; vielmehr zeigt er anhand von ausgewählten Fallbeispielen analytische Psychotherapien mit Kindern und Jugendlichen auf. Damit will er deutlich machen, "wie sich aggressives Verhalten als Ausdruck einer Aggressionsstörung – genauer: einer Aggressionsentwicklungsstörung – oder als Folge unintegrierter Aggression in psychoanalytischen Behandlungen gestaltet"; gleichzeitig aber bringt er in seinen Fallschilderungen zum Ausdruck, dass eine Therapie nicht nur gelingen, sondern auch scheitern kann.

Inhalte

Der sechsjährige Christoph wird als ein zierlicher, kleiner blonder Junge mit einem etwas verschmitzten Gesicht geschildert, der aber gleichzeitig "etwas Unattraktives" ausstrahlt, das die Ablehnung seiner Gegenüber auslöst. Die ersten, äußerst aggressiv verlaufenden Therapiestunden mit dem Jungen, im Beisein der alleinerziehenden Mutter, gestalten sich für den Therapeuten beinahe hoffnungslos. Im Laufe der mehr als dreijährigen Behandlungszeit kommt es öfter zu massiven Überlegungen, die Therapie abzubrechen. Zum Ende der Therapie scheint es so zu sein, dass Christoph "erst einmal mehr innere Sicherheit und Objektkonstanz erwerben" konnte. Ein halbes Jahr später, Christoph befindet sich bereits in der Vorpubertät, nimmt er erneut Kontakt mit dem Therapeuten auf. Eine zweite Therapie wird vereinbart. Auch hier wechseln abrupt Aggression und Annäherung, Beschimpfung und Zuwendung. Dann aber kommt es zu einer erträglichen Loslösung von der Mutter – und die Hoffnungen des Therapeuten "hinsichtlich Individuation und Eigenständigkeit sowie Loslösung und die Fähigkeit zur Verinnerlichung positiver Erfahrungen" bleiben.

Der 13jährige Martin wird dem Therapeuten von den Eltern wegen seiner Ängste und Lernschwierigkeiten in der Schule vorgestellt. In den ausführlich und detailliert beschriebenen "Schlüssel"–Szenen der einzelnen Therapiestunden wird deutlich, dass Martin insbesondere starke Objektbeziehungsstörungen hat, die sich in Orientierungslosigkeit, destruktiver Aggressivität, Hass, aber gleichzeitig Angst vor Beziehungsverlust zeigen. Die Therapie endet mit einer unbefriedigenden Prognose: "Inwieweit die sichtbar gewordenen Fortschritte die adoleszente Entwicklung Martins progressiv beeinflussen können, ist bei der Instabilität und Unzuverlässigkeit der äußeren Bedingungen schwer vorherzusagen"; möglicherweise sogar mit der Befürchtung, dass "Martin eine … Borderlinestruktur entwickeln könnte".

Die 19jährige suizidgefährdete Jana meldet sich wegen der von ihrem Freund veranlassten Trennung und eines darauf hin erfolgten Suizidversuchs zur Therapie an. Ihre Abhängigkeit von ihm, die negativen Gefühle, die sie durch die Trennung der Eltern während ihrer Vorpubertät entwickelt, zeigen sich in Ängsten des Fallengelassen-Werdens, des Nicht-Angenommenseins und Verunsicherung, die sie jedoch wegsperrt und nach außen hin und anderen Menschen gegenüber als Souveränität und gespielten Scharm spielt. Der Therapeut wird dabei zum Objekt des Fallengelassen- und Nicht-mehr-gebraucht-Werdens.

In der therapeutischen Literatur wird immer wieder thematisiert, wie es zu negativen therapeutischen Reaktionen und schließlich zum Abbruch einer Therapie kommen kann. Das Kindergartenkind Tony wird von den Eltern wegen seines destruktiven Verhaltens und seiner Aggressionen zur Therapie angemeldet. Die vermeintlichen Fortschritte in den ersten Therapiestunden vermitteln dem Therapeuten den Eindruck, es gehe voran; er übersieht jedoch, "dass Mutter und Sohn über ein sadomasochistisches Versorgungsritual extrem aneinander gebunden sind, in dem Schmerz und Überwältigung ein Element der Beziehung und Nähe darstellen". Die positive Entwicklung in der Therapie wird für Mutter und Sohn zur Bedrohung; eine Übertragung auf den Therapeuten findet statt – die Therapie scheitert.

Die fast volljährige Lea ist durch die masochistische Abhängigkeit zu ihrem Freund kaum noch arbeitsfähig und isoliert. Im Laufe der Therapie wird der Therapeut zum "aggressiven bösen inneren Objektanteil" für die Patientin, von dem sie sich trennen müsse, weil sie sich massiv davor fürchtet, er könne sie zerstören. Die ehrliche Einschätzung des Therapeuten, ob er nicht selbst in ein negatives therapeutisches Behandlungsbündnis mit Patient und Eltern geraten sei und selbst unbewusst zum Scheitern der Therapie beigetragen habe, bleibt im Raum stehen.

Felix ist ein adoptierter Junge, der mit seinen Eltern wegen seiner Schulschwierigkeiten und seines oft heftigen aggressiven Verhaltens zur Therapie kommt. Eher nebenbei hat er von seinen Eltern erfahren, dass er nicht ihr leibliches Kind sei. Im Verlauf der Therapiestunden, über die zwanzigste…, neunzigste…, wird deutlich, dass Felix die "Kränkung" der Adoption in unbewusste narzisstische Größenvorstellungen und Omipotenzphantasien verwandelt. Für den Therapeuten wird klar, dass die "traumatische Neurose mit tiefen narzisstischen Kränkungen und Ängsten" nur dann behandelt werden kann, wenn es dem Therapeuten gelingt, ein gutes empathisches Gefühl gegenüber den Patienten zu entwickeln, aber gleichzeitig zu erkennen, dass er zum Objekt einer Gegenübertragung wird.

Die "Problematik der Väter, die zwar physisch anwesend, aber im Grunde genommen psychisch für ihre Kinder nicht präsent sind", wird am Fallbeispiel des 13jährigen Julian aufgezeigt. Die therapeutischen Möglichkeiten der Umkehrung der traumatischen Erfahrung und der Identifizierung mit dem Aggressor erlauben es, den Hass und die Aggressionen auf den abwesenden Vater in eine, therapeutisch bearbeitbare Bewältigung zu überführen.

Der Zusammenhang von Verwahrlosung und Aggression wird am Fallbeispiel des 15jährigen Kevin dargestellt. Die Anamnese der Lebensgeschichte ergab, dass sich der Vater des Kindes vor seiner Geburt abgesetzt habe, die alleinerziehende Mutter psychisch labil sei. Seine aggressiven, selbst- und fremdzerstörerischen Verhaltensweisen führten dazu, dass er, mit Beginn der Pubertät, von einer Schule auf die andere verwiesen wurde, bis er schließlich in einer Schule für nicht beschulbare Kinder und Jugendliche landet. Nähe wird für ihn sofort zur Bedrohung und muss deshalb zerstört werden. Eindringlich schildert Jochen Raue die Zeit der Therapie – zwischen Hoffnung und Resignation, Abbruch, Weitermachen und Neubeginn. Das Verhältnis zu seiner Freundin, die er seinen Aggressionen unterwirft, Drogenkonsum, Aufnahme einer Arbeitsstelle und das Scheitern – die Beschreibungen lesen sich beinahe schmerzhaft. Und doch wird deutlich, dass der Therapeut, der nicht aufgibt, immer mehr für den jetzt volljährigen Kevin zum einzigen haltenden Objekt wird. Diese Gegenübertragung bei schwer antisozial gestörten Jugendlichen wird im achten Kapitel diskutiert. Im neunten Kapitel öffnet der Autor ein besonderes Feld, das bisher in der pädagogischen Diskussion kaum im Blick ist: Psychoanalytisch-therapeutische Begleitung und Behandlung an einer Schule für Erziehungshilfe. Die hierbei vorgestellten Konzepte und Erfahrungen können als Aufforderung verstanden werden, dass sich Bildungs- und Erziehungsinstitutionen öffnen für eine nachhaltige psychoanalytische Zusammenarbeit und Vernetzung.

Mit dem zehnten Kapitel mischt sich Jochen Raue ganz konkret mit dem psychoanalytischen Phänomen des Wiederholungszwangs und der institutionellen Aggression in den Diskurs um "Verleugnung der Aggression am Beispiel Neonazismus" ein. Mit vier Fallvignetten zeigt er gesellschaftliche Defizite auf, etwa beim Mangel einer Zusammenarbeit zwischen den Institutionen der Jugendhilfe, den psychiatrischen Einrichtungen und der ambulanten Psychotheraie.

Im 11. Kapitel schließlich fasst der Autor die an Fallbeispielen aufgezeigten Probleme als "entwicklungspsychologische Überlegungen zur Aggression" zusammen und formuliert Vorschläge für die psychoanalytische Praxis: "Es wird deutlich, dass Störungen in Verbindung mit Aggressionsproblematiken und destruktivem Agieren mit zunehmendem Alter immer schwieriger zu behandeln sind und ein intensiveres therapeutisches Vorgehen benötigen".

Fazit

Einige der etablierten Therapeuten werden vielleicht das Buch mit der lapidaren Bemerkung zur Seite legen: "Na und?". Es überzeugt nicht, weil Jochen Raue etwa darin sensationell neue Theorien und Hypothesen beschrieben hat, sondern wegen seiner Ehrlichkeit und der Fähigkeit, "Alltags"–Erfahrungen in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen darzustellen und an keiner Stelle so etwas wie eine "Allmacht der Therapie" zum Ausdruck bringt. Deshalb dürfte das Buch nicht nur für (angehende) Psychotherapeuten Anlass zum Nachdenken und zur Diskussion bilden, sondern auch für pädagogisch Tätige überhaupt, in der Familie, im Kindergarten, der Schule und Jugendhilfe.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 27.04.2008 zu: Jochen Raue: Aggressionen verstehen. Psychoanalytische Fallstudie von Kindern und Jugendlichen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-86099-746-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5940.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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