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Hans-Geert Metzger (Hrsg.): Psychoanalyse des Vaters

Cover Hans-Geert Metzger (Hrsg.): Psychoanalyse des Vaters. Klinische Erfahrungen mit realen, symbolischen und phantasierten Vätern. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. 277 Seiten. ISBN 978-3-86099-747-5. 29,00 EUR.
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"Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an…"

In der Ballade "Erlkönig" schildert Johann Wolfgang von Goethe die Ängste und Nöte eines fiebernden Kindes und die Not und zugleich die Zuversicht des Vaters, das kranke Kind wohlbehalten und beschützt an den sicheren Ort des Zuhause bringen zu können. Das ist das überlieferte und zugleich im gesellschaftlichen Gedächtnis verankerte Bild des Vaters, der sich um seine Kinder sorgt und sie beschützt. Dieses väterliche Selbstverständnis hat längst Risse bekommen. Der Vater als derjenige, der die Existenz der Familie sichert, der "Ernährer", sogar über die Generationen hinaus, der gewissermaßen die Autorität sicher stellt, die Ordnung und Moral garantiert und letztlich die Macht ausübt, ist abgelöst worden durch das vielfach "ferne Familienmitglied", dem bestenfalls die Rolle des Exekutors von mütterlichen Anweisungen zukommt. Die Klage über die "Abwesenheit" des Vaters in der Familienerziehung wird mittlerweile in zahlreichen pädagogischen und gesellschaftlichen Analysen dargestellt: "Die Auflösung patriarchaler Strukturen hat zu einer Verunsicherung des väterlichen Selbstverständnisses geführt".

Die Bedeutung des Vaters als Erzieher, als pädagogische Autorität, als Freund, vielleicht sogar als Kumpel, nimmt im Erziehungsprozess eine immer geringere Bedeutung ein. Die "Abwesenheit der Väter" wird allenthalben als ein neues Merkmal der Vater-Mutter-Kinder-Beziehung angesehen. Wenn "der Vater fehlt", physisch und örtlich und vor allem in der frühen Entwicklung des Kindes, können, wie in der epidemiologischen Untersuchung des Klinischen Instituts für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (Franz / Lieberz / Schmitz / Schepank)  deutlich wird, aufgrund der fehlenden Präsenz während der kindlichen Entwicklungsjahre psychische und psychosomatische Beeinträchtigungen und psychogene Erkrankungen im späteren Leben entstehen. Die Psychoanalyse weist deutlich nach, dass Zuwendung des Vaters für die kindliche Entwicklung und die psychische Gesundheit im späteren Erwachsenenleben von entscheidender Bedeutung  ist.

Inhalt

Der Frankfurter Dipl.- Psychologe, Psychoanalytiker mit eigener Praxis und Lehrbeauftragter an der Universität Frankfurt/M., Hans-Geert Metzger, lässt in dem Sammelband zahlreiche Praktiker aus der psychoanalytischen Tätigkeit zu Wort kommen. Dabei wird gleich von Anfang an deutlich, dass "die heutige Ferne der Väter ( ) anders als zur Zeit des Patriarchats begründet (ist). Die Situation stelle sich eher dar als "ein Resultat der Verunsicherung, die oft einen unverbindlichen Rückzug, ein reales oder symbolisches Verschwinden der Väter zur Folge hat". Die Spannweite der Erfahrungsberichte, Reflexionen und Analysen reicht dabei von der geäußerten Skepsis einer Patientin – "Wie kann mir etwas gefehlt haben, was ich gar nicht kannte?" – bis zu pathologischen Befunden. Die in der klinisch-psychoanalytischen und psychoanalytisch-sozialwissenschaftichen Praxis ermittelten Symptome einer "väterlich bedingten Grundstörung" finden sich in allen Altersgruppen, bei Männern und Frauen, denen der "lange Schatten des Vaters" wie ein Bleigewicht auf deren affektiven Lebendigkeit liegt.

Davon berichtet der Düsseldorfer Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Heribert Blaß in einer Einzelfalldarstellung, in der er das transgenerationelle, aggressiv-depressive Dilemma eines 50jährigen Mannes beschreibt und den Behandlungsverlauf kommentiert.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut und Lehranalytiker Tomas Plänkers schildert die traumatisierten Zustände eines Mitvierzigers, die sich in Angstanfällen, Schlaf-, Arbeitsstörungen und Trennungskatastrophen äußerten. Der seit zwanzig Jahren verheiratete Mann, Vater eines 12jährigen Sohnes litt darunter, dass sein Vater seit seiner frühen Kindheit durch die Trennung der Eltern "abwesend" war. Er, der Patient, sei immer nur mit Frauen zusammen gewesen und auf der "Flucht vor der Familie". Bei ihm habe sich "ein paranoides Vaterbild verankert, das durch Spaltungen sowohl idealisiert und entsexualisiert, als auch in seiner Korrumpiertheit entwertet und zugleich für ihn enorm bedrohlich war". In der Therapie gelang es, eine Tür zum Vater als Ganzobjekt zu öffnen.

Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Friedrich Markert, der ebenfalls in Frankfurt eine eigene Praxis führt, versteht sich als "Brückenbauer zwischen verschiedenen psychotherapeutischen Schulen". Sein Fallbeispiel handelt von einer 49jährigen, eine "deutlich jünger aussehende, kleine, eher mollige, aufgeweckte und anziehende Frau mit hübschem und sehr sensiblen Gesicht". Sie hat als etwa einjähriges Kind den Vater verloren, der sich ihr aber, auch die durch Schilderungen ihrer Mutter, mehr und mehr als Liebender einprägte: "Ich bin vom Vater geliebt, ich bin wert, geliebt zu werden". In der Therapie schafft sie sich im Therapeuten den "Analytiker-Vater", einen "pre maternelle". Der nicht abgeschlossene Bericht des Therapeuten wird letztlich zu "einen Brief an Laura".

Hans-Geert Metzger zeigt die Situation auf, in der die damals 12jährige Tochter ihren imaginierten Vater erst beim Tod ihrer Mutter kennen lernt und erlebt, von ihm aber keine Aufmerksamkeit und Beachtung erfährt. Diese Trennungssituation wiederholt sich im Leben der jetzt erwachsenen Frau mehrmals. In der Analyse der Fallgeschichte wird deutlich, dass die Patientin "dieses Schicksal … mit anderen vaterlos aufgewachsenen Kindern" teilt. Der Vater bleibt eine Phantasiefigur, die keine Synthese zwischen Phantasie und konkreter Erfahrung ermöglicht und so zu unbewusster Wiederholung der Enttäuschung und Beziehungsabbrüchen führt.

Der an der Fachhochschule Frankfurt lehrende Facharzt für Psychiatrie und Psychosomatische Medizin, Martin Teising, gleichzeitig Vorsitzender des Alexander Mitscherlich Instituts in Kassel, referiert über die "Bedeutung des Vaters für Männer im höheren Lebensalter". Es geht um das Problem, dass vor 1945 geborene Männer unter den Folgen von abwesenden und verlorenen Vätern leiden; also eine andere Form der "Unfähigkeit zu trauern" und damit zu einer Stilisierung als "eigenen Vaterersatz". Der Konflikt "zwischen narzisstischen Wünschen nach ewigem Leben und dem Anerkennen-Müssen von Lebenstatsachen" lässt sich nur lösen, so die Erfahrung des Therapeuten, wenn das Vaterbild so real wie möglich wird.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt, Bettina Daser, informiert über die Ergebnisse eines Forschungsprojektes, in dem Konstellationen in Familienunternehmen analysiert wurden. Bei dieser hochaktuellen und brisanten Darstellung der Familiendynamik in kleinen bis mittleren wirtschaftlichen Familienbetrieben kommt den "Vatertöchtern" eine besondere Aufmerksamkeit zu: "Vatertöchter zeichnen sich durch eine enge Beziehung zum Vater aus". Ihnen ist gemeinsam, dass sie sich mit dem Vater als den Firmeneigner identifizieren und so Eigenschaften entwickeln, die von absoluter Anpassung bis zur Flucht reichen können.

Die Psychoanalytikerin mit eigener Praxis, Britta Heberle, greift den Slogan "Neue Väter braucht das Land" auf, indem sie an zwei Fallanalysen "die so genannten neuen Väter" darstellt. Sie macht dabei deutlich, dass aus den vorfindbaren Befunden "die neue Rollenverteilung zwischen Vätern und Müttern ihr Gewicht aus dem Reifegrad der jeweils beteiligten Identifizierungen erhält, ohne dass hier eine prinzipiell andere Dynamik zu konstatieren wäre".

Cornelia Wegeler-Schardt und Angela Köhler-Weisker referieren zwei Fallbeispiele aus der Frankfurter Baby-Ambulanz. Es geht um die in der Psychoanalyse immer wieder akzentuierte Fragestellung: Triade und (oder) Dyade. Warum der Vater nicht die Mutter sein kann und umgekehrt, wird in den Fallschilderungen eindrucksvoll aufgezeigt.

Die Bremer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Marita Barthel-Rösing berichtet in ihrem Fallbeispiel "Vom fehlenden zum hinreichend guten Vater" über die drei ein halb Jahre dauernde Behandlung eines Mädchens, das Todesangst entwickelte. Die Therapeutin arbeitete in diesem Zeitraum in insgesamt 243 Stunden mit "Paula", und 75 Stunden mit den Eltern. Mit dem Wortspiel, dass wir Menschen nicht nur mit dem Tod am Ende des Lebens zu rechnen hätten, sondern auch mit dem Tod im Leben, macht sie deutlich, dass Anwesenheit des realen Vaters, neben der "übermächtigen" Mutter, eine wichtige Grundlage bildet, ein menschliches Leben zu führen.

Jörg M. Scharff ergänzt den vorher gegangenen Behandlungsbericht, indem er Paulas Probleme anhand der beigefügten Kinderzeichnungen auf bestimmende "Urszenen", also Anlässe für die psychischen Probleme des Mädchens und die sich daraus entwickelnde "symbolische Vaterreferenz" befragt; eine für praktische psychoanalytische Behandlungsformen hilfreiche Reflexion.

Frank Dammasch, der unter anderem mit seinem Buch "Jungen in der Krise. Das schwache Geschlecht?" (siehe die Rezension) bereits auf eine Situation hingewiesen hat, die der familialen, pädagogischen und  gesellschaftlichen Aufmerksamkeit bedarf, schildert in seinem Fallbeispiel des achtjährigen "Emil" die Schwierigkeiten, die sich aus frühen Fremdheitserfahrungen der Mutter-Kind-Beziehung ergeben haben. Für eine positive Entwicklung und eine flexible männliche Geschlechtsidentität, in der sich auch das weibliche Element bilden kann, ist dabei eine reife Geschlechtsidentitätsbildung des Jungen von existenzieller Bedeutung.

In dem zusammenfassenden Epilog macht Hans-Geert Metzger noch einmal deutlich, dass die Behandlung einer "Pathologie der Vater-Kind-Beziehung", bei der sich für die Betroffenen "wie in einem Gefängnis" erleben und ihr Leben wie "eine auslaufende Batterie" empfinden, eines lebenslangen, facettenreichen Prozesses bedarf, der durch die Auflösung der patriarchalen Traditionen neue Möglichkeiten und Perspektiven erhält.

Fazit

Die im Sammelband vorgestellten Praxisberichte sind sicherlich für die Aus- und Fortbildung von Psychotherapeutinnen und –therapeuten eine wertvolle Hilfe und bieten für die Seminararbeit interessante Diskussions- und Reflexionsmaterialien an, ebenso die ausführliche Literaturliste. Weil aber ein positives, für die individuelle wie gesellschaftliche Entwicklung unverzichtbares Vaterbild wichtig ist, können Fallbeispiele von irritierenden, scheiternden und gescheiterten Vatererfahrungen auch für Menschen, die in anderen beruflichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen tätig sind – Väter, Mütter, Großeltern, Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Sozialpolitiker, usw. – Anregungen zum Nachdenken und zum Handeln bieten.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.05.2008 zu: Hans-Geert Metzger (Hrsg.): Psychoanalyse des Vaters. Klinische Erfahrungen mit realen, symbolischen und phantasierten Vätern. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-86099-747-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5941.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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