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Robert J. Meyers, Jane E. Smith: CRA-Manual zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit

Rezensiert von Prof. lic. phil. Urs Gerber, 03.11.2009

Cover Robert J. Meyers, Jane E. Smith: CRA-Manual zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit ISBN 978-3-88414-432-9

Robert J. Meyers, Jane E. Smith: CRA-Manual zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit. Erfolgreicher behandeln durch positive Verstärkung. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. 267 Seiten. ISBN 978-3-88414-432-9. 29,90 EUR. CH: 34,90 sFr.
Originaltitel: Clinical guide to alcohol treatment
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Thema

Das Hauptziel der Autoren besteht darin, den Ansatz des Community Reinforcement Approach (CRA) auch im deutsprachigen Raum bekannt zu machen. Es handelt sich dabei um ein verhaltenstherapeutisches Vorgehen. Neu und originell ist dabei die frühzeitige Suche nach Verstärkern von angenehmen Tätigkeiten, die nichts mit Suchtmittelkonsum zu tun haben. Diese werden gesucht im familiären, sozialen und beruflichen Umfeld wie auch in der Freizeit. Die gewählte Publikationsform eines Manuals mit den vielen Checklisten und Beispielen vermittelt Berufseinsteiger das Feld der Suchtarbeit gut verständlich und den CRA einfach in der Anwendung.

Wichtig ist den Autoren auch, dass wissenschaftliche Forschungsergebnisse über erzielte Wirkungen dieses Ansatzes vorliegen.

Inhalt und Aufbau

Das Buch ist in zwölf Kapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel „Das Konzept des Community Reinforcement Approach (CRA)“, überarbeitet und aktualisiert von Wolfgang Lange werden Grundannahmen, Ziele und Konzepte erörtert. Bei diesem Ansatz handelt es sich um ein verhaltenstherapeutisches Vorgehen, das für substanzbezogene Störungen entwickelt wurde. Zentral ist dabei Verstärker zu finden, welche ein suchtmittelfreies Leben fördern. Dabei werden Verstärker aus dem familiären, sozialen, beruflichen und ausser beruflichem Bereich gesucht. Die Idee ist: Die Motivation für ein abstinentes Leben steigt, falls unmittelbar Vorteile daraus erwachsen.

Nach einer klassischen Verhaltensanalyse (kurzfristigen positiven Folgen des Suchtmittelkonsums und langfristige negative Konsequenzen) beginnt die CRA-Verhaltensanalyse. Sie identifiziert die Auslösebedingungen von angenehmen Tätigkeiten, die nicht mit Suchtmittelkonsum assoziiert werden. Anschliessend wird versucht, die Häufigkeiten dieser Aktivitäten zu steigern. Im Folgenden werden acht Punkte erwähnt, die dann später im Buch ausgeführt werden: Abstinenz-Konto, Einsatz von Disulfiram mit einem Antabus-Coach, Behandlungsplan, verhaltenstherapeutisches Skill-Training, Arbeitsberatung, Beratung im sozialen und Freizeitbereich, Paartherapie und Rückfallprävention.

Im zweiten Kapitel, „Assessement“, werden neben den üblichen Anamnesedaten, die Verhaltensanalyse des Trinkverhaltens und des abstinenten Verhaltens breit besprochen und mit einem Beispiel gut illustriert. Es soll versucht werden, gleich zu Beginn die Motivation für die Behandlung zu erhöhen mit folgenden Massnahmen: Individuelle Verstärker herausarbeiten, möglichst frühzeitiger Behandlungstermin nach Kontaktaufnahme, Vermittlung von Zuversicht und Einbezug von Angehörigen.

Im dritten Kapitel, „Das Abstinenz-Konto“, zeigen die Autoren auf, wie gleich zu Beginn einer Therapie ressourcenorientiert gearbeitet und die Motivation durch die Einführung eines Abstinenzkonto zu erhöht werden kann. Es wird versucht, den Klienten von einer zeitlich begrenzten Abstinenzphase zu überzeugen. Ein Dialog mit einem ablehnenden Klienten ist als Beispiel abgedruckt.

Im vierten Kapitel, „Einsatz von Disulfiram“, wird das Vorgehen breit ausgeführt. Von der Dosierung bis zur Zusammenarbeit mit den Ärzten und dem Antabus-Coach. Erwähnenswert sind dabei die beigelegten Hilfsmittel wie Leitfaden für die Klienten, Einverständniserklärung und Briefvorlagen.

Im fünften Kapitel, „Behandlungsplan“, werden zuerst anhand der Zufriedenheitsskala mögliche Zielsetzungen herausgearbeitet, so dass ersichtlich wird, welche Massnahmen helfen könnten. Oft sind solche Massnahmen spezifische Skills-Trainings.

Im sechsten Kapitel, „Skills-Training“, werden Kommunikations-, Problemlöse-, und Ablehnungstraining wieder mit beispielhaften Dialogen vorgestellt.

Im siebten Kapitel, „Zusätzliche Techniken“, wird ein Sammelsurium von weiteren nützlichen Vorgehensweisen beschrieben: Arbeitsberatung, Lösungsorientierung und Zielfokussierung, Reduktion der Suchtmittelexposition, paradoxe Intervention und Hinführen zur Selbständigkeit.

Im achten Kapitel „Beratung im sozialen- und Freizeitbereich“, wird der Fokus auf die Identifizierung von Interessengebieten gelegt. Zusätzlich wird ein starkes Gewicht auf die Vernetzung mit lokalen Unterstützungsangeboten gelegt. Es wird versucht, die Klienten systematisch zu unterstützen bis beispielsweise einen Case Manager für diesen speziellen Bereich zu finden.

Im neunten Kapitel „Paartherapie“ wird, wie in der Einzelbehandlung, eine Zufriedenheitsskala über die Partnerschaft erstellt. Die Autoren stellen eine Vorgehensweise vor, wie Kommunikationsprobleme und auch Konflikte auf eine produktive Art und Weise angegangen werden können.

Im zehnten Kapitel „Rückfallprävention“ wird eine Verhaltensanalyse bei einem Rückfall auch wieder mit einem beispielhaften Dialog beschrieben. Für besonders wichtig erachten die Autoren die Erarbeitung eines individuellen Frühwarnsystems und die kognitive Umstrukturierung.

Im elften Kapitel „Der grosse Entwurf“ werden die häufigsten Fehler bei der Implementierung des CRA aufgezählt und nützliche Tipps gegeben: „Verlieren Sie nicht die Verstärker des Patienten aus dem Blick! Versäumens Sie nicht, wichtige Personen in die Behandlung einzubinden und die Bedeutung eines zufriedenen Alltagslebens herauszustellen! Denken Sie immer an die Bedeutung einer sinnstiftenden Beschäftigung für die Patienten! Behalten Sie wichtige Trigger und deren Kontrolle für den Patienten ausreichend im Blick! Achten Sie immer auf die Generalisierbarkeit erlernter Fertigkeiten des Patienten!“

Im zwölften Kapitel „CRA - Begriffsklärung im Dienste eines amerikanisch-deutschen Transferprozesses“ (von Martin Reker) werden Begriffe geklärt, die in Deutschland und Amerika andere Bedeutungen haben. Anschliessend folgt ein Vergleich des amerikanischen und deutschen Gesundheitssystems für Suchtpatienten.

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Beraterinnen, Berater, Therapeutinnen und Therapeuten, die Entwöhnungsbehandlungen anbieten. Für Berufseinsteiger in das Feld der Suchtarbeit ist das Buch sehr gut geeignet. Erfahrene in der Suchtarbeit werden einige Anregungen in ihren beruflichen Alltag integrieren können.

Fazit

Das Buch greift eine wichtige Erkenntnis der Suchtarbeit auf: Wenn die Abhängigen keine eigenen Antworten auf existentielle Fragen des Lebens finden, ist der Erfolg einer abstinenten Lebensführung immer in Frage gestellt. Sobald sie einen Sinn in einer abstinenten Lebensführung erkennen, kann der Erfolg nachhaltig sein. Die konsequente Verstärkung von sinnerfüllenden oder sinnstiftenden Tätigkeiten, die nicht mit Suchtmittelkonsum verbunden sind, ist so nur folgerichtig.

Etwas befremdlich wirkt die starke Betonung der Disulfiram Abgabe. Das Konzept der CRA kann sicherlich seine positive Wirkung entfalten auch ohne die Disulfiram Abgabe. Insbesondere da das Konzept den Anspruch erhebt ein Modell für eine allgemeine Suchtbehandlung zu sein, also auch bei Abhängigkeiten von Cannabis, Kokain und Opiaten zu verwenden sei.

Wer ein Manual sucht für eine Suchtbehandlung ist sicher gut bedient mit diesem Buch. Es ist geeignet für Berater, Beraterinnen, Therapeutinnen und Therapeuten aus den Berufsgruppen der Medizin, Psychologie und Sozialer Arbeit. Für langjährige Profis im Suchtbereich werden zwar alle wichtigen Punkte angesprochen, jedoch etwas zu wenig vertieft behandelt.

Besonders wertvoll sind im Buch die vielen Dialogbeispiele. Auch das Bemühen das CRA wissenschaftlich zu erforschen, verdient grosse Anerkennung.

Rezension von
Prof. lic. phil. Urs Gerber
Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Soziale Arbeit, Olten
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Es gibt 11 Rezensionen von Urs Gerber.

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Zitiervorschlag
Urs Gerber. Rezension vom 03.11.2009 zu: Robert J. Meyers, Jane E. Smith: CRA-Manual zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit. Erfolgreicher behandeln durch positive Verstärkung. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. ISBN 978-3-88414-432-9. Originaltitel: Clinical guide to alcohol treatment. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5943.php, Datum des Zugriffs 07.08.2022.


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