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Manfred Jehle: Psychose und souveräne Lebensgestaltung

Cover Manfred Jehle: Psychose und souveräne Lebensgestaltung. Erfahrungen langfristig Betroffener mit Gemeindepsychiatrie und Selbstsorge. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. 258 Seiten. ISBN 978-3-88414-438-1. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.
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Thema

Lange Zeit dominierte in der fachlichen wie öffentlichen Wahrnehmung das Bild schwer psychisch kranker Menschen als unheilbar, daher dauerhaft stationär behandlungsbedürftig und unfähig, ihr eigenes Leben zu gestalten. Einen ersten Riss bekamen diese Vorstellungen durch die Langzeituntersuchungen der 1960er und 1970er Jahre, die ergaben, dass die Verläufe psychischer Erkrankungen äußerst variabel sind, zu einem Drittel nicht chronifizieren und schon gar nicht zu dauerhafter Hospitalisierung führen.

Jehles Untersuchung, die in der Reihe Forschung für die Praxis - Hochschulschriften des Psychiatrie Verlages erschienen ist und die Ergebnisse seiner Dissertation darstellt, präsentiert

Wege von Menschen, die trotz oder wegen chronisch psychischer Erkrankung zu einer eigenen, souveränen Lebensgestaltung gekommen sind – mit allen Belastungen und Grenzen, die wir alle in unserer Lebensgestaltung erleben.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Hintergrund des Autors und damit auch der Studie liegen in sehr langjähriger gemeindepsychiatrischer Tätigkeit in München als Sozialpädagoge, wo er in der Psychiatrie-Szene als "sozialpolitisch engagierter Professioneller" bekannt sei.

Ausgangspunkt und Überblick über den Inhalt

Ausgangspunkt war die "Evaluation des Nutzwertes, den gemeindepsychiatrische Hilfsangebote für deren Nutzer/ -innen haben"(7). Genauer gesagt ging Jehle davon aus, "dass die ambulanten, gemeindepsychiatrischen Dienste sich mit ihrem Unterstützungspotential spezifisch abheben und beschreiben lassen würden gegenüber anderen Hilfeformen in klinischen, stationären oder öffentlich-rechtlichen Hilfeformen" (177). Die gewählte Form der Untersuchung – narrative Interviews – brachte ein anderes Ergebnis: "Wesentlich scheint vielmehr das Zusammenspiel zwischen den individuellen Lebenslandschaften der einzelnen Betroffenen, und der Fähigkeit psychiatrischer Dienste und Experten, diese persönliche Lage wahrzuhaben… und sich mit spezifisch passenden Angeboten darauf >einzuschwingen<, sich also i.e.S. >person-orientiert< zu beziehen." (177).

Man kann die Studie nun auf verschiedene Weise lesen:

  • Sie stellt den Prozess der Erforschung der subjektiven Perspektive von Betroffenen auf psychische Erkrankung und psychiatrische Versorgung dar: zunächst über eine Darstellung des Forschungsstandes, dann über  die Darstellung des Zusammenhangs von Fragestellung und Methodenwahl und dem methodischen Vorgehen, schließlich über die qualitative Auswertung der einzelnen Interviews, der fallvergleichenden Auswertung und der Rückbindung an theoretische Konzepte. Daher ist sie als Lehr- und Lernbuch sozialwissenschaftlicher Praxisforschung geeignet.
  • Die Studie entfaltet nuanciert aus den Schilderungen der Betroffenen ganz unterschiedliche Muster und Wege eigener Lebensgestaltung trotz erschwerter Bedingungen. Damit ermöglicht sie eine Wahrnehmung aus deren subjektiver Sicht als verdichtete Erzählungen, die ausgesprochen spannend zu lesen sind und einen neuen Blick auf Menschen im eigenen Arbeitsfeld, nicht nur dem gemeindepsychiatrischen, anregen können.
  • Sie stellt auch ein Stück bundesdeutsche Psychiatriegeschichte dar, sowohl über die Einführung zur Gemeindepsychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland als auch über die Erfahrungen der Interviewten mit verschiedenen gemeindepsychiatrischen Diensten.
  • Schließlich bietet Jehle sowohl in der Auswertung der einzelnen Interviews als auch in der Diskussion theoretische Ansätze, die Gemeinsamkeiten trotz sehr unterschiedlicher Lebenswege und Psychoseverständnisse bei den Betroffenen heraus zu arbeiten. Dabei bezieht er sich auf das Konzept der Gesundheitsförderung und das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky, das Konzept der Souveränität als spätmoderne Leitvorstellung eigengestalteten Lebens nach Gernot Böhme und das Konzept der  Selbstsorge nach Michel Foucault. Diese wiederum können Ansatzpunkte sein, die Erkenntnisse dieser Studie auf die jeweils eigenen Arbeitszusammenhänge zu übertragen, auch wenn sie nicht so differenzierte gemeindepsychiatrische und gemeinwesenbezogene Möglichkeiten bereitstellen wie München. Damit könnte das Buch auch für Betroffene selber Anregungen bereithalten.

Fazit

Dissertationen folgen einer eigenen Methodik und Sprache, die die Lesbarkeit manchmal erheblich erschweren. Manfred Jehle ist es m.E. gelungen, trotzdem ein anregendes Buch vorzulegen, das für Studierende, für FachkollegInnen und für Betroffene  auf je unterschiedliche Weise geeignet ist. Die Rezensentin wünscht ihm eine rege Aufnahme, auch wenn sie selber nicht allen Einschätzungen z. B. zur Psychiatriegeschichte im Detail zustimmt. Ausgehend von dem aus Jehles, in über 20jähriger Berufspraxis in der Gemeindepsychiatrie erwachsenen Wunsch, den Nutzen dieser Dienste aus Sicht der NutzerInnen zu spezifizieren, hat er mit der Methodik der narrativen Interviews von 19 langjährig überwiegend psychotisch erkrankten Betroffenen deren Erfahrungen mit sich und diesen Diensten in den Mittelpunkt gestellt. Daraus erarbeitet er einen Passungs-Ansatz zwischen den Betroffenen und den Diensten, in dem  diese besonders beauftragt sind, Möglichkeitsräume zu schaffen  Zentraler Aspekt ist die Ermöglichung eines Kohärenzgefühls trotz eines Lebens unter erschwerten  Bedingungen. Die Realisierung wird in Zeiten der Standardisierung, und ökonomisch begründeten Begrenzung sozialer Dienste immer wieder viel Arbeit und Phantasie erfordern. Dazu könnte Jehles Untersuchung ermutigen.


Rezensentin
Prof.em Dr. Alexa Köhler-Offierski
Seniorprofessorin Evangelische Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Alexa Köhler-Offierski. Rezension vom 25.06.2008 zu: Manfred Jehle: Psychose und souveräne Lebensgestaltung. Erfahrungen langfristig Betroffener mit Gemeindepsychiatrie und Selbstsorge. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. ISBN 978-3-88414-438-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5949.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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