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Rudolf Heltzel: Supervision und Beratung in der Psychiatrie

Cover Rudolf Heltzel: Supervision und Beratung in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. 140 Seiten. ISBN 978-3-88414-431-2. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.

Reihe: Basiswissen - 11.
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Thema, Autor und Entstehungshintergrundb

In der Einleitung beschreibt der Autor, selbst Arzt für Psychiatrie und Neurologie sowie für Psychotherapeutische Medizin, eigene Supervisionserfahrungen im Verlauf seiner beruflichen Karriere. Zuerst die "Supervisionsvariante "Fehlanzeige"": Mitte der 70er Jahre war Supervision im Feld der Psychiatrie noch völlig unbekannt. Die zweite Erfahrung machte der Autor in einer Suchtklinik: "Supervisionsvariante "Indoktrination"", nämlich konfrontative Arbeit mit den MitarbeiterInnen durch Vorgesetzte. Es folgte die "Supervisionsvariante "Expertenberatung in einer Pressure-Group"": Eine Gruppe engagierter MitarbeiterInnen traf sich mit einem externen Berater, was allerdings wenig Effekte für die Organisation als ganze bewirkte. In den 80er Jahren kam die Erfahrung durch traditioneller Balintgruppenarbeit hinzu, in der ein Psychoanalytiker mit dem Team einer Beratungsstelle die Fälle reflektierte. Aber genau in diesem Fall war Balintarbeit kontraindiziert, deshalb: "Supervisionsvariante "Fehlindikation Balintgruppe"". Im Verlauf der letzten dreißig Jahre hat sich Supervision im psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich gut etabliert und gilt dort heute geradezu als Qualitätsmerkmal der Arbeit. Und: "Aus der Sicht der Supervisionsanbieter stellt das bundesweite psychiatrische Versorgungsnetz mit seinen verschiedenen Einrichtungen einen der größten Märkte für Supervision - wenn nicht den größten Markt überhaupt - dar." (S. 9)

In der Reihe "Basiswissen" des Psychiatrie-Verlages sind mittlerweile zwölf Titel erschienen, z.B. "Umgang mit suizidgefährdeten Menschen", "Umgang mit psychotischen Menschen", "Rückfall bei Alkoholabhängigkeit", "Maßregelvollzug" etc. Jeder Band umfasst 140 Seiten. Der Autor des vorliegenden Bandes, Rudolf Heltzel, arbeitet neben seiner Grundprofession als Arzt auch als Psycho- und Gruppenanalytiker in eigener Praxis und als Berater, Supervisor und Fortbilder in psychiatrischen Feldern.

Aufbau und Inhalte

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis lässt vermuten, dass der Anspruch, Basiswissen zu vermitteln, umfassend eingelöst wird.

Es beginnt mit "Herausforderungen in psychiatrischen Arbeitsfeldern". Dabei geht es vor allem um "spezielle Dynamiken in psychiatrischen Arbeitsfeldern" und um "neue Klientengruppen" - beides wäre eigene Monographien wert, die es gewiss auch gibt.

Ein Blick auf die "Psychiatrie im Wandel" liefert hilfreiche Informationen.

Es folgt ein Kapitel mit der Frage "Wozu Supervision?" Hier werden Grundzüge dessen dargestellt, was Supervision ist und wie sie im Kontext von Organisationen wirkt. Das ist für Thema-Neulinge eine gute Orientierung, und erfahrene Supervisoren werden an vielen Stellen nicken, weil sie ihre eigenen Wahrnehmungen und Erfahrungen bestätigt sehen, zum Beispiel die Beob­achtung, dass "die Supervision unter diesen Bedingungen in die Gefahr gerät, als Kompensation für Management-Defizite eingesetzt zu werden." "Dreieckskompetenz" ist ein Grunderfordernis supervisorischer Arbeit: Supervision - Leitung - Team, Mitarbeitende - Supervision - Organisation sind nur zwei der zahlreichen Dreiecke, mit den Supervisoren zu tun haben. Das dritte Kapitel reflektiert "Jede Menge Dreiecke".

"Felddynamik und Spiegelungsphänomene in der Supervision" lautet nächste Überschrift. Der Merksatz des Kapitels lautet: "Klientendynamik und Teamdynamik beein­flussen sich gegenseitig, in der Supervision kann die eine die andere widerspiegeln - und umgekehrt." (S. 44) Auch hier kommt m.E. die Kurzform der Darstellung im Rahmen des "Basiswissens" an ihre Grenze: SupervisorInnen im Bereich der Psychiatrie können Felddynamiken und Spiegelungsphänomene nicht intensiv genug reflektieren, um nicht von ihnen vereinnahmt zu werden.

Das nächste Kapitel ist überschrieben mit "Supervisionsformen und Settingvarianten": Heltzel beschreibt detailliert den Weg vom Erstkontakt über die Nachfrageanalyse in die Teamsupervision sowie die Arbeit mit Teams in unterschiedlichen Settings.

Hilfreich, vielleicht gerade im Feld der Psychiatrie, ist das Kapitel "Woran orientieren sich Supervisoren?" Dabei geht es sowohl um die Methode Supervision selbst als auch um die Methoden, die in der Supervisionsarbeit eingesetzt werden. Hilfreich finde ich auch die Reflexion auf die "zusammengesetzte Berufsidentität von Supervisoren", denn Supervisoren haben in der Regel mehrere andere Berufe erlernt, bevor sie als Berater arbeiten. Deshalb gibt es für Supervisoren keine einheitliche Berufsidentität, sondern sehr unterschiedliche Bildungswege und -profile. Auf diesem Hintergrund wird die Frage relevant, welche Supervisoren mit welchen Bildungserfahrungen, Qualifikationen und methodischen Orientierungen in welches psychiatrische Arbeitsfeld "passen".

Daran schließt sich die Frage an: "Was ist 'gute Supervision'?" In Aufnahme des gleichnamigen Buches von Heidi Möller referiert der Autor Kriterien qualitätsvoller Supervisionsarbeit.

Es folgt ein längeres Kapitel mit der Überschrift "Fragen aus der Praxis". Die Abschnitte:

  • "Welche Supervisoren passen für welche Arbeitsbereiche?",
  • "Wie finden Professionelle geeignete Supervisoren?",
  • "Der Beginn des Supervisionsprozesses",
  • "Die verbindliche Teilnahme an Supervisionssitzungen",
  • "Dauer und Frequenz von Supervisionsprozessen",
  • "Beendigung von Supervisionsprozessen",
  • "Allparteilichkeit und Parteinahme?" und schließlich:
  • "Ethische Dilemmata" - ein m.E. besonders wertvoller Abschnitt, weil er die ethische Verantwortung zum Thema macht, die auch Supervisoren für das übernehmen, was in der Organisation geschieht. Der Autor weist deutlich darauf hin, dass Supervisoren sich nicht hinter feldspezifischen Bereichsethiken "verstecken" können.

Ein Ausblick auf die Entwicklungsperspektiven von Supervision im Bereich der Psychiatrie sowie ein Literaturverzeichnis beschließen den kleinen Band.

Diskussion

Heltzel selbst nennt in der Einleitung den LeserInnenkreis, den er mit seinem Buch ansprechen will: junge Anfänger und ältere Quereinsteiger in der Psychiatrie, alle in der Psychiatrie vertretenen Berufsgruppen, Leitungspersonen, Erfahrene Professionelle. Dazu auch Auftraggeber für Supervision und natürlich Supervisoren, die ihren Erfahrungshorizont erweitern möchten. Ja sicher - die alle könnten zu dem Band greifen, aber werden sie es auch tun? Gewiss: manch einer, der sich als in der Psychiatrie Arbeitender für Supervision interessiert, wird sich mit diesem "Basiswissen" kundig machen, aber ob Auftraggeber und Leitungspersonen so viel Energie für Supervision aufwenden werden? Den Supervisor würd"s freuen…

Wenn man einmal mit der Lektüre begonnen hat, ist man ganz sicher motiviert, den Band auch zu Ende zu lesen, denn das Gebotene ist praxisrelevant, konkret und verständlich präsentiert. Und die Struktur, die man durch die in die Einbandklappen aufgenommenen Merksätze aus den Kapiteln gewinnt, erleichtert die Orientierung zusätzlich. Und das ist es, glaube ich, was der Band will: Orientierung geben in tendenziell unübersichtlichen Feldern - zum einen Orientierung für Menschen, die in der Psychiatrie tätig sind, im Feld der Supervision. Denn die gewinnen (jedenfalls erste) Kriterien dafür, was SupervisorInnen, die sie für eine professionelle Beratung anfragen möchten, an Qualifikationen mitbringen sollten. Zum anderen Orientierung für Supervisoren, die Anfragen aus dem Bereich der Psychiatrie bekommen haben oder bekommen wollen. Die gewinnen eine (ebenfalls) erste Strukturierung dieses Arbeitsfeldes. Und so viel ist klar: ein Band mit dem Titel "Basiswissen" kann und will solche Felder nicht umfassend beschreiben. Eigene Weiterarbeit ist, jedenfalls was die Seite der Supervisoren angeht, unbedingt erforderlich!

Fazit

Die 14,90 Û sind eine gute Investition - und erst recht für Supervisoren!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 06.06.2008 zu: Rudolf Heltzel: Supervision und Beratung in der Psychiatrie. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. ISBN 978-3-88414-431-2. Reihe: Basiswissen - 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5951.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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