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Gernot Hahn: Rückfallfreie Sexualstraftäter

Cover Gernot Hahn: Rückfallfreie Sexualstraftäter. Salutogenetische Faktoren bei ehemaligen Maßregelvollzugspatienten. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. 424 Seiten. ISBN 978-3-88414-415-2. 39,90 EUR, CH: 69,40 sFr.

Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.
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Thema und Hintergrund

Die Behandlung von psychisch kranken Rechtsbrechern, insbesondere von Sexualstraftätern, hat in der Risikogesellschaft hohe mediale Präsenz. Ob man diese Menschen überhaupt erfolgreich behandeln kann, wird angesichts einzelner spektakulärer Rückfälle heiß diskutiert. Das deutsche Strafrecht wurde – meist gegen den Rat aller Fachleute – mehrfach verschärft. Die gesellschaftlichen Diskurse bleiben auch in der Fachwelt nicht ohne Einfluss. Sexualstraftäter werden häufig allein wegen der Deliktart als "gefährliche" Täter deklariert, die man kaum entlassen kann. Entsprechend wuchsen die Zahl der Eingesperrten und die Dauer der Einsperrung. Das hier vorgestellte Buch befasst sich mit der Entwicklung bei psychisch kranken Rechtsbrechern, die im so genannten Maßregelvollzug in forensisch-psychiatrischen Kliniken untergebracht werden.

Erfolg und Misserfolg der psychotherapeutischen Behandlung von Sexualstraftätern scheinen abhängig von angewandten Behandlungsprogrammen. In der "professional community" gelten kognitiv-behaviorale Programme als die erfolgreichsten. Wenig beachtet wurde bisher in der Therapie von Sexualstraftätern die Frage, warum manche entlassene Sexualstraftäter nach ihrer Entlassung nicht rückfällig werden, obwohl sie eine ähnliche Biographie aufweisen wie Rückfalltäter.

Autor und Fragestellung

Dr. Gernot Hahn (*1963) ist Diplom-Sozialpädagoge und Sozialtherapeut. Er leitet die Nachsorgeambulanz einer Klinik für Forensische Psychiatrie in Bayern. Seit 1997 lehrt er an mehreren Fachhochschulen. Der hier besprochene Band ist die Veröffentlichung seiner Dissertation. Hahn geht der vernachlässigten Frage nach, wie man neben dem Blick auf die Entstehung der Störungen (Pathogenese) auch den Blick auf die gesundmachenden und gesunderhaltenden Faktoren (Salutogenese) entwickeln kann.

Aufbau und Inhalt

Nach der Vorstellung seiner Referenztheorie (Soziale Therapie als Handlungswissenschaft) gibt der Autor einen Überblick über Sexualstraftaten als abweichendes Verhalten. Er stellt heraus, wie selten solche Delikte – entgegen der medialen Inszenierung – im Gesamtbild der Kriminalität sind und liefert eine kurze Übersicht über historische Entwicklungen und verschiedene theoretische Modelle zum Verständnis von strafbarem Verhalten. Hahn stellt die strafrechtliche Systematik und die aktuellen Sanktionsmöglichkeiten auf Sexualdelikte vor und widmet sich in einem weiteren Kapitel der Lage dieser Patientengruppe in den forensisch-psychiatrischen Kliniken.

Dabei spielt die Prognose des zukünftigen Verhaltens eines Straftäters nach seiner Entlassung und die Möglichkeiten von Nachsorge für das Thema des Buches eine wichtige Rolle. Der Autor zeigt die Probleme bei der Erstellung einer Prognose, deren Instrumente und auch deren Grenzen auf. Hahn schildert Aufgaben und Tätigkeit von Führungsaufsicht, Bewährungshilfe, Psychotherapie und forensische Nachsorgeambulanzen.

Der Autor gibt einen synoptischen Überblick über Behandlungsmöglichkeiten und über den Stand der Forschung zu Risikofaktoren (74f) und protektiven Faktoren(175ff). Ausgehend von der Theorie der Salutogenese von Antonowsky zeigt Hahn, dass Straftäter im Allgemeinen und Sexualstraftäter im Besonderen derzeit vorwiegend pathologiezentriert gesehen werden. Gesundheit steht aber in einem Spannungsfeld zwischen krankmachenden und gesunderhaltenden Faktoren. Im Kern habe jeder Mensch einen "Sense of Coherence" (Kohärenzgefühl), der das Gefühl der Verstehbarkeit von Umwelt und der eigenen Person, das Gefühl der Handhabbarkeit/Lösbarkeit von Problemen und nicht zuletzt das Gefühl der Sinnhaftigkeit (162) beinhalte. Diese Komponenten entscheiden, ob Straftäter überzeugt sind, dass ihr Handeln (und auch ihre Veränderung) Sinn machen, dass sie ihre Probleme verstehen und bewältigen können.

Ein kurzes Kapitel ist der angewandten Forschungsmethode gewidmet. Es kann aber vom Leser übersprungen werden, ohne dass das Verständnis der folgenden Untersuchungsergebnisse leidet.

Hahn gibt anhand von zwölf narrativen Interviews mit entlassenen Sexualstraftätern zum Ende ihrer Bewährungszeit einen Einblick in die Lebenswelten rückfallfreier Sexualstraftäter. Der traditionelle fachliche Blick geht bisher fast ausschließlich auf Risikofaktoren, Rückfallgefährdung und Sicherheitsprobleme. Nur ganz vereinzelt hat Forschung bisher Faktoren in den Blick genommen, die die Täter vor einem Rückfall schützen. Dabei sei die Zahl der rückfallfreien Straftäter größer als allgemein angenommen. Entlassene Patienten aus dem Maßregelvollzug weisen Rückfallraten zwischen 5 und 20% auf (210). Die von Hahn interviewten entlassenen Sexualstraftäter waren zum Zeitpunkt der Interviews bereits drei bis fünf Jahre in Freiheit. Einige von ihnen hatten bei der Entlassung aus dem Maßregelvollzug eine ungünstige Prognose, man hielt Rückfälle für möglich. Trotzdem blieben diese Täter bislang unauffällig. Das vom Autor vorgestellte Interviewmaterial erlaubt dem Leser einen komprimierten Einblick in die Entwicklung der Täter und in deren Einschätzung über Faktoren, die sie (bis zum Zeitpunkt der Befragung) rückfallfrei bleiben ließen.

Hahn entwickelt mit Hilfe der Grounded Theory unterschiedliche salutogene Faktoren über die Lebensspanne. Interessant ist, dass zu diesen Faktoren, die vor Rückfall schützen können, auch Erfahrungen aus der Unterbringung und Behandlung im Maßregelvollzug gehören. In der Therapie lernen Täter etwas über ihre Störung, über Frühwarnsignale; im Stationsleben erfahren sie Kontinuität, Verlässlichkeit, klare Regeln und erleben bei Aktivitäten, was sie leisten können. Diese salutogenen Faktoren können als Gegengewicht zu Risikofaktoren ein rückfallfreies Leben erleichtern – wenn Therapeuten und Betreuer in der Lage sind, diese zu identifizieren.

Hahn entwickelt aus den Einzelinterviews falltypische Protektionsmuster, die er skizzenhaft zu vier allgemeinen Protektionstypen systematisiert. Er regt an, für die Behandlung von Sexualstraftätern systematischer auf deren Stärken, Ressourcen und gesund erhaltende Faktoren zu achten, neben die Risiko-Checklisten sollten "Positiv-Checklisten" treten, die systematisch nach den Stärken der Patienten suchen bzw. solche entwickeln und fördern.

Zielgruppen

Sozialpädagogen, Psychologen und Ärzte, andere Beschäftigte der forensischen Psychiatrie, der Straffälligenhilfe und der Strafrechtspflege. Das Buch ist durch seine verständliche Sprache auch für Interessierte aus verwandten Berufsgruppen gut lesbar.

Diskussion

Hahn sieht seine Dissertation als Grundlagenarbeit für den Bereich der Forensik. Gleich vorweg sei gesagt, dass der thematische Bogen, den der Autor zieht, neben einer Übersicht über Soziale Therapie gleichzeitig einen guten Gesamtüberblick über die Behandlung von Sexualstraftätern liefert. Der Leser erfährt viel Wissenswertes über die Täter und deren Behandlung. So referiert der Autor grundlegend und allgemein verständlich über kriminologische, psychiatrische und therapeutische Konzepte und informiert über die aktuellen rechtliche Lage im Umgang mit Sexualstraftätern (es fehlt lediglich der Bereich der Sicherungsverwahrung, der derzeit in Zahl und Unterbringungsdauer rapide anwächst). Deshalb ist das Buch hilfreich sowohl für Leser, die sich einen Überblick verschaffen bzw. sich in das Gebiet einarbeiten wollen als auch für Fachleute, die sich gezielter mit dem Konzept der Salutogenese und mit Ressourcen bei Sexualstraftätern befassen wollen.

Für eine weitere Auflage wäre ein Stichwort- und Autorenverzeichnis wünschenswert, das die Handhabung des Buches sicher verbessern würde.

Fazit

Das Werk stellt – auch wegen der geringen Fallzahlen bei der Untersuchung – erst einen Anfang für die Forschungsrichtung dar. Weitere Arbeiten müssten folgen. Der Gewinn für die Behandlungspraxis liegt auf der Hand: Wenn erst einmal Schutzfaktoren bekannt sind, die Sexualstraftätern helfen, Rückfälle zu verhindern, kann man diese Faktoren sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich suchen und konkret fördern. Darüber hinaus könnten Hahn Erkenntnisse bei der Erstellung von Prognosegutachten helfen und bei der Entwicklung von Prognoseinstrumenten die Ressourcen der Sexualstraftäter besser bewerten und damit Entlassungsentscheidungen sicherer machen.


Rezensent
Dr. biol. hum. Michael Stiels-Glenn
Kriminologe & Polizeiwissenschaftler M.A. Integrativer Therapeut M.Sc. Supervisor (DGSv)
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Zitiervorschlag
Michael Stiels-Glenn. Rezension vom 26.03.2008 zu: Gernot Hahn: Rückfallfreie Sexualstraftäter. Salutogenetische Faktoren bei ehemaligen Maßregelvollzugspatienten. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. ISBN 978-3-88414-415-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5956.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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