Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Stephan Debus, Roland Posner (Hrsg.): Atmosphären im Alltag. Über ihre Erzeugung und Wirkung

Rezensiert von Prof. Dr. Werner Schreiber, 20.10.2009

Cover Stephan Debus, Roland Posner (Hrsg.): Atmosphären im Alltag. Über ihre Erzeugung und Wirkung ISBN 978-3-88414-445-9

Stephan Debus, Roland Posner (Hrsg.): Atmosphären im Alltag. Über ihre Erzeugung und Wirkung. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. 293 Seiten. ISBN 978-3-88414-445-9. 39,90 EUR.
Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema und Herausgeber

Der Titel des vorliegenden Herausgeberbandes irritiert zunächst, koppelt er doch eine ästhetische Perspektive des eigenleiblichen Erlebens, Erfahrens und Spürens mit einer pragmatisch- instrumentellen Ebene von Erzeugung und Wirkung . Dass ist nichts Ungewöhnliches, denkt man an z.B. Wellnesszenarien, Feng Shui, und Lifestyle Zeitschriften. Aber ist das noch Wissenschaft? Ist das vor allem Sozialwissenschaft? Hat die Erzeugung von Atmosphärischem nicht vielfach mit kommerziell erzeugter Illusion und privater Gestimmtheit zu tun, dem Realitätsprinzip enthoben und insofern schon mal gar nicht alltäglich? Um die Beiträge des Bandes insbesondere in ihrem Zugriff auf Wirklichkeitskonstruktionen diskursiv einzuordnen, erscheint es zunächst notwendig die disziplinären Hintergründe der Herausgeber vorzustellen:

Stephan Debus ist

  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Psychiatrie/Sozialpsychiatrie der Medizinischen Hochschule Hannover,
  • forscht im Schwerpunkt Milieu und Methodik,
  • ist Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
  • und ist darüber hinaus doppelt mit der Semiotik verbunden: als Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Semiotik und als Mitherausgeber der Zeitschrift für Semiotik Roland Posner ist
  • Professor und Leiter der Arbeitsstelle für Semiotik an der Technischen Universität Berlin,
  • forscht im Schwerpunkt Gestenforschung und handlungstheoretische Grundlagen der Semiotik,
  • ist Herausgeber eines internationalen Standardwerkes zur Semiotik,
  • Herausgeber der Zeitschrift für Semiotik
  • und Vorstandsmitglied in der International Association of Semiotic Studies

Mit anderen Worten, es handelt sich bei den Herausgebern nicht um wissenschaftliche Nobodies , die hier ein mehrperspektivisches Konzept von Atmosphäre und Atmospärischem deutlich anwendungsbezogen vorstellen, sondern um fest und meinungsbestimmend in die Strukturen ihrer jeweiligen scientific communities (Sozialpsychiatrie und Semiotik) verankerte Fachvertreter. Beide erscheinen zudem verbunden durch ihr Interesse an semiotisch relevanten, d.h. bedeutungstragenden Zeichen sowie an reproduzierbar herstellbaren synästhetischen Erfahrungszusammenhängen .

Aufbau und Inhalt

Neben einer klugen, den opaken Begriff der Atmosphäre kritisch ausleuchtenden Einführung und kondensierten Erläuterung der Beiträge durch Stephan Debus versammelt der Band elf Aufsätze zur Herstellung, Gestaltung und Wirkung von Atmosphären in unterschiedlichen Anwendungsbereichen kultureller Szenen. Dazu kommen vier eher grundlagentheoretisch orientierte Beiträge zum Thema aus ethnomethodologischer (Patzelt) Sicht, aus Sicht einer existenzphilosophisch orientierten Ontologie des Selbst (Kimura), einer phänomenologischen Philosophie des eigenleiblichen Fühlens und Spürens(Schmitz) und einer naturphilosophischen Sicht auf zwischenmenschliche Kommunikation und ihre Atmosphären(Böhme).

Zunächst zu den eher anwendungsbezogenen Beiträgen:

  • Holger Hoffmann stellt aus der Psychiatrie und als affektlogisch (der Mensch als Denk-Fühl-Wesen) orientierter Schüler Luc Ciompis das therapietheoretisch begründete Modell „Soteria – Atmosphäre als Therapeutikum in der Schizophreniebehandlung“ vor. Neben einer sorgfältigen Einordnung des Modells in den traditionsreichen (Sullivan, Jones, Cummings) sozialpsychiatrischen Diskurs zur Bedeutung von Milieugestaltung in der Behandlung schizophrener Patienten bietet der Artikel eine gute Synopse wahrnehmungstheoretisch orientierter Aspekte und Dimensionen des Atmosphäre Konzeptes. Dabei schlägt Hoffmann einen weiten Bogen, von G.Böhmes philosophischer Anthropologie, über Funktionszusammenhänge von Architektur und Atmosphäre, bis hin zum Modell Soteria, das es sich zum Ziel gemacht hat, durch das gestaltete Zusammenwirken von milieutherapeutischen, psychotherapeutischen und atmosphärischen Aspekten in der Arbeit mit psychisch Erkrankten heilsam zu wirken. Was an den hier geschaffenen Atmosphären, verstanden als Medium zwischen Subjekt und Umwelt, heilend wirken könnte wird von H. Hoffmann in der beschreibenden Analyse unterschiedlich stützender, haltender Atmosphären benannt . Den Betreuern – psychiatrisch geschulten Pflegefachkräften und ausgewählten Laien – obliegt dabei die Aufgabe, als Atmosphäre-Spezialisten mit entsprechendem Kompetenzprofil familiäre, partnerschaftliche, zwischenmenschliche, angstlösende, integrierende Atmosphären zu schaffen-immer bezogen auf die Gruppe junger Schizophrener in einem schön gestalteten Wohnhaus mit großem Garten, als Teil einer “Sanften Psychiatrie“.
  • Uwe Könemann berichtet aus der Perspektive eines Krankenpflegers an einer Universitätsklinik über „Atmosphärische Gestaltungsmöglichkeiten auf einer psychiatrischen Station“. Er zentriert in seinem Erfahrungsbericht auf Ausdifferenzierungen bewusster, sensibler, mitschwingender Kompetenz zum „atmosphärischen Arbeiten“, zum bewussten, affektmodulierenden Erzeugen und Gestalten von Stimmungen im Arbeitsalltag mit psychisch Kranken. In dieser Hinsicht steht er für die Praxeologie einer bio-psycho-sozial orientierten, sozialen , zurückhaltend medikalisierenden Psychiatrie.
  • Claudia Lorenz und Joachim Penzel beschreiben in ihrem Artikel „Gestimmte Räume. Ein atmosphärischer Rundgang durch ein Kinderkrankenhaus“ den Einsatz und die Wirkung künstlerischer Mittel zur Gestaltung räumlicher Atmosphären, d.h. durch den Einsatz von leuchtenden, warmen Farbfeldern in den Fluren, durch Lichtpforten, alle Sinne stimulierende, geheimnisvoll ausgeleuchtete Nischen u.a. , bis hin zur ästhetischen Gestaltung von Krankenzimmern. Dabei gilt es, die ökologisch orientierte und sinnlich angenehme Ästhetik der Räume einzufügen in ein übergeordnetes Heilungskonzept. Der Artikel ist in der Beschreibung der Raumatmosphären sprachlich vorzüglich durchgearbeitet, und durch beeindruckende Bilder gestützt.
  • Anke Bertram, Anika Bertram und Andine Mosabeschreiben in ihrem Artikel „Pavillon der Sinne“. Ein Konzept der Gesundheitsförderung durch Kunst, Kultur und soziale Kontakte an der Medizinischen Hochschule Hannover“ . Unter Verwendung von Grundrissen und Abbildungen virtueller Räume beschreiben sie unter architekturtheoretischer Perspektive die subliminale, salutogene Wirkung von Ausblicken und Rückzugsräumen, von Lichtakzenten und räumlich unterstützten Handlungsaufforderungen, im Einklang mit den therapeutischen Grobzielen. Auch hier erscheint der Artikel als sowohl informativ-einladend die erwünschte sinnliche Gestimmtheit evozierend, schon durch die beschreibende Sprache , wie gleichermaßen affirmativ den Konzeptzielen verpflichtet.
  • Der Artikel von Karin MollDie ‚Atmo‘ – Tondramaturgische Gestaltung durch Geräuschatmosphären im Film und im Hörspiel“ gibt detailliert und kenntnisreich einen filmästetisch fundierten Backstage-Einblick in die handwerklich anspruchsvolle Arbeit virtueller Wirklichkeitsgestaltung durch künstlich gestaltete akustische Atmosphären, d.h der Unterlegung gespielter und gesprochener Szenen mit Hintergrundsgeräuschen zur Steigerung ihrer visuellen , leiblich gespürten Tiefenwirkung- eben der Atmo. Die technischen Mittel der Filmindustrie, die dabei herangezogen werden, erscheinen dabei hoch entwickelt und spiegeln eine mindestens hundertjährige, high-tec überformte Berufsgeschichte tondramaturgischer Gestaltung suggestiver Atmosphären.
  • Dagmar Schmauks analysiert aus literaturtheoretischer Perspektive in ihrem Artikel „Grauen aus dem Baukasten“. die Herstellung von Atmosphäre in Stephen Kings Roman Friedhof der Kuscheltiere“ . Sie weist hin auf die Instrumente und technischen Mittel , die Rezeptur des Autors zur sprachlichen Erzeugung einer sich steigernden Synästhesie , einer Polyästhesie von Schrecken, Horror und Ekel in der Erfahrung des alltäglich Realen. So beschreibt die Autorin z.B. den sprachlich virtuosen Einsatz „phobischer Druckpunkte“ , die sich zur Herstellung unheimlicher Atmosphären seit jeher bewährt haben und die sprachliche Aktivierung von tief eingewurzelten Ängsten und Angstreaktionen : vor dem namenlosen Unbekannten, dem sich auftuenden Riss in der Wirklichkeit. Ihrem Aufsatz hat sie ein Zitat Stephen Kings vorangestellt: „ Jeder(…), der jemals ein Lehrbuch geschrieben hat, sollte aus seinem Hörsaal gezerrt, ertränkt und gevierteilt und dann in winzige Streifen geschnitten werden, und diese Streifen sollte man dann in der Sonne trocknen und (…)als Buchzeichen verkaufen.“ Ein Zitat, das als ironische Form einer methodologischen Standortbestimmung gelesen werden kann, die mit Stephen King daran erinnert, dass der forschende Sozialwissenschaftler meist fast per Definition keine unmittelbare Kenntnis des Bereichs des Sozialen Lebens hat, den zu erforschen er beabsichtigt. Und damit trifft sie sicher auf die zentrale Problematik der empirischen Sozialforschung, dass eine distanzierende und abstrahierende Analyse sozialer Wirklichkeit keinesfalls die unmittelbare, „leibhaftige“, sinnliche Vertrautheit mit atmosphärisch erfahrener Wirklichkeit ersetzen kann.
  • In seinem Aufsatz „Kunst und Atmosphäre“ diskutiert Volkmar Mühleis - ausgehend von seiner Erfahrung als Museumsführer im Rahmen eines Forschungsprojektes zur sprachlichen Kommunizierbarkeit von Kunst zwischen Sehenden und Blinden - die Möglichkeit, blinden und sehbehinderten Menschen die Ästhetik eines Bildes nahezubringen. Der Aufsatz erscheint mir voraussetzungsreich, erfordert Vertrautheit im cross-over von kunstästhetischen und wahrnehmungsphilosophischen Diskursen und plädiert für ein atmosphärisch ganz eigenes Kunsterleben der Blinden, das getragen ist durch Lebendigkeit der sprachlichen Beschreibung, durch Raumerfahrung, durch die sprachliche Evozierung einer atmosphärischen Qualität von Imagination und Denken
  • Eva Kimminich schreibt über: Kairos, Actionality und Flow – Wie, wozu und warum in Jugendkulturen Atmosphäre hergestellt wird. Ausgehend von Böhmes Konzept einer neuen Ästhetik, die den Blick öffnet für auf leiblicher Wahrnehmung beruhende Phänomene, nähert sie sich in einer sowohl kulturtheoretisch wie ästhetisch-ethnologischen Perspektive den Musikszenen der Hip-Hop-Subkultur. Die im dynamischen, suggestiven und rhythmischen Zustand des Rap und des Breakdance kollektiv erzeugten und erfahrenen subkulturell en Atmosphären diskutiert sie im Hinblick auf die vielschichtigen Konzepte von Kairos, Actionality und Flow, verstanden als wesentliche, konstituierende, leiblich intensiv empfundene atmosphärische Elemente. Sie stellt dabei die identitätsstiftende Bedeutung dieser ursprünglich religiös kontextualisierten Musik in musik- und kulturgeschichtliche Zusammenhänge, geht den komplexen , impliziten Wissensbeständen nach, die es den Jugendlichen erlauben ,in ihrer jeweiligen kulturellen Praxis situativ Atmosphärisches zu erzeugen und sich selbst dazu, im Flow-Erleben.
  • Michael Huppertzentfaltet in seinem Aufsatz „Spirituelle Atmosphären“ die Konzepte von Spiritualität und Atmosphäre aus kulturalistischen und religionswissenschaftlichen Perspektiven, rekonstruiert in einer filmästhetischen Analyse des Dokumentarfilms „Die große Stille“ die Synästhesien spiritueller Atmosphären eines Mönchskloster , spürt eine ähnliche Atmosphäre in säkularen Zusammenhängen rhythmisch-meditativer Tanzgruppen auf und diskutiert sodann die Bausteine spiritueller und in Abgrenzung zu ihnen religiöser Atmosphären sowie ihrer latenten und manifesten Funktionen als „ergreifende Gefühlsmächte“.
  • Steffi Hobuß schreibt sprachanalytisch geschult über „Eine spezielle Sprachanwendung, zu speziellen Zwecken“ – Der Begriff der Atmosphäre und die Wortbedeutung bei Wittgenstein.“ Sie arbeitet heraus, dass Wittgenstein den Begriff der Atmosphäre nur in spezieller Sprachverwendung und unter bestimmten Bedingungen zugesteht, nicht aber als Ausdruck postulierter innerer Zustände.
  • Norbert Schalast beschreibt „Problemaspekte des Stationsklimas im psychiatrischen Maßregelvollzug und Entwicklung eines Beurteilungsboges“. Im psychiatrischen Maßregelvollzug, so argumentiert Schalast, befinden sich vielfach Menschen mit schwer gestörtem Sozialverhalten und oft lebenslangen eigenen Erfahrungen von Gewalt und Ausschluss. Hier therapeutisch heilsame Atmosphären zu entwickeln erscheint dementsprechend schwierig, insbesondere unter sicherheitstechnischen Überlegungen. Schalast stellt vor diesem Hintergrund mit der „Ward Atmosphere Scale“ ein umweltpsychologisch begründetes Instrument zur systematischen Erfassung von Stationsatmosphären vor, dass in deutscher Fassung als „Stationsbeurteilungsbogen“ SBB vorliegt. Mit der Entwicklung eines „Stationsklimafragebogens“ zu den Dimensionen Sicherheit, Zusammenhalt und Therapeutischer Halt leistet Schalast einen Beitrag zur überprüfbaren Verbesserung des Behandlungsklimas auf geschlossenen Stationen.

Die den Band abschließenden, metatheoretisch orientierten Artikel bilden einen fundierenden und orientierenden Kontext.

  • Hermann Schmitz schreibt in dem vorliegenden Band über „Gefühle als Atmosphären“. Schmitzist bekanntlich einer der bedeutendsten Leibphilosophen der neueren Philosophiegeschichte. In seinen differenzierten Analysen leiblicher Wahrnehmung, affektiver Betroffenheit und atmosphärischer Gestimmtheit hat Schmitzeine Sprache für die Phänomene gefunden, die insbesondere dem, was in psychotherapeutischen und pädagogischen Arbeitszusammenhängen passiert, nahekommt. Atmosphären werden von Hermann Schmitz als „ergreifende Gefühlsmächte, die randlos, in den Raum ergossen sind“ definiert, nicht als feste, raumeinnehmende Objekte, sondern als „Halbdinge“, nicht unabhängig von der Wahrnehmung durch Subjekte, sie aber in ihrer Bedeutung übersteigend und sie leiblich-spürbar ergreifend , als z.B. Gefühle des Wohnens und die damit verbundenen vielen synästhetischen Wahrnehmungsqualitäten wie Klänge, Gerüche, Empfindungen, Raumqualitäten.
  • Gernot Böhme schreibt über „Atmosphären im zwischenmenschlichen Raum“ und wendet sich hier zentral den kommunikativen Atmosphären zu, die von den beteiligten Subjekten prozesshaft kommunikativ ausgehandelt werden - in Abgrenzung zum Konzept „quasi-objektiver“ Atmosphären, in die man hineingeraten kann und denen man sich entziehen kann. Unter Bezug auf Habermas Theorie kommunikativen Handelns und auf das von Schmitz ausgearbeitete und so genannte Konzept leiblicher Kommunikation , entwickelt Böhme ein Modell zwischenmenschlicher Atmosphären, ihren Konstitutionsbedingungen, Funktionen und ihren Störanfälligkeiten. Angesichts der kommunikativen Bedeutung zwischenmenschlicher Atmosphären, die immer auch „Quelle des eigenen Empfindens“ seien, würden insbesondere Erfahrungen ihres „Zerfalls“, ihrer „Störung“, ihres „Aufreißens“ deutliche Hinweise geben auf ihre alltäglich erfahrbare Relevanz . Aus dieser Perspektive fragt er „tentativ“ nach den Beiträgen, die der Einzelne zur (gelungenen) zwischenmenschlichen Atmosphäre beitragen kann. Nach dem, was dazu beiträgt, in Familien eine gesunde Atmosphäre herrschen zu lassen. Nach den Kompetenzen, über die man verfügen muss, um bewusst mit Atmosphären umgehen zu können.
  • Bin Kimura, Philosoph und Psychiater schreibt über „das Zwischen als Grundlage der phänomenologischen Methode in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Praxis“. Vor dem Hintergrund der phänomenologisch orientierten Psychopathologie von Jaspers dezentralisiert Bin Kamura das Subjekt, indem er auf die einzig identitätsstiftende Tiefen -Dimension des „Zwischen“ verweist und schizophrene Störungen eines Patienten als Manifestation, als Symptom eines gestörten „Zwischen“ im Bezug zur Welt und zu Menschen interpretiert. Jede Entwicklung des Selbst lasse sich nur verstehen aus der Dynamik einer Gegenwart heraus, die verstanden wird als Schnittpunkt von Vergangenheit (Herkunft) und Zukunft. Herkunft fundiere die Gegenwart, die „die ganze Vergangenheit in sich integriert und jeweilige differenzierte Richtung auf die Zukunft hin aus sich entstehen lässt“. Eine Perspektive, die deutlich an geläufigere therapietheoretische Ansichten zum „Hier-und jetzt-Prinzip“ erinnert.
  • Aus ethnomethodologischer Sicht schreibt Werner.J. Patzelt über: „ Stimmung, Atmosphäre, Milieu. Eine ethnomethodologische Analyse ihrer Konstruktion und Reproduktion“ . Patzelt wendet sich in diesem Beitrag mit den fach- und theoriesprachlichen Mitteln der Ethnomethodologie der Frage nach den Konstruktionsprinzipien einer „sozialen Operationswirklichkeit“ zu. In diese Fachsprache gilt es erst einmal einzutauchen. In ihrem weitläufigen und komplexen Bezugssystem, das von Patzelt informativ und systematisch entfaltet wird, werden dann die Darstellungstechniken, Interpretationsverfahren und szenischen Praktiken (von Patzeltals „politics of reality“ bezeichnet) sichtbar, die der „Geltungssicherheit“ einer sozialen Wirklichkeitskonstruktion in Auseinandersetzung mit konkurrierenden Konstruktionen dienen. Atmosphären und Stimmungen werden in diesem analytisch ernüchterten Blick zum Baumaterial bei der Konstruktion sozial sinnhafter Wirklichkeit und in dieser Funktion zum Gegenstand sozialer Aufklärung. Sie werden von Patzelt nicht als Wirklichkeiten sui generis thematisiert, sondern als Ergebnisse formaler Praktiken der Sinndeutung .

Diskussion

Die im vorliegenden Herausgeberband veröffentlichten Artikel verdeutlichen, dass sich in der Analyse leiblichen Spürens insbesondere dem philosophischen Blick inzwischen ein weites Feld von Phänomenen öffnet, die in der Dialektik von Leiblichkeit und Umwelt sinnlich wahrgenommen werden. Atmosphären bilden den Hintergrund einer Ästhetik des Alltags, vor dem sich für den analytischen Blick sichtbar, Formen, Muster und Konstellationen abheben. Insbesondere Schmitz und Böhme haben hier ein beeindruckendes sprachliches Instrumentarium zur sensiblen Erfassung solcher leibnahen Phänomene geschaffen.

Deutlich wird durch die Reihe anwendungsbezogener Beiträge, dass bereits im als selbstverständlich erlebten Alltag die Ästhetik des Materials, ihr „schöner Schein“, gezielt von Atmosphärenarbeitern dazu genutzt wird ,Stimmungen, Befindlichkeiten, Empfindungsqualitäten hervorzurufen - und das auch ganz ohne legitimierenden Bezug auf leibphilosophische Ansätze. Ich habe jedenfalls nach Lektüre des Bandes nicht den Eindruck, dass dort, wo z.B. durch Stimmungsmodulationen, durch Farbwirkungen, durch Licht-, Form-, Raum- und Tondesign erzeugte Atmosphären eingesetzt werden zur Beruhigung und Heilung von Menschen, zur Evozierung heilsamer, belebender Emotionen, die Macher von Atmosphärischem sich zwingend auf leibphilosophische bzw. semiotische Diskurse beziehen müssen.

Im vorliegenden Band wird durch das -hier eher affirmativ als kritisch- eingeführte Atmosphärenkonzept ein informativer Überblick über Handlungsfelder und Themengebiete gegeben, in denen Atmosphärisches eine Rolle spielt. Deutlich wird dabei die biopsychosoziale, ökologische Einbettung des Menschen in ein stetig sich entwickelndes und nichtsprachlich produziertes Interaktionsgefüge und in Netze von Bedeutungen. Dass der Leib Atmosphären ausgesetzt ist, schädigenden und guten, haben insbesondere entwicklungspsychopathologische, psychotherapietheoretische bzw. psychiatrische Konzepte klar herausgearbeitet . Das hier angelegte kritische Potential des Atmosphärenkonzeptes wird aber in dem vorliegenden Band nicht thematisiert. Die im Band vorgenommene Zentrierung auf die Herstellung von stützenden und heilenden Atmosphären in institutionellen Alltagen, erscheint geradezu als Sonderform. In der natürlichen Einstellung zur Wirklichkeit des Alltäglichen können sich aber Menschen ebenso wenig den bedrückenden und schädigenden Atmosphären entziehen wie den heiteren und wohltuenden. Insofern könnte im Blick auf den Titel des Bandes kritisch angemerkt werden, dass der Begriff des Alltags hier nur im Bezug auf „Sonderformen“ thematisiert wird. Gleichwohl erscheint mir die Thematisierung eines Zusammenhangs von Sozialer Wirklichkeit und subjektiver Befindlichkeit im Konzept der Atmosphäre als verdienstvoll und sozialwissenschaftlich längst überfällig. Auffällig ist z.B., dass im Bereich einer qualitativen Sozialforschung (vgl. z.B. Friebertshäuser/Prengel, oder Flick u.a.) der Begriff Atmosphäre noch nicht einmal im Sachregister auftaucht.

Fazit

Das Buch, das aus einer Vorlesungsreihe „Stimmung, Atmosphäre Milieu-holistische Ansätze in der Zeichentheorie“ entstanden ist, vereint Beiträge mit einem hohen wissenschaftlichen Anspruch mit solchen, die eher anwendungsbezogen-pragmatisch argumentieren. Es erscheint in diesem Sinne in erster Linie geeignet für WissenschaftlerInnen aus den Bereichen der angewandten Humanwissenschaften, zumal die hier sich kreuzenden Diskurse voraussetzungsreich erscheinen.

Für wissenschaftlich interessierte PraktikerInnen aus therapeutisch/pädagogischen Zusammenhängen bietet es in einigen Beiträgen (insbesondere zur Sozialpsychiatrie)anschauliche Konkretisierungen zum Einsatz von Atmosphären im institutionellen Alltag.

Rezension von
Prof. Dr. Werner Schreiber
Mailformular

Es gibt 4 Rezensionen von Werner Schreiber.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Werner Schreiber. Rezension vom 20.10.2009 zu: Stephan Debus, Roland Posner (Hrsg.): Atmosphären im Alltag. Über ihre Erzeugung und Wirkung. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2007. ISBN 978-3-88414-445-9. Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5963.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht