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Silke Gahleitner, Gernot Hahn (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Zielgruppen und Arbeitsfelder

Rezensiert von Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Manfred Oster, 02.06.2009

Cover Silke Gahleitner, Gernot Hahn (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Zielgruppen und Arbeitsfelder ISBN 978-3-88414-444-2

Silke Gahleitner, Gernot Hahn (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Zielgruppen und Arbeitsfelder. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2008. 247 Seiten. ISBN 978-3-88414-444-2. 29,90 EUR. CH: 49,90 sFr.
Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung. Band 1.

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Herausgeberin/ Herausgeber

Silke Birgitta Gahleitner, Prof. Dr. phil., Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin, Professorin für Klinische Psychologie und Sozialarbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule, Berlin. Schwerpunktbereich: Psychotherapie und Beratung, qualitative Forschungsmethoden und Psychotraumatologie. Stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit, Mitglied des Kuratoriums der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit, Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Klinische Sozialarbeit – Zeitschrift für psychosoziale Praxis und Forschung“. Langjährige Tätigkeit als Psychotherapeutin in eigener Praxis so­wie in der sozialtherapeutischen Einrichtung für traumatisierte Mädchen TWG Myrrha. Kontakt: sb@gahleitner.net, www.gahleitner.net.

Gernot Hahn, Dr. phil., Diplom Sozialpädagoge (FH), Diplom Sozialpädagoge/Soziale Therapie (Univ.) am Klinikum am Europakanal,
Klinik für Forensische Psychiatrie, Erlangen. Arbeitsgebiete: Sozialtherapie von Sexual- und Gewaltstraftätern und Drogendelinquenten, Resozialisierung psychisch kranker Straftäter, ambulante Nachsorge/Therapie psychisch kranker Straftäter, Krimi­nalprognose, Evaluation kriminaltherapeutischer Behandlungsansätze, Leitung einer Forensischen Ambulanz. Seit 1997 Lehrtätigkeit an Hochschulen in der Aus- und Weiterbildung von Sozialarbeitern. Stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit, Vorstandsmitglied des „European Centre for Clinical Social Work – ECCSW“, Redaktionsmitglied der Zeitschrift „Klinische Sozialarbeit – Zeitschrift für psychosoziale Praxis und Forschung“. Kontakt: hahn.godot@odn.de, www.gernot-hahn.de

AutorInnen

Kirsten Becker-Bikowski, Dipl. Sozialpädagogin, Klinische Sozialarbeiterin in der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie der Univer­sität Heidelberg. Vorstandsmitglied der DVSG, Deutsche Vereinigung für So­zialarbeit im Gesundheitswesen. Dozentin für Sozialarbeit an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialarbeit in Freiburg.

Marianne Bosshard, Dr. med., Ärztin für Psychotherapeutische Medizin, Psy­choanalyse. Professorin für Sozialmedizin und Psychopathologie an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaft an der Fachhochschule Köln.

Heike Dech, Dr. med., Dipl.-Psych. ger., Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Klinische Geriatrie, Professorin für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie an der Alice-Salomon-Fachhochschule, Berlin.

Silke Birgitta Gahleitner (s.o.)

Norbert Gödecker-Geenen, Diplom-Sozialarbeiter in der Klinik Königsfeld der Deutschen Rentenversicherung Westfalen, Zentrum für medizinische Rehabilita­tion, Ennepetal. Mitglied im Kuratorium der Zentralstelle für Klinische Sozial­arbeit ZKS, Coburg; 1. Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Sozialarbeit im Gesundheitswesen e.V. bis 2003.

Gernot Hahn (s.o.)

Uwe Hinze, Diplom-Sozialpädagoge (FH), seit 20 Jahren in verschiedenen Be­reichen der Klinischen Sozialarbeit tätig, (Rehaklinik, Krankenhaus der Maxi­malversorgung mit psychiatrischer Klinik, Leiter einer Einrichtung der Einglie­derungshilfe). Lehrbeauftragter der Evang. FH Ludwigshafen, langjährige aktive Verbandsarbeit in der Deutschen Vereinigung für Sozialarbeit im Gesundheits­wesen.

Marion Laging, Dr. phil., Dipl.-Sozialarbeiterin, Diplom-Sozial- und Sonderpädagogin, Professorin für Soziale Arbeit und Wissenschaft Sozialer Arbeit an der Hochschule Esslingen.

Albert Mühlum, Dr. phil., Diplom-Sozialwissenschaftler; Professor (emeritiert) für Sozialpolitik, Sozialethik und Sozialarbeitswissenschaft an der Fachhochschule Heidelberg; Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg; Sprecher der Sektion Klinische Sozialarbeit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit, Mitglied des Kuratoriums der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit ZKS, Mitbegründer und Beirat der Zeitschrift "Klinische Sozialarbeit".

Wolf Ortiz-Müller, Diplom-Psychologe, Supervisor (BDP), Psychologischer Psy­chotherapeut in eigener Praxis (VT), Gestalttherapeut, Systemischer Therapeut, seit 1992 in der ambulanten Krisenintervention tätig, seit 1999 im Berliner Kri­sendienst.

Helmut Pauls, Dr. phil., Diplom-Psychologe und Psycho­logischer Psychotherapeut, Professor für Psychologie und Handlungslehre der Sozialen Arbeit an der FH Coburg, Leiter des Masterstudienganges Klinische Sozialarbeit, Gründer des IPSG-Institut für Psycho-Soziale Gesundheit und der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit (ZKS).

Heidrun Schulze, Dr., phil., Diplom-Sozialtherapeutin, Diplom-Sozialpädagogin, Professorin an der Fachhochschule Wiesbaden für Methoden in der Sozialen Arbeit, Einzelfallhilfe, Gemeinwesenarbeit und Forschungsmethoden in der Sozialen Arbeit

Ursula Senn, Diplom-Musiktherapeutin, Heilpraktikerin (Psychotherapie). Freiberuflich tätige Musiktherapeutin im Bereich Gemeindepsychiatrie/Behindertenhilfe bei EVIM.

Michael Stiels-Glenn, Diplom-Sozialarbeiter, Clinical Social Worker (ZKS), Kriminologe und Polizeiwissenschaftler (M.A.), Psychotherapeut, Supervisor (DGSv).

Katharina Weil, Diplom-Sozialpädagogin, Tanztherapeutin (FITT/BTD). EVIM Wohnpflegehaus für körperlich beein­trächtigte Menschen.

Zurhorst, Günter, Dr. phil., Dr. rer. pol., Diplom-Psychologe, Diplom-Politologe. Psychologischer Psychotherapeut, Professor für Klinische Sozi­alarbeit und Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Mittweida.

Entstehungshintergrund

Das Buch trägt der gegenwärtigen Situation Rechnung, dass sich die Klinische Sozialarbeit im Gegensatz zur Clinical Social Work in Nordamerika in Deutschland noch in einem eher frühen Entwicklungs- und Akzeptanzstadium befindet. Im Vordergrund steht deshalb neben der theoretischen Fundierung ihrer Notwendigkeit die Benennung und Erläuterung möglicher Arbeits- bzw. Praxisfelder mit Beispielen für das „Wesen“ der Klinischen Sozialarbeit als Fachsozialarbeit im Unterschied zur Sozialen Arbeit gemäß bisherigem traditionellen Verständnis. Das Buch ist der erste Band einer - geplant - jährlich erscheinenden Reihe.

Aufbau

Das Buch befasst sich neben der Darstellung der wissenschaftlichen Verortung der Klinischen Sozialarbeit sowie der Diskussion ihrer professionellen Identität mit verschiedenen Zielgruppen und deren zentralen Arbeitsfeldern. Es werden dabei spezifische Handlungsansätze, Methoden und Praxisbeispiele vorgestellt und erläutert. Die Einzelbeiträge sind in themenübergreifenden Abschnitten zusammengefasst.

Inhalte

Nach einem Vorwort von Wolf Crefeld, der das Buch als „Meilenstein in der Geschichte der Sozialarbeitswissenschaft“ ankündigt, sowie der Einleitung von Silke Birgitta Gahleitner und Gernot Hahn, stellen Gernot Hahn und Helmut Pauls zur theoretischen Einführung in das Themengebiet die „Bezugspunkte Klinischer Sozialarbeit“ dar. Diese reichen von historischen und landesspezifischen Bezügen bis hin zu den Themen Soziale Diagnose, Sozialtherapie, Sozialsystem, Psychotherapie und Beratung, Sozialraumorientierung, Gesundheit sowie Institutionalisierung Klinischer Sozialarbeit in Deutschland und Europa.

Albert Mühlum und Silke Birgitta Gahleitner führen mit dem Kapitel „Klinische Sozialarbeit als Fachsozialarbeit – Professionstheoretische Annäherung und professionspolitische Folgerungen“ in die gegenwärtige Problematik der Professionalisierungsdebatte um die Klinische Sozialarbeit in Deutschland ein. Sie belegen ihr Plädoyer für die Etablierung einer Fachsozialarbeit mit fünf Thesen, aus denen sie ihre professionspolitischen Folgerungen bezüglich Ausbildung, Berufspraxis, Institutionen, Forschung und Gesellschaft ableiten.

Der Abschnitt Perspektiven und Querschnittsaufgaben Klinischer Sozialarbeit beginnt mit dem Kapitel „Klinische Sozialarbeit und Gesundheitsförderung“ von Albert Mühlum. Mühlum fokussiert darin die personenzentrierte und sozialraumorientierte Gesundheitsbezogenheit der Sozialen Arbeit, die sich über Spezialisierung, Binnendifferenzierung und Profilbildung etablieren sollte. Den adäquaten Ansatz für sozialarbeiterische Beratung, Behandlung und Unterstützung stellt nach Mühlum das WHO-Konzept der Gesundheitsförderung dar. Bei einem Spezialisierungs- und Kompetenzgrad auf Masterlevel bestehe sowohl eine international anschlussfähige Qualifikation als auch der Anspruch auf heilberufliche Anerkennung.

Heidrun Schulze befasst sich mit dem Thema „Interkulturelle Fallarbeit - Einlassen auf plurale Realitäten“. Sie warnt insbesondere vor der Gefahr einer Entsubjektivierung infolge vordergründiger Erklärungskategorien wie z.B. „Kultur“ oder „Fremdheitsproblematik“ und betont demgegenüber eindringlich die Notwendigkeit des Einnehmens einer biographischen Gesamtperspektive im Sinne des subjektiven Erlebens der AdressatInnen, wobei die Bedeutung von Migration und Kultur aus dem biographischen Gesamtzusammenhang heraus rekonstruiert werden. Es gehe nicht um die multiethnische Vielfalt, sondern um die Vielfältigkeit von Realitäten. Interkulturelle Kompetenz bestehe darin, ein Verständnis von Kultur und Interkulturalität theoretisch zu kultivieren und einen reflexiven Umgang mit Differenz und sozialer Ungleichheit realisieren zu können.

Im Kapitel „Klinische Sozialarbeit als »Enthinderung« - Erfahrungen aus der Arbeit mit Menschen mit erworbener schwerer Beeinträchtigung“ beschäftigen sich Silke Birgitta Gahleitner, Uwe Hinze, Katharina Weil und Ursula Senn nach einer kurzen kritischen Bestandsaufnahme des Verhältnisses von Gesellschaft, Behinderung und institutionellem Kontext mit dem Konzept des Wohnpflegehauses von EVIM (Evangelischer Verein für Innere Mission), einer Betreuungseinrichtung für erwachsene Menschen mit schwerer körperlicher Beeinträchtigung. Anhand einer Kasuistik wird gezeigt, wie auf der Basis der Dialogischen Tanztherapie Betroffene darin unterstützt werden können, einen Umgang mit ihrer Krankheit zu finden und Lebensperspektiven zu entwickeln, woraus sich wiederum neue Möglichkeiten der Bewältigung erschließen. Die in der professionellen Begegnung erworbenen Beziehungserfahrungen wurden vom beschriebenen Bewohner verinnerlicht und für eine positive Weiterentwicklung im Umgang mit sich und anderen genutzt. Im Gegensatz zur früheren Misshandlung als hilfloses Objekt erfährt er sich am Ende seines Aufenthalts als aktiv handelndes, Einfluss nehmendes und wertgeschätztes Subjekt.

Wolf Ortiz-Müller stellt im Kapitel „Psychosoziale Krisenintervention - Systemische Perspektiven“ nach einer Erörterung des traditionell eher psychiatrischen Arbeitsfelds der Krisenintervention das Systemische Krisenverständnis als theoretische Grundlage eines Handlungsfeldes Klinischer Sozialarbeit dar. Ortiz-Müller zeigt dabei auf, welchen bedeutenden Beitrag Klinische Sozialarbeit in einem System integrierter psychosozialer Notfallhilfe leisten könnte. Neben der Einführung in Systemisches Herangehen als Grundlage für die Soziale Diagnose bzw. für den person-in-environment-Ansatz werden auch Empfehlungen für die konkrete Umsetzung gegeben.

Den Abschnitt Arbeitsfelder und Zielgruppen Klinischer Sozialarbeit eröffnet Helmut Pauls mit dem Thema „Aufgabenstellungen und Bedarf an Klinischer Sozialarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe“. Er führt anhand seiner Darlegungen den Nachweis, dass Soziale Arbeit aufgrund der zunehmenden Komplexität der an sie gestellten Aufgaben nur als Klinische Fachsozialarbeit schwer gefährdete und gestörte Kinder, Jugendliche und Bezugspersonen angemessen unterstützen könne. Unter Verweis auf die leider nur teilweise zufriedenstellenden Ergebnisse dreier großer Studien zur Wirksamkeit von Jugendhilfemaßnahmen in Deutschland, belegt Pauls den Bedarf an klinischer Fachkompetenz, um den differenzierten Anforderungen gerecht werden zu können. Dies schließt nach Pauls die Notwendigkeit der Entwicklung einer eigenen klinisch-sozialarbeiterischen Diagnostik, der Entwicklung differenzierter Indikationskriterien, der Entwicklung von Kompetenzen bezüglich der Auswahl geeigneter Interventionen sowie schließlich der Evaluation der Wirksamkeit der Maßnahmen ein.

Günter Zurhorst skizziert im Kapitel „Klinische Sozialarbeit in der Schule“ die Schule als krankmachendes Setting. Er zeigt auf, wie Klinische Sozialarbeit mit Hilfe des Konzeptes der Gesundheitsförderung im Sinne des Abbaus der sozialen und gesundheitlichen Ungleichheit eine nachhaltige psychosoziale Entlastung für alle Beteiligten erzielen könnte. Als Handlungsansätze Klinischer Sozialarbeit in Schulen benennt er die im Rahmen eines eigenen Forschungsprojektes identifizierten Zielbereiche Gesundheitsförderung, Jugendhilfe - schulbezogene Sozialpädagogik sowie Ganztagsschule – Freizeitpädagogik. Am Ende des dreijährigen Projektes konnten deutliche Verbesserungen des sozialen Klimas der Schule sowie Förderungen der sozialen Integration und Teilhabe, der biopsychosozialen Gesundheit sowie weitere positive Effekte nachgewiesen werden.

Marianne Bosshard weist im Kapitel „Soziale Arbeit und Psychiatrie“ die gegenüber der biologisch-neurowissenschaftlichen Perspektive komplementäre Bedeutung des Konzeptes der Salutogenese von Aaron Antonovsky für die Klinische Sozialarbeit im sozialpsychiatrischen Kontext nach. Sie betont dabei vornehmlich die Notwendigkeit der Berücksichtigung von Lebenswelt und Alltag sowie der Reflexion der Beziehung. Ein „ethischer Wegweiser“ formuliert drei Prinzipien für die Klinische Sozialarbeit im Umgang mit Klienten: 1. Absoluter Respekt vor dem Selbstbestimmungsrecht des Klienten; 2. Solidarität, d.h. Parteilichkeit; 3. Gerechtigkeit.

Gemot Hahn und Michael Stiels-Glenn zeichnen in ihrem Kapitel „Klinische Aspekte der Straftäterbehandlung“ die Besonderheiten, Dilemmata und politische Bedeutung einerseits, aber auch mögliche Quellen der Stigmatisierung von Seiten der Professionellen wie auch Institutionen bzw. gesellschaftlichen Strukturen im Zusammenhang mit diesem Spektrum Klinischer Sozialarbeit nach. Sie lenken den Blick sowohl auf wesentliche Ansatzpunkte, als auch auf die Notwendigkeit der Einnahme einer verantwortungsbewussten Haltung als Behandelnder. „Klinische Sozialarbeit arbeitet nicht isoliert an intrapsychischen Prozessen, sondern darüber hinaus an einer verbesserten Beziehungsgestaltung“ (S. 168), ist eine zentrale Aussage dieses Kapitels. Ferner geht es um die Deliktrekonstruktion sowie das Aufzeigen von Verhaltensalternativen mit dem Ziel der Entwicklung eines Rückfallvermeidungsplans unter Einbezug des sozialen Umfelds. Schließlich werden in Form einer Übersicht mögliche Interventionsfelder und Methoden Klinischer Sozialarbeit in der Straftäterbehandlung aufgeführt. Ein abschließendes ausführliches Fallbeispiel greift eine Reihe der zuvor benannten theoretischen Aspekte anschaulich auf. Das Kapitel schließt mit dem Verweis auf die dringende Notwendigkeit der Durchführung von Wirksamkeitsstudien sowie den Mangel an adäquaten Prognosemethoden bzw. ressourcenorientierter Straftäterbehandlung.

Kirsten Becker-Bikowski beschreibt die Aufgaben Klinischer Sozialarbeit im Kapitel „Psychosoziale Arbeit in der Klinik“ wie folgt: Psychosoziale Interventionen (z.B. Krankheitsbewältigung), soziale Interventionen (z.B. gesetzliche Betreuung), wirtschaftliche Interventionen (z.B. Rentenleistungen), ambulante Nachsorge (z.B. Beratungsstellen), stationäre Nachsorge (z.B. Kurzzeitpflege), medizinische Rehabilitation (z.B. Anschlussheilbehandlung) und berufliche Rehabilitation (stufenweise Wiedereingliederung). Anhand eines komplexen Fallbeispiels werden die Kompetenzen Klinischer Sozialarbeit (eigenständige Fachlichkeit, Ganzheitlichkeit, Anwaltsfunktion, Schnittstellenkompetenz mit Case-Management als Handlungsgrundlage, Prävention und Außenwirkung für die Institution) praxisnah vorgestellt. Insbesondere angesichts der zunehmenden Ökonomisierung im Gesundheitswesen spielten die Kernkompetenzen klinischer Sozialarbeit eine zunehmend wichtige Rolle. Klinische Sozialarbeit sei aufgrund ihrer einzigartigen fachlich-methodischen Fundierung unverzichtbar für die Wirksamkeit einer ganzheitlichen Therapie – und damit auch für den Erfolg medizinischer Interventionen, insbesondere bei schweren und chronischen Erkrankungen.

Norbert Gödecker-Geenen geht im Kapitel „Klinische Sozialarbeit in der Rehabilitation“ zunächst auf die Entwicklung des Rehabilitationsbegriffs, ausgehend vom defizitorientierten Krankheitsfolgemodell über das Aktivitäts- und Partizipationsmodell bis hin zum ressourcenorientierten biopsychosozialen Modell der Aktivität und sozialen Teilhabe, ein. Es schließt sich ein kurzer Abriss der rechtlichen Rahmenbedingungen (SGB IX), der Träger der Rehabilitation und ihrer Leistungen sowie der Adressaten der Rehabilitation unter verschiedenen Perspektiven an, gefolgt von klinischen Aspekten der Rehabilitation am Beispiel der medizinischen Rehabilitation. Der Autor fokussiert dabei die psychosozialen Folgen von Krankheiten, aber auch deren Bewältigung angesichts komplexer Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche unter Betonung der dafür notwendigen Voraussetzungen als BeraterIn. Er betrachtet die soziale Beratung als zentrale Behandlungskompetenz in der medizinischen Rehabilitation, die unter folgenden drei Prämissen stehe: Organisation/Sorge für eine angemessene Güterausstattung des Ratsuchenden; Chancenverbesserung im Hinblick auf Partizipation an Bildungs-, Gesundheits- und Sozialleistungen; Einbeziehung der biographischen Erfahrungen und der persönlichen Kompetenzen des Ratsuchenden sowie seiner individuellen materiellen Lebenslage. In diesem Zusammenhang werden charakteristische Beratungsphasen mit konkreten Fragestellungen und Zielen erörtert. Die zentrale Methode der Klinischen Sozialarbeit in der medizinischen Rehabilitation stelle auch hier das Case-Management dar. Es gehörten dazu unverzichtbar die folgenden Elemente: Beratungs- und Unterstützungsleistungen, Vernetzungsleistungen und Informationstransfer sowie Planungs- und Steuerungsleistungen.

„Gerontologie - ein wachsendes Arbeitsfeld in der Klinischen Sozialarbeit“ ist der Titel des Kapitels von Heike Dech. Sie begründet dies unter Hinweis auf den demographischen Wandel, die, wie sie es nennt, „neuen Alten“, ferner auch den Strukturwandel des Alters (Stichwörter: Verjüngung des Alters, Entberuflichung des Alters, Feminisierung, Singularisierung und Zunahme der Hochbetagten) sowie die Lebensphase Alter. Die gerontologischen Leitbegriffe für die Klinische Sozialarbeit mit alten Menschen lauteten wie folgt: Kompetenzmodell statt Defizitbild, Kontinuität und Erfahrung, Bildung und lebenslanges Lernen sowie erfolgreiches Altern. Die Methoden und Aufgabenfelder umfassten: Beratung, Case-Management und Hilfekoordination, Gesundheitsförderung, Angehörigenarbeit, Unterstützen ehrenamtlicher Arbeit, Fördern von Selbsthilfeaktivitäten, Netzwerkarbeit mit Senioren und intergenerationelle Kommunikation.

Marion Laging widmet sich dem Thema „Klinische Sozialarbeit in der Suchthilfe“. Sie umreißt zunächst gesellschaftliche und historische Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit der Relativität des Krankheitskonzepts „Sucht“. Sie kritisiert die aktuell bestehenden, etablierten Klassifikationssysteme von Krankheiten, die in der Tradition einer deskriptiven medizinisch-psychiatrischen Diagnostik stünden, welche z.B. zu wenig auf Sozialisationsprozesse von Jugendlichen eingingen. Sie plädiert für die Entwicklung einer Sensibilität für die Bedingungen des Wandels sozialer Kategorien, für die Bedingungen des Wandels psychosozialer Kategorien, verbunden mit dem Aufruf, den Übergriff totalitärer Deutungssysteme zu verhindern. Sie regt eine psychosoziale Diagnostik der Sucht an, welche Hinweise auf das Problem bzw. dessen Manifestation, auf Personen und Systeme, die in die Problematik involviert sind, auf Faktoren, die das Problem hervorrufen und aufrechterhalten, auf unerfüllte Bedürfnisse, die mit dem Problem zusammenhängen, auf die Entwicklungsphase bzw. Lebens-Übergangssituation, in der sich die Problematik manifestiert, auf die Schwere des Problems und seine (sozialen und gesundheitlichen ) Effekte, auf die Versuche des Klientensystems, die Problematik zu bewältigen, auf sozioökonomische Faktoren, die mit der Problematik zusammenhängen, auf individuelle psychosoziale Funktionsfähigkeit sowie Fertigkeiten und Stärken des Klienten, schließlich auf Motivation des Klienten und Beziehungsanalyse zwischen Klient und Sozialarbeiter im jeweiligen institutionellen Kontext enthalten soll. Die Koordinaten psychosozialer Diagnostik lauteten wie folgt: Soziale Arbeit: ist ressourcenorientiert, ist Beziehungsarbeit, erfüllt häufig ein doppeltes Mandat, vertritt die zentrale Bedeutung sozialer Bedingungsfaktoren bei der Suchtentstehung und Suchtbewältigung, fördert Selbsterkenntnis und Selbstverantwortung. Im Rahmen der psychosozialen Behandlung seien als Arbeitsinstrumente das Case-Management, die Motivierende Gesprächsführung sowie kognitiv-behaviorale Ansätze bewährt.

Diskussion

Silke Birgitta Gahleitner und Gernot Hahn haben mit dem vorgelegten Band eine bisher schmerzliche Lücke geschlossen. In Ergänzung zur bisher veröffentlichten einschlägigen deutschsprachigen Literatur liegt der Schwerpunkt hier auf möglichen Arbeitsfeldern und Zielgruppen Klinischer Sozialarbeit. Gleichsam in Entsprechung der Vielfalt klinisch-sozialarbeiterischer Handlungsfelder zeichnen sich die Kapitel sowohl durch inhaltliche, aber auch durch strukturelle Heterogenität aus. Sie vermitteln damit anschaulich das Proprium Klinischer Sozialarbeit sowohl theoretisch fundiert, wie auch unmittelbar an der Praxis orientiert. Dabei werden alle Zielgruppen gleichermaßen bedient: Sowohl die Einsteiger in das Thema, die notwendigerweise auch einer überschaubaren, wenn auch gründlichen, theoretischen Orientierung bedürfen, wie auch die erfahrenen Praktiker, die, in Abhängigkeit des jeweiligen Kapitels bzw. ihrer Interessen, auch ganz konkret über anschauliche Beispiele operationalisierte Methoden und Handlungsansätze vermittelt bekommen. Diese Heterogenität ist demnach alles andere als eine Schwäche, sondern der Komplexität des Spektrums Klinischer Sozialarbeit geschuldet, und verleiht m.E. diesem Buch einen besonderen Charme: Es macht neugierig darauf zu erfahren, wie die jeweiligen AutorInnen ihr Fachgebiet aus klinisch-sozialarbeiterischer Perspektive präsentieren. Alle AutorInnen sind in den von ihnen dargestellten Themenbereichen nachhaltig ausgewiesen und zählen zum überwiegenden Teil zu den führenden Vertretern der Klinischen Sozialarbeit in Deutschland.

Fazit

Das Buch von Silke Birgitta Gahleitner und Gernot Hahn ist eine wichtige, in seiner Struktur einzigartige Arbeitshilfe für alle in der Klinischen Sozialarbeit Tätigen. Ich kann Wolf Crefeld nur zustimmen: Es ist ein Meilenstein in der Geschichte der Sozialarbeitswissenschaft.

Rezension von
Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Manfred Oster

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Zitiervorschlag
Manfred Oster. Rezension vom 02.06.2009 zu: Silke Gahleitner, Gernot Hahn (Hrsg.): Klinische Sozialarbeit. Zielgruppen und Arbeitsfelder. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2008. ISBN 978-3-88414-444-2. Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung. Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5965.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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