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Rudolf Dreikurs, Vicki Soltz: Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß?

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 05.09.2009

Cover Rudolf Dreikurs, Vicki Soltz: Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß? ISBN 978-3-608-94400-6

Rudolf Dreikurs, Vicki Soltz: Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß? Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 15., vollst. überarbeitete u. aktualis. Auflage. 366 Seiten. ISBN 978-3-608-94400-6. 14,90 EUR. CH: 29,00 sFr.
Reihe: Kinder fordern uns heraus.

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Kinder sind nicht „Zöglinge“, sondern Partner

Erziehung ist ein Akt, der einem Spagat gleicht: Auf der einen Seite bedeutet Erziehung Hinführung und Hilfeleistung hin zur eigenen Identitätswerdung und –findung; andererseits sind in unserer heutigen Zeit hierarchische Vorstellungen vom „Zögling“ sicherlich abzulehnen. Die Litt’sche Auffassung vom „Führen und Wachsen lassen“ als humanistische und demokratische Einstellung gilt deshalb nach wie vor und um so mehr. Die individualpsychologische Theorie und Praxis, wie sie vom Wiener Begründer der Individualpsychologie Alfred Adler (1870 – 1937) entwickelt wurde, will die beiden wichtigsten Grundlagen der Erziehung zusammen bringen: Freiheit und Verantwortung.

Autor und Entstehungshintergrund

Der in Wien 1897 geborene und 1972 in Chicago gestorbene Psychiater und Psychotherapeut Rudolf Dreikurs hat bereits 1964 ein Buch mit dem Titel „Children: The Challenge“ heraus gebracht. Darin wendet er sich sowohl gegen autoritäres Erziehungsverhalten, als auch gegen Laissez-faire. In den USA wurde die Veröffentlichung bald ein Bestseller. Die erste deutsche Ausgabe mit dem Titel „Kinder fordern uns heraus“ erschien 1966. Mittlerweile liegt die aktualisierte 16. Auflage vor. Das ist ein Hinweis darauf, dass das Bedürfnis von Eltern und ErzieherInnen nach wie vor virulent – und die Ratlosigkeit groß – ist, wie Erziehung Hier und Heute sich vollziehen soll. „Partnerschaftliche Erziehung“ soll es sein; was natürlich nicht „die Gleichrangigkeit von Eltern und Kindern (bedeuten kann), sondern deren Gleichwertigkeit“. Das ist die Erziehungsverantwortung, die Eltern und Erwachsene gegenüber den Heranwachsenden nicht abgeben und nicht ignorieren können, sondern übernehmen müssen. Dabei werden die Erziehenden entdecken, dass Erziehung eben ein gleichwertiger Akt des Gebens und Nehmens ist, bei dem die Erwachsenen nicht nur Lehrer und die Kinder nicht nur Schüler sind, sondern dass Kinder auch Lehrmeister sein können und sollen. Dreikurs’ Mitarbeiterin Vicki Soltz liefert die Alltagssituationen und Fallbeispiele dazu.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist ein Ratgeber, und doch wieder nicht einer von der Sorte, die oft genug als Rezeptologie daher kommt, mit merkwürdigen Anweisungen, wie: „Jetzt machen sie dies und das…, dann …“. Solche Bücher füllen mittlerweile Regale in den Buchhandlungen; und die Versprechungen und Verheißungen, die sie verkünden, lassen meist enttäuschte Leser zurück. Weil Erziehung selten auf Anweisungen hin funktioniert, so als ob man ein Glas Marmelade kauft und dann den versprochenen Geschmack auch darin findet.

Dreikurs beginnt mit der „Ratlosigkeit“, die am Anfang von Erziehungssituationen steht: Wir müssen zuerst klären, welche Voraussetzungen und Prinzipien zu beachten sind, damit ein gleichberechtigtes Zusammenleben innerhalb der Familien möglich wird. Da geht es darum, das Kind zu verstehen, mit seinen Eigenschaften, seinen Willen, seiner Persönlichkeit, in seiner Umgebung. Denn „ein Kind ist eine aktive und dynamische Ganzheit“ und nicht ein Stück Lehm, das die Erwachsenen formen können, wie sie wollen. Um diese Erkenntnis zu begreifen, bedarf es auch des Bedenkens und des Wissens über die Erziehungsmethoden, die angewandt werden. Und natürlich darum, das Kind zu ermutigen. Darin steckt ja auch der Begriff „Mut“, der notwendig ist, wenn Eltern in ihr Erziehungsverhalten in Frage stellen, bedenken, aber auch dann, wenn es angebracht ist, konsequent handeln; nicht autoritär, sondern mit ihrer verantwortbaren Autorität. Es geht weiterhin darum, die irrigen (aber erklärbaren) Ziele des Kindes zu verstehen und einzuordnen in den ganzheitlichen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung. Ermutigung anstatt Entmutigen, Korrigieren anstatt Bestrafen, verstehen also. Und dann das, was sicherlich erst einmal irritiert: Bestrafung und Belohnung vermeiden. Sie bringt weder die Einsicht in Notwendiges, noch ermöglicht sie die Anerkennung, die der junge Mensch braucht, um zu wachsen. Ja wie soll es denn nun sein? Die einfache wie gleichzeitig schwierige Antwort ist: „Natürliche und logische Folgen anwenden. Das ist das Geheimnis, Einsichten erkennen zu lassen, und gleichzeitig ein Ergebnis von Einsicht. Das Zauberwort dafür ist Festigkeit zeigen, ohne zu beherrschen, also konsequent zu sein und durch eine ruhige, besonnene Haltung zu handeln. Im achten Kapitel folgt das, was gewissermaßen die Grundeinstellung ausmacht: Das Kind achten; was bedeutet, das Kind als Mitmenschen anzusehen, ohne damit zu akzeptieren, alles tun zu können, was es will; also: Grenzen setzen. Die Ordnung achten, ist sicherlich ein Schlüssel im Erziehungsprozess, was bedeutet: Es ist nicht eine imaginäre, traditionelle und hergebrachte Ordnung – weil wir das immer schon so gemacht haben – sondern die Einsicht, dass Unordnung Unfrieden und Unzufriedenheit schafft. Für ein friedliches und gedeihliches Zusammenleben von Menschen ist unabdingbar: Die Rechte anderer zu achten. „Unser Erziehungssystem scheint auf der Vorstellung zu beruhen, Kinder müssten aus ihren Fehlern ’heraustrainiert’ und in Tugenden eingeübt zu werden“. Dabei geht es vielmehr darum, auf Kritik zu verzichten und Fehler zu verkleinern. Denn Sicherheit für sich und seine Umgebung erfordert, den Tagesablauf zu regeln; damit Freiheit nicht mit Zügellosigkeit verwechselt wird. Um Kinder zu erziehen, ist es erforderlich, sich Zeit zu nehmen. Das aber macht es notwendig, die Mitarbeit des Kindes zu gewinnen, nicht mit Tricks oder mit Bestechung oder dauernder Ermahnung, sondern mit Geduld und Nachsicht; aber auch, keine ungebührliche Aufmerksamkeit auf destruktives Verhalten zu geben. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die Forderungen der (jeweiligen) Situation und nicht darauf, einen Machtkampf auszutragen. Bei Auseinandersetzungen ist es auch hilfreich, sich von einer Konfliktsituation zurückzuziehen, ohne sich jedoch dabei von dem Kind zurückzuziehen. „Ich habe dir schon hundert Mal gesagt, dass du das nicht machen sollst“; wer von den Eltern kennt diesen Spruch nicht? Das ist nervig, anstrengend und deprimierend. Dabei wäre es viel wichtiger, zu handeln und nicht zu reden; freilich nicht mit Schlägen oder uneinsichtigen Bestrafungen, sondern durch Reaktionen, die Einsicht ermöglichen. Denn ein Erziehungsprozess funktioniert nicht, indem die Erzieher einem ungebührlichen Verhalten des Kindes immer nachgeben. Es muss auch einmal Nein gesagt werden. Genau so, wie es angebracht ist, dem Kind etwas zuzutrauen und ihm nicht jede Schwierigkeit abzunehmen oder davor beschützen zu wollen. „Wir sollten bereit und fähig sein zurückzutreten, um unser Kind seine Kraft erfahren zu lassen, und nur eingreifen, wenn das Problem für das Kind zu groß wird“; damit das Kind fähig wird, unabhängig zu werden.

Damit wären wir dann angelangt bei dem, was unser Verhältnis zu den Kindern bestimmen sollte: Mit ihnen, nicht zu ihnen reden, nicht für sie handeln, sondern mit ihnen, nicht für sie sondern mit ihnen leben! Und zwar gemeinsam in der Familie; nicht der Vater gegen die Mutter, sondern in einem Familienrat die Bedürfnisse der Kinder und die eigenen abklären und absprechen. Es sind „die neuen Prinzipien der Erziehung von Kindern“, die den Ratgeber tatsächlich zu einem solchen machen können. Die zahlreichen aufgeführten Beispiele führen dazu, dass weder im Wolkenkuckucksheim gehandelt werden muss, noch dass es zu einer Rezeptologie erzieherischen Verhaltens kommt. Die 34 genannten Anregungen, die vom „Das Kind ermutigen“ bis zum „Konsequent sein“ reichen, lassen sich lernen. Zum Schluss des Buches werden eine Reihe von Beispielen als praktische Übungen aufgeführt und diskutiert. Man kann sich vorstellen, dass diese Möglichkeiten bieten, das eigene Erziehungsverhalten zu bedenken und umzudenken; sich also zu ändern, damit das Kind sich zu einer sozialen Persönlichkeit entwickeln kann.

Fazit

Das Buch „Kinder fordern uns heraus“ ist eine vorausgegangene und aktuelle Antwort auf Erziehungsratgeber, wie etwa die von Martin Bueb mit seinen Forderungen nach „Disziplin“ (vgl. dazu die Rezension unter https://www.socialnet.de/rezensionen/4096.php.).

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1564 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.09.2009 zu: Rudolf Dreikurs, Vicki Soltz: Kinder fordern uns heraus. Wie erziehen wir sie zeitgemäß? Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 15., vollst. überarbeitete u. aktualis. Auflage. ISBN 978-3-608-94400-6. Reihe: Kinder fordern uns heraus. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5966.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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