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Françoise Dolto: Scheidung. Wie ein Kind sie erlebt

Rezensiert von Magª (FH) DSA Christine Haselbacher, 25.02.2010

Cover Françoise Dolto: Scheidung. Wie ein Kind sie erlebt ISBN 978-3-608-94528-7

Françoise Dolto: Scheidung. Wie ein Kind sie erlebt. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 142 Seiten. ISBN 978-3-608-94528-7. D: 12,00 EUR, A: 23,60 EUR.

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Autorin

Françoise Dolto (1908 – 1988) Kinderärztin und Psychoanalytikerin, Vertreterin der Subjekttheorie und Eigenständigkeit von Kindern, Begründerin des Maison Verte, hier Expertin für die Erlebniswelt von Kindern bei Scheidung oder Trennung ihrer Eltern.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch erschien bereits 1988 in der Originsalausgabe unter dem Titel „Quand les perents se séparent“ und 1990 erstmals in seiner deutschen Fassung. Der Inhalt stützt sich auf die jahrelange klinische Erfahrung der Autorin in ihrer Arbeit mit bereits erwachsenen Kindern geschiedener Ehen und liefert eine Sammlung an Expertise in Form eines Expertinneninterviews.

So spricht der Band klassische und wichtigen Parameter an, die ein Kind im Scheidungsgeschehen berühren. Es kann ihm Allgemeingültigkeit bescheinigt werden, auch gibt es Querverweise zu älteren Publikationen und Studien. Gleichzeitig wirken manche Aussagen eines 22 Jahre alten Textes schon veraltet, könnten nicht am neuesten Stand der Forschung sein, oder stützen sich ganz stark auf den psychoanalytischen Fokus.

Aufbau

Die Kapitel sind prägnant in ihren Überschriften und markieren einander überlappende Themenfelder einer komplexen Materie:

  1. Die Trennung der Eltern und das Unbewußte des Kindes
  2. Reden oder Schweigen?
  3. Die positive Funktion der Pflichten
  4. Die Beziehung der Kinder zu den neuen Partnern der Eltern
  5. Das Kind und seine Abstammung
  6. Die Kastration durchleben
  7. Das Kind und die Schule
  8. Das Kind in der Rechtssprechung

1. Die Trennung der Eltern und das Unbewußte des Kindes

Das Kapitel führt gewissermaßen in psychoanalytische Denkweisen die Themen Kindheit, Familie und Scheidung betreffend ein. Die Dynamik des Unterbewußten lässt Folgen der Scheidung oft erst Jahre später erkennen.

Schließlich streicht es bedeutende Erkenntnisse vorwegnehmend heraus: die Wichtigkeit der gewohnten Umgebung (Wohnort) auch nach der Trennung, ebenso der bekannten Schule, wie wichtig Information und das Mitteilen von Wahrheiten für Kinder ist.

2. Reden oder Schweigen

Kinder würden über die bevorstehende Scheidung ihrer Eltern und deren Auswirkungen zu wenig informiert. Nicht informiert sein kann sich traumatisierend auf die Kinder auswirken. „Alles, was nicht in Worte gefaßt wird, bleibt auf der animalen, nicht-menschlichen Ebene, was in Worten ausgedrückt wird, wird humanisiert.“

Die hier reklamierten Broschüren über die passende Herangehensweise an die Aufklärung der Kinder über die Geschehnisse gibt es mittler Weile. Freilich heißt das noch nicht, dass sie auch gelesen werden, und dass das Gelesene von in Scheidung involvierten Erwachsenen auch (mühelos) angewandt werden kann.

Der richterlichen Instanz wird verstärkende Bedeutung beigemessen, da sie dem Verfahren und den Beschlüssen (der Eltern) Gewicht verleiht und deren Bedeutung für Kinder zusätzlich verständlich machen soll. In strittigen Auseinandersetzungen wird das Fehlen des anwaltlichen Blickes auf die Interessen des Kindes bedauert.

Zentraler Mittelpunkt des Kapitels ist die Übernahme der Verantwortung der Erwachsenen für die Trennung. Dazu gehöre auch im Vorfeld darüber zu reden und gemeinsam zu den Entscheidungen zu stehen. Erfrischend deutlich wird klargesetllt, dass es für Paarprobleme zwei Beteiligte braucht, ebenso wie für‘s zusammen kommen, so auch für‘s sich trennen. Als universalen Trennungsgrund gibt die Autorin den Verlust des Begeherens und damit den Wunsch nach wiedererlangter Freiheit an. Scheidung sei immer das kleinere Übel, Ziel der Scheidung sei es das Leid zu beenden.

3. Die positive Funktion der Pflichten

Das Kapitel erläutert die Sozialisation und geschlechtsspezifische Sozialisation des Kindes und plädiert für eine Erweiterung der engen Elternteil-Kind Beziehung durch andere Verwandte und mehrere männliche und weibliche Modelle. Auch die sozialen Kontakte der Eltern selbst sollten sich erweitern.

Unterstrichen wird die unbedingte Notwendigkeit der Kontakte zu beiden Elternteilen, damit sich das Kind als Abstammung von beiden weiterhin ganz fühlen kann.

Diesbezüglich werden kaum unorthodoxe Lösungen abseits von „Hauptzeit“ und „Nebenzeit“ diskutiert – also etwa zwei „Hauptzeiten“. Die abwechselnde Betreuung wird dann auch abgelehnt ohne genauer zu differenzieren, wann längere Perioden bei nur einem Elternteil für günstig und wann für ungünstig erachtet werden. In den Begrifflichkeiten gibt es keine Trennschärfe zwischen alternierender und gemeinsamer Obsorge.

Das Besuchsrecht wird zu einer Besuchspflicht des Nicht-sorgeberechtigten Elternteils. Eine Besuchspflicht gilt dann für alle Beteiligte, basierend auf der Idee, dass sich ein Kind seine Eltern ausgesucht hat. Diese Besuchspflicht – auch sie zu ermöglichen, besteht selbst wenn keine oder zu geringe Unterhaltszahlungen geleistet werden.

Psychosomatische Reaktionen des Kindes sind dabei Ausdruck von Aufregung und Durcheinander, die entschlüsselt werden müssten, und die nicht bedeuten, dass ein Kind den anderen Elternteil nicht mag. Die Pflicht sich selbst gegenüber, auch kleiner Kinder sei es, sich selbst keinen Schaden zuzufügen, das täte es aber, würde es einen (Eltern-)Teil von sich ganz ablehnen.

4. Die Beziehung der Kinder zu den neuen Partnern der Eltern

Für die positive Strukturierung des Kinds wird es als wichtig erachtet, dass die Eltern neue PartnerInnen haben, um eine natürliche Entwicklung abseits einer symbiotischen Beziehung in Abgrenzungskämpfen zu ermöglichen. Darüber hinaus ergeben sich mehr erwachsene Bezugspersonen, die für das Kind entlastend wirken. Über neue Beziehungen solle es informiert werden. Heirat und Geburt eines Halbgeschwisters können dabei schwierige Übergangszeiten sein. Vom leiblichen Elternteil sind die neuen PartnerInnen als neue TeilnehmerInnen im Leben ihrer Kinder zu akzeptieren. Die Funktionen der Stiefelternteile bedürfen einer Rollenklärung.

5. Das Kind und seine Abstammung

Herausgehoben wird die Bedeutung und Wichtigkeit beider Herkünfte eines Kindes. Als Verdeutlichung der zentralen Notwendigkeit der Integration beider Geneologien wird die Abstammung von Kulturen zweier Volkszugehörigkeiten gewählt. Selbst wenn die Entscheidung ja nur für einen Wohnort und Lebensmittelpunkt fallen kann, ist die Integration der anderen Kultur wichtig. Trennungen binationaler Ehen verdeutlichen das nochmals.

Die Erziehung(sunterstützung) durch die Großeltern wird seitens der Expertin abgelehnt. Unbestritten wird das positive Rollenmodell und die Stabilität von Großeltern befürwortet, vorausgesetzt sie sind nicht parteilich im Scheidungsgeschehen.

6. Die Kastration durchleben

Dieser psychoanalytische Begriff wird hier statt Trauer gewählt – für den Abschied von der Kindheit, als die Eltern noch ein Paar waren, über den „Tod des Kindes“. Gleichzeitig betont das Kapitel die unbedingte Absage einer Schuld oder Verantwortungsbeteiligung der Kinder an der Scheidung. Auch auf die Dynamik von Gewaltbeziehungen wird eingegangen.

Die Expertin ist davon überzeugt, dass in der Überwindung der Trennung, im Bewußtsein weiblicher und männlicher Vorbilder viel soziale Reife und Autonomie wachsen kann. Es ginge um das Entwickeln kindlicher und adoleszenter Autonomie und die Sozialisation in die eigene Mutter- und Vaterrolle.

7. Das Kind und die Schule

Das Kapitel beschäftigt sich mit dem Tabuthema Scheidung in der für das Kind relevanten Öffentlichkeit, wie wenig sich betroffene Kinder outen, oder sich zu erzählen getrauen. Unbewußt denken sie, die Scheidung sei etwas Schlimmes, das verheimlicht werden müsse und werden bgeleitet von einem großen Schamgefühl.

Umso wichtiger ist es, Geheimnisse als solche zu bewahren, wenn ein Kind sich einer Vertrauensperson öffnet, die Dynamik wahrzunehmen und anzunehmen. Unterricht zu unterschiedlichen Familienformen wird angeregt.

8. Das Kind in der Rechtssprechung

Ein Kapitel, das mehr als alle anderen der Aktualisierung unterliegt, da sich das Familienrecht in allen Ländern Europas laufend ändert und den gelebten Realitäten anpasst. Hingegen wird zurecht auf die unveränderlichen unumstößlichen Kinderrechte verwiesen und wird für mehr Autonomie des Kindes im Verfahren plädiert.

Bei einer Sorgerechtsentscheidung sollte die gegenwärtige Situation des Kindes und die zu erwartende Entwicklungsdynamik berücksichtigt werden. Einerseits bedarf es moderner Gesetzgebung, andererseits eines flexiblen bedürfnisorientierten Umgangs damit. Die beteiligten Kinder brauchen einen Einbezug ins Verfahren, eine Verständigung, eine Anhörung, Information und eine Erklärung.

Diskussion

In einer Fußnote zu Beginn der vorliegenden Auflage wird ein Hinweis auf die gendergerchete Lesart des verwendeten Maskulinums gegeben. Oft wird eine geschlechtsneutrale Haltung an den Tag gelegt, weitgehend wird von beiden Geschlechtern in beiden Rollen geschrieben, von Vätern und Müttern, die beide das Sorgerecht haben können und gleichwertig an der Scheidung und Erziehung der Kinder beteiligt sind. Tendenziell sind es dann doch die Väter, die als nicht sorgeberechtigter Elternteil angesprochen sind.

Teilweise finden sich im Interview absurde antiquierte Ideen, die bestimmt auch Anfeindungen finden: „Wenn nun die Frau allein die Aufgabe vollbringen muß, den Jungen aufzuziehen und mit Recht und Gesetz vertraut zu machen, und auch die dazu erforderlichen Qualitäten besitzt, mehr noch, wenn der Vater sich affektiv und sexuell von seiner Frau zurückgezogen hat, dann besteht die Gefahr, daß der Junge homosexuell wird,…“ (S.19) Ganz abgesehen von der Qualität starker Frauen auch in der Kindererziehung, was bitte schön ist die Gefahr an einer sexuellen Orientierung?

Eine weitere Homophobie, die Wahl eines homosexuellen Partners führe mit Sicherheit zu einer Beeinträchtigung des Kindes (S. 80) möchte die Rezensentin unkommentiert lassen.

Der Absage einer Bestätigung von Schuldgefühlen der Kinder folgt eine Schuldzuweisung an Frauen und Mütter, die ihre Männer und Söhne zu Alkoholikern machen.

Auch die Begriffe Mischehen und Mischlingskinder (Kapitel 5) sind nach Zeiten der Aufarbeitung der NS-Terminologie politisch nicht mehr korrekt.

Rigoros ist Frau Dolto auch mit der häufig wieder kehrenden Idee, Kinder in Pflegefamilien oder Internaten unterzubringen z.B. während strittiger Phasen oder bei einem andauernden Ungleichgewicht der Beziehungen der väterlichen und mütterlichen Rollen.

Fazit

Zentrale Botschaft des Buches ist die Übernahme von und die Erziehung zur (Selbst)Verantwortung: „Je weniger Schuldgefühle ein Mensch hat, desto mehr Verantwortungsbewußtsein hat er.“

Die folgerichtigen impliziten, wenn auch nicht explizit dargetestellten Erkenntnisse vermitteln ein Grundverständnis zur weitläufigen Scheidungsthematik und Erlebniswelt der beteiligten Kinder:

  • Motivation zur Trennung
  • Legalisierung und Transparenz der Scheidung und Trennung
  • Das Recht des Kindes auf Information
  • Die vorhandene Dreiecksbeziehung zwischen Vater – Mutter – Kind, Triangulation
  • Loyalitätskonflikte der Kinder
  • Verdeutlichung der Wichtigkeit des Vaters vom Zeitpunkt der Zeugung an
  • Sorgerecht
  • Besuchspflicht für alle Beteiligten
  • Die Zugehörigkeit zum Clan
  • (Psychosomatische) Reaktionen der Kinder
  • Schuldgefühle
  • Neue PartnerInnen der Eltern
  • Unterstützung durch Dritte
  • Autonomie der Kinder und Jugendlichen
  • Kinderrechte

Bei aller Allgemeingültigkeit über die Erlebniswelt der Kinder. Die Scheidung gibt es nicht, die Kinder auch nicht. Die Geschichten weisen viele individuelle Unterschiede auf, die individuelle Lösungen brauchen.

Die Aussagen im Expertinneninterview beruhen nicht so sehr auf wissenschaftlichen Studien, sondern auf 40jähriger klinischer Erfahrung. Zwischen Scheidung und Trennung eines zuvor nicht verheirateten Paares macht die Expertin nur hier und da im Kontext geringfügige Unterschiede. Größtes Manko der wertvollen Sammlung sind nicht mehr zeitgemäße Aussagen, Vorurteile und Rollenzuschreibungen. Der psychoanlytische Fokus ist der Auorin zu eigen.

Obwohl das Buch in der Reihe „Kinder fordern uns heraus – Ratgeber für die Familie“ des Verlages Klett-Cotta seinen Platz findet, und als „praktische Hinweise für Eltern, die sich zur Scheidung entschlossen haben“, gedacht ist, wirkt es nicht eigentlich an diese gerichtet. Zusehr spricht das Buch über Mütter, Väter und Kinder, wendet sich weder an diese, noch bezieht sie diese ein. Auch könnten in Scheidung involvierte Personen aus dem Buch Munition für sich selbst herauslesen, anstelle einer Allparteilichkeit für Kinder. Darüber hinaus ist das Buch für alle Berufsgruppen geeignet, die mit den Themen Trennung und Scheidung und den beteiligten Kindern zu tun haben.

Rezension von
Magª (FH) DSA Christine Haselbacher
FH-Dozentin, Bereich Soziale Arbeit, Fachhochschule St. Pölten GmbH
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Es gibt 9 Rezensionen von Christine Haselbacher.

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ISSN 2190-9245