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Ulrike Greb, Wolfgang Hoops (Hrsg.): Demenz - Jenseits der Diagnose

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 17.01.2009

Cover Ulrike Greb, Wolfgang Hoops (Hrsg.): Demenz - Jenseits der Diagnose ISBN 978-3-938304-89-1

Ulrike Greb, Wolfgang Hoops (Hrsg.): Demenz - Jenseits der Diagnose. Pflegedidaktische Interpretation und Unterrichtssetting. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. 289 Seiten. ISBN 978-3-938304-89-1. 29,80 EUR.
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Thema

Demenzen werden gemäß ihrer wachsenden sozialpolitischen Bedeutung auch zunehmend Gegenstand des pädagogischen Wirkens. Altenpflege- und Krankenpflegeschulen, aber auch Berufsschulen benötigen Formen der didaktischen Aufarbeitung dieser Thematik. Die vorliegende Veröffentlichung ist ein Entwurf zur Thematik "Leben mit einer Demenz", den Lehrende und Studenten der Universität Hamburg im Fach Lehramt für berufliche Schulen im Rahmen einer zweisemestrigen Seminararbeit erstellt haben.

Herausgeber

Bei den Herausgebern handelt es sich um eine Krankenschwester und um einen Krankenpfleger, die sich beide beruflich weiter qualifiziert haben. Ulrike Greb (Prof. Dr. phil., MA Päd.) arbeitet als Professorin für Berufspädagogik mit dem Schwerpunkt Didaktik der beruflichen Fachrichtung Gesundheit im Institut für Berufs- und Wirtschaftspädagogik der Universität Hamburg. Wolfgang Hoops arbeitet nach einem Studium für das Lehramt Pflegewissenschaften als wissenschaftlicher Mitarbeiter im selben Institut.

Inhalt

In Kapitel 1 ("Demenz" – Jenseits der Diagnose) setzt sich Wolfgang Hoops mit verschiedenen kulturellen Erklärungsansätzen der Demenz auseinander, die teils philosophisch und teils sozialwissenschaftlich fundiert sind und den Kontext einer naturwissenschaftlichen Erfassung übersteigen. In diesem Zusammenhang wird das Krankheitsspezifische der Demenz negiert und an deren Stelle eine unverbindliche Allerweltsbegrifflichkeit ("kulturelle" Demenz) eingeführt, die die Grundlage für die Einschätzung "Demenz – das Ende des Rollenspiels" bildet. Denn erst in der Demenz zeigt sich nach Hoops der wahre Kern der Persönlichkeit, jenseits aller Konventionen und Rollenverpflichtungen (Seite 24).

In Kapitel 2 (Das Strukturgitter für die Fachrichtung Pflege – Entstehungsgeschichte und Begründungszusammenhang) entfaltet Ulrike Greb ein didaktisches Rahmenkonzept, das konzeptionell auf einer Matrix unterschiedlicher Erfassungs-, Aneignungs- und Zuordnungsebenen basiert und somit einen Gegenstandsbereich in seiner Vielschichtigkeit und Interdependenz abbildet. Als erkenntnistheoretischen Bezugsrahmen hat sich die Autorin hierbei auf die kritische Theorie anhand der Schriften von Theodor Adorno festgelegt.

Kapitel 3 ("Der Tag, der in der Handtasche verschwand" Möglichkeiten der fachdidaktischen Filmanalyse) enthält Überlegungen von Ethel Narbei, wie ein 45minütiger Fernsehbeitrag über das Verhalten einer demenzkranken Heimbewohnerin strukturiert und fachdidaktisch aufbereitet werden kann.

In Kapitel 4 (Didaktische Analyse und Planung des Lernfeldes) entwickeln Ulrike Greb und Wolfgang Hoops unter Einbeziehung dieses Fernsehbeitrages Konzepte und pädagogische Vorgehensweisen zur angemessenen Erfassung und Vermittlung des Gegenstandsbereiches Demenz.

Kapitel 5 (Didaktische Gestaltung des Lernfeldes "Pflege und Begleitung demenziell erkrankter Menschen") besteht aus den Seminararbeiten der Studenten, die die Erarbeitung von vier so genannten "Lernsituationen": Krankheitserleben, Leben im Heim, Begleitung eines Arztbesuches und Essenreichen und Mangelernährung. Auch hierbei wird u. a. als didaktische Darstellungsform auf den bereits angeführten Fernsehbeitrag zurückgegriffen.

Diskussion

Ein großes Unbehagen erfasste den Rezensenten bei der Lektüre dieser Veröffentlichung, wird doch hier die Demenz als ein international definiertes Krankheitsspektrum zu einem "kulturkritischen" Sujet  umgewidmet. Demenz wird für die Herausgeber zu einer "diffusen Sache" (Seite 126). Und wenn dann auch noch behauptet wird, "Demenz ist immer auch Schutzsuche des Individuums im Innersten auf dem Weg zum Tode" (Seite 29) und in der Demenz zeige sich erst das wahre Wesen der Persönlichkeit (Seite 24), dann wird deutlich, dass in diesen Ausführungen nicht eine empirisch wissenschaftliche Gegenstandserfassung der Demenz vorliegt. Im Gegenteil, geisteswissenschaftliche und philosophische Überlegungen dominieren die Texte, Foucault und Adorno sollen es richten. Und sogar eine obskure "Leibphilosophie" (Seite 276) wird als Bezugsrahmen angeführt.

Es muss an dieser Stelle klar und deutlich festgestellt werden, dass es sich bei der Demenz um einen medizinischen und damit biologischen Sachverhalt handelt, der sich nur mit naturwissenschaftlichen Instrumentarien angemessen erfassen lässt. Philosophische und kulturkritische Betrachtungen sind hier nicht von Bedeutung. Man kann sie anstellen, aber man kann es auch sein lassen.

Wenn Didaktik an einer Hochschule gelehrt wird, dann gilt es nicht nur die verschiedenen pädagogischen Vorgehensweisen zu beherrschen, dann sollte ebenso fundiertes Wissen über die Inhalte der Curricula vorherrschen. Der Nachweis eines ausreichenden Kenntnisstandes der Herausgeber über Demenzen konnte in der vorliegenden Veröffentlichung jedoch nicht erbracht werden.

Fazit

Die vorliegende Publikation vermag nicht zu überzeugen, denn der Gegenstandsbereich Demenz konnte nicht in seiner Komplexität angemessen dargestellt werden. Es bedarf des Hinweises, dass eine didaktische Darstellung der Demenz immer nur auf den Grundlagen der wissenschaftlichen Erkenntnisse entwickelt werden kann.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 17.01.2009 zu: Ulrike Greb, Wolfgang Hoops (Hrsg.): Demenz - Jenseits der Diagnose. Pflegedidaktische Interpretation und Unterrichtssetting. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-938304-89-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5977.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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