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Jochen Brandtstädter, Ulman Lindenberger (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Lebensspanne

Rezensiert von Prof. Dr. Konrad Weller, 02.07.2008

Cover Jochen Brandtstädter, Ulman Lindenberger (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Lebensspanne ISBN 978-3-17-018180-9

Jochen Brandtstädter, Ulman Lindenberger (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Lebensspanne. Ein Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. 768 Seiten. ISBN 978-3-17-018180-9. 69,00 EUR.

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Thema

Die moderne Entwicklungspsychologie widmet sich der gesamten Ontogenese. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass sich die Psychologie der Lebensspanne aus der Kinderpsychologie des frühen 20. Jh. entwickelt habe, als Reaktion auf den demografischen Wandels und die lebenslangen Mobilitätserfordernisse der modernen Gesellschaft.

Demgegenüber sieht Lindenberger im Trend zur Erforschung der gesamten Lebensspanne ein "back to the roots": Im einleitenden Abschnitt zu historischen, theoretischen und methodischen Grundlagen zeigt er, dass bereits die 1777 erschienenen "Philosophischen Versuche über die menschliche Natur und ihre Entwicklung" den Ursprung markieren. Ihr Verfasser "Johann Nikolaus Tetens gilt denen, die sich mit ihm befasst haben, als Begründer des Lebensspannen-Ansatzes in der Entwicklungspsychologie, wenn nicht als Begründer der Entwicklungspsychologie überhaupt…" (10). Mit Blick auf diese Tradition stellt er fest: "Stärker als in anderen Ländern wurde in Deutschland psychische Entwicklung von vornherein als lebenslanger Prozess konzipiert." (29)

Nach Brandtstädter muss ein für die gesamte Lebensspanne angemessener Entwicklungsbegriffs "Aufbau und Abbau, Differenzierung und Entdifferenzierung, Integration und Desintegration, Gewinn und Verlust…" zulassen (36). Entwicklung beschreibt demnach die "Veränderungen in der Art und Weise, wie Reize beantwortet, Informationen verarbeitet und Probleme bewältigt werden" (ebd.)

Aufbau und Inhalt

Der vorgelegte Sammelband von 33 AutorInnen (darunter 10 Frauen), zeigt in neun Abschnitten und 24 Artikeln ein Kaleidoskop des internationalen Forschungsstandes zu biologischen Grundlagen kognitiver Funktionen, zur Identitätsentwicklung, zur Wirkung kritischer Lebensereignisse und damit verbundenen Bewältigungsprozessen.

  1. Historische, theoretische und methodologische Grundlagen
  2. Biologische Grundlagen
  3. Kognitive Funktionen
  4. Selbst und Identität: Entwicklung als personale Konstruktion
  5. Adaptive Dynamiken und Bewältigungsprozesse
  6. Familie und Partnerschaft als Entwicklungskontexte
  7. Entwicklung als soziale und kulturelle Konstruktion
  8. Anwendungs- und Interventionskonzepte
  9. Lebensqualität und „erfolgreiches“ Altern

Diskussion

Die individuenzentrierte Sichtweise wird in Artikeln zur Entwicklung von Partnerschaft und Familie überschritten. Entwicklungspsychologisches und soziologisches Denken werden verschränkt, die Individualentwicklung wird auf den kulturellen und gesellschaftlichen Wandel bezogen. Schließlich werden Beratungs-, Präventions-, Interventionskonzepte thematisiert und Konzepte gelungener Entwicklung generell.

Diese inhaltliche Breite geht mit einigen Beschränkungen einher. Zwar wird auf S. 67 darauf hingewiesen: "Die Lebensspannenpsychologie befasst sich mit der psychischen Entwicklung von der Empfängnis bis ins hohe Alter." Das tut das Buch aber nicht. Es legt "ein besonderes Gewicht auf Themen, die das Erwachsenenalter bzw. höhere Lebensalter betreffen" (7).

Nicht nur Prä- und Perinatalpsychologie bleiben außen vor, auch Kindheit und Jugendalter werden allenfalls marginal und retrospektiv in den Blick genommen.

Wer neueste Erkenntnisse zum Einfluss der Hirnalterung auf kognitive und sensorische Funktionen erfahren will, zum Verhältnis kristalliner und fluider Intelligenz, zur Art und Weise der Kompensation des altersbedingten Abbaus mentaler Geschwindigkeit durch Spezialwissen oder spezifische Verarbeitungsmechanismen, zu Untersuchungen von Bedingungen und Maßnahmen, die den Erwerb und Erhalt alltagsrelevanter und beruflicher Kompetenzen begünstigen, der wird fündig. Wer sich über neuropsychologische Erkenntnisse zur Intelligenzentwicklung im gesamten Lebenslauf informieren will, muss anderweitig suchen.

Das Buch ist insofern keine "Entwicklungspsychologie der Lebensspanne" und es ist aus Sicht des Rezensenten auch kein Lehrbuch, da auf jegliche Didaktisierung des Textes verzichtet wird (keine Hervorhebung von Beispielen, Definitionen etc.). Gleichwohl ist der vorgelegte Sammelband eine Zusammenschau des methodologischen und theoretischen Denkens der akademisch etablierten Entwicklungspsychologie und insofern für Psychologiestudierende orientierend. Diese universitäre Sichtweise der Entwicklungspsychologen unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Psychologie ist allerdings selektiv, sie ist methodologisch ganz überwiegend auf quantifizierende und laborexperimentelle Forschung orientiert und sie ist kognitiv – psychoanalytische Zugänge fehlen - und damit auch Themen, z.B. Sexualität oder Geschlechtsidentität. Aber auch andere Standard-Themen der Entwicklungspsychologie, die man in einem Lehrbuch erwarten würde, z.B. das Phänomen des Egozentrismus, von Piaget in seiner frühkindlichen Form beschrieben und inzwischen als lebensphasenspezifischer und lebenslanger Modus untersucht, tauchen nicht auf.

Fazit

Ungeachtet einiger Kritikpunkte ist das Buch, besonders für Fachleute, die sich theoretisch und praktisch mit dem Altern beschäftigen, empfehlenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Konrad Weller
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Es gibt 12 Rezensionen von Konrad Weller.

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Zitiervorschlag
Konrad Weller. Rezension vom 02.07.2008 zu: Jochen Brandtstädter, Ulman Lindenberger (Hrsg.): Entwicklungspsychologie der Lebensspanne. Ein Lehrbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-17-018180-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5978.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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