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Andreas Beelmann, Tobias Raabe: Dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen

Cover Andreas Beelmann, Tobias Raabe: Dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Erscheinungsformen, Entwicklung, Prävention und Intervention. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2007. 265 Seiten. ISBN 978-3-8017-2041-4. 24,95 EUR, CH: 42,00 sFr.

Reihe: Klinische Kinderpsychologie - Band 10.
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Thema und Autoren

Das vorliegende Buch umfasst nach einem kurzen Vorwort sechs Kapitel mit 202 Textseiten, dem sich ein Literaturverzeichnis von 47 (!) Seiten anschließt und mit einem fünfseitigen Sachverzeichnis schließt. Das Mengenverhältnis von Text und Literaturverzeichnis macht klar: Wir haben hier ein Buch vor uns, das mit hoher Akribie zusammen tragen wollte, was Wissenschaft zur Thematik bislang erarbeitet hat. Dieser Anspruch ist als gelungen anzusehen. Und dass er gelingen konnte, liegt an der Qualifikation der Autoren: Andreas Beelmann ist heute Professor für Forschungssynthese, Intervention und Evaluation an der Universität Jena, und Tobias Raabe ist dort Wissenschaftlicher Mitarbeiter. In den Jahren 1994-2003 war Andreas Beelmann wissenschaftlicher Assistent (post-doc) sowie Privatdozent am Psychologischen Institut der Universität Erlangen-Nürnberg und habilitierte sich dort 2001 zum Thema Prävention dissozialer Entwicklungsverläufe. Und an diesem Institut wurde die für das Thema des vorliegenden Buches bedeutsamste deutschsprachige Studie erstellt und durchgeführt: die Erlangen-Nürnberger Entwicklungs- und Präventionsstudie. Deren Bedeutung ist auch international anerkannt. Davon kündet neben einer breiten Publikationstätigkeit der Forschungsgruppe in internationalen, englischsprachigen Zeitschriften auch folgender Umstand: der Senior-Wissenschaftler des Projekts, Friedrich Lösel, Professor an der Universität Erlangen-Nürnberg, ist derzeit auch Direktor des kriminologischen Institutes der University of Cambridge, UK.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung (Kap. 1) des Buches machen die Autoren, bevor sie eine kurze Inhaltsangabe skizzieren, darauf aufmerksam, dass dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen v.a. aus zwei Gründen mehr öffentliche Aufmerksamkeit erregt als andere Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen: Zum einen kann jeder von uns Opfer werden und zum anderen sind die gesellschaftlichen (Folge-)Kosten enorm. Wie enorm illustrieren Ergebnisse einer Untersuchung von Scott u.a. (2001), die im vorliegenden Buch nicht berücksichtigt wurde. In dieser Studie war analysiert worden, welche finanziellen Kosten der Gesellschaft ein einzelnes Individuum, das in seinem 10. Lebensjahr die Beurteilung/Diagnose „aggressiv-dissoziale Störung“ erhalten hatte, bis zu seinem 28. Lebensjahr im Mittel verursacht hatte: (bei konservativer Schätzung) über 120.000 Euro – und damit rund 10 Mal so hohe Kosten, wie sie für Individuen, bei denen im 10. Lebensjahr keine Auffälligkeit des Sozialverhaltens registriert worden war.

Im 2. Kapitel Definition, Klassifikation und Diagnostik legen die Autoren zunächst fest, was sie unter dissozialem Verhalten verstanden wissen wollen – zusammen fassend nämlich folgende vier Gruppen von Problemverhaltensweisen: oppositionelle, aggressives, delinquentes und kriminelles Verhalten von Kindern und Jugendlichen; für diese Zusammenfassung nennen sie gute Gründe. Im Anschluss an diesen Definitionsversuch werden zunächst verschiedene Klassifikationssysteme (empirisch-taxonomische und klinisch-katagoriale) und anschließend verschiedene diagnostischen Vorgehensweisen jeweils mit ihren Vor- und Nachteilen dargestellt.

Im 3. Kapitel Prävalenz und Stabilität geht es um die Prävalenz und Persistenz von dissozialen Störungen. Dabei wird deutlich, vor welchen Problemen die diesbezügliche Forschung steht. Es wird als generelles Ergebnis aber auch deutlich: Dissoziale Verhaltensprobleme sind einer der häufigsten Konsultationsgründe in der klinischen Praxis, sie machen einen beträchtlichen Anteil der Verhaltens- und Erlebensprobleme in Kindheit und (insb.) Jugend aus und sie gehen mit einem beträchtlichen Risiko einher, sich im Entwicklungsverlauf zu verfestigen oder andere psychische Krankheiten auszubilden.

Kapitel 4 Entwicklung nimmt mit 83 Seiten den größten Textraum. Trotz des relativ großen Umfangs ist sein Inhalt sehr dicht. Das hat seinen sachlichen Grund darin, dass die Autoren hier das Insgesamt der Methoden und Ergebnisse aus Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie zum Themenkreis dissoziales Verhalten komprimiert, aber umfassend darstellen. Das Kapitel besteht aus einem größeren ersten und einem kleineren zweiten Teil, die unterschiedliche, aber sich ergänzende Faktoren bei der Erforschung von Verhaltensproblemen im Entwicklungsverlauf darstellen. Im ersten wird im Rahmen eines variablenorientierten Ansatzes auf relevante Entwicklungsfaktoren eingegangen; dazu gehört die Betrachtung empirisch bestätigte Risiko- und Schutzfaktoren. Im zweiten Teil finden sich personenorientierte Ansätze und die Betrachtung von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen dissozialen Entwicklungsverläufen und -karrieren. Die Fülle der Ergebnisse zeigt Zweierlei: Zum einen warnen sie vor jeglicher Simplifizierung. Andererseits bieten sie eine hinreichende Basis für sinnvolle Interventionen.

Interventionen sind denn auch die beiden letzten Kapitel gewidmet. Während sich Kapitel 6 der Rehabilitation jugendlicher Straftäter widmet, finden sich im 5. Kapitel Psychologische Prävention und Intervention alle die psychologisch fundierten Maßnahmen, die die Vermeidung / Verringerung von dissozialem Verhalten vor Straffälligkeit (und damit auch vor Strafmündigkeit). Das 5. Kapitel ist mit 63 Seiten das zweitgrößte und ist dennoch, darin dem 4. Kapitel vergleichbar, sehr dicht. Es kann nicht anders als dicht sein, denn die Autoren stellen hier, Methoden wie Ergebnisse kritisch reflektierend, alle bedeutsamen Interventionsansätze dar; und zwar gegliedert nach drei Gruppen: soziale Trainingsprogramme für Kinder, behaviorale Elterntrainingsprogramme sowie umfassendere multomodale Präventions- und Interventionskonzepte. Diese Interventionsansätze, und das ist ein erstes Gesamtergebnis, stammen – nach therapeutischer Grundorientierung betrachtet – aus der verhaltenstherapeutischen Tradition und, dies ein zweites Gesamtergebnis, nur zu einem sehr geringen Teil aus Deutschland. Was die Wirkung dieser Programme auf das Zielverhalten „Dissozialität“ anbelangt, so sind die Effekte moderat. Aber angesichts der Komplexität des Problems wäre ein besseres Ergebnis ehr überraschend, und angesichts der Gewichtigkeit des Problems sind auch kleine Erfolge hoch zu bewerten.

Vergleichbares gilt für die Rehabilitation jugendlicher Straftäter. Im 6. Kapitel werden dazu Arrest/Jugendhaft, sozialpädagogische und psychotherapeutische Maßnahmen betrachtet; beim Blick auf Ergebnisse steht Legalbewährung im Zentrum. Und wie es um die bei Arrest/Jugendhaft steht, ist unklar. Von den sozialpädagogischen Maßnahmen überzeugen Boot-Camps im Unterschied zu Täter-Opfer-Ausgleich nicht. Unter „Überlebenstrainings und Outdoor-Aktivitäten“ fassen die Autoren Maßnahmen zusammen, die in der deutschen Sozial- und Erlebnispädagogik unter dem Sammelbergriff „Erlebnispädagogik/Erlebnistherapie“ bekannt sind. Die Ausführungen der Buchautoren vervollständigend ist anzumerken, dass auch eine neuere Meta-Analyse aus dem kanadischen Justizministerium gezeigt hat: In der Regel senken diese Programme die Rückfallwahrscheinlichkeit nicht stärker ab als die traditionellen (Arrest, Jugendhaft, Bewährungshilfe) Maßnahmen (Heekerens, 2006). Unter den psychotherapeutischen Maßnahmen finden sich neben den kognitiv-verhaltensorientierten individuumzentrierten Ansätzen zwei familientherapeutische, die nach Ansicht des Rezensenten wegen ihrer Wirksamkeit verstärkt die Aufmerksamkeit der deutschen Sozialpädagogik gewinnen sollten: die Funktionale Familientherapie und die Multisystemische Therapie (Heekerens, 2008).

Fazit

Der eingangs skizzierte Grundcharakter des Buches gibt Hinweise darauf, für welche Leserschaft es geeignet scheint und wie der „Normalleser“ mit dem Buch umzugehen habe. Zum zweiten zuerst: Langsam lesen, spätestens nach jedem Kapitel eine längere Pause einlegen – und: sich fortlaufend Begriffe, die einem unbekannt sind und auch nicht im Kontext geklärt wären, „ergoogeln“. Und zum Ersten: Das Buch gehört in jede Bibliothek einer Hochschuleinrichtung, die Studierende in den Fächern Psychologie, Sozialarbeit/Sozialpädagogik, Kindergartenpädagogik u.ä. ausbildet, ferner in die Pflichtlektüreliste aller Institute, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten qualifizieren, und auf den Schreibtisch aller Dozenten und Supervisoren auf den Feldern der Kinder- und Jugendhilfe, -psychiatrie und –psychotherapie. Ferner sollte das Buch nicht fehlen in den Händen von Verantwortlichen in den Bereichen Rechtspsychologie/Justiz sowie Pädagogik/Schulpsychologie.

Ergänzende Literaturnachweise:

  • Scott S, Knapp M, Henderson J & Maughan B (2001): Financial cost of social exclusion: follow-up study of antisocial children into adulthood. British Medical Journal 323: 191-196.
  • Heekerens, H.-P. (2006). Erlebnispädagogik mit schwer delinquenten Jugendlichen: Wirksamkeit fraglich. Erleben und Lernen, 14(6), 18-23.
  • Heekerens, H.-P. (2008). Effektivität aufsuchender Familien-fokussierter Interventionen. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 57, 130-146.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 01.04.2009 zu: Andreas Beelmann, Tobias Raabe: Dissoziales Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Erscheinungsformen, Entwicklung, Prävention und Intervention. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2007. ISBN 978-3-8017-2041-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5983.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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