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Maja Heiner: Soziale Arbeit als Beruf

Cover Maja Heiner: Soziale Arbeit als Beruf. Fälle - Felder - Fähigkeiten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. 599 Seiten. ISBN 978-3-497-01897-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 50,50 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02147-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Das vorliegende Fachbuch stellt, von der Autorin selbst so genannt, einen Anachronismus dar, weil es einerseits ein einführendes Lehrbuch, das der Vermittlung von Grundkenntnissen und -begriffen dienen soll, mit fast 600 Seiten wohl aber zu umfangreich ist, andererseits aber auch der Diskussion unterschiedlicher Ansätze verpflichtet sein sollte. Der Gegenstand ist die Profession der Sozialen Arbeit, deren vielfältige und komplexe Facetten in den beruflichen Handlungsanforderungen und -profilen.

Autorin

Die Autorin, Dr. Maja Heiner, ist Professorin für Sozialpädagogik an der Universität Tübingen mit den Arbeitsschwerpunkten Methoden der Sozialen Arbeit, diagnostisches Fallverstehen, Evaluation und qualitative Fall- und Interaktionsanalysen.

Zielgruppen

Interessentinnen für die vorliegende Publikation dürften zuvorderst Studierende der Sozialen Arbeit und der Sozialpädagogik sein, Lehrende an Fachhochschulen und Universitäten und Sozialwissenschaftler insbesondere der qualitativen Sozialforschung.

Aufbau

Das Buch ist neben einem Vorwort und einer Einführung in drei Teile gegliedert:

  • Teil A: Systematische Darstellung: Ziele, Aufgaben und Formen professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit,
  • Teil B: Kasuistik des Gelingens und Scheiterns und
  • Teil C: Berufliche Anforderungen, berufliches Selbstverständnis und die Figurierung von Kräftefeldern.

Einführungsteil

  1. Das erste Kapitel im Einführungsteil ist mit dem Titel überschrieben "Soziale Arbeit zwischen Fall und Feld: Zielsetzung und Aufbau des Buches". Sie betont, dieses Buch möge zur Identitätsklärung der Fachkräfte Sozialer Arbeit beitragen und ist deshalb auch konsequent an der Perspektive der Fachkräfte ausgerichtet.
  2. Im zweiten Kapitel der Einführung "Ein Fall aus der Praxis: Arbeit mit und für Familie Bleicher" wird eine Fallvignette vorgestellt, die die Komplexität dieser Profession unterstreichen soll, die suchenden Zielfindungsprozesse, die widersprüchlichen Erwartungen und nicht zuletzt die Kooperationsverflechtungen zwischen den einzelnen Akteuren.
  3. Das letzte Kapitel dieses Teils widmet sich der theoretischen Ausgangssituation "Die handlungstheoretische Perspektive: Soziale Arbeit als Figuration von Kräftefeldern". Heiner geht zunächst von Veränderungsprozessen der Klientel aus, wodurch die Soziale Arbeit Kräftefelder schafft und beeinflusst. Danach werden verschiedene erkenntnistheoretische Zugänge, beispielsweise der Verstehenden Soziologie oder des Symbolischen Interaktionismus bemüht, ein Unterfangen, was für Professionsfremde immer ein wenig unbeholfen scheint, weil die Soziale Arbeit aus verschiedenen Professionsansätzen eigene theoretische Explikationen sucht S. 34 ff).

Teil A: Systematische Darstellung

Der erste, bereits genannte Teil A, setzt sich mit der systematischen Darstellung, den Zielen, Aufgaben und Formen professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit auseinander.

  • In den ersten beiden Kapiteln "Sozialstaatliche Rahmenbedingungen beruflichen Handelns" und "Auftrag, Aufgaben und Tätigkeitsfelder Sozialer Arbeit" von Seite 49 bis 160 wird der gesellschaftliche Auftrag des Berufes verdeutlicht, deren doppeltes Mandat, die Arbeit einerseits mit dem Klienten- andererseits mit dem Leitungssystem. Es werden die Aufgabenfelder Personalisation, Qualifikation, Reproduktion, Rehabilitation und Resozialisation heraus gearbeitet und letztlich die Organisations- und Handlungsebenen unterteilt in Berufs-, Arbeits- und Tätigkeitsfelder sowie in Tätigkeitsgruppen und -formen. Übersichtlich und leicht verständlich wird u.a. die intermediäre Funktion Sozialer Arbeit bestimmt, die Ziel - und Adressatengruppen charakterisiert oder der Gegenstand und das Kompetenzprofil geklärt.
  • Im dritten Kapitel von Seite 160 bis 220 wird der Stand der Professionalisierung des Berufsstandes thematisiert "Professionalität, Expertise und das Kompetenzprofil Sozialer Arbeit". Es erfolgt eine gut nachvollziehbare Abgrenzung zu anderen Berufsgruppen z.B. zum Sozialpolitiker oder Therapeuten.

Teil B: Kasuistik des Gelingens und Scheiterns

Im Teil B: "Kasuistik des Gelingens und Scheiterns" wird der Beruf der Sozialen Arbeit aus der Sicht diplomierter Fachkräfte verschiedener Berufsfelder von gelingenden bis zu gescheiterten Interventionen charakterisiert.

  1. Im ersten Kapitel "Die Methode der Untersuchung" wird das gewählte Forschungsdesign dargestellt, das aus verschiedenen Interviewteilen besteht, dem narrativen Impuls, aus vier Vertiefungsfragen, einer vierstelligen Skala, in der sich die Probanden einordnen sollten und zum Abschluss drei weiteren Fragen zum Berufserfolg sowie zu fördernden oder hinderlichen institutionellen Rahmenbedingungen.
  2. Im zweiten Kapitel "Interpretation der Interviews mit Fachkräften der Sozialen Arbeit" werden 16 der durchgeführten 32 Interviews dargestellt, die nach dem Prinzip der maximalen Kontrastierung und Variation der Perspektiven ausgewertet wurden. Berichte aus zehn spezifischen Arbeitsfeldern von der Sozialen Arbeit im Allgemeinen Sozialdienst des Jugendamtes über die in der gemeindenahen Sozialpsychiatrie bis hin zur gesetzlichen Betreuung Entmündigter vermitteln einen Einblick in das Berufs- und Arbeitsfeld, in die institutionellen Rahmenbedingungen und die Lebenslage der Klientel (S. 221 bis 402). Mit charakteristischen Gesprächspassagen werden die verschiedenen Arbeitsfelder und damit die Unterkapitel benannt z.B. Frau Binder "… diese langsame Entwicklung in der Psychiatrie ist … nervenaufreibend". Für Berufsneueinsteiger, die bisher wenig Wissen über das Feld der Sozialen Arbeit haben, sind diese Aufzeichnungen sehr lehrreich und sicher auch interessant, allerdings sind die Ausführungen zuweilen zu langatmig und für ein Lehrbuch viel zu umfangreich. Dem Buch hätte eine Konzentration auf vielleicht ein typisches Interview der zehn Arbeitsfelder besser getan.

Teil C: Berufliche Anforderungen …

Teil C (S. 403 bis 534) bezieht sich auf die beruflichen Anforderungen, das berufliche Selbstverständnis und die Figurierung von Kräftefeldern und umfasst drei weitere Kapitel.

  1. Im ersten Kapitel "Berufliches Selbstverständnis in der Praxis" wird in Auswertung der interviewten Fachkräfte das berufliche Selbstverständnis systematisch verglichen, um einzelfallübergreifende Handlungsmodelle - das Dominanzmodell, das Aufopferungsmodell, das Modell der Sozialen Arbeit als Serviceleistung und das Modell einer Passung von Unterstützungsbedarf und -angebot - entwickeln zu können.
  2. Die Ausführungen des zweiten Kapitels "Berufliche Anforderungen und professionelle Bewältigungsmuster" greifen auf die genannte Typologie der Handlungsmodelle zurück, indem untersucht wird, wie sich solche Handlungsorientierungen auf die Figuration der Kräftefelder, der handlungstheoretische Ansatz wurde im Einführungskapitel vorgestellt, auswirken. Das aus dem Interviewteil gewonnene empirische Material wird hier hinsichtlich neuer Fragestellungen und Hypothesen generiert und überprüft.
  3. Im dritten und damit letzten Kapitel des Buches "Zusammenfassung und Ausblick" erfolgt noch einmal eine Zusammenfassung zentraler Begriffe und Aussagen mit tabellarischen Übersichten zu den Aufgaben, Aufgabentypen und Handlungsebenen der Sozialen Arbeit, zu Rahmenbedingungen professionellen Handeln und zum professionellen Profil in Form von Zuständigkeits- und Kompetenzdomäne Sozialer Arbeit.

Ein Anhang, 75 Seiten umfassend, zu didaktischen Materialien und zu Informationsquellen erleichtern den Umgang mit der Publikation und das Finden wichtiger, die Soziale Arbeit betreffende Portale, Linksammlungen und Sozialberichte der Bundesregierung.

Fazit

Das vorliegende Lehrbuch ist trotz des von der Autorin selbst genannten Anachronismus ein sehr gelungener Versuch, sich der Profession der Sozialen Arbeit ganzheitlich und komplex zu nähern. Es ist von Sprache und Stil außerordentlich stringent aufgebaut, leicht verständlich, auf Amerikanismen verzichtet die Autorin vollständig und es ist auch vom Gliederungsaufbau gut nachvollziehbar. Grafiken und Übersichten sind sehr anschaulich und jedes Kapitel endet mit einer kurzen aber prägnanten Zusammenfassung. Es sollte als Grundlagenlehrbuch an jeder Fachhochschule oder Universität für Studierende der Sozialen Arbeit oder Sozialpädagogik empfohlen werden.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 17.03.2008 zu: Maja Heiner: Soziale Arbeit als Beruf. Fälle - Felder - Fähigkeiten. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2007. ISBN 978-3-497-01897-0. Reihe: Soziale Arbeit.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-497-02147-5 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/5989.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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