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Wolfgang Bossinger, Raimund Eckle (Hrsg.): Schwingung und Gesundheit

Rezensiert von Prof. Dr. em. Christel Hafke, 16.04.2009

Cover Wolfgang Bossinger, Raimund Eckle (Hrsg.): Schwingung und Gesundheit ISBN 978-3-933825-69-8

Wolfgang Bossinger, Raimund Eckle (Hrsg.): Schwingung und Gesundheit. Neue Impulse für eine Heilungskultur aus Musik, Kunst und Wissenschaft. Traumzeit-Verlag (Battweiler) 2007. 393 Seiten. ISBN 978-3-933825-69-8. 32,00 EUR.

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Thema und Absicht

Dieses Buch greift das hoch besetzte gesellschaftliche Thema Gesundheit auf und versteht als sein wichtigstes Anliegen „eine Sensibilisierung für die Bedeutung künstlerischer Therapien im Gesundheitswesen“ (S. 13). Der zweite im Titel genannte Begriff „Schwingung“ bekommt im Laufe des Buches viele Synonyme, beispielsweise: gleiche Wellenlänge, Sich-Einschwingen, Ein-tunen, Resonanz, Empathie und verdeutlicht durch das Buch hindurch, dass hier etwas in Bewegung geraten ist, das erstarrte und technisierte Strukturen in der traditionellen Krankenbehandlung und Apparate-Medizin aufweicht und in Bewegung bringt. Die erklärte Absicht der Herausgeber ist es, durch „Schaffung einer ‚Heil-Kultur‘(…) im Sinne von mehr Menschlichkeit und Ganzheitlichkeit“ (S. 14) herkömmliche medizinische Orte und alternative therapeutische Netzwerke zu bereichern. Hierfür scheint es besonders wichtig, „über den Tellerrand der traditionellen Schulmedizin hinaus (… den, C.H.) interdisziplinären Dialog zwischen Wissenschaftlern, Künstlern, Ärzten, Musikern und Vertretern komplementärer Heilmethoden“ (S. 14) zu suchen. Entsprechend vielfältig und aus unterschiedlichen Perspektiven und Praxen stellen sich die einzelnen Beiträge dar.

Dem Buch[1] vorangegangen war eine gleichnamige Veranstaltungsreihe zur Alternativ- oder Komplementärmedizin in der Klinik Christophsbad, die ebenfalls von den Herausgebern organisiert wurde. Leiter und Geschäftsführer der Klinik schreiben dann auch im Vorwort, dass „die Beiträge (…) allesamt dazu geeignet (seien, C.H.), das vorhandene ‚Krankheitswissen‘ der medizinischen Institutionen um ‚Gesundheitswissen‘ zu ergänzen.“ (S. 11)

Ellis Huber, der Präsident der Ärztekammer Berlin, möchte in seinem Vorwort die unterschiedlichen AutorInnen gar als „Pioniere einer neuen Heilkunst“, „mutige Kundschafter und einfühlsame Entdecker im Gelände einer ganzheitlichen Heilkultur“ verorten.

Aufbau

Da das Spektrum der Themen sehr breit gestreut ist, haben die Herausgeber drei inhaltliche Cluster gebildet:

I. Schwingung, Wissenschaft und Forschung

Rhythmen spielen sowohl für kosmische als auch für körperliche Prozesse bei Krankheits- und Heilungsprozessen eine Rolle: Die Fähigkeit zum Mitschwingen (Empathie) und zur Resonanz wird als eine Grundbedingung für Heilungsprozesse angesehen Besonders musikalische Phänomene sind geeignet, verschiedene neuronale Netzwerke zu synchronisieren und Denken, Fühlen und Handeln als Einheit erleben zu lassen. Hierdurch komme es zu einer „sozialen Resonanz zwischen Menschen„( 18).

Zu den in diesem Kapitel behandelten Themen gehörenu.a. Themen wie

  • „Resonanz und Schöpfung“ von A. Lauterwasser, der in eindrucksvoller Weise das Wechselspiel von Schallwellen der Musik und Bewegung der Wasserwellen beschreibt.
  • M. Moser, M. Frühwirth und H. Lackner untersuchen in ihrem Beitrag „Chronomedizin und Chronobiologie“ den musikalischen Aspekt des menschlichen Organismus: Sie vergleichen die Synchronisation und Koordination verschiedener Körperrhythmen mit dem Zusammenspiel in einem Sinfonieorchester. Es geht um die „gekonnte Mischung von Chaos und Ordnung“ und die Wiederherstellung verloren gegangener Polaritäten“ (63), die entscheidend unsere Lebensqualität und Gesundheit bestimmen.
  • S. Rittner hat ihre Reise zu den Shipibo im Amazonastiefland von Peru im Beitrag „Klang-Trance-Heilung“ reflektiert. Ihr Interesse galt der Klang- und Mustermedizin der Schamanen: Heilen mit psychoaktiven Substanzen, speziellen Gesängen und visionären Strukturen.
  • Schwingung und veränderte Wachbewusstseinszustände sind das Thema von L. Hermele und W. Bossinger und G. Hüthers Beitrag erklärt „Schwingung und Neurobiologie. Die Kunst, sein Gehirn in salutogenetische Schwingungen zu versetzen“.

II. Musik und Kunst in Therapie, Heilkunde und Pädagogik.

    Dieser Themenblock unterteilt sich noch einmal in „Tönen-Hören-Lauschen“ und „Farben-Formen-Licht“.
  1. Beim ersteren geht es um Themen wie die „Kunst des Hörens“ (J. Fassbender), „Singen als Lebenselixier„: dieser Beitrag von W. Bossinger greift wesentliche Teile der in Kapitel I behandelten Themen wieder auf (165) und versucht unter Berufung auf etliche Wissenschaftsdisziplinen „moderne Erkenntnisse über heilsame Wirkungen von Gesang“ (166) zu begründen. Weitere thematische Schwerpunkte sind „Meridiansingen“ von K. Adamek, einem der führenden Singforscher, „Gewaltprävention und Musikerziehung“ von E. W. Weber und „Klang und Trauma“ von P. U. Hesse. Ganz bewusst ist hier ein von der Musiktherapie lange vernachlässigtes Instrument, die eigene Stimme, die wie kein anderes Instrument Körper und Seele zusammenbindet, in den Fokus gerückt.
  2. Der zweite Block widmet sich dem Bereich der Bildenden Künste: Farben, Formen und Wirkungen des Lichts. Er beinhaltet u.a. Themen wie „Natur und Kunst“ (W. Henkel), „Bilder-Sprache“ (U. Schumann), „Die Spektro-Chrom-Farblicht-Therapie nach Dinshah“ (A. Wunsch) und die „Resonanzbildmethode“ (G. Schmeer).

III. Schwingung, Spiritualität und Heilung.

Hier geht es um globale Resonanz: Klimakatastrophe und verloren gegangenes ökologisches Gleichgewicht zeigen, dass eine Resonanz mit Umwelt und Natur möglicherweise über das Fortbestehend der Menschheit entscheiden. Lange Zeit galt es als unwissenschaftlich und tabuisiert eine spirituelle Dimension in Heilungsprozesse einzubeziehen; „doch dem kundigen Experten zeigt sich bei genauer Betrachtung, dass diese Dimensionen für Heilungsprozesse eine wichtige Rolle spielen und daher nicht ausgeblendet werden dürfen“ ( S. 306), denn Schwingung und Klang sind seit den Schöpfungsmythen immer mit Spiritualität verbunden gewesen. (s. S. 306)

Behandelt werdenu.a anderem die „Transpersonale Psychotherapie“ (I. Jahrsetz), „Vom Urklang der Welt. Schwingung und Mantra in der indischen Spiritualität“ (C. Fuchs) und C. Bollmann beschreibt heilende Klänge in „Obertongesang und Rhythmusarbeit“.

Diskussion

Die auf sehr unterschiedlichen Ebenen und aus sehr unterschiedlichen Praxen hervorgegangen Beiträge geben einen breiten Überblick und doch zum Teil sehr detaillierten Einblick in eine spirituelle, künstlerisch und musiktherapeutisch orientierte „Heilkunst“. Auch kann man sagen: fast kein derzeit brennendes/aktuelles Thema oder Stichwort bleibt ungenannt: Globalisierung, Klimakatastrophe, Resilienz, Spiegelneuronen, … Das Buch ist sehr schön und liebevoll mit bezaubernden Fotos und Bildern gestaltet und in dieser bunten Versammlung verschiedener Professionen und Künste unbestreitbar ein bemerkenswertes Projekt. Dennoch möchte ich einige kritische Gedanken dazu äußern:

Sicher löst das Buch bei Menschen, die in eine alternativ-medizinische und spirituelle Richtung orientiert sind, Genugtuung aus. Und dem Resonanzprinzip gemäß werden sich hier auch entsprechende Patienten-Therapeuten-Konstellationen finden. Problematisch wird es dort, wo aus der eigenen Vorliebe und Schwerpunktsetzung ein quasi privilegierter Wahrheitsanspruch abgeleitet und dieser generalisiert wird. Verpflichtet ein Wissen über diese machtvollen Möglichkeiten des Singens, der Musik, der Kunst, denen seit jeher ein magisch-mystisches Heilversprechen innewohnt, nicht zu einer großen Vorsicht und Selbstzurücknahme bei den AnwenderInnen? Warum müssen die Wirkungen der Musik und Kunst so beschworen werden, zumal sie erst in Ansätzen erforscht sind?

Dieses Buch ist – auch wenn es Beiträge von Wissenschaftlern enthält – kein wissenschaftliches Buch. Mich irritiert, dass an mehreren Stellen gleichsam die Wissenschaftler und „hochkarätigen“ oder „kundigen Experten“ (S. 18, S. 306 beispielsweise) beschworen werden. Wozu dienen diese Legitimierungen? Was ist das wirkliche Erkenntnisinteresse – oder die Mission? – der AutorInnen?

Vielleicht hilft hier ein Blick auf das Vorwort von Ellis Huber weiter, der schreibt, dass diese neue „Heilkultur (…) vor der Ökonomie keine Bange“ hat. „Sie heilt zumeist preiswerter als herkömmliche Medizin. Ihre Wertschöpfungsprozesse optimieren den Ressourceneinsatz, führen zu höherer Produktivität und nachhaltigen Ergebnissen. Die Patienten fühlen sich in ihrem Leiden und als Menschen ernster genommen.“ (S. 8) Und weiter schreibt er, dass durch die neuen Methoden nicht nur die Patienten „profitieren“, „sondern auch die Therapeuten selbst. Sie gewinnen neue Horizonte, neuen Sinn und neue Anerkennung.“ (9) Dieses betriebswirtschaftliche Vokabular passt so gar nicht zum spirituellen Ansatz des Buches. Oder doch? Geht es vielleicht doch vor allem um ökonomische Ressourcen?

Ein weiteres Problem sehe ich – nicht zuletzt durch den zweiten Teil des Huber-Zitats ausgelöst – im Umgang mit dem Begriff „Schwingung„: Wenn R. Verres im Interview mit W. Bossinger sagt, dass er den (für ihn) einseitigen Begriff der Empathie (der ja für sich genommen schon sehr problematisch ist!) durch den des Sich-aufeinander-Einschwingens (23) ersetzen möchte, da dieser einen gegenseitigen Prozess darstelle, scheint mir dies problematisch. Verres gesteht selbst ein, dass schwerkranke Menschen wohl oftmals überfordert und kaum in der Lage sind, sich auf den Arzt einzuschwingen. Aber warum sollten sie dies auch? Der Therapeut/Arzt hat qua Beruf und Bezahlung für den Patienten da zu sein und hat Bedingungen der Möglichkeit für eine vertrauensvolle Begegnung zu schaffen; dies ist nicht Aufgabe des Patienten! Wenn hier eine Vertrauensbeziehung entsteht, ist es sicherlich sehr zu begrüßen und für einen Gesundungsprozess unterstützend; keinesfalls kann diese und Schwingungsgesichtspunkten vom Patienten eingefordert werden.

Ist es nicht gerade bei schwerkranken Menschen aus einem respektvollen Umgang heraus notwendig, die Differenz (Rolle, gesundheitlicher Zustand, Vorwissen, Interessenlage) zu wahren? Einfühlung ist nicht grenzenlos, sondern nur begrenzt möglich. Es gibt ja seit langem ähnliche Begriffe, die das „Schwingungsverhältnis“ zwischen Patient und Therapeut zu fassen versuchen. Über die problematischen Begriffe zu Beschreibung einer therapeutischen Beziehung (Gegenübertragung, projektive Identifikation) und die darin enthaltene hegemoniale Komponente habe ich an anderer Stelle ausführlich geschrieben[2]. Der Begriff der Resonanz oder der Schwingung löst die Problematik und Gefahr einer hegemonialen Vereinnahmung keinesfalls auf. Im Gegenteil!

Wie leicht passiert hier in unsymmetrischen Beziehungen eine Anpassung oder Unterwerfung unter die Wahrnehmung der Fachautorität, gerade in einer Situation der Not und Hilflosigkeit?

Spiegelneuronen, von G. Schmeer als biologische Basis der Resonanz bezeichnet (s. G. Schmeer S. 301) ermöglichen über neuronale Resonanzen wohl das Entstehen von Mitgefühl und Einfühlung. Ob diese Spiegelung, dieses Mitgefühl, diese Empathie und Einschwingung gelungen ist, kann aber nur über eine intersubjektive Verständigung befunden werden.

Die Anwendung dieser möglicherweise in emotionale Tiefen wirkenden Therapiebereiche kann nicht von einer Beziehungsethik und -verantwortung getrennt werden.

Fazit

Dennoch: Gerade die Buntheit und Unterschiedlichkeit der Beiträge in diesem Buchprojekt (zu dem es ja eine dazugehörende DVD gibt) erweist sich als bereichernd und gelungen. Die Möglichkeit, sich von verschiedenen Schwerpunktsetzungen und Artikeln einem alternativen Denken im Gesundheitsprojekt zu nähern, könnte – unter Berücksichtigung der oben angesprochenen Problematisierung - für viele Studierende eine gute Einstiegsmöglichkeit sein.

Ich habe 2 Exemplare dieses Buches für unsere Bücherei anschaffen lassen. Und während ich noch dabei war zu überlegen, welche Texte ich den Studierenden empfehlen/anraten könnte, waren beide Exemplare bereits dauerhaft ausgeliehen. Offenbar stößt das Buch auf große Resonanz!


[1] Und dem dazugehörenden Film, der hier aber nicht Gegenstand der Besprechung ist

[2] s. Hafke, Christel. (1996 ). Macht, Ohnmacht und Machtmissbrauch in therapeutischen Beziehungen – Opladen, Leske und Budrich,

Hafke, Christel (1998)Vertrauen und Versuchung: über Machtmissbrauch in der Therapie. Reinbek/Hamburg

Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Es gibt 25 Rezensionen von Christel Hafke.

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ISSN 2190-9245