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Heinz Hartmann: Logbuch eines Soziologen

Heinz Hartmann: Logbuch eines Soziologen. Ausbildung, Arbeit, Anerkennung im Fach. 1950-2000. Spurt-Verlag 2007. 209 Seiten. ISBN 978-3-9811576-1-1.
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Thema

Lebensläufe wie die des Soziologen Prof. Dr. Heinz Hartmann mit Kindheit im Dritten Reich, Jugend im Nachkriegsdeutschland, wissenschaftlicher Karriere im Schnittfeld westdeutscher und us-amerikanischer Wirtschaftssoziologie und spätem Erwachsenenalter in der Ostblock-Transformation (mit Gastprofessuren in Ostberlin und Moskau) haben ihren besonderen Reiz. Denn da wurde einer  schon vom Mantel der Geschichte gestreift. Hartmann konnte darum wohl auch selbst nicht dem Versuch widerstehen, sich (und anderen) ein "Logbuch eines Soziologen" in den Strömungen dieser Gezeiten zu schreiben. Der nach fast fünfzigjähriger Lehrtätigkeit vor allem an der Universität Münster im Jahre 2000 emeritierte Hartmann ist zu sehr als an Makrostrukturen (funktionalistisch) orientierter Soziologe geschult, als dass er nicht wüsste, dass für seinen Hochschullehrerweg außer ihm selbst vorwiegend andere das Drehbuch geschrieben haben. Hatte er doch mächtige "Paten", die sein 2007 im Spurt-Verlag Münster auf 209 Seiten zusammen gestelltes Logbuch auch für nachwachsende Soziologen so interessant machen: René König und Helmut Schelsky in Deutschland, Everett C. Hughes, Anselm Strauss und Frederick H. Harbison (neben anderen) in den USA.

Überblick

Dabei spult Hartmanns Logbuch keine soziologische Dogmengeschichte ab. Wenn sich die lange bestehende Kontroverse zwischen sozialphilosophisch getränkter europäischer Hermeneutik und amerikanischem Empirismus auch wie eines der Leitthemen durch Hartmanns Sammelband zieht: Das Logbuch des Soziologen Hartmann ist weder bloße Biografie noch lexikalische Lehrmeinungs-Anhäufung. Eher von beidem etwas. Für eine kontinuierliche Autobiografie sind zu viele frühere, zwischen 1993 und 1998 geschriebene wissenschaftliche Arbeiten Hartmanns aufgenommen. Sie reflektieren in der Retrospektive die Amerikanisierung Westdeutschlands und die Westdominanz im Postkommunismus. Der breiten soziologischen Dogmenschau steht Hartmanns Beschränkung auf seine eigentliche, wirtschaftssoziologische Lehr- und Forschungstätigkeit im eigens für dieses Logbuch geschriebenen Kapitel 2 entgegen; es macht mit 90 Seiten fast die Hälfte des Buches aus und kreist in wissenschaftstheoretischer Annäherung an Thomas S. Kuhns Herrschaftstheorem-Thesen um die Formierung der gesellschaftlichen Wirtschaftseliten.

Inhalte im einzelnen

Die fünf zu unterschiedlichen Zeitpunkten verfassten Kapitel von Hartmanns Logbuch enthalten im einzelnen folgendes, wobei die Entstehungsjahre jeweils benannt werden:

  1. Das 1996 geschriebene erste Kapitel "Auf der Suche nach Soziologie" trägt mit Hartmanns Werdegang am ehesten autobiografische Züge. Der Autor schildert seine Wege zum Master (1953 Chicago), zu Promotion (1957 Princeton) und Habilitation (1962 Münster) zwischen Strukturfunktionalismus, Konflikttheorie und Empirik.
  2. Das 2007 eigens für das Logbuch gefertigte zweite Kapitel "Alte Welt, Neue Welt" spürt die Einbettung von manageriellem und organisationellem Handeln in seine jeweilige Kultur diesseits und jenseits des Atlantiks auf. Hartmann geht auch breit auf die ihm in den 1960er Jahren von deutschen Wirtschaftskreisen entgegen geschlagene Kritik auf seine festgestellte deutsche Unternehmer-Legitimation (Berufung, Elite, Eigentum) ein. Als die Amerikanisierung der Re-Education längst weltweiter Modernisierung gewichen war, kam es für Hartmann nach dem Fall der Mauer zur Wiederholung einer von außen auf darnieder liegende Wirtschaftsgesellschaften einwirkenden Systemdominanz.
  3. Eher ein versöhnlicher Zwischenruf zur Kollegialität unter soziologischen Ordinarien ist das 1994 verfasste, kurze dritte Kapitel "Neues vom Starnberger See? Im Gespräch mit Ulrich Beck". Das "Neue", so erfahren wir aus diesem Beitrag zu Becks 50. Geburtstag, waren die  von Ulrich Beck Hartmann zur Diskussion zugeleiteten Rohmanuskripte.
  4. 1993 schrieb Hartmann sein viertes Kapitel "Der Fremde als Komplize des Wandels" unter dem Eindruck seiner Gastprofessuren von 1991 an der Ostberliner Hochschule für Ökonomie HfÖ, die noch im gleichen Jahr abgewickelt wurde, und von 1993 an der Moskauer Staatlichen Akademie für Management. Hartmanns Leitvorstellung der Wirkung struktureller Einflüsse auf die handelnden Akteure geht hier ins Hochschul- und Wissenschafts-Politische, wenn er die Nichtnutzung mancher Transformations-Chancen beklagt.
  5. Im finalen fünften Kapitel "Wechselhaft mit Aufheiterungen: Erfahrung mit soziologischen Wetterlagen" von 1998 zieht Hartmann die ambivalente wissenschaftstheoretische Bilanz seines soziologischen Lebenswegs: Der frühe optimistische Glaube an wissenschaftlich begründbare Vernunft muss der Sicht einer politisch beeinflussten Wissenschaft weichen. Gleichwohl hofft der Autor, dass Soziologie den Akteuren neue Handlungs-Chancen aufzeigen möge. Die Einflüsse der amerikanischen Soziologie sieht er da positiv, wo sie "ohne Penetranz" freiwillig zur Wirkung kommen.

Diskussion

Für alle, die in den 1950er- und 1960er-Jahren die tastenden Versuche der deutschen Soziologie erlebt haben, als Nebenfach-Soziologie an der sozialphilosophisch oder sozioökonomisch dominierten Vorkriegs-Soziologie anzuknüpfen und mit Hilfe der selbstbewussten, empirisch ausgerichteten amerikanischen Soziologie zu erstarken, ist Hartmanns "Logbuch eines Soziologen" eine anregende Zeitkarte, eigene Erlebnisse zu rekapitulieren und einzuordnen. Jüngere Sozialwissenschaftler mag Hartmanns aus eigener Mit-Akteursschaft fundierter Blick auf die Schwerpunktsetzungen des Fachs in seiner  60jährigen Nachkriegsgeschichte disziplin-historisch interessieren.    

Natürlich kann man in einem auch biografischen Buch eines vorwiegend dem Strukturfunktionalismus verschriebenen Autoren wie Hartmann nicht das breite Band soziologischer Spielarten diskutiert sehen: So fehlen nachhaltige Auseinandersetzungen mit marxistisch ausgerichteter Soziologie (wiewohl sich Hartmann in den USA noch mit Max Horkheimer austauschte) ebenso wie mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns, der auf die Verlängerung der Parsons'schen Institutionenlehre reduziert wird; auch Ausflüge zum Konstruktivismus oder zu den von Anthony Giddens aufgezeigten Akteurs-Spielräumen sucht man vergebens.

Die von Hartmann breit geschilderte Kritik an seiner Untersuchung zur Rekrutierung und zum Selbstverständnis der deutschen Unternehmerelite mit seiner Mutmaßung ihrer Hintergründe von Kapitel 2 gerät doch sehr zu Selbstrechtfertigung und Trauma-Bearbeitung.

Schließlich krankt das sprachlich prägnant formulierte Logbuch durch seine Reihung originärer Einzelbeiträge mit ihren je spezifischen Absichten hie und da auch an wiederholender Redundanz und am häufigen Wechsel der Perspektiven: Biografisch-Touristisches mischt sich mit Wissenschaftstheoretischem, Hochschulpolitisches mit Zeithistorischem. Und auch bei Hartmanns ureigenen Themen gehen die Erörterungen oft zwischen Allgemein-Soziologischem (Abstraktem) und Wirtschafts-/Berufs-Soziologischem (als Speziellem) unvermittelt hin und her. Dafür sind Leidenschaft und Betroffenheit des Autors spürbar. Das macht das Logbuch, das sicher nicht zum Bestseller avanciert, sympathisch.

Fazit

Das "Logbuch eines Soziologen" Heinz Hartmanns dringt in epochale Schnittstellen des 20. Jahrhunderts wie Nachkriegszeit (mit Re-Education) und Wende-Jahrzehnt (mit Transformation) am Wirken eines lehrenden und forschenden Soziologen ein. Auf der Folie der soziologischen Pole von Individuum und Gesellschaft zeigt er, wie ihn Re-Education und Transformation tangierten und wie er ihnen begegnete: Eine Autobiografie-Arbeit von überindividuellem Zuschnitt und von hohem sozialwissenschaftlichem Rang.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 06.04.2008 zu: Heinz Hartmann: Logbuch eines Soziologen. Ausbildung, Arbeit, Anerkennung im Fach. 1950-2000. Spurt-Verlag 2007. ISBN 978-3-9811576-1-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6001.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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