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Hans G. Homfeldt, Wolfgang Schröer u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Transnationalität

Cover Hans G. Homfeldt, Wolfgang Schröer, Cornelia Schweppe (Hrsg.): Soziale Arbeit und Transnationalität. Herausforderungen eines spannungsreichen Bezugs. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-1737-3. 23,00 EUR, CH: 40,30 sFr.

Reihe: Juventa Paperback.
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Thema

Das Wichtigste vorweg: Die Herausgeber des Sammelbandes machen es selbst geneigten und interessierten Lesern nicht unbedingt leicht, sich näher auf die Thematik einzulassen. Das ist doppelt schade. Denn das Anliegen des Buches ist nicht nur hochaktuell, politisch brisant und in mehrfacher Hinsicht spannungsgeladen. Auch die thematisierten Entwicklungen greifen inzwischen tief in die alltagspraktischen Erfahrungen vieler Menschen ein und verdienen daher zu Recht der Standortbestimmung und theoretischen Reflexion. Als Beispiel sei nur genannt, was Maria Rerrich als "dirty little secret" des deutschen Wohlfahrtsstaates bezeichnet hat. Die Tatsche nämlich, dass ein nicht unwesentlicher Teil der Sozialen Arbeit in Deutschland heute von Frauen mit Migrationshintergrund geleistet wird – im Niedriglohnsektor oder gar in Form illegaler Beschäftigungsverhältnisse. Darüber hinaus ist nicht zu leugnen, dass Phänomene wie Wanderarbeit, multikulturelle Bildungsbiografien, grenzüberschreitende Formen familiärer Unterstützung oder die Arbeit von internationalen NGOs zunehmend an Bedeutung gewinnen. Sie treffen dabei auf eine Struktur Sozialer Arbeit, die sowohl in Theorie wie Empirie weitgehend national fundiert ist. Daraus folgt fast notwendig ein Wahrnehmungsdefizit gegenüber Personen und Formen, die mit den bestehenden Institutionen nicht kompatibel sind – oder zumindest eine Perspektive, die diese Phänomene mit Kategorien der Problembehaftung oder gar des Scheiterns belegt. Vor allem der Versuch, die Chancen solch transnationaler Entwicklungen im Bereich Sozialer Arbeit aus einem gesamtgesellschaftlichen Blickwinkel aufzuzeigen, verbindet die allermeisten Beiträge des vorliegenden Sammelbandes.

Aufbau und Anliegen

Das Buch umfasst insgesamt 15 Aufsätze (zwei englisch-, der Rest deutschsprachig), die dabei zu vier übergreifenden Themenblöcken, die Einleitung nicht mitgezählt, zusammengefasst sind:

  1. Transnationalität und professionelle Herausforderungen der Sozialen Arbeit;
  2. Transnationale Lebensläufe;
  3. Transnationale Organisationen und Soziale Arbeit;
  4. Transnationalität und theoretischen Herausforderungen der Sozialen Arbeit.

Das Anliegen des Buches betritt dabei, zumindest in der Zusammenschau vieler unterschiedlicher Aspekte, relatives Neuland.

Nun aber verkündet der "Appetizer" des Bandes, sprich der rückseitige Covertext (respektive die ersten Sätze der Einleitung): "Mit transnationalen Entwicklungen zeichnen sich Prozesse ab, die nicht mehr nur an einzelne Länder geknüpft sind, sondern den nationalstaatlichen und -gesellschaftlichen Referenzrahmen überschreiten und grenzüberschreitend entfaltet und aufrechterhalten werden. Transnationale Prozesse haben längst Einzug in die Soziale Arbeit gefunden. (…) Zudem prägen transnationale Entwicklungen, Netzwerke und Organisationen die disziplinären und professionellen Diskussionen der Sozialen Arbeit mit. Darüber hinaus haben transnationale Abkommen und Programme Einfluss auf sozialpädagogische Entwicklungen. Auch die Handlungspraxis der Sozialen Arbeit ist nicht mehr an einen nationalen Rahmen gebunden. Der vorliegende Band reflektiert erstmals den Zusammenhang von Transnationalität und Sozialer Arbeit. Damit leistet er einen Beitrag zur transnationalen Öffnung und Entwicklung von Disziplin und Profession Sozialer Arbeit in Deutschland, um ihre bislang stark national geprägten Legitimations- und Erklärungsmuster durch transnationale Zugänge zu erweitern." Sechs Sätze in kaum veränderter Variation, die nur wiederholen, was der Buchtitel bereits verrät. Es braucht Standhaftigkeit, um angesichts solcher Zeilen mehr erfahren zu wollen. Journalisten wissen, dass sich die Hälfe der Leser bereits nach dem ersten Absatz verabschiedet. So gesehen, liefert die Ankündigung die beste Vorrausetzung, um das Interesse frühzeitig durch Redundanz und sprachliche Schwerfälligkeit zu ersticken. Man muss sich also erst durch das semantische Bollwerk kämpfen, ehe man Gewinn aus der Veröffentlichung ziehen kann. Wer sich die Mühe macht, weiter zu lesen, wird indes durchaus belohnt. 

Inhalt

Dass sich der Hang zur (Pseudo-)Verwissenschaftlichung und Abstraktion mancher recht alltagsnaher Erfahrungen nicht unbedingt positiv auf die Lesbarkeit auswirkt, zeigt nicht zuletzt die Einleitung der Herausgeber selbst ("Transnationalität und Soziale Arbeit – ein thematischer Aufriss", S. 7-23). Dort wimmelt es nur so von Begriffen wie "Entgrenzungstendenzen", "interkultureller Methodenreflexion", oder "pluri-lokalen bzw. translokalen (…) Wechselwirkungen", ohne dass der theoretische Bezugsrahmen dadurch deutlicher würde. Zudem verzichten die Herausgeber vollständig auf einen Überblick zu den versammelten Beiträgen der Veröffentlichung. Die Einleitung geht den nachfolgenden Studien völlig bindungsfrei voraus, was schon deshalb wenig leserfreundlich ist, weil die Herausgeber auch nicht über die Struktur der zu Themenblöcken gefassten Gliederung des Bandes aufklären. Diese bleibt denn auch undurchsichtig und verwirrend, zumal die Beiträge unter ziemlich gleichlautende Überschriften (s.o.) zusammengefasst sind. So scheint es kein Zufall zu sein, dass z.B. transnationale Biografieverläufe (vgl. Matthias D. Witte, Intensivpädagogische Auslandsprojekte und die Ermöglichung biografischer Handlungserweiterung durch Transnationalität, S. 61-79) schon in Teil I, und nicht im dafür vorgesehenen Teil II, eingehend referiert werden. In Teil II, der nur aus zwei Artikeln besteht, geht es dann im zweiten Aufsatz um "Transnationalität – eine Strategie zur Armutsbekämpfung?" (Mathias Wagner; S. 113-131), wenngleich die gelungene Studie biografische Einzelschicksale anschaulich einfließen lässt. Manche Beiträge (z.B. Eckart Liebau, Grenzgänger und Übersetzer. Transnationalität in pädagogisch-anthropologischer Perspektive, S. 251-258; Franz Hamburger, Transnationalität als Forschungskonzept in der Sozialpädagogik, S. 259-277) hätten zudem, angesichts ihres grundlegend erklärenden Charakters, eindeutig an den Anfang des Buches gehört. Ironischerweise finden sich die verständlichsten Begriffsklärungen zu "Transnationalität" und "Soziale Arbeit" im allerletzten Artikel des Bandes. Insofern vermag das Buch keine klare Strukturierung des Themas zu leisten. Es präsentiert sich eher als ein Kompendium unterschiedlicher, höchst heterogener Aspekte zum behandelten Problemkomplex.

Von den strukturellen Defiziten der Veröffentlichung einmal abgesehen, beinhaltet der Sammelband gleichwohl sehr erfreuliche Ausnahmen. Seine Lesbarkeit gewinnt das Buch denn auch dort zurück, wo die theoretischen Konzepte auf die Praxis hin reflektiert werden. Dass dies nicht zu Lasten der Theorieleistung gehen muss, zeigt sich am Beispiel der bereits erwähnten Studie von Matthias D. Witte über "Intensivpädagogische Auslandsprojekte" (S. 61-79). Bei diesen Projekten geht es, grob gesprochen, um eine "Zwangs-Migration auf Zeit". Sogenannte "Problemjugendliche", die häufig nur noch zwischen Justiz, Psychiatrie und Jugendhilfe pendeln, werden "weit weg" von bekannten soziokulturellen Bedingungen in ein fremdes makrostrukturelles Umfeld versetzt, um auf diese Weise zu einer Erschütterung ihrer bisherigen routinemäßigen Handlungsmuster beizutragen. Das Revolutionäre dieser Maßnahme, und zugleich das Erhellende für den Komplex "Transnationalität und Soziale Arbeit", liegt in der Umkehrung des eigentlichen Grundgedankens der Jugendhilfe, nämlich die soziale Unterstützung gerade nicht mehr so familiennah wie möglich zu leisten. Die ausgewerteten Erfahrungen mit solch "intensivpädagogischen Auslandsprojekten" zeigen, dass diese zumindest eine neue, zum Teil sogar vielversprechende Option für eine (Re-)Integration von "Problemjugendlichen" sein können. Anschaulichkeit und Praxisnähe gewinnt der Beitrag nicht zuletzt durch Erfahrungen, die der Autor selbst bei der Begleitung solcher Projekte sammeln konnte.

Ähnlich positiv im Sinne eines theoretisch reflektierten Praxisbezugs ist auch der Beitrag von Kay E. Ehlers ("Transnationale Organisationen und soziale Unterstützung", S. 155-165), der im Rekurs auf ein "winziges" Müllentsorgungsprojekt eines "fiktiven" Entwicklungslandes wertvolle Einsichten und Rückschlüsse auf die Logik transnationaler Entwicklungszusammenarbeit zu ziehen vermag. Vergleichbares gilt auch für die genannte Studie von Mathias Wagner. Demgegenüber fallen andere Aufsätze aber deutlich hinter das angedeutete Niveau zurück (vgl. Rudolf Leiprecht und Dita Vogel, Transkulturalität und Transnationalität als Herausforderung für die Gestaltung Sozialer Arbeit und sozialer Dienste vor Ort, S. 25-44; Hans Günther Homfeldt und Marie Schneider, Soziale Arbeit und transnational agierende NGOs, S. 133-154; Hans Günther Homfeldt, Wolfgang Schröer und Cornelia Schweppe, Transnationalität, soziale Unterstützung und agency, S. 219-234). Das Muster ist dabei stets vergleichbar: Analog zur Einleitung überwiegt die Tendenz zu einer (fast bis zur Inhaltslosigkeit) gesteigerten terminologischen Abstraktion, hinter der die eigentlichen Phänomene verschwinden.

Fazit

Zusammengefasst ergibt sich daraus eine nur auf den ersten Blick kuriose Diagnose: Je kleinräumiger und induktiver die methodischen Perspektiven gehalten sind, desto größer ist ihr Ertrag für das Makrothema "Transnationalität und Soziale Arbeit". Die formulierte Kritik ist daher nicht als Plädoyer für die Alltagssprache in der Wissenschaft misszuverstehen. Doch bei einem Buch, das sich selbst zum Ziel gesetzt hat, ein weithin unterbelichtetes Thema in das breitere Bewusstsein der Öffentlichkeit zu tragen, vermisst man das Bemühen um Vermittlung. Der Band verfehlt den selbstgesetzten Anspruch, wenn er allzu oft bei Unverbindlichkeitsrhetorik und akademischer Nabelschau stehen bleibt, die der Materie keineswegs angemessen sind. In vielen Beiträgen findet sich zwar die Einsicht, dass es mit Theorieentwicklung und Forschung nicht getan sein kann, weil die Herausforderungen stets in der Praxis lägen. Diese Praxis aber erfährt durch die vorliegende Veröffentlichung nur sehr partiell Hilfestellung und Orientierung.


Rezension von
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 21.05.2008 zu: Hans G. Homfeldt, Wolfgang Schröer, Cornelia Schweppe (Hrsg.): Soziale Arbeit und Transnationalität. Herausforderungen eines spannungsreichen Bezugs. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-1737-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6007.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


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