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Klaus Hurrelmann, Matthias Grundmann u.a. (Hrsg.): Handbuch der Sozialisations­forschung

Cover Klaus Hurrelmann, Matthias Grundmann, Sabine Walper (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 7., vollst. überarbeitete Auflage. 476 Seiten. ISBN 978-3-407-83160-6. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR, CH: 95,50 sFr.

Reihe: Beltz Handbuch.
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Entstehungshintergrund und Thema

Hand- und Lehrbücher sind seit geraumer Zeit sehr in Mode. Der Markt boomt und offenbar gibt es auch eine entsprechende Nachfrage. Gewünscht werden Nachschlagewerke sowie Überblicksbände, die komprimiert, aber übersichtlich sowie verständlich über Grundlagen, Theorien und Forschungsfelder zu bestimmten Themen, über soziale Gruppen und Phänomene informieren. Das vorliegende Handbuch Sozialisationsforschung ist keine Neuerscheinung, sondern die Neuauflage der bewährten Kompilation zu Theorien, Forschung und Problemfeldern der Sozialisationsforschung, die 1980 erstmals unter dem Titel „Handbuch der Sozialisationsforschung“ erschienen und seither sechs Mal aufgelegt worden ist. Doch von seinen Vorgängerwerken unterscheidet sich die siebte Auflage erheblich und – um es gleich vorweg zu sagen: dies sehr gewinnbringend. Die Ausgabe ist vom Umfang deutlich schlanker, beinhaltet aber dennoch drei Beiträge mehr. Bei den Autoren und Autorinnen finden sich einige alt bekannte, aber auch viele neue, die erstmals mit einem Aufsatz vertreten sind.

Aufbau

Das Buch teilt sich wie gehabt in fünf Kapitel, die aber inhaltlich verändert und insgesamt anders gewichtet worden sind. Die neue Konzeption ist vielleicht auch eine Antwort auf Hans Bertrams Kritik im 5. Sonderheft der Soziologischen Revue im Jahr 2000[1], in der der Berliner Soziologe nicht ganz unberechtigt moniert, dass das Handbuch (er meinte die zweite Studienausgabe bzw. 5. Auflage des Handbuchs; die 6. Auflage erschien 2002 unverändert) in vielen Teilen nicht mehr den aktuellen Stand des Wissens“ (Bertram 2000, S. 262) wiedergibt und die Autoren und Autorinnen nur unzureichend auf die gesellschaftlichen Entwicklungen reagieren würden. Die Herausgeber (damals Klaus Hurrelmann und Dieter Ulich) würden so tun, als hätten Sozialisationstheorien und Sozialisationsforschung zeit- und kulturunabhängig Bestand. In der 7. vollständig überarbeiteten Auflage zeigen nun die Herausgebenden Klaus Hurrelmann, Matthias Grundmann und Sabine Walper, dass dies keineswegs so ist.

Inhalt

In dem vorliegenden Handbuch erläutern und diskutieren insgesamt 27 Autoren und 14 Autorinnen aus dem Bereich der Soziologie, Psychologie und Pädagogik aus ihrer jeweiligen disziplinären Perspektive den Begriff der Sozialisation und überprüfen diesen auf seine empirische Brauchbarkeit.

Die ersten sechs Beiträge (Kapitel 1) führen in die theoretischen und methodischen Grundlagen der Sozialisationsforschung ein. Referiert werden der aktuelle Stand der Sozialisationsforschung und die historische Entwicklung von Sozialisationstheorien. Zudem wird kritisch erörtert, inwieweit Sozialisationsforschung nicht immer auch normativ und aufklärerisch ist, inwieweit sie dies sein darf bzw. soll. Danach wird Bezug auf das ‚Umwelt-Anlage-Dilemma‘ genommen und werden neue Erkenntnisse zu den genetischen Grundlagen von Sozialisation zusammengetragen. Zudem werden Interdependenzen zwischen Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation herausgearbeitet. Das erste Kapitel endet mit einigen Ausführungen zu den methodologischen Problemen der Analyse von Sozialisationsprozessen, wobei im Fokus der Betrachtungen nur quantitative Verfahren stehen.

Im zweiten Kapitel wird in sechs Artikeln auf ausgewählte Schwerpunktthemen der Sozialisationsforschung eingegangen. Einleitend wird der historische Wandel von Sozialisationskontexten veranschaulicht. Im Weiteren geht es um die Schwierigkeiten der Beschreibung und Erfassung von Sozialisationsumwelten. Besonders hervorgehoben wird die Rolle enger Bindungen und Beziehungen in der Sozialisation. Aus einer prioritär soziologischen und einer vorwiegend psychologischen Perspektive wird daran anschließend in zwei Artikeln der Stand zur generativen und lebenslaufbezogenen Sozialisation bilanziert. Das Kapitel schließt mit einem Überblick zum Stand der Diskussion zum humanökologischen Ansatz der Sozialisation ab.

Das dritte Kapitel fokussiert in fünf Beiträgen soziale Ungleichheitsaspekte im Kontext von Sozialisation. Ungleichheiten sind zum Beispiel anhand unterschiedlicher Bildungsressourcen sowie unterschiedlich verteiltem ökonomischen Kapital auszumachen. Thematisiert werden zudem die Besonderheiten von Sozialisanden mit so genanntem Migrationshintergrund. Zudem wird in diesem Kapitel auf das komplexe Bedingungsverhältnis von Kultur und Sozialisation Bezug genommen. Außerdem ist in dieses Kapitel auch der Forschungstand zur geschlechtsspezifischen Sozialisation platziert worden.

Im darauffolgenden Teil des Handbuchs (Kapitel 4) werden Instanzen und Kontexte der Sozialisation vorgestellt, wobei alle Autoren und Autorinnen bemüht sind, aktuelle Erkenntnisse aus der empirischen Forschung dem Leser bzw. der Leserin zu vermitteln. Zentral sind hier Bedeutung und Einfluss von Familie, Krippe und Kindergarten, Schule und Hochschule, institutionalisierter Weiterbildung, Gleichaltriger, räumlicher Umwelten, Gruppen und Organisationen, „totaler“ Institutionen (wie zum Beispiel Militär, Gefängnisse oder Heime) und nicht zuletzt der (Massen-)Medien.

Im abschließenden Kapitel (5.) sammeln sich unter der Überschrift „Sozialisationseffekte“ vier Beiträge, die sich verschiedenen, ja auch ‚diffusen‘, d.h. weniger institutionalisierten Sozialisationskontexten widmen. So wird Sozialisation im Zusammenhang von Selbstbild und Identitätsentwicklung aus psychologischer Perspektive erörtert. Es wird die Ausbildung sozio-moralischer Kompetenzen und politischer Orientierung verhandelt. Und zudem wird auch ausführlicher zum Gesundheits- und Risikoverhalten bei Kindern und Jugendlichen Stellung genommen.

Diskussion

Die Beiträge des Handbuchs stehen weitestgehend für sich, d.h. sie bauen eher strukturell als inhaltlich stringent aufeinander auf. Im Gegenteil: hier und da stehen sich soziologische und psychologische Betrachtungsweisen im Hinblick auf ein und dieselbe Forschungsfrage gegenüber. Das macht es für den einen oder den anderen Rezipienten vielleicht kompliziert, für andere Leser und Leserinnen hingegen dürften unterschiedliche disziplinäre Sichtweisen von großem Interesse sein. Wer das Buch in Gänze liest, wird Redundanzen feststellen. Diese sind unvermeidlich, denn jeder Autor bzw. jede Autorin ist durch die Existenz der Theorievielfalt gezwungen, vorerst klarzustellen, welchem Ansatz er bzw. sie sich primär verpflichtet fühlt bzw. welcher zur Grundlage des Diskurses und zur Stärkung der eigenen Position angebracht scheint. So wird etwa das sozialisationstheoretische Paradigma Bronfenbrenners, Grundmanns oder Hurrelmanns des Öfteren im Buch erklärt. Im Grunde wird damit deutlich, welche Ansätze zeitgenössischen Fragestellungen am ehesten gerecht werden.

Auf die Qualität der einzelnen Beiträge kann hier nicht detailliert eingegangen werden. Wie bei Handbüchern nicht unüblich, sind die jeweiligen Aufsätze vom wissenschaftstheoretischen Anspruch her recht heterogen. Sprachlich sind sie allesamt recht gut verständlich, manchen Beiträgen fehlt allerdings ein didaktischer Aufbau. Gleichwohl muss eingeräumt werden, dass die Erwartungen z.B. in Bezug auf das Thema „Kultur und Sozialisation“, „Sozialisation und Geschlecht“, „Sozialisation durch Massenmedien“ aufgrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen zweifellos hoch sind. Hier wird dann für ein genaues Verständnis und die Einordnung der berichteten Erkenntnisse in den aktuellen Diskurs Vorwissen und eine vertiefende Lektüre weiterführender Literatur notwendig. Da die Fülle vor allem an empirischen Studien speziell zu den Themen „Geschlecht“ und „Medien“ inzwischen auch kaum noch überschaubar sind – nicht zuletzt aufgrund der vielen beteiligten Wissenschaftsdisziplinen, müssen die Autoren und Autorinnen eine Auswahl treffen, die dann zwangsläufig nur selektive Einblicke in Zusammenhänge erlaubt oder mitunter zu Vereinfachungen des Sachverhalts führt.

Weitestgehend sind die an dem Buch beteiligten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sehr bemüht, den aktuellen Forschungsstand möglichst umfassend zu referieren und Ergebnisse ausgewogen und nachvollziehbar zu interpretieren. Folglich finden sich Texte sowohl für Einsteiger als auch für Kenner des jeweiligen Themenfeldes. Je nach Interessenslage und Anspruch wird man auch in der Neuauflage sicherlich Aspekte vermissen. Verzichtet wurde zum Beispiel auf einen Überblick zu den Möglichkeiten und dem Einsatz von qualitativen Methoden zur Erfassung von Sozialisationsprozessen. Hier wären Verweise zu den Erkenntnissen der biografisch orientierten Sozialisationsforschung hilfreich gewesen. Auch wird nur punktuell, d.h. nicht in einem eigenen Beitrag, explizit auf kulturvergleichende Ansätze der Sozialisationsforschung eingegangen. Dafür findet sich erstmals aber eine ausführliche Analyse der Besonderheiten der Sozialisation von Migranten. Stärker gewichtet wurden in der Neuauflage auch soziale Ungleichheitsstrukturen, die für die Beschreibung und Bewertung von Sozialisationsbedingungen wesentlich sind. Damit wurde auf Bertrams Reklamation (2000) reagiert.

Ergiebig ist in dem Zusammenhang zudem die Berücksichtigung gesundheitlicher (Risiko-)Faktoren im Kontext von Sozialisation. Endlich findet sich in dem Handbuch auch eine singuläre Abhandlung zur politischen Sozialisation (in den früheren Auflagen wurde diese unter dem Fokus von Geschlechterdifferenzen betrachtet). Auf die Extrahierung von kognitiver und sprachlicher Sozialisation wurde in der Neuauflage hingegen weniger Wert gelegt.

Fazit

Alles in allem werden in dem vorliegenden Handbuch sehr anschaulich und eindrücklich die Potenziale und Grenzen der Sozialisationsforschung aufgezeigt. Dies soll(te) erklärtes Ziel dieses Handbuchs sein, das zu Recht als wichtiges Standardwerk bezeichnet wird. Es finden sich zahlreiche Literaturhinweise jeweils am Ende jedes Beitrags (zuvor gab es ein Gesamtverzeichnis). Hier wäre es insbesondere für Studierende sicherlich vorteilhaft, wenn einschlägige bzw. klassische oder weiterführende Werke kenntlich gemacht worden wären. Über Lesehilfen oder Leitfragen, Gliederungsverzeichnisse zu Beginn eines jeden Beitrags, Texte mit Erklärungen oder Beispielen wären nicht nur Themeneinsteiger ebenfalls dankbar. Soll heißen: nachdem Inhalte zeitgerecht aktualisiert worden sind, könnte entsprechend auch die Form des Werkes heutigen Rezeptionsbedürfnissen angepasst werden. Zwar ist das Handbuch Sozialisationsforschung (bislang) außer Konkurrenz, gleichwohl werden durch die Konjunktur an Hand- und Lehrbüchern gewiss neue gestalterische Standards erforderlich.


[1] Hans Bertram (2000). Sozialisation: Stabilität und Wandel eines Forschungsgebietes. In R. Münch et al (Hg.), Soziologie 2000. Kritische Bestandaufnahme zu einer Soziologie für das 21. Jahrhundert. Soziologische Revue. Sonderheft 5, München, S. 255-263.


Rezension von
Dr. Dagmar Hoffmann
Soziologin, ist derzeit Vertretungsprofessorin für Medientheorie an der Kunsthochschule Berlin.
Sprecherrätin der Sektion Jugendsoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)
Mitherausgeberin der Zeitschrift Diskurs Kindheits- und Jugendforschung.
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Zitiervorschlag
Dagmar Hoffmann. Rezension vom 19.02.2009 zu: Klaus Hurrelmann, Matthias Grundmann, Sabine Walper (Hrsg.): Handbuch der Sozialisationsforschung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 7., vollst. überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-407-83160-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6009.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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