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Brigitte Eckstein, Bernard Fröhlig: Praxishandbuch der Beratung und Psychotherapie

Cover Brigitte Eckstein, Bernard Fröhlig: Praxishandbuch der Beratung und Psychotherapie. Eine Arbeitshilfe für den Anfang. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2007. 3. Auflage. 362 Seiten. ISBN 978-3-608-89046-4. 26,00 EUR, CH: 45,40 sFr.

Reihe: Leben lernen - 136.
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Autorin und Autor

Brigitte Eckstein (1926-2007), war habilitierte Kristallphysikerin und Professorin an der RWTH in Aachen. Sie wandte sich erstmals 1969 und später immer mehr hochschuldidaktischen Themen zu. Als ausgebildete Individualpsychologische Beraterin führte sie außerdem viele Beratungen für arbeits- und prüfungsblockierte Studenten im In- und Ausland durch. In ihrer Privatpraxis in Aachen arbeitete sie körperorientiert und meist mit einer Kombination von Einzel- bzw. Partnerberatung und Gruppensetting.

Bernard Fröhlig ist als Individualpsychologischer Berater am Alfred-Adler-Institut ausgebildet, hat langjährige Erfahrung in Einzelberatung und moderierte zusammen mit Brigitte Eckstein seit über 20 Jahren Selbsterfahrungsgruppen in Aachen.

Thema

Der Anfang ist oft entscheidend. Die ersten Sitzungen eines Beratungs- oder Psychotherapie-Prozesses stellen oft entscheidende Weichen für dessen weiteren Verlauf. Dies gilt für Prozesse der verschiedensten Richtungen und Schulen, auch der verschiedensten Beratungsformate (psychologische, therapeutische, pädagogische Beratung, Coaching, Supervision). Es geht nicht nur darum, auf welchem theoretischen Hintergrund, oder persönlichem Erfahrungshintergrund dabei gearbeitet wird, sondern auch – und das so ziemlich überall – ganz konkret praktisch darum: „Wie bekomme ich meinen Beratungs-, bzw. Therapieprozess in Gang, wie kann ich was anfangen, dass sich etwas tut, etwas bewegt und vorankommt?“ Darauf nehmen eine Reihe von unterschiedlichen Faktoren Einfluss.

Die Autoren setzen hier an und führen den Leser durch ein weites Feld von Themen und Fragen, die sinnvoller weise am Anfang eines solchen Prozesses - und auch noch davor - bedacht werden können, und dann diesen leichter in Gang bringen, strukturieren und so ertragreicher gestalten können.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Jahr 2000 entstanden in Zusammenhang der Erfahrungen, die die beiden Autoren als Leiter von analytischen Selbsterfahrungsgruppen miteinander in ihrer Zusammenarbeit sammeln konnten, ebenso aus der Beratungs- und Therapiepraxis der beiden. Nun liegt die bereits dritte Auflage in der Reihe Leben Lernen vor, in der bereits manche Klassiker zu Themen der Psychotherapie erschienen sind.

Besonders interessant dürfte in diesem Zusammenhang sein, dass sich die inzwischen 2007 verstorbene Physikerin und Kristallphsikerin Eckstein nicht nur mit Kristallstrukturen und deren Phänomenen beschäftigte, sondern sich schon früh - und als eine der ersten - in ihrer Rolle als Hochschullehrerin den Fragen der Hochschuldidaktik zuwandte, also (im Hochschulkontext) die Frage stellte „Wie lassen sich Dinge, die Menschen lernen wollen ihnen möglichst effektiv nahebringen?“ Diese Thematik ist momentan in der Hochschulszene als Reaktion auf die sich verändernden Rahmenbedingungen besonders aktuell. Eckstein wurde, ausgehend von ihrer Rolle als Hochschullehrerin, auch in Beratungssettings tätig, sie ließ sich als individualpsychologische Beraterin (in einem tiefenpsychologischen Verfahren, das auf Alfred Adler zurückgeht) ausbilden. Vor diesem Hintergrund geht aus bei diesem Buch, das sie mit ihrem Kollegen Fröhlig gemeinsam zusammengestellt hat, wieder um den didaktischen Aspekt: „Wenn man eine Therapie, einen Beratungsprozess als etwas versteht, in dem jemand etwas lernt - welche Umstände und Faktoren begünstigen das?“

Aufbau

Das Handbuch wendet sich fünf großen Themenfeldern zu, die die Anforderungen der Praxis der Therapie und Beratung mit sich bringen: Dem, was zu bedenken ist, bevor es losgehen kann, dem der Einzeltherapie, dem der Partnerberatung und Ehetherapie, dem der Gruppenarbeit und schließlich einer Sammlung von Hilfsmethoden, Spielen, Übungen und Materialien.

1. Überlegungen und Fragen - bevor es losgehen kann

Eckstein und Fröhlig laden die Beratenden dazu ein, sich daran zu erinnern, dass vieles, ja entscheidendes bei und in der Person des Beratenden beginnt: „Nur wer selbst mutig, vertrauensvoll und ausgeglichen ist, kann andere ermutigen und ihnen helfen, ihr Gleichgewicht wiederzufinden.“ Die Autoren stellen ihren lesenden KollegInnen verschiedene Fragen:

  • nach dem Umgehen mit sich selbst, dem Bedürfnis sich in Szene zu setzen, nach den eigenen möglichen Ambitionen und Ängsten, deren Folgen in der Patientenauswahl,
  • möglichen Vorannahmen über die möglichen Klienten / Patienten, die eigene Körperwahrnehmung - alles Themen mit Einfluss auf die Arbeit, besonders wenn nicht bewusst mit ihnen umgegangen wird.
  • Es wird in einer summarischen Zusammenfassung an wichtige theoretische Hintergründe der therapeutischen und beratenden Arbeit erinnert:
  • an einen nötigen Minimalkonsens über Grundannahmen das Ziel von Psychotherapie über alle Schulgrenzen hinweg, mit den Folgen für die Rolle des Patienten
  • an die bevorstehende Entscheidung, worum es gehen soll und was das in der Folge bedeutet, um Konfliktaufdeckung, Konfliktverdeckung, um Stützung und Training,
  • daran wie und in welcher Form gearbeitet werden soll, Einzeltherapie und / oder Gruppe?
  • An die Möglichkeiten der Kurzzeittherapie – in Abgrenzung zu den „großen“ Formen,
  • und an das was auftreten wird, an Übertragung, Gegenübertragung und Widerstand.
  • Erinnert wird auch daran was zu Beginn, also sowohl bei der Eröffnung einer Praxis, als auch zu Beginn eines jeden neuen Prozesses zur Entscheidung ansteht, und oft vergessen wird:
    • Die Patientenauswahl, also „Mit welchen Patienten möchte ich arbeiten, mit welchen nicht und warum?
    • Die Selbstdarstellung als Berater / Therapeut in der eigene Person und der Gestaltung der Praxis
    • Honorargestaltung und Zahlungsmodi, mögliche Arbeitsmittel und Arbeitshilfen

2. Einzeltherapie und besondere Aspekte ihrer Gestaltung

Wie eine Therapie beginnt - mit dem Kontaktgespräch und dem Erstinterview -, wird von den Eckstein und Fröhlig kurz skizziert, und manches erläutert, was dabei wichtig werden kann, und praxisbezogen Hinweise gegebenen, wie die Arbeit sinnvoll gestaltet werden kann. Es wird ein typischen Verlauf eine Therapie beschrieben, die Gestaltung ihres Endes, auch „abnorme“ Verläufe einer Therapie werden bedacht.

Indikationen für Kurzzeittherapien werden thematisiert, ebenso die Möglichkeiten und Bedingungen für Beratungen in Konflikt- und Entscheidungssituationen und in Lebenskrisen,

Ein besonderes Kapitel ist der Situation gewidmet, wenn das therapeutische Gespräch nicht in Gang kommen will. Dazu gehören einerseits die Arbeit mit schwierigen Patienten, mit „Schweigern, Unglaubwürdigen, Schwätzen und einigen anderen“; Die Autoren bedenken die möglichen „Spiele“ und Fallen für die Arbeit, die hier eine Rolle spielen können, zum Anderen Sprache und Sprachgewohnheiten und welche Möglichkeiten diese für die Arbeit bieten.

Die Generalthemen der Therapie sind im allgemeinen und eigentlich immer Vorstellungen, Ziele und Lebensstrategien des Patienten – von konkreten und akuten Problemthemen abgesehen. Alle Themen des Patienten finden sich in den generellen Themen wieder. Aktuelle Konflikte, Kindheitserinnerungen, Schlüsselerlebnisse, Geschwister- und andere Familienkonstellationen, Ängste, intakte Lebensbereiche („Wo tritt das Problem nicht auf? Wo ist keines?“), der Krankheitsgewinn („Was wäre in ihrem Leben anders, wenn sie ihre Probleme nicht hätten?“), Lebenslauf, Lieblingsmärchen der Kindheit, die „drei Wünsche“, Träume und Tagträume, Lebensbilanzen im Großen und kleinen, in allem treten die Grundthemen zutage. Die Themenfelder werden in ihrer Bedeutung und ihren

Einzelne Möglichkeiten in der therapeutischen Arbeit besprochen, besonders mögliche Themenfocussierungen im Rahmen von Kurzzeittherapien und die Arbeit mit Ängsten.

3. Partnerberatung und Ehetherapie

Nachdem Ziele, Risiken, Indikationen und spezielle Möglichkeiten der Arbeit mit Paaren bedacht wurden, schließt sich ein Exkurs über Hypotheken an, die eine Partnerschaft belasten können, und vor allem dann auftreten, wenn der Himmel anfangs zu sehr „voller Geigen“ gehangen hat, „Geheimverträge“ in der Beziehungen für Kränkungen sorgen, oder aus „unzureichenden Gründen“ geheiratete wurde, oder auch die Einflüsse von (Schwieger-)Eltern für Probleme sorgen.

Die Möglichkeiten Triadischer Arbeit mit Paaren wird besprochen, mit den besonderen Aspekten der Kontaktaufnahme und ersten Sitzung, dem Normalverlauf der Arbeit, und auch eine mögliche „Trennungshilfe“ wird bedacht, ebenso die Möglichkeit der Dyadischen Arbeit, in den möglichen Varianten der Arbeit mit paralellen, dyadischen Sitzungen und der Arbeit mit nur einem Partner.

4. Gruppenarbeit

in therapeutischen Kontext ermöglicht nach Eckstein und Fröhlig zum einen – in Kombination mit Einzeltherapie – die intensivste Nutzung des therapeutischen Potentials. Zum anderen bietet sie eine Reaktualisierung der Geschwisterkonstellation, genau so wie ein Einzelsetting Elemente einer Eltern-Kind Beziehung wiederbelebt. Diese beiden therapeutischen Sozialformen ergänzen sich. Gruppen stellen aber auch therapeutische Möglichkeiten zur Verfügung, die in einer Einzelkonstellation Therapeuten wie Klienten leicht überfordern könnten, die eine Gruppe aber leicht bewältigen kann. Die Autoren empfehlen den beginnenen Kollegen am Anfang sich als Ko-moderatoren zusammen mit erfahrenen Kollegen in diese Arbeitsform einzuarbeiten. In in diesem Abschnitt über die Arbeit mit Gruppen rufen sie auch organisatorische Dinge in Erinnerung, aber auch wichtiges über verschiedene Gruppenansätze, Führungsstile, Werte, Normen, örtliche, zeitliche und finanzielle Rahmenbedingungen. In einem Abschnitt wird an Phasen, die Gruppen durchlaufen erinnert, ein weiterer widmet sich den Rollen, in die sich Teilnehmende in einer Gruppe begeben. Einigen besonders schwierigen Aspekten wird das Augenmerk aus der Sicht der Praxis geschenkt, wie den „schwierigen“ Teilnehmer, „schwierigen“ Gruppen und „schwierigen“ Situationen.

Es schließen sich einige Modelle zur Durchführung von Gruppenveranstaltungen aus der langjährigen Praxis der Autoren an, wie:

Aus dem therapeutischen und sub-therapeutischen Bereich

  • Eine zeitlich unbegrenzte, offene (therapeutische und subtherapeutische) Gruppe, bei der ein ausscheidendes Mitglied ein Neues zum Nachfolger hat, und die beiden sich in einer Übergangssitzung gemeinsam erleben,
  • eine ambulante Gruppe für Ko-Patienten (also Angehörige),
  • eine ambulante Gruppe zum Thema „Umgang mit Verlusten“ (verschiedenster Art)
  • ein Klausur-Wochenende zum „Umhang mit Verlusten“
  • ambulante Gruppen „nach der Trennung“ und
  • ein „Traum“-Workshop, ein Wochenendseminar mit der Möglichkeit der Verlängerung

Aus dem Bereich „Allgemeines“ und berufsbezogenes Verhaltenstraining

  • Kommunikationstraining (ein Wochenendseminar)
  • Selbstbehauptungstrauning (ein Wochenendseminar)
  • Interviewtechniken (ein Wochenendseminar für Lehrer, angehende Lehrer, Ärzte)

In allen Dokumentationen der Gruppenveranstaltungen lassen Eckstein und Fröhlig an ihren Planungen, Vorbereitungen und Reflexionen zu diese jeweiligen Form ausführlich und praxisnah teilhaben und regen an für eigene Planungen

5. Sammlung von Hilfsmethoden, Spielen, Übungen und Materialien.

Dieser reichhaltige ergänzende Werkzeugkasten, im Buch den größeren Teil einnimmt, ist wieder nach den bereits genannten Beratungs- und Therapie-Formaten geordnet:

Für die Einzeltherapie werden ausführlich erläutert:

  • Das Rollenspiel in der Einzelsitzung,
  • Malen, Zeichnen, Modellieren,
  • Körperarbeit mit besonderen Abschnitten über Eutonie, Aggressionsübungen und »kreatives Kämpfen«
  • weiteren Übungen (Eutonischer Tanz, die Übungen »unten durch« und »Sturz«, Körperhaltungen als »inverse Sonden«, und der Einsatz von Berührung, die „häufig glaubhaft [ist], wo Worte nicht geglaubt werden können“ (197; nach Ron Kutz, „Körperzentierte Psychotherapie, die Hakomi-Methode“, Essen 1985, 126))
  • Das Verwenden von Sonden, eine auf die Hakomie-Therapie und das Focusing zurückgehende Methode, die dem Patienten einen Reiz verbaler oder nonverbaler Art anbietet, der Emotionen auslöst, die dann in der Aktualität bearbeitet werden können.
  • Mögliche Hausaufgaben für den Patienten als Ergänzung, Vor- und Nachbereitung von Sitzungen, als Trainingsmöglichkeit u.v.m. wird erläutert.

An Übungen und Hausaufgaben in der Partnerberatung werden genannt:

  • Empathie-Übungen (Schriftliche Satzergänzungen, Rollentausch, Einsatz des Partners als Hilfs-Ich des anderen. Kurzlebenslauf unter Rollentausch, eine Variante des »Heißen Stuhls«, zirkuläres Fragen, wie etwa „Wie mag sich ihr Partner gerade fühlen?“) sind genannt,
  • Übungen zum eigenen Bild des Partners (mit positivem Focus), wie die Übung mit der Satzergänzung „Ich mag an dir …“
  • möglicherweise ergänzt z.B. durch Aufstellungsarbeit Klötzchen.

Kommunikations- und Konfliktlösungsübungen finden ebenfalls Raum,

  • wie etwa das »Aktive Zuhören«, eine Grundübung in jedem Kommunikationstraining. oder
  • oder bei Übungen zum Entwickeln von Kompromissen u.U. das Mitschneiden auf Band als Stütze der Reflexion.
  • Die Übung der graphischen Darstellung der Verteilung der Ressourcen (wie z.B. der Zeit) in einem »Torten«-Diagramm hilft z.B. bei Konflikten auch die die »Kriegskosten« des Konflikts in den Blick zu bekommen.
  • Auch auf Körperbezogene Übungen, wie Ritualisierte Kämpfe (»kreatives Kämpfen«) in verschiedener, auch thematischer und szenischer Gestaltung,
  • »Miteinander«- Partnerübungen aus der Eutonie und dem Shiatsu, sowie
  • Übungen zu »Nähe und Distanz« im körperlichem Ausdruck gehen die Autoren ausführlich und praxisorientiert ein.
  • An Zeichnen und Konstellieren wird als Möglichkeit erinnert, ebenso an
  • Phantasiereisen - und was in diesem Zusammenhang in therapeutisch-beraterischem Setting zu beachten ist.
  • Die Möglichkeiten zu Hausaufgaben in der Arbeit mit Paaren nimmt ausführlichen Raum ein. Neben dem werden auch konkrete Bespiele genannt, wie z.B. auch
  • Aufträge an die Partner jeweils verschiedene Literatur zu erarbeiten (eine eigene Liste hierzu wird angeführt), oder
  • schriftliche Berichte als Ergebnissicherung und
  • gegenseitige Rückmeldungen über das Erleben der jeweiligen Übungen.

Für den Gruppenkontext werden ebenfalls Hilfsmethoden, Übungen, Spiele, und Materialien diskutiert und erläutert.

  • Es fehlt nicht der Hinweis, dass die Methodenwahl – auch hier - vom Ziel (Therapie, Supervision Selbsterfahrung / -entfaltung, Kommunikationstraining) abhängig ist, ebenso von den äußeren und inneren Rahmenbedingungen der Teilnehmenden (wie etwa Verbalisierungsfähigkeit und Stabilität der einzelnen, Gruppengröße, verfügbare Zeit).
  • Das »Wozu« der Gruppe wird ausführlich beschrieben. Als allgemeines Ziel der Arbeit in Gruppen wird »erhöhte Mündigkeit der Teilnehmer« genannt, aufgegliedert in drei Hauptbereiche:
  • Korrektur illusionärer Vorstellungen, Wahrnehmungs- und Interpretationsweisen (besonders in therapeutischem, bzw. subtherapeutischem Kontext),
  • Selbsterfahrung und Selbstentfaltung (zur Integration ungenutzter kreativer Persönlichkeitsanteile), sowie
  • Verhaltenstraining (insbesondere der Erwerb und die Verbesserung von sozialen Kompetenzen, wie Kommunikations-, Konflikt-, und Kompromissfähigkeit), .
  • Ebenso werden Detailziele (für die Teilnehmenden) genannt, aber auch Möglichkeiten, wie sich der Leiter einer Gruppe an seine eigenen unbewussten Ziele herankommen kann.

Im Abschnitt Das Handwerkszeug I: Gespräch und Rollenspiel wird zum allgemein Bekannten auf einige Hilfsmethoden verwiesen, wie

  • den »Fishbowl« (»Goldfischglas«) als Möglichkeit in Großgruppen dennoch mit überschaubaren Teilnehmerzahlen zu arbeiten (mit zwei offenen, freien Stühlen für spontane Beteiligung einzelner aus der äußerem Kreis) oder
  • der gängig auch als »Murmelgruppen« bekannten Technik des »Bienenkorbs«).
  • Eckstein und Fröhlig greifen als Möglichkeit, das Gruppengespräch zu steuern und zu strukturieren in vielen am dieser Stelle auf die „Hilfsregeln“ und andere Elemente zurück, wie sie Ruth C. Cohn für ihren pädagogischen und therapeutischen Ansatz der Themenzentrierten Interaktion formuliert hat. Dies bringt - gerade vor dem Hintergrund des Ansatzes von Cohn - eine Stärkung der Verantwortung der einzelnen (für sich selbst und) den Gesprächsverlauf, sowie das was in der Gruppe geschieht mit sich.
  • Eigene methodische Möglichkeiten zur Vergewisserung über die momentane Befindlichkeit bzw. dem momentanen Wunsch eines jeden Einzelnen bietet das Blitzlicht („Jeder nur ein Satz / drei Sätze“), möglicherweise unterstützt durch einen dabei weitergereichten Gegenstand.
  • Das Brainstorming dient zur Themenfindung der Gruppe innerhalb eines durch die Leitung vorgegebenen Grobthemas. Hier werden unzensiert und unkommentiert Assoziationen zum Thema für eine kurze Zeit ausgesprochen und schriftlich gesammelt und visualisiert (z.B. Wandzeitung).
  • Weitere, nonverbale Übungen, die dem Gruppengespräch vorgeschaltet werden , können den Einstieg erleichtern, wie Übungen zu Nähe/Distanz, Stütz- und Fallübungen, ebenso wie der Einsatz von Bildmaterial.
  • Durch darauf folgende Impulsfragen, wie „Was ist Ihnen eingefallen?“, „Wie haben Sie es erlebt?“ „Welche Gefühle hat das ausgelöst?“ kann das Gruppengespräch in die Richtung »ratio«, bzw. »emotio« gesteuert werden.
  • Im darauf folgenden Gespräch, kann die Leitung in zurückhaltender Weise ausgesparte Aspekte benennen, unterschwellige Inhalte sichtbar machen, Positionen hinterfragen, vorsichtig Angebote zu Deutungen vor- und auch die eigenen Gefühle einbringen.
  • Eine Darstellung vom Erlebnissen oder Träumen im Rollenspiel, in einem »lebenden Bild« oder auch in einem Denkmal (bzw. einer Skulptur) erhöht die emotionale Beteiligung der Teilnehmenden und des Protagonisten im Vergleich zu einem bloßen Bericht in der Gruppe. Ebenso lässt sich die aktuelle Situation in der Gruppe verdeutlichen. Durch Assoziationen der. anderen Teilnehmer lassen sich die Möglichkeiten noch mehr erweitern.
  • Die Autoren nennen als therapeutisch wirksame ergänzende Möglichkeit und als eine Sonderform des »Lebenden Bildes« die Arbeit mit Aufstellungen (wie etwa die „Familienaufstellungen“), die aber nicht ohne einschlägige Einführung und Praxis versucht werden sollte.
  • Das »Lebende Bild« wird auch als Vorstufe zum Rollenspiel genannt. Dabei spielen die Teilnehmer aus dem Stegreif, nach dem Vorgaben des Moderators oder eines Mitgliedes reale oder imaginäre Abläufe durch, Dabei werden Hilfs-Ichs, Rollentausch und -wechsel eingesetzt. Als ein »Probehandeln unter verringertem Risiko« ermöglicht das Rollenspiel das Einüben von Verhalten. Eckstein und Fröhlig empfehlen für das Rollenspiel auch die Kombination mit anderen nonverbalen Verfahren und die verbale Aufarbeitung. Sie regen an, sie Spielräume z.B. im Bereich von Märchen (z.B, Lieblingsmärchen der Kindheit) und der Einführung von Wunschfaktoren (wie Zauberstab oder Wunschring) kreativ zu nutzen.

Im Abschnitt Das Handwerkszeug II: Eine Auswahl von Übungen werden eine Reihe von Übungen vorgestellt, die als brauchbare Mittel verwendet werden können um

  • Struktur vorzugeben,
  • Aufmerksamkeit und Interesse zu fokussieren,
  • durch Assoziationen vor- und unbewusste Inhalte bewusst zu machen,
  • einen Einstieg ins Verhaltenstraining zu bieten.
  • Sie können auch helfen, schwierige Situationen zu bewältigen

Eine (auch hier wieder bewusst so benannte) praxisorientierte, aber nicht zwingende Einteilung von Übungen wird angeboten – neben erläuternden Anmerkungen dazu aus der Praxis von Eckstein und Fröhlig:

  • Übungen zur Eröffnung, zum Kennenlernen, zum Abschluss
  • Meditative und imaginative Übungen:
  • Körperbezogene und andere nonverbale Übungen
  • „Wer bin ich?“ - Selbsterfahrung und Selbstkonfrontation
  • Verhaltenstraining

Übungen zur Eröffnung, zum Kennenlernen, zum Abschluss:

  • „Ich stelle mich dar“Bei einer oder mehreren Vorstellungsrunden präsentieren sich die Teilnehmenden dem Plenum. Durch vorher genannte Aspekte werden die Aussagen der Teilnehmer zu sich fokussiert. (z.B. „Nennen Sie drei wichtige Aussagen über sich“ - die Auswahl dieser Aussagen stellt übrigens eine weitere Aussage dar, und kann später bearbeitet werden.) Mit zusammenfassenden Runden zu Themen wie „Was haben Sie jetzt über sich und die anderen erfahren?“ oder „Wie haben Sie sich dabei gefühlt?“ und „Haben Sie mitgeteilt, was Sie über sich sagen wollte?“ kann die Einheit abgeschlossen werden.
  • „Ich wüsste gerne …“ - Eine gegenseitige Befragung der Teilnehmer in Kleingruppen
  • Gruppenpräsentation – eine Teilgruppe stellt sich den anderen vor.
  • Indirekte Selbstdarstellung: In Kleingruppen erzählt jeder etwas zu von ihm selbst ausgewähltem oder durch die Leitung vorgegebenen Bildmaterial. Anschlie0end kann dazu assoziiert werden – oder auch nicht. Abschließend folgt eine Runde zum Thema: „Was haben Sie über sich und die anderen erfahren?“.
  • Die Übung „Haus, Baum, Hund“
  • Ein Themenorientierten Gruppen kann hier auch ein Brainstorming eingesetzt werden
  • Eine Möglichkeit ist die Vorstellung der Hilfsregeln nach Ruth C. Cohn im Plenum, Impuls dazu: „Was ist mir daran wichtig?“
  • Eine Anknüpfung an die letzte Gruppensitzung (bei ambulanten Gruppen mit etwa wöchentlichem Rhythmus): Was ist mir jetzt von damals noch wichtig?
  • Als Übungen zum Anschluss der Gruppe werden Bilanzierungsübungen genannt,
  • Arbeitsverträge (bei Gruppen mit verhaltenstherapeutischem Hintergrund: „Wer tut bis wann was genau und informiert wen darüber?“), oder
  • die „Marktplatz“-Situation („Was möchten Sie jetzt, wenn wir auseinandergehen noch tun/sagen?“)

Meditative und imaginative Übungen

  • Eine ganze Reihe von Kurzformen werden benannt, besonders ausführlich werden
  • Phantasiereisen vorgestellt:
  • Größere, wie etwa Gerichtsverhandlung“ – zur Behandlung von Selbstvorwürfen und von Schuldproblematik/Groll“, „Der Garten der Begegnungen“: - Dabei kann man lebenden oder verstorbenen Menschen begegnen, oder Wesen, denen man oder die einem etwas schuldig geblieben sind, denen Sie oder die Ihnen ein Unrecht abbitten müssen, denen gegenüber wichtiges nie ausgesprochen wurde. Was geschieht, wenn man denen begegnet? Der Zug, in dem man sitzt und der einen wohin bringt …, Der Kreuzweg, oder „Die Hälfte des Weges“,
  • Große Phantasiereisen, wie „Der Wettstreit“, „Die Flucht aus dem Gefängnis“, „Der Bühnenaufruf“, „Das Heiligtum im Gebirge“, „Gang zum Totemtier“, „Drachenhöhle“.
  • Einige Meditationen zu Selbstbild und Ich-Ideal werden ebenfalls benannt, wie „Wappen“, bei der wichtige Dinge und Werte im eigenen Leben ins Bild gehoben werden, „Viele Bilder“, „Magischer Spiegel“ zum Thema Fassaden und dazu, wie hoch der Aufwand ist, sie aufrecht zu erhalten, „Lebenslinie“ - mit einer Reflexion der bisherigen Biographie, auch in einer Kleingruppe, der Imaginierung von Vergangenheit Gegenwart und Zukunft, „Marsnamen“ - einer Übung zum Vergleich Selbstbild – Fremdbild.

Beim Abschnitt körperbezogene und anderen nonverbalen Übungen wird darauf verwiesen, dass Übungen aus den Bereichen Einzel- und Paartherapie auch im Gruppenkontext verwendet werden können, wenn es z.B. um Vermittlung von Erfahrungen, um Einstimmung auf eine Sitzung, Überwindung von Müdigkeit oder von Theorie-Lastigkeit geht. Daneben sind manche Übungen wegen einer gewissen nötigen Teilnehmerzahl nur in einer Gruppe möglich. Eine nachgehende Besprechung in der Gruppe zum Thema „Was habe ich eben erlebt? Was habe ich gespürt?“ bietet sich an.

Eckstein und Fröhlig verweisen auf ihre Praxis mit einer ambulanten Gruppe, die ihre Sitzungen erfahrungsgemäß mit Körperübungen aus dem Bereich der Eutonie begonnen haben. Sie haben gute Erfahrungen gesammelt mit einer Folge nach einem Standardschema:

  • Grundübung,
  • Atemübung,
  • Isometrische Spannungsübung,
  • Aktive Bewegung,
  • Balanceübung im Knien oder Stehen,
  • Passive Bewegung.

Der letzte Abschnitt setzt Partner-Gruppen zum Üben voraus. So folgen an diese Stelle Hinweise für Partnerübungen im Allgemeinen (genügend Wechsel ermöglichen, aktive / passive Rolle, gleich- / gegengeschlechtliche Partner), besonders bei den Übungen „Blindenführen“ und kreatives Kämpfen.

Es wird darauf hingewiesen, dass auf mögliche Berührungstabus einzelner Teilnehmer zu achten ist. Einige Übungen werden ausführlicher vorgestellt:

  • Abklopfen des Körpers von gewählten Partnern mit anschließendem Rollentausch
  • Jazz-Summen (eine eutonische Atemübung),
  • Rückfront (ein gegenseitiges Abtasten der Rücken der Teilnehmer)
  • als Gruppenversion des Stützen und Auffangen der „Rock´n Roll“
  • Auch wird eine Reihe von Kampfspielen und ein
  • Reihe anderer nonverbaler Übungen genannt.
  • Übungen zur Selbstkonfrontation schließen sich an (»Mein Name«, »Wer bist Du?«, »Wen ich bewundere«, »Eigenlob«, »Schattenseite«, »Familienbild«, »Es fällt mir schwer«, u.a.),
  • auch Übungen zur Verwendung von Sonden in Gruppen,
  • wie zur Verbesserung der Kommunikation finden Raum,
  • ein ausführlicherer Exkurs zum bereits besprochenen „Kontrollierten Dialog“ mit praxiorientierten Hinweisen und Instruktionen.
  • Übungen zur Selbstbehauptung (z.B. „Gib es mir“, „Familie Lemann“, „Mangelware“, „Hier stehe ich“),
  • zur Kooperation und Kompromissfindung (z.B. „Puzzle zu viert“ ,„Knappe Mehrheit“, Niesel-Kooperationsspiel),
  • zum Kreativitätstraining („Womit ich mich behindere“, „Geheime Verbote“, Vorübungen zur freien Rede, „Gedächtnis“, „Spass am Schreiben“)
  • eine Reihe von Übungen speziell für Paargruppen.

Eine ausgiebige Sammlung von Fragebögen als Material für die Arbeit mit Einzelnen, Paaren und Gruppen rundet den Methodenpool ab.

Das Buch schließt mit einer Reihe verschiedener Verzeichnisse der genannten Übungen, und einem weiteren mit den beschriebenen Phantasiereisen, auch ein Literaturverzeichnis und ein Sachregister fehlen nicht.

Zielgruppe

Das Handbuch wendet sich an Praktiker in den Feldern Therapie und Beratung (der verschiedensten Felder) die den Beginn ihrer Beratungs- und Therapieprozesse, bewusster gestalten wollen, um das Arbeitsergebnis so zu verbessern. Besonders hilfreich wird es für Berater und Therapeuten am Anfang ihrer Praxis sein, die durch jahrzehntelange Erfahrungen anderer einen eigenen Lernprozess durch „Versuch und Irrtum“ sowohl verkürzen, als auch bereichern wollen, aber auch für Praktiker, die das Spektrum ihrer Arbeitsmöglichkeiten bereichern wollen.

Fazit

Das bereits in dritter Auflage erschienen Buch stellt mit seiner reichhaltigen Sammlung und seinen praxisorientierten Hinweisen sehr brauchbares Handwerkszeug für die Zielgruppe zur Verfügung. Es ruft vieles in praktischem Zusammenhang in Erinnerung und unterstützt bei der Erweiterung der Möglichkeiten der konkreten Arbeit.

Ein altes Anliegen Ecksteins, über das Vermitteln fachlicher Inhalts (z. B. der Kristall-Physik) und fachlicher Kompetenz hinaus auch das „Wie“ des Vermittelns dieser Inhalte (Hochschuldidaktik - und hier praktische therapeutische Möglichkeiten) in den Blick zu nehmen wird umgesetzt, und vielfältiges praktisches Erfahrungswissen unkompliziert weitergegeben, ohne der individuellen Kompetenz der lesenden Kollegen der Autoren im Weg zu stehen.


Rezensent
Dipl. Theol. Christian Fleck
M.Sc. in Supervision, Pastoralreferent, Krankenhaus- und Altenheimseelsorger, Supervisor DGfP, dipl. TZI-Gruppenleiter (ruth-cohn-institut international), Psychotherapie HPG, außerdem tätig in Supervision u. Fortbildung (u. a. in den Bereichen Hospizarbeit, Palliative Care und Trauerbegleitung)


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Zitiervorschlag
Christian Fleck. Rezension vom 22.09.2010 zu: Brigitte Eckstein, Bernard Fröhlig: Praxishandbuch der Beratung und Psychotherapie. Eine Arbeitshilfe für den Anfang. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2007. 3. Auflage. ISBN 978-3-608-89046-4. Reihe: Leben lernen - 136. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6015.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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