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Antje Ginnold: Der Übergang Schule - Beruf (Lernbehinderung)

Cover Antje Ginnold: Der Übergang Schule - Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2008. 368 Seiten. ISBN 978-3-7815-1515-4. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 57,00 sFr.
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Autorin

Antje Ginnold ist Erziehungswissenschaftlerin und arbeitete von 1999-2006 als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf bei einem freien Bildungsträger in Berlin. Sie forscht und lehrt zur beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung. Diese Monografie wurde im Januar 2006 von der Fakultät I – Geisteswissenschaften der Technischen Universität Berlin als Dissertation mit dem Titel Der Übergang von der Schule in das Arbeitsleben für Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten. Rekonstruktion von Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen“ angenommen.

Thema

Der Übergang Schule – Beruf ist für alle betroffenen Personen nicht nur ein zentrales Thema, sondern eins, in dem Beratung Not tut: Berufe werden immer differenzierter, Ausbildungen dazu immer vielfältiger. Zusätzlich gibt es eine nahezu unüberschaubare Vielfalt an Anbietern. Wenn nun diejenigen, die eine berufliche Entscheidung treffen sollen, Jugendliche mit Lernschwierigkeiten (das ist zunächst grob die Zielgruppe) sind – und entsprechende Schulen (Integrations- und Sonderschulen) besucht haben oder besuchen, ist eine Orientierung in dieser komplexen Landschaft ohne spezielle kenntnisreiche und engagierte professionelle Hilfe kaum möglich. Aber die Möglichkeiten des Übergangs Schule – Beruf sind so komplex, dass selbst diejenigen Professionellen nicht durchblicken, die beratend als Institution zur Verfügung stehen. In allen zitierten und diskutierten (empirischen) Studien kommt die Beratung – insbesondere durch die Arbeitsagentur - nicht sonderlich gut weg. Durch Veränderungen und Vorgaben aber „können die formellen Unterstützungssysteme immer weniger ihre Arbeit erfüllen“ (S. 169).

Entstehungshintergrund

Die Arbeit basiert auf dem großen praktischen Tätigkeitsfeld der Autorin im Projekt SprungBRETT und spiegelt die Erkenntnisse und Erfolge aus der Praxis dieses Beratungs- und Begleitangebotes wider. Die strukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen sind allein schon für den Berliner Raum – darauf konzentriert sich die Autorin – äußerst verwirrend von den Gegebenheiten und Möglichkeiten für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten, „die aufgrund ihres Status und der gegebenen Bedingungen beim Übergang von der Schule in das Arbeitsleben mit besonderen Schwierigkeiten rechnen müssen“ (S. 13). Und sie sind „unter den derzeitigen Bedingungen des Arbeitsmarktes und der Förderstrukturen besonders bedroht, den Einstieg in das Erwerbsleben dauerhaft zu verpassen“ (S. 27). Hier kennt sich nur der Spezialist aus.

Die in diesem kritischen Bereich der Übergänge vorherrschende Komplexität zu reduzieren, damit sie überschaubar und durchsichtig wird, aber nicht simplifiziert, dieser Aufgabe hat sich die Autorin mit sehr viel Akribie und sehr umfangreichen, für die Fragestellung relevanten theoretischen Bezügen – dem ökosystemischen Ansatz von Bronfenbrenner als hauptsächlichem Orientierungs- und Erklärungsansatz auch für das Forschungsvorhaben – und Analysen empirischer, für das Thema relevanter Untersuchungen gewidmet.

Eine vergleichbare Komplexität und Unüberschaubarkeit ist beim Stand der Forschung zu konstatieren. Es wird wenig unter- und miteinander kommuniziert und es gibt „blinde Flecken“ (S. 205) zumindest bzgl. der Erforschung Jugendlicher mit dem Förderschwerpunkt Lernen: es ist kaum untersucht, “ob und welche Unterschiede sich im Übergangsverlauf aus dem ‚Besuch einer Sonderschule‘ oder ‚Besuch einer Integrationsschule‘ ergeben“ (S. 205). Sowohl Theorie- als auch Forschungsdiskurse fehlen in diesem Bereich. Theoretische Bezüge von Studien zu Lebensläufen (Biografiearbeit; Lebenslaufforschung), (beruflicher) Sozialisation und Benachteiligtenforschung werden dargestellt, diskutiert (politische Veränderungen im Sinne von Bildungs-, Sozial- und Wirtschaftspolitik mit einbezogen), kritisch reflektiert und auf die eigene Forschungs-Fragestellung bezogen. Eine immense Stofffülle wird für und vor dem Leser gut strukturiert ausgebreitet: Ein wahrer Fundus.

Fragestellung

Die Fragestellung für die empirische Untersuchung lautet: „Wie und mit welchem Ergebnis verläuft für Jugendliche mit Lernschwierigkeiten der Übergang von der Schule in die Berufsvorbereitung und/oder Ausbildung?“ (S. 26). Hintergrund ist: „der Übergang Schule-Beruf verläuft heute kaum noch geradlinig, … es entstehen … hoch individualisierte Beschäftigungsbiografien“ (S. 171). Die Gestaltung des Übergangs erfordert flexibel einsetzbare Handlungskompetenzen auf Seiten der „Betroffenen“ und überschaubare und zugängliche Übergangsstrukturen (S. 172), wofür die Autorin ein handhabbares Modell entwickelt und benutzt.

Die Autorin versteht Ihr Werk auch als Anregung „zur Professionalisierung der Beratungsarbeit“ (S. 322); es gibt an vielen Stellen im Buch harsche Kritik an den institutionellen Beratungsstellen; sie hofft, dass „die Ergebnisse … bildungspolitische Impulse zur Veränderung der Angebotsstrukturen setzen“ (S. 322) und den Fachdiskurs anregen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in insgesamt 6 Kapitel incl. Einleitung und Fazit. Die Kernthematik lässt sich aus meiner Sicht in 3 große Teile zusammenfassen:

  1. Theoretisch-Methodischer Bezug zur durchgeführten Forschung (S. 16-60)
  2. Struktur und Maßnahmen des Übergangsystems (S. 61-160)
  3. Stand der Forschung und die eigene empirische Studie mit ihren Ergebnissen (S. 161-321)

1. Theoretisch-methodischer Bezug zur durchgeführten Forschung

Als Bezugstheorie favorisiert die Autorin Bronfenbrenners Ökosystemischen Ansatz, weil dieser die sich entwickelnde Person wie auch zeitliche und inhaltliche Entwicklungen im Umfeld, in der Umwelt (also auch in den Rahmenbedingungen), sowie die Interaktion dieser Systeme berücksichtigt. Diese Bezugstheorie leitet auch die methodischen Überlegungen. Es ergibt sich einmal – nach ausführlicher Reflexion verschiedener methodischer Ansätze - ein quantitativer Bereich, der Gruppierungsvariablen berücksichtigt (Geschlecht, Integrations- vs. Sonderschule; Ausbildungsform: betriebliche vs. außerbetriebliche; Voll- vs. theoriereduzierte Ausbildung; Haupt- vs. Gesamtschule) und ein qualitativer Bereich, der sein methodisches Vorgehen aus der Ethnografie bezieht und sich auf die Rekonstruktion von Übergängen konzentriert, wofür Interviews geführt und Dokumente gesichtet werden. Entsprechend der Hauptfragestellung formuliert die Autorin ihr Vorgehen in 4 Zielen:

  1. Aufarbeitung der Forschung;
  2. Beschreibung der institutionell geprägten Karrieren und Übergangsverläufe;
  3. Vergleich der Übergangsverläufe von Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten aus Integrations- und Sonderschulen;
  4. Hypothesen zur Gestaltung der Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse auf der Grundlage der vorgefundenen Ergebnisse.

2. Struktur und Maßnahmen des Übergangssystems

Mit nahendem Ende der Schulzeit beginnt die Phase der Berufssuche. Es sollen Entscheidungen getroffen werden für die Berufsvorbereitung und/oder Berufsausbildung. „Der Übergang Schule – Beruf stellt eine Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Systemen (Schulsystem, Berufsbildungssystem), Verwaltungsressorts und institutionellen Zuständigkeiten (Schule, Arbeitsagentur, Jugendamt, Betriebe, Kammern und Innungen) dar“ (S. 61). Dieser Übergang steht im Fokus des Forschungsinteresses der Autorin – und wird von ihr als 1. Schwelle bezeichnet (die 2. Schwelle ist dann der Übergang auf den Arbeitsmarkt). Allein dieser erste Übergang ist hochkomplex, wie die Verflechtung der unterschiedlichen Systeme deutlich macht. Die Autorin bringt Systematik in diese komplexe Struktur: Berufsorientierung, Berufsvorbereitung und/oder Berufsausbildung sowie Übergang in die Erwerbstätigkeit können schulisch, außerbetrieblich, kooperativ oder betrieblich stattfinden. Dieses Modell ermöglicht im Weiteren eine jeweils klare Zuordnung. Das war eines der Probleme in der Zuordnung der bisherigen Forschungserkenntnisse.

3. Stand der Forschung und die eigene empirische Studie mit ihren Ergebnissen

Dieser dritte Punkt ist im Buch in zwei unterscheidbare Aspekte geteilt, nämlich einerseits in Forschungsdiskurse (Stand der Forschung) zum Übergang Schule – Beruf und andererseits in die empirische Studie: Rekonstruktion der institutionell geprägten Übergangsverläufe an der ersten Schwelle von Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten im Bezirk Berlin-Pankow.

Ich fasse dennoch beide Aspekte zusammen, weil es das Anliegen der Autorin ist, die kritisierten Aspekte in den Studien anderer Forscher bei ihrer eigenen Forschung zu korrigieren (also z.B. die klare analytische Zuordnung mit den übergreifenden Kategorien zu benutzen). Auf diese Weise soll auch der Forschungsdiskurs in Gang gebracht werden. Die Reflexion der existierenden empirischen Studien geschieht unter verschiedenen Aspekten, wie z.B., Benachteiligtenforschung, berufliche Rehabilitation und Integration sowie Selektionsmechanismen. Die Autorin ermöglicht so einen nahezu vollständigen Überblick, was es an Forschung in diesem Bereich gibt und wo die Erkenntnis-Lücken sind. Um diese Lücken ansatzweise zu schließen, richtet die Autorin ihre empirische Studie so aus, dass ihre Fragestellung, die bislang nicht schlüssig untersucht wurde, klar zu beantworten ist. Übergangsverläufe von (n = 102) Jugendlichen aus Integrations- und Sonderschulen werden untersucht und miteinander verglichen bezogen auf die verschiedenen Modellaspekte: Es gibt zahlreiche Hinweise für signifikante Unterschiede in den Übergangsverläufen –hauptsächlich zwischen den Jugendlichen aus Integrations- vs. Sonderschulen bezogen auf Berufsvorbereitung (Dauer und „Ort“) und Berufsausbildung (betrieblich – außerbetrieblich – schulisch; theoriereduzierte Ausbildung – Vollzeit).

Als Kritikpunkte seien anzumerken: Nach der kritischen Durchleuchtung der Ergebnisse anderer Forscher erwartet der Leser auch eine kritische Distanz der Autorin zu den eigenen Ergebnissen; sie lassen sich in Nebenbemerkungen an manchen Stellen finden. Für den empirisch interessierten Leser fehlen die spezifischen und detaillierten Angaben zu den durchgeführten Signifikanztests, auch wenn das Prüf-Verfahren selbst (chi-quadrat) im 2. Kapitel erwähnt ist.

Der 2. Teil der empirischen Studie ist qualitativer Art: Für etwa die Hälfte der Jugendlichen wurden die vollständigen Daten zum Übergangsverlauf – mittels qualitativer Methoden - rekonstruiert (vgl. S. 221). Die „Fallgeschichten“ (ab S. 276) – die ich durchaus als separaten und ausgesprochen lesenwerten Teil ausweisen möchte - machen die verschiedenen Verläufe in ihrer Komplexität deutlich, rekonstruieren „individuelle und institutionelle Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse“ (S. 322) und zeigen, wie kreative Flexibilität im respektvollen Umgang mit Individuen, Diagnosen (den „Wirkungen“ psychologischer Gutachten ist ein eigenes Unterkapitel gewidmet (S. 297-312)), mit Problemen vor und während der Ausbildung bis hin zu Prüfungen und deren Vorbereitung, sowie der Umgang mit strukturellen Regelungen, einerseits Berufsvorbereitungen verkürzen und Warteschleifen verhindern können, andererseits Ausbildungsabschlüsse (trotz anders lautender Diagnosen und Prognosen) durch professionelle Begleitung ermöglichen. Dieser Teil kreiert auch Hypothesen – als ein eingangs genanntes Ziel. Der benutzte Hypothesenbegriff ist aus meiner Sicht wissenschaftstheoretisch nicht hinreichend unterlegt; die Hypothesen hier sind „aus den Ergebnissen“ abgeleitet.

Fazit

Ein Buch, das sich mit einem komplexen Gebiet befasst, heterogene Strukturen analysiert und zu einem Modell komprimiert, empirische Studien zum erweiterten Themenbereich zusammenfasst und ein eigenes Forschungsvorhaben durchführt und auswertet, ist nicht einfach zu lesen. Aber hier wird ein hochkomplexes Thema in Einzelteile zerlegt, Veränderungen, die sich ergeben haben, mit ihren Konsequenzen aufgelistet, um sie dann auch durch zahlreiche Übersichten und Tabellen für den Leser überschaubar zu machen. Der Informationsgehalt ist in diesen Bereichen ebenso immens wie in dem gesamten empirischen Teil mit dem Stand der Forschung und der Darstellung der eigenen Studie. Insofern ist der Leser zu hoher Konzentration aufgerufen. Aber es lohnt sich; denn man hat einen Fundus an Information, den man so geballt nicht leicht wieder findet. Diese Informationsfülle dokumentieren auch die (über 400) Literaturangaben.

Die Fallstudien (Fallgeschichten) machen viele der informationsreichen und höchst komplexen und komplizierten „Umstände“ durchschaubar und anschaulich. Auch sie sind – ähnlich wie die quantitativen Analysen - reich an „Überraschungen“.

Zum Ende hin sind 12 „zusammenfassende Hypothesen“ (S. 329f) zu Übergangsverläufen formuliert. Diese aus den Erkenntnissen und Ergebnissen gefolgerten Annahmen sind durchaus geeignet, den von der Autorin geforderten Theorie- und Forschungsdiskurs anzuregen.


Rezension von
Prof. Dr. phil Ekkehard Rosch
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Zitiervorschlag
Ekkehard Rosch. Rezension vom 17.03.2009 zu: Antje Ginnold: Der Übergang Schule - Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2008. ISBN 978-3-7815-1515-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6030.php, Datum des Zugriffs 26.02.2020.


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