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Sabine Weinberger, Christiane Papastefanou: Wege durchs Labyrinth

Cover Sabine Weinberger, Christiane Papastefanou: Wege durchs Labyrinth. Personzentrierte Beratung und Psychotherapie mit Jugendlichen. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. 302 Seiten. ISBN 978-3-7799-2072-4. 18,00 EUR, CH: 32,40 sFr.

Reihe: Edition Sozial.
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Thema

Die Autorinnen möchten in diesem Buch ihre Erfahrungen als Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten darstellen. Sie gehen vom Menschenbild der Humanistischen Psychologie im Sinne von Carl Rogers aus und bekennen sich zur Bedeutung der Beziehung als wichtigstem Wirkfaktor in der Beratung und Therapie. Als praktizierende Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten möchten sie die oft „verwirrende“ Arbeit mit Kindern und Jugendlichen konkret unter Einbeziehung zahlreicher Fallbeispiele und methodischer Vorgehensweisen aus der Praxis heraus aufzeigen. Ausgangspunkt jeder Beratung und Therapie mit Kindern und Jugendlichen ist jedoch deren Erleben, deren entwicklungspsychologische Besonderheiten und die Verankerungen in einem kulturellen und gesellschaftlichen Gesamtrahmen.

Für beide Autorinnen steht das Anliegen im Vordergrund, “sich den Jugendlichen als Weggefährte mit Fachwissen und Handwerkszeug zur Verfügung zu stellen, so dass diese ihre eigenen, ganz individuellen „Wege durchs Labyrinth“ der Adoleszenz finden können“ (Klappentext).

Autoren

Sabine Schlippe-Weinberger, Diplom-Psychologin, ist Kinder- und Jugendlichen-Therapeutin sowie Ausbilderin und Supervisorin der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie, GwG. Darüber hinaus weist sie Lehrerfahrungen an verschiedenen Universitäten und Hochschulen aus. Sie hat wichtige Grundlagenbücher zur Personzentrierten Gesprächspsychotherapie geschrieben, die unter lernenden Praktikern weit verbreitet sind.

Christiane Papastefanou ist ebenfalls Diplom-Psychologin mit Ausbildung in Personzentrierter Psychotherapie sowie Kognitiver Verhaltenstherapie. Sie ist in eigener Praxis tätig, weist aber auch zahlreiche Lehrerfahrungen auf. Ihr Schwerpunkt ist Klinische Entwicklungs- und Familienpsychologie.

Hildegard Steinhauser und Michael Bastian haben besonders bei der Gestaltung der praktischen Teile des Buches mitgewirkt, sie werden als “Mitarbeiter“ des Buches geführt, beides sind mit der praktisch-therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen befaßt.

Inhalt und Aufbau

In dem einleitendem Kapitel der „Grundlagen“ beziehen sich die Autorinnen auf die besondere Erlebenssituation von Jugendlichen in dieser entwicklungspsychologisch bedeutsamen Stufe. Besonders hervorgehoben werden die Auswirkungen der Veränderungen im sozio-emotionalen, kognitiven , körperlichen und sozialen Bereich auf die Identität, Selbstwertentwicklung und konkret auf das Erleben Jugendlicher . Von Bedeutung für Kinder und Jugendliche ist nicht so sehr die klassische Anleiter- und Ratgeberfunktion in der Beziehungsgestaltung, sondern die achtsame, akzeptierende, einfühlende und authentische Beziehungsgestaltung.

In dem folgenden Kapitel „Anwendung“ vertiefen die Autorinnen die Bedeutung der Beziehungsgestaltung und führen sie auf die von Rogers postulierten hilfreichen Merkmale einer förderlichen Beziehung und Entwicklung zurück. Auffallend ist, dass sich die Autorinnen besonders mit den Bedingungen und Gesprächsvariablen beschäftigen, die die Zusammenarbeit im Sinne einer authentischen Auseinandersetzung deutlich machen: Selbsteinbringung, Konfrontation, Impulssetzung, Beziehungsklärung usw. Auch hier werden zahlreiche Gesprächsbeispiele aufgeführt und diskutiert.

Die Beratungspraxis und die Gestaltung der konkreten Arbeit werden in einem folgenden Kapitel aufgeführt: Rahmenbedingungen, Gesprächssetting- und Ablauf, Phasen der Beratung, Elternarbeit, online-Beratung. Hier werden wichtige Fragen- gerade auch im Hinblick auf einen personzentrierten Hintergrund – diskutiert. So ist die Erfassung von Anamnese-Daten, Diagnostik-Material, Problemlisten , Daten des Erstgesprächs usw. nicht als kausale und objektivierende Erklärungshilfe für den Therapeuten zu werten, sondern als Hilfe bei der Erkundung der Lebenssituation und der sozialen Zusammenhänge des Kindes oder des Jugendlichen. Nicht zuletzt ist eine gründliche Erkundung aber auch wichtig, um geeignete Maßnahmen vorzuschlagen, z.B. Maßnahmen der Jugendhilfe, stationärer Aufenthalt, Trainingsgruppen, Mediation, freizeitpädagogische Maßnahmen usw. Gerade in der Offenheit für wichtige und gezielte Angebote anderer Methoden und Anbieter unterscheidet sich dies Buch von anderen Arbeiten zur personzentrierten Beratung und Therapie, die sich mehr auf die „innertherapeutische“ Seite begrenzen.

Ein folgendes Kapitel bezieht sich auf kreative Methoden in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Erleben zum Selbstbild, zu den Beziehungen und den Zielen des Jugendlichen und viele andere Fragestellungen können durch Malen, Gestalten, Musik, szenisches Aufstellen, Bewegung, Körperarbeit und viele andere kreative Medien verdeutlicht werden.

„Ausgewählte Aspekte“ der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen werden im darauf folgenden Kapitel aufgeführt. Hier wird der für Mädchen bedeutsame Aspekt der Selbstbehauptung und Selbstverteidigung, die Besonderheiten bei der Psychotherapie männlicher Jugendlicher und die Bedeutung von gleichgeschlechtlicher Liebe als besondere Entwicklungsherausforderung aufgezeigt. Gerade der letzte Aspekt (Gleichgeschlechtlichkeit) wird in herkömmlichen Arbeiten der Beratung von Jugendlichen relativ wenig beleuchtet und hinterfragt, hier auf etwa 30 Seiten sehr konkret und ausführlich.!

Akute Lebenskrisen, Entwicklungskrisen und sog. Kritische Lebensereignisse sind die Themen, die im letzten Kapitel behandelt werden. (Scheidung der Eltern, Tod, Suizidalität, elterliche Trennung usw.). Hier ergeben sich wichtige Hinweise und Hilfestellungen für jeden Berater und Therapeuten, auch als prophylaktische Maßnahmen gegenüber einer Chronifizierung schwieriger Lebensbedingungen und ihrer Folge für die Entwicklung.

Zielgruppe

Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, Erzieher, Pädagogen, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten, Psychologen, die in dem beschriebenen Praxisfeld praktisch tätig sind. Darüber hinaus Lernende und Auszubildende, die sich für diese Felder qualifizieren möchten. Das vorliegende Buch eignet sich auch als Lehr- und Lernbuch in der praxisbezogenen wissenschaftlichen Ausbildung von Studierenden einschlägiger Studiengänge.

Fazit

Ausgehend von den früheren Büchern von Weinberger findet sich hier eine sehr konkrete, problemrelevante Darstellung der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Fülle der Methoden, Medien, Gesprächsbeispiele und Praxisabläufe ist für jeden, der sich der Berufsausübung eines Beraters und Therapeuten im Kinder- und Jugendbereich nähert, ein großer Gewinn! Fast führt die Fülle der Praxisprobleme, Anwendungen, Medienbeispiele zu einer gewissen Unübersichtlichkeit, sicher zusammenhängend mit der Tatsache, dass praktisch vier unterschiedliche Autoren beteiligt sind und ihre Erkenntnisse und Erfahrungen einbringen.

Fazit: für den Praktiker und werdenden Praktiker unbedingt zu empfehlen, nicht nur wegen der Methoden- und Medienvielfalt, sondern auch wegen der humanistisch-psychologischen Grundhaltung in der Beziehung, die bei allen Anwendungsverfahren deutlich bleibt und den roten Faden bildet.

Erfreulich auch (neben den zahlreichen Literaturhinweisen und dem umfangreichen Sachregister): eine Art „Lexikon“ der Jugendsprache und Dokumentationsmaterial in der Kinder- und Jugendberatung.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Sander
(emeritiert) Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften, Psychologie, insb. Klinische Psychologie und Psychologie der Beratung


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Zitiervorschlag
Klaus Sander. Rezension vom 15.10.2009 zu: Sabine Weinberger, Christiane Papastefanou: Wege durchs Labyrinth. Personzentrierte Beratung und Psychotherapie mit Jugendlichen. Juventa Verlag (Weinheim) 2008. ISBN 978-3-7799-2072-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6040.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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