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Jan W. van Deth, Simone Abendschön u.a.: Kinder und Politik

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 27.05.2008

Cover Jan W. van Deth, Simone Abendschön u.a.: Kinder und Politik ISBN 978-3-531-15542-5

Jan W. van Deth, Simone Abendschön, Julia Rathke, Meike Vollmer: Kinder und Politik. Politische Einstellungen von jungen Kindern im ersten Grundschuljahr. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 264 Seiten. ISBN 978-3-531-15542-5. 29,90 EUR.
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Thema

Kindern werden spätestens seit der UN-Kinderrechtskonvention (1989) eigene Rechte offiziell verbrieft, egal wie alt sie sind. Ihnen wird sogar zugesichert, dass ihre Meinungen bei allen Entscheidungen, die sie betreffen (welche sind dies nicht?), berücksichtigt werden. Doch wie weit ist dies ernst zu nehmen und was sollen Kinder mit ihren Rechten anfangen, wenn ihnen nicht zugetraut wird, schon eigene Meinungen zu politischen Vorgängen und Fragen zu haben? Zumindest bei jungen Kindern, die gerade in die Schule kommen, wird gewöhnlich angenommen, dass sie überhaupt erst lernen müssten, was Politik bedeutet, um Interesse daran zu entwickeln oder sich gar mit eigenen Überlegungen zu Wort zu melden. Wenn sie sich einmal zu politischen Dingen äußern, wird ihnen gern unterstellt, in altkluger Weise den Erwachsenen nach dem Mund zu reden oder von diesen manipuliert worden zu sein. Dass diese Annahme nicht nur in der öffentlichen Meinung, sondern auch in Psychologie und Sozialwissenschaften gängige Münze ist, zeigt sich darin, dass so gut wie keine Anstrengungen unternommen worden sind, die politischen Einstellungen von jungen Kindern zu erforschen. Dies gilt zumindest für die letzten 20 Jahre im deutschsprachigen Raum. Die hier zu besprechende Untersuchung verdient deshalb besondere Aufmerksamkeit.

Inhalt

Die Studie richtet den Fokus auf sechs- bis siebenjährige Kinder und ihre politischen Kenntnisse, Fähigkeiten und Orientierungen. Die beiden zentralen Forschungsfragen lauten: Über welches Ausmaß an politischem Verständnis und Grundeinstellungen zur Demokratie verfügen Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung? Welche Veränderungen treten während des ersten Schuljahres auf? Zur Beantwortung dieser Fragen haben Politikwissenschaftler/innen der Universität Mannheim eine (standardisierte) Befragung unter mehr als 700 Kindern ihrer Stadt am Anfang und am Ende des ersten Schuljahres durchgeführt.

Eine empirische Studie mit Kindern, die gerade erst lesen und schreiben lernen, stellt hohe Anforderungen an die methodologische Kreativität und Sorgfalt. Es musste überhaupt erst erkundet werden, ob in diesem Alter in sinnvoller Weise über Politik gesprochen werden kann und ob standardisierte Instrumente angewendet werden können. Am Beginn des Buches wird detailliert über die Schritte berichtet, die letztlich zur Entwicklung eines spezifischen Kinderfragebogens geführt haben (er wird im Anhang dokumentiert). Die standardisierte Befragung wurde durch Tiefeninterviews mit einer kleinen Gruppe von Kindern ergänzt.

In der Darstellung der Ergebnisse werden zunächst die Kompetenzen der Kinder, politische Themen und Probleme zu erkennen, betrachtet. Dabei geht es um die Frage, ob die Kinder von bestimmten Problemen (z.B. Krieg, Hunger oder Arbeitslosigkeit) gehört haben. Es zeigt sich, dass die meisten Kinder sehr wohl zwischen den verschiedenen Problemen differenzieren können (vor allem Krieg stellt ein Thema dar, das viele Kinder bewegt). Bei der Frage, ob Kinder Kenntnisse über politische Parteien, Politiker, Demokratie, Wahlen, Europa oder den Euro verfügen, zeigt sich, dass dieses politische Wissen systematisch und konsistent strukturiert ist. Auch beim Thema Normen und Werte, denen mit Fragen nach dem "guten Bürger" nachgegangen wurde, ergibt sich, dass die meisten Kinder bereits beim Eintritt in die Schule über konsistente normative Einstellungen bezüglich Politik und den Umgang der Menschen miteinander verfügen und dass sich diese unter dem Einfluss der Schulerfahrungen der Kinder verändern.

In allen drei Themenbereichen werden allerdings auch deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen von Kindern ermittelt. Während sich zwischen Jungen und Mädchen keine nennenswerten Unterschiede ergeben (außer beim Thema "Gleichberechtigung", bei dem die Mädchen eine emanzipiertere Einstellung zeigen), kommen die Autor/innen bei Kindern türkischer Herkunft zu dem Schluss, dass ihr politisches Wissen vergleichsweise gering ist und ihre Themenkompetenzen sich auch im Laufe des ersten Schuljahres nicht wesentlich gesteigert haben. Bei der Themenkompetenz widersprechen die Autor/innen der gängigen (entwicklungspsychologischen) Annahme, dass deren Zuwachs auf mit dem Alter wachsende kognitive Fähigkeiten zurückzuführen sei.

Diskussion

Ein Vorzug der Studie besteht darin, dass sie die Kinder nicht mit einem abstrakten Politikverständnis konfrontiert (wie es in den sonst häufig in Meinungsumfragen und der politischen Sozialisationsforschung gestellten Fragen, ob jemand "Interesse an Politik" hat, zum Ausdruck kommt), sondern politische Fragen an den Alltag zurückbindet. So verstehen die Autor/innen unter Politik nicht einfach deren institutionelle Verfasstheit oder ihre Funktionsmechanismen, sondern einen "Prozess, um Probleme zu lösen und menschliches Glück zu optimieren oder, etwas bescheidener ausgedrückt, (…) um menschliches Elend einzudämmen" (S. 83). Dies kommt der Politikwahrnehmung von Kindern näher und ermöglicht ihnen eher, sich in den Fragen wiederzufinden und ihr Wissen und ihre Einstellungen zum Ausdruck zu bringen.

Da sich die Untersuchung theoretisch ebenso wie empirisch auf Neuland bewegte, stand sinnvoller Weise nicht die Überprüfung von Hypothesen, sondern ein exploratives Forschungsinteresse im Vordergrund. Die Autor/innen weisen selbstkritisch darauf hin, dass die bei Kindern türkischer Herkunft festgestellten Defizite darauf zurückgeführt werden könnten, dass sich die abgefragten Inhalte ausschließlich auf das politische System Deutschlands bezogen. Für künftige Untersuchungen schlagen sie vor, sich auf bestimmte Aspekte politischer und sozialer Einbeziehung junger Kinder zu konzentrieren, einen längerfristigen Untersuchungszeitraum zu wählen und international vergleichende Studien ins Auge zu fassen. Auf die Idee, Kinder nicht nur zu befragen, sondern ihr politisches Interesse und ihre politischen Kompetenzen in konkreten Handlungssituationen, in denen die Kinder Akteure sind, zu erkunden, kommen die Autor/innen allerdings nicht.

Fazit

Die Studie leistet Pionierarbeit, indem sie bereits junge Kinder als politisch kompetente Subjekte sichtbar werden lässt und mit dem gängigen (Vor-)Urteil aufräumt, sie seien bestenfalls als Staatsbürger/innen im Vorbereitungsstadium zu betrachten. Was aussteht ist, solche Erkenntnisse auch in der praktischen Arbeit mit Kindern ernst zu nehmen und Kindern die Chance zu geben, sich in die politischen Angelegenheiten "der Erwachsenen" mit selbstgewählten Prioritäten und in selbstbestimmter Weise einzumischen.

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 27.05.2008 zu: Jan W. van Deth, Simone Abendschön, Julia Rathke, Meike Vollmer: Kinder und Politik. Politische Einstellungen von jungen Kindern im ersten Grundschuljahr. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. ISBN 978-3-531-15542-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6043.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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