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Jürgen Straub, Arne Weidemann u.a. (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz

Cover Jürgen Straub, Arne Weidemann, Doris Weidemann (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Grundbegriffe - Theorien - Anwendungsfelder. J. B. Metzler‘sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2007. 834 Seiten. ISBN 978-3-476-02189-2. D: 129,95 EUR, A: 133,60 EUR, CH: 199,00 sFr.
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Thema und Hintergrund

Seit der Jahrtausendwende sind Aspekte der Interkulturalität auf mehrfache Weise ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Es ist nicht nur der Terroranschlag vom 11.09.2001 in den USA und nachfolgend in Europa, der eine friedliche Integration der Kulturen auf eine harte Probe stellt, sondern auch die Erweiterung der EU mit ihren Unwägbarkeiten neben der Globalisierung mit ihren spürbaren Folgen für Wirtschaft und Politik, für den Arbeitsmarkt und die Sozialsysteme, aber auch für die Menschen im Alltag. Mit zunehmenden kulturellen Differenzerfahrungen in kulturellen Überschneidungssituationen wachsen auch Verständigungsschwierigkeiten. Die Bewältigung interkultureller Probleme ist nicht mehr nur eine Frage danach, wie eine Mehrheitsgesellschaft mit ihren Minderheiten umgeht. Sie ist vielmehr zur allgemeinen Lebensbedingung geworden. In zunehmend mehr Handlungs- und Lebensbereichen gewinnen "interkulturelle Kommunikation" und "interkulturelle Kompetenz" an Bedeutung. Dieser Entwicklung wird auch in Wissenschaft und Lehre verstärkt Rechnung getragen, indem inzwischen in einigen Hochschulen in unterschiedlichen Disziplinen auf dieses Themenfeld zugeschnittene neue Bachelor- und Master-Studiengänge entstanden sind.

Das vorliegende Handbuch greift nun in 83 Beiträgen von 88 Autoren/innen aus zahlreichen Disziplinen diese Entwicklungen auf und möchte einen fundierten Überblick über den Stand aktueller disziplinärer und interdisziplinärer Forschungen zur interkulturellen Kommunikation und Kompetenz bieten.

Herausgeber

  • Dr. Jürgen Straub ist Professor für Interkulturelle Kommunikation an der Technischen Universität Chemnitz und Leiter eines Graduiertenkollegs zum Thema "Interkulturelle Kommunikation und Kompetenz".
  • Dr. Arne Weidemann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Interkulturelle Kommunikation an der Technischen Universität Chemnitz.
  • Dr. Doris Weidemann ist Professorin für Interkulturelles Training mit dem Schwerpunkt chinesischsprachiger Kulturraum und International Business Administration an der Westsächsischen Hochschule Zwickau.

Zielgruppe

Das Handbuch richtet sich an Wissenschaftler/innen genauso wie an Leute, die wissen wollen, wovon eigentlich genau die Rede bei interkultureller Kommunikation und Kompetenz ist. "Auch >Praktiker< finden im vorliegenden Handbuch Gelegenheit, sich nach möglichen wissenschaftlichen Grundlagen und Begründungen ihres Tuns sowie nach methodischen Instrumenten umzusehen, die helfen können, das Denken zu schärfen und das Handlungsrepertoire zu erweitern." (S. 2)

Aufbau …

Das Handbuch besteht aus folgenden Teilen:

  1. Grundbegriffe,
  2. Disziplinäre und theoretische Zugänge,
  3. Methoden,
  4. Themenfelder,
  5. Anwendungsfelder,
  6. Verfahren zur Förderung interkultureller Kompetenz und
  7. Anhang.

… und Inhalt

  1. Im ersten Teil werden die zwölf folgenden Grundbegriffe behandelt: Kultur, Kommunikation, Kompetenz, Identität, Differenz, Andersheit und Fremdheit, Vorurteil und Stereotyp, Verstehen, Übersetzen, Vergleichen, Repräsentation, Anerkennung sowie Konflikt und Gewalt.
  2. Disziplinäre und theoretische Zugänge erfolgen im zweiten Teil durch 18 Beiträge, solche aus philologischen Disziplinen (Linguistik, Germanistik und Literaturwissenschaft sowie Fremdsprachendidaktik über philologische Disziplinen Romanistik, Anglistik und Amerikanistik) oder aus Medienwissenschaft, Ethnografie, Ethnologie und Kulturanthropologie, Kultursoziologie, Geschichtswissenschaft, solche aus verschiedenen Schwerpunkten der Psychologie genauso wie aus der Pädagogik, Philosophie und Theologie. Die letzten zwei Beiträge betreffen zum einen "Vergleichende Länderstudien: Potentiale und Grenzen" und zum anderen "Interkulturelle Kommunikation und Kompetenz - Nicht-westliche Perspektiven".
  3. Unter Methoden werden im dritten Teil 15 Methoden erörtert, die im Rahmen der Erforschung interkultureller Kommunikation und Kompetenz eingesetzt werden: Feldforschung, Beobachtung, Interviews, Gruppendiskussion, Fragebögen, Experimente, Strukturlegeverfahren, interkultureller Sprachvergleich, Analyse kommunikativer Gattungen, kritische Interaktionssituationen, komparative Analyse als qualitative Forschungsstrategie, Gesprächs- und Konversationsanalyse, Diskursanalyse, Film-, Bild- und Artefaktanalyse sowie Evaluation. Diese Aufzählung macht deutlich, dass dazu nicht nur einzelne empirische Methoden der Datenerhebung und Datenauswertung gezählt werden, sondern auch komplexere methodologisch-methodische Ansätze und Forschungsstrategien.
  4. Im vierten Teil des Handbuchs werden zwölf Themenfelder erläutert, die sich im Rahmen der interkulturellen Kommunikation und Kompetenz vielfach herauskristallisiert haben: Kultureller Austausch und Globalisierung, multikulturelle Gesellschaft, Migration und Integration, Lebenswelten von "Expatriates" (dies sind Personen, die außerhalb ihres Herkunftslandes leben), Akkulturation und interkulturelles Lernen, Fremdsprachen, Mehrsprachigkeit und Interkulturalität, Werte und Moral, Religion, Kunst, Medien, Gender und Rassismus.
  5. Der vierte Teil des Handbuchs betrifft die Anwendungsfelder. Dies sind im Einzelnen: Internationale Personal- und Organisationsentwicklung, multinationale Teams, Wirtschaftskommunikation, Marketing, kulturspezifische Technikkommunikation, Tourismus, Entwicklungszusammenarbeit, Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, Mission, Jugendaustausch, Wissenschaft und Forschung, Bildungseinrichtungen, Ämter und Behörden, Familienrecht, Polizei und Militär, Gesundheitsversorgung sowie bikulturelle Ehen und Familien. Bereits die Auswahl von diesen 17 Anwendungsfeldern verweist darauf, dass die interkulturellen Fragestellungen und die interkulturelle Verständigung nicht nur für die klassische Wirtschaft von besonderer Relevanz sind, sondern auch familiäre oder individuelle Lebensbereiche wie Freizeit und Tourismus und entsprechende institutionalisierte Praxisfelder immer mehr an Bedeutung gewinnen.
  6. Im letzten Teil geht es um neun Verfahren zur Förderung interkultureller Kompetenz. Da die Förderung interkultureller Kompetenz eine adäquate Diagnose interkultureller Verständigungsschwierigkeiten voraussetzt, beginnt dieser Teil mit einem Beitrag über interkulturelle Eignungsdiagnostik. Es werden dann Konzepte und Methoden interkulturellen Trainings und interkultureller Beratung mittlerweile mit Tradition genauso vorgestellt wie interkulturelles Coaching oder interkulturelle Mediation und Konfliktlösung wie neuere Verfahren (z. B. E-Learning) und interkulturell ausgerichtete Studiengänge.
  7. Das Handbuch schließt mit einem Anhang, der Angaben zu den einzelnen Autoren/innen der Beiträge enthält.

Diskussion

Das Handbuch ist interdisziplinär angelegt und ein umfassendes Nachschlagewerk im Schnittstellenbereich zwischen zahlreichen Disziplinen wie Sprachwissenschaft, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Theologie und deren Subdisziplinen.

Die Auswahl der erläuterten Themen oder Sachverhalte im Handbuch ist sicherlich weder erschöpfend noch repräsentativ. So fehlen beispielweise die Disziplin des Rezensenten, die Sozialarbeitswissenschaft und das Anwendungsfeld Soziale Arbeit im Handbuch. Dies verwundert jedoch nicht, haben wir es doch mit interkultureller Kommunikation und Kompetenz mit einem Bereich zu tun, der in zahlreichen Disziplinen unterschiedlich verankert ist. In der einen ist er sehr stark und mittlerweile mit einer Tradition, in der anderen steckt er noch in den Kinderschuhen. Dies zeigt sich nicht zuletzt auch in den vielen einzelnen Beiträgen, wenn es zum Beispiel um die Klärung von Begriffen geht. Zudem wird quer durch das Handbuch deutlich, dass Heterogenität ein zentrales Merkmal interkultureller Diskurse ist.

Mit ihren Themen befassen sich die Autoren/innen eingehend. Die einzelnen Beiträge sind klar strukturiert, jedoch sprachlich wie inhaltlich unterschiedlich, was allerdings bei der großen Anzahl der Autoren/innen nicht wundert. Sprachlich dürften manche Beiträge vor allem Praktiker/innen überfordern. Für die Beschäftigung mit weiteren Aspekten enthält jeder Beitrag zahlreiche Literaturangaben.

Das Werk hat eine ansprechende Aufmachung. Ein schnelles Finden der Beiträge im Handbuch ist auf der Basis einer übersichtlichen Gliederung gewährleistet. Das Handbuch selbst hat zwar kein Personen- und Sachregister. Dieses steht jedoch auf der Website der TU Chemnitz (http://www.tu-chemnitz.de/phil/ikk/ik/files/de/publications-56.html) zur Verfügung. Verbunden damit erleichtern die mit den Nummern der Kapitel symbolisierten Querverweise das Auffinden von Sachverhalten, das Herstellen von Bezügen, das Vertiefen von Themen sowie das schnelle Nachschlagen von erwünschten Informationen. Dies hat insofern einen lehr-lern-theoretischen Gewinn und unterstützt selbstgesteuertes Lernen.

Fazit

Auch wenn ich dem "Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz" eine weitere Auflage wünschen würde, in der die eine oder andere fehlende Thematik wie interkulturelle Soziale Arbeit aufgriffen wird, halte ich es dennoch für ein sehr gut gelungenes, umfangreiches und kompetentes Nachschlagewerk.

Sowohl für Wissenschaftler/innen wie für Lehrende an Hochschulen und Universitäten, aber genauso Praktiker/innen kann das Werk eine hilfreiche und wichtige Unterstützung sein. Es kann eine schnelle Einarbeitung in übergreifende Themen wie in Detailfragen der interkulturellen Kommunikation und Kompetenz ermöglichen und ist somit eine wertvolle Ergänzung zur Fachliteratur. Es sollte deshalb in jedem gut sortierten Bücherregal eines an interkultureller Kommunikation und Kompetenz Interessierten zur Grundausstattung gehören. Der hohe Preis dürfte jedoch hierfür ein Hindernis sein.


Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 03.05.2008 zu: Jürgen Straub, Arne Weidemann, Doris Weidemann (Hrsg.): Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Grundbegriffe - Theorien - Anwendungsfelder. J. B. Metzler‘sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2007. ISBN 978-3-476-02189-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6060.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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