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Bettina Wilms, Hans-Ulrich Wilms: Meine Angst - eine Krankheit?

Cover Bettina Wilms, Hans-Ulrich Wilms: Meine Angst - eine Krankheit? Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2008. 104 Seiten. ISBN 978-3-86739-032-3. 14,90 EUR, CH: 27,30 sFr.
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Thema

Im Klappentext heißt es: "Ziel dieses Buches ist es, die Bandbreite des Gefühls >Angst< darzustellen sowie die Einordnung und Bewertung der Symptome zu erleichtern." Als Ratgeber wendet sich das Buch an Leser, die unter Angstsymptomen leiden und diese – bei negativen organischen Befunden – nicht einordnen können. Und für den Fall, dass professionelle Hilfe gefordert ist, sollen "Bedenken gegenüber einer weitergehenden Behandlung" genommen und geeignete Anlaufstellen genannt werden.

Aufbau und Inhalt

  • Im ersten Abschnitt "Was dieser Ratgeber leisten kann – und was nicht" wird der Anspruch des Buches eingehend erläutert: "Vor allem geht es darum, das, was in einer Person vorgeht, die unter Ängsten leidet, zu verstehen." (S. 7) Und: "Im besten Fall würde dieses Buch der Wahrnehmung, dem Gefühl Angst ausgeliefert zu sein, entgegenwirken." (ebd.) Die Autoren weisen zugleich darauf hin, dass jeder Einzelfall "eine am persönlichen Weg des Einzelnen orientierte Diagnose" (S. 11 f.) und Vorgehensweise erfordert. Insofern helfe eine bloße Darstellung von Forschungsergebnissen ebenso wenig weiter wie auch der von den Autoren gewählte Weg des Einstiegs über exemplarische Fallbeispiele nur auf "Typisches und Wahrscheinliches" ziele (S. 11).
  • Unter der Überschrift "Angst ist nicht gleich Angst" werden – anhand von sieben Fallbeispielen – unterschiedliche Angstsymptome mit unterschiedlichen Hintergründen beschrieben: Ängste im Kontext von Angsterkrankungen ebenso wie Ängste im Kontext von Posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen oder Psychosen, ja sogar im Kontext von beginnenden Demenzerkrankungen. Fazit: "MERKE: Nicht überall, wo Angst draufsteht, ist auch welche drin und nicht jeder, der das Wort Angst benutzt, meint das Gleiche damit, wie sein Gegenüber." (S. 23)
  • Klassische Angstformen wie Ängste vor Tieren, vor bestimmten Situationen, vor anderen Menschen, allgemeine Ängste und Panikattacken werden anschließend unter der Überschrift "Angsterleben: Typische Angstauslöser" behandelt.
  • Im folgenden Abschnitt "Ist Ihre Angst ein Krankheit?" werden Kriterien angegeben, wann Menschen mit Ängsten Hilfe in Anspruch nehmen sollten. Es werden auch klare Kriterien genannt, wann Angstsymptome eher auf andere psychische Erkrankungen (bspw. depressive Störungen) hinweisen und welche körperlichen Erkrankungen auszuschließen sind. Häufige Angstdiagnosen nach dem ICD-10 werden erläutert und eine Reihe von konkreten Fragen zur Abklärung der Symptomatik angeführt.
  • Ausführlich geht es dann um die Frage "Woher kommt die Angst und was lässt sie wachsen?" Dieser Abschnitt bietet eine eingehende und für den Laien verfasste Erklärung, die einem biopsychosozialen Modell folgend den Handlungsspielraum der Betroffenen betont. Die eigenen Anteile – in Form von "falschen" Bewertungsprozessen – werden herausgearbeitet: Angstsymptome wären oft Fehlinterpretationen anderer intensiver Gefühle oder von Stressreaktionen. Die bekannte Angstspirale aus Wahrnehmung, Gedanken, physiologischen Veränderungen und körperlichen Empfindungen wird anschaulich erklärt; en detail wird eine Reihe von Gefühlen besprochen, die ähnliche körperliche Reaktionen auslösen können wie Angst (S. 56 ff.); und es wird auf "Energiebereitstellungsreaktionen" und die daraus resultierende allgemeine Anspannung eingegangen, die Angstsymptome erleichtern können.
  • Auf der Grundlage dieses Erklärungsmodells folgen gestufte Ratschläge: "Was Sie tun können" (differenziert nach Angstformen und mit einer Fülle praktischer Tipps), "Was Therapeuten tun können" und "Was Ihre Angehörigen tun können". Der Teil zur professionellen Therapie enthält Erläuterungen zum Ablauf einer Psychotherapie und zu einer sinnvollen Medikation – vor Benzodiazepinen wird gewarnt –, aber auch den Hinweis: "Und Sie werden lernen, dass die Heftigkeit der körperlichen Symptome durch eine erholsame Freizeitgestaltung, durch Urlaub oder auch durch Sport beeinflussbar sind. Das Belastungsgefühl wird kleiner werden, wenn Sie ein Gegengewicht schaffen. All dies wird nicht von heute auf morgen geschehen (…)." (S. 86)
  • Das am Ende formulierte Fazit "Keine Angst vor der Angst" bringt nochmals eine Fülle von praktischen Tipps, die Mut machen können, und warnt: "Die größte Gefahr bei dem Versuch, Ihre Ängste zu bewältigen, besteht darin, dass Sie Ihre Fortschritte nicht anerkennen (…)." (S. 99).
  • Ein kommentiertes Literaturverzeichnis und Internet-Adressen zur Selbsthilfe wie zur Therapeutensuche beschließen das Buch.

Diskussion

Das Buch ist durchgehend für Laien verständlich geschrieben; es orientiert sich an den Beschwerden, nicht an einer fachlichen Systematik, und gibt dem Laien plausible Erklärungshilfen und eine Fülle praktischer Tipps an die Hand. Die Aussagen des Buches sind beruhigend, ohne dass Probleme verharmlost werden. Alles, was Betroffene interessieren dürfte, wird behandelt. Für den Laien nicht notwendige Begriffe wie "Komorbidität", "In-vivo-Exposition" oder "Pawlows Hunde" (wie sie in Ratgebern wie bspw. von Heinz Böker: Was stimmt? Angststörungen. Die wichtigsten Antworten. Freiburg im Breisgau: Herder 2007 erklärt werden) bleiben außen vor. Dass das Buch nur Hinweise liefern kann und im Falle einer ernsteren Symptomatik professionelle Hilfe erforderlich ist, wird der/dem Leser/in gleich zu Beginn des Buches vermittelt. Trotzdem werden auch in stärkerem Ausmaß Betroffene von diesem Buch und der Botschaft, dass sich Ängste aktiv bewältigen lassen, profitieren.

Fazit

Ein Ratgeber, der seinem Anspruch gerecht wird und den der Rezensent uneingeschränkt empfiehlt.


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Brugger
FH Münster FB Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Bernhard Brugger. Rezension vom 16.08.2008 zu: Bettina Wilms, Hans-Ulrich Wilms: Meine Angst - eine Krankheit? Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2008. ISBN 978-3-86739-032-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6067.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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