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Heinz Böker: Was stimmt? (Angststörungen)

Cover Heinz Böker: Was stimmt? Angststörungen. Die wichtigsten Antworten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. 128 Seiten. ISBN 978-3-451-05838-7. 7,90 EUR.
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Thema

Laut Klappentext soll das Buch "eine Reihe verbreiteter Auffassungen über Angsterkrankungen genauer unter die Lupe" nehmen: "Alles Wichtige und Wissenswerte zum Thema, kompetent auf den Punkt gebracht."

Aufbau und Inhalt

Auf eine kurze Einleitung folgen vier Kapitel:

  1. Das erste befasst sich mit der Abgrenzung normaler und krankhafter Ängste ("Was ist Angst?"),
  2. das zweite fragt nach möglichen Ursachen ("Wie entstehen Angststörungen?"),
  3. das dritte geht auf die verschiedenen Formen von Angststörungen ein ("Wie äußern sich Angststörungen?") und
  4. das vierte stellt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten vor ("Was hilft?"). Es werden die Verhaltenstherapie, die Psychodynamische Therapie, die medikamentöse Therapie und Möglichkeiten der Selbsthilfe behandelt.

Die Unterkapitel sind mit Sätzen überschrieben wie "Angst gehört zum Leben", "Angst liegt in der Familie", "Wer ständig an seine Angst denkt, verstärkt sie noch". Damit sollen vor allem Betroffene direkt angesprochen werden. Neben der Panikstörung und Agoraphobie, der Generalisierten Angststörung, der sozialen Phobie und den spezifischen Phobien (als Angststörungen im engeren Sinne) werden auch die posttraumatische Belastungsstörung, die Zwangsstörung und somatoforme Störungen bzw. Somatisierungsstörungen behandelt. Ebenso wird auf Übergänge von Angst und Depression eingegangen.

Der Autor folgt einem multifaktoriellen Modell: genetische (evolutionsbedingte) Aspekte werden ebenso behandelt wie die hormonelle "Stressachse", lebensgeschichtliche und gesellschaftlich-kulturelle Faktoren (wie "Angst-Räume", Konkurrenzdruck oder die Angst vor gesellschaftlichem Abstieg). Zugleich wird ein psychodynamisches Grundverständnis deutlich, das Angststörungen als Beziehungsstörungen sieht: "Furcht und Angst sowie ihre Bewältigung setzen Beziehungen voraus, zu uns selbst und zu anderen." (S. 10). Daneben tritt der Autor (Freuds Plädoyer für eine Konfrontationstherapie folgend) für ein symptomorientiertes, d. h., verhaltenstherapeutisches Vorgehen und die Verwendung kognitiver Methoden ein. Sehr ausführlich wird schließlich die medikamentöse Therapie behandelt (S. 110 - 121).

Diskussion

Um mit den Ausführungen zur medikamentösen Therapie zu beginnen: Warum die Benzodiazepine so positiv dargestellt werden (mit einem Suchtpotential erst "nach 4-6 Wochen regelmäßiger Einnahme", S. 111 f.), überrascht.

Zu kurz kommt der Aspekt der für viele Betroffenen notwendigen Stressreduktion: Schließlich stehen viele Angststörungen im Kontext akuter oder chronischer Überforderungen. Desgleichen spricht Böker den Zusammenhang von Ängsten und Depressionen an, zieht daraus jedoch keine weiteren Schlussfolgerungen. Trotz des psychodynamischen Verständnisses von Ängsten als Beziehungsstörungen fehlt im letzten Kapitel zu den Möglichkeiten von Therapie und Selbsthilfe eine konsequente Einbettung der Ängste in lebensgeschichtliche Zusammenhänge. Die Aussage am Ende des Buches: "Angst ist ein Signal, Angst ist auch eine Lehrerin, die helfen kann, zu sich selbst zu finden." (S. 125) bleibt zu abstrakt und bietet den Betroffenen keine Ansatzpunkte.

Als Ratgeber für Betroffene erscheint das Buch nur bedingt hilfreich – teilweise verwendet es Fachbegriffe und geht es zu ausführlich ins Detail. Was soll ein Laie mit den detailliert geschilderten neurophysiologischen und hormonellen Strukturen und Prozessen (S. 26 – 33), mit Begriffen wie "Habituierung", "Implosion" oder "Flooding" (S. 100) oder auch mit dem folgenden Freud-Zitat anfangen können: "«Die Gefahrsituation ist die erkannte, erinnerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit. Die Angst ist die ursprüngliche Reaktion auf die Hilflosigkeit im Trauma, die dann später in der Gefahrsituation als Hilfssignal reproduziert wird« (Freud 1926)." (S. 108)? – Für Fachleute wiederum bringt es nichts Neues.

Fazit

Ein eher überflüssiges Buch; zumal es für Betroffene gute Alternativen gibt, bspw. von Bettina und Hans-Ulrich Wilms: Meine Angst – Eine Krankheit? Bonn: BALANCE buch und medien verlag (= BALANCE ratgeber) 2008 (vgl. die Rezension).


Rezension von
Prof. Dr. Bernhard Brugger
FH Münster FB Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Bernhard Brugger. Rezension vom 16.08.2008 zu: Heinz Böker: Was stimmt? Angststörungen. Die wichtigsten Antworten. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2007. ISBN 978-3-451-05838-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6076.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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